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Full text of "Bunte Blätter: Kulturgeschichtliche Vorträge und Aufsätze"

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F. KLUGE 

BUNTE BLÄTTER 



BUNTE BLÄTTER 



Kulturgeschichtliche 
Vorträge und Aufsätze 



von 



FRIEDRICH KLUGE 




Freiburg (Baden) 

J. Bielefelds Verlag 

1908 



t 






9 



Seiner Königlichen Hoheit 
Großherzog Friedrich IL von Baden 

in tiefster Ehrfurcht 
dargebracht. 



/?f^7& 



Vorwort. 



* -w-«~ 



Das vorliegende Bändchen umfaßt zumeist Vorträge und 
Aufsätze, die ich während der letzten zwölf Jahre in den ver- 
schiedensten Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht habe. 
Dieselben mit ein paar ungedruckten Aufsätzen zu vereinigen 
und gesammelt neu herauszugeben, lag mir umso näher, als 
ich glaubte annehmen zu können, daß die behandelten Gegen- 
stände nicht bloß ein vorübergehendes Interesse bei den Lesern 
jener Zeitungen und Zeitschriften gefunden haben. Wenn der 
Zusammenhang von Sprache und Kultur durch meine lingui- 
stische Facharbeit überall als der leitende Grundgedanke durch- 
scheint, so darf auch wohl eine Auswahl kleinerer Arbeiten, 
in denen ich kulturgeschichtliche Probleme zumeist von einem 
sprachlichen Gesichtspunkt aus beleuchte, den Freunden und 
Gönnern vorgelegt werden, die meine literarische Tätigkeit 
bisher mit Wohlwollen und Teilnahme begleitet haben. Die 
redaktionelle Durchmusterung, Ergänzung und Drucklegung 
dieser Aufsätze haben treue Helfer und Helferinnen mit mir 
teilen müssen, nachdem ich nun schon mehrere Jahre die 
Feder nicht habe selber führen können. Daß ich aber trotz 
der Ungunst meiner Augen nicht müde werde, mit Lust und 
Liebe weiter zu forschen, das verdanke ich der fortdauernden 
Hülfsbereitschaft, die ich in reichem Maße gefunden habe, in 
erster Linie aber dem Vertrauen und Wohlwollen der Groß- 
herzoglich Badischen Regierung. 



Freiburg i.B., den I.Juni 1908. 



Friedrich Kluge. 



Inhalt. 

Seite 

Vom geschichtlichen Dr. Faust I 

Der Venusberg 28 

(Mit einem Kärtchen am Ende des Buches) 

Die fahrenden Schüler 61 

Das Johannesevangelium 78 

Unsere ältesten Hundenamen . . '. 85 

Fausts Zauberroß 92 

Alter und Name des Salamanders 94 

Wir wollen einen Papst erwählen 10 1 

Ergo bibamus 109 

Die Heimat des Christbaums III 

Ostern 114 

Tuisco deus et filius Mannus 117 

Sippennamen und Sippensiedelungen 120 

Notschreie 135 

Rotwelsche Zahlworte 139 

Zur Geschichte des Wortes Schwindler 142 

Die Heimat der Brieftaube 145 

Das Alter des künstlichen Eises 155 

Birkenrinde 158 

Ein neues gotisches Sprachdenkmal? 160 

Das Schweizerische Idiotikon 165 

Über die Sprache Shakespeares 175 

Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers . . . . 194 



t.:ä*- 



Vom geschichtlichen Dr. Faust*. 

Die Faustsage umspannt vier Jahrhunderte. Ehe Lessing 
sie erfaßt und Goethe sie für alle Zeiten geweiht hat, ist 
sie nur einmal flüchtig auf der Höhe dichterischer Kunst 
erschienen in den Tagen Shakespeares, als Marlowe sich ihrer 
bemächtigte. Mehr als zwei Jahrhunderte blieb Faust von 
der Kunstdichtung ausgeschlossen. In der Spinnstube und 
am Biertisch wohl bekannt und auf der wandernden Volks- 
bühne der Jahrmärkte viel belacht und viel bejammert, ist 
er in den Bereich unserer Literatur fast nur als Held der 
Volkssage und der niederen Volksdichtung getreten. Und 
wenn heute — seit Heines Studienjahren — eine Faust- 
vorlesung im Programm unserer Hochschulen eine feste 
Stellung einnimmt und Goethes Faust die akademische Zunft 
von Philologen und Literaturforschern, Ästhetikern und Philo- 
sophen um den Sagenhelden des 1 6. Jahrhunderts schart, so 
durfte vor zweihundert Jahren ein Professor, der zum ersten 
Male den Dr. Faust zum Gegenstande einer gelehrten Unter- 
suchung gemacht hat — es war der Wittenberger Neumann — 
seine akademische Gelegenheitsschrift mit den denkwürdigen 
Worten schließen: „Eigentlich ist der Kerl es nicht werth, 
daß man so viel Wesens von ihm macht." 

So war es denn auch noch im Zeitalter der Aufklärung 
— um die Mitte des 18. Jahrhunderts — ein kühner Ge- 
danke und ein kühnes Unternehmen, ihn für die ernste 
Kunstdichtung wiederzugewinnen, wie es Marlowe 1589 getan. 



* Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1896 Nr. <). 
Kluge, Bunte Blätter. 



2 Vom geschichtlichen Dr. Faust. 

Als Lessing es plante, wollte Moses Mendelssohn ihn be- 
stimmen, den Helden umzutaufen; er schrieb an Lessing: 
„Ich zweifle, ob Sie ihm seinen Namen lassen werden; eine 
einzige Exklamation ,0 Faustus! Faustus!' könnte das ganze 
Publikum lachen machen." In allem Ernst war der mit dem 
Teufel paktierende und durch Teufelsmacht zauberkundige 
Held der niederen Volksbühne dem Zeitalter unbequem. So 
verstehen wir auch den Jubelruf, zu dem sich 1771 ein 
Kunstkritiker 1 versteigt: „Mit denen bekannten elenden 
Tragödien von Dr. Faust hat es Gottlob ! ein Ende, da man 
endlich solche einfaltige Vorurtheile abgelegt hat und ver- 
nünftigere Vorstellungen liebt. Faust hat es nunmehr ledig- 
lich Rembrandten zu danken, daß seiner noch gedacht wird." 
Fünf Jahre später ging dann zur Überraschung der Literatur- 
freunde das Gerücht um, daß nun doch auf einmal drei 
Dichter den FauststofF behandeln wollten. Das Berlinische 
Litterarische Wochenblatt vom 4. Mai 1776 machte seinen 
Lesern davon Mitteilung: „ Nunmehr haben wir drei Doctor 
Faust zu erwarten, von Goethe, Lessing und Maler Müller. 
Wollen sehen, wen Gott annimmt und welchen der Teufel 
holt. Indessen verdient es doch die Betrachtung eines ruhigen 
Weisen, ob ein solcher Stoff von großen Genies mit gutem 
Gewissen bearbeitet werden könne? Wenn unser Vaterland 
daran Geschmack findet, wird es nicht, da es kaum von 
Teufelsbannerey gereinigt worden, bald wieder so voll Teufel, 
Besessener, Schweriner, Teufelsbanner und dergl. Geschmeißes 
werden, daß wir anstatt einem alsdann mit unzähligen Gau- 
nern zu kämpfen haben?" 



1 Möhsen, Verzeichnis einer Sammlung von Bildnissen größtenteils 
berühmter Ärzte. Möhsen war Arzt in Berlin, schließlich Leibarzt Friedrichs 
des Großen. Darnach ist auch folgende Stelle zu verstehen, die Birling er» 
Alemannia X 280, beibringt: „Denn wenn sich die Schönen nicht wolten 
sehen lassen, welcher junger Herr, welcher Liebhaber würde einen Faust, 
einen Lederhändler von Pergamo sehen wollen — gewiß keiner l" 1762 
Scherze I 128. 



Vom geschichtlichen Dr. Faust. 3 

So war es bei Goethes Auftreten um das Ansehen des- 
jenigen Sagenhelden bestellt, der seitdem im Höhepunkt 
unserer Dichtung steht. Und wenn der Bann, der über 
zwei Jahrhunderte auf ihm gelastet, durch die erlösende 
Macht der Dichtkunst von ihm gewichen ist, so verlohnt es 
sich wohl, der Spur seiner Erdentage nachzugehen, die nach 
des Dichters Worten nicht in Äonen untergehen wird. 

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts hat niemand 
an der Geschichtlichkeit eines Schwarzkünstlers Dr. Faustus 
gezweifelt; zwischen 1540 — 1600 versichern uns mehrere 
ernsthafte Gelehrte, er habe noch bei Menschengedenken 
gelebt. Erst mit dem 17. Jahrhundert beginnt man ihn für 
Mythe zu erklären, zuerst 162 1 von Tübingen aus, wo um 
die Wende der beiden Jahrhunderte das Interesse an Faust 
und an Zauberunfug unter den Studierenden üppig blühte. 
Und dann taucht ganz vereinzelt auch wohl der Verdacht 
auf, Faust sei niemand anders gewesen als der Buchdrucker 
Johann Fust, der Zeitgenosse Gutenbergs: er sei von den 
Mönchen in den Ruf der Zauberei gebracht, weil er ihrem 
bibliographischen Gewerbe Abbruch getan habe. Mit ab- 
weichender Begründung glaubt noch Heine an die Identität: 
„Mit Faust als Erfinder der Buchdruckerkunst hört die 
mittelalterliche Glaubensperiode auf und fangt die kritische 
Wissenschaftsperiode an" — so urteilt Heine in seiner 
Schrift über die romantische Schule 1 . Nichts ist haltloser 
als der Zusammenhang von unserm Dr. Faustus mit dem 
Buchdrucker Fust, und das ganze 16. Jahrhundert hat in 
seinen zahlreichen Faustanekdoten auch nicht ein einziges 
Mal das Gebiet der Buchdruckerkunst gestreift. Unser Held 
hat später gelebt als der Zeitgenosse Gutenbergs, aber er 
hat gelebt. 

Der Ursprung der Faustsage ist eines der interessantesten 



1 In den Erläuterungen zu seinem Faustballet bekämpft er die Iden- 
tität der beiden Persönlichkeiten. 



I* 



4 Vom geschichtlichen Dr. Faust. 

und lehrreichsten Zeugnisse für das Festhalten und Fort- 
leben geschichtlicher Personen und Ereignisse in der Volks- 
phantasie. Schon durch das 17. Jahrhundert hat es gelehrte 
Untersuchungen gegeben, die den Sagenhelden als eine ge- 
schichtliche Persönlichkeit nachwiesen. Und es verlohnt 
sich hier, ein höchst lehrreiches und zugleich amüsantes 
Zeugnis aus einer gelehrten Untersuchung vom Beginn des 
18. Jahrhunderts vorzuführen 1 : „Ist es nun Wunder, dass 
D. Faust in keinem historischen Buche seiner Zeit anzu- 
treffen? Man achtete nemlich diesen Kerl nicht wehrt, sein 
Gedächtniss auf die Nachkommen fortzupflanzen, und selbst 
Trithemius hat seine Wissenschaft von D. Fausten in keines 
seiner so vielen historischen Werke gebracht, sondern er- 
zählete nur, was er von ihm wüste, einem seiner Freunde, 
welcher ihm noch dazu zu dieser Erzählung Anlass gegeben 
hatte. Ich wil dieses mit einem gleichen Exempel erläutern. 
In meiner Jugend lebete ein damahls sehr bekannter Marckt- 
Artzt, welcher auf allen Märckten herum zog. Ich habe ihn 
am Ende des vorigen Jahrhunderts, da ich zu Zeitz ein 
Schüler war, daselbst gesehen, als er mit großer Pracht 
aufgezogen kam, und nachdem er auf seine Schaubühne ge- 
treten war, seine Rede mit diesen Worten anfing: Hoch- 
geehrteste Herren, ich bin der berühmte Eisenbart. Ich 
habe aber schon das Ende seines Ruhmes erlebet, und 
glaube, dass nach hundert Jahren niemand wissen wird, dass 
ein Marcktschreyer Nahmens Eisenbart, in der Welt gewesen. 
Solte aber dieses mein Postscriptum so alt werden, so hoffe 
ich, man werde mein ! Zeugniss gelten lassen, wenn auch 
gleich in dem Theatro Europaeo, in Struvens Historia Ger- 
maniae, in der Europäischen Fama, in den Actis eruditorum, 
und in andern dergleichen Büchern, des Eisenbarts nicht die 
geringste Erwehnung solte geschehen seyn. tt 

1 D. Christ. Aug. Heumanns glaubwürdigste Nachricht von D. Fausten 
in einem Schreiben an Herrn D. Haubern (1742) bei Arth. Kopp, Eisen- 
bart im lieben und im Liede (Berlin 1900) S. 6. 



Vom geschichtlichen Dr. Faust. 5 

So kennt auch unsern Faust weder die politische noch 
die Gelehrtengeschichte in der ersten Hälfte des 16. Jahr- 
hunderts, obwohl so reich an bleibenden wie an flüchtig ver- 
rauschenden Namen bedeutender Männer. Und als im Jahre 
1587 ein Volksbuch, das Geschichte bieten will und Gewährs- 
männer und Dokumente anfuhrt, seine Lebensschicksale zum 
ersten Male darstellte, hatte Mythenbildung schon ein halbes 
Jahrhundert lang die geschichdiche Persönlichkeit bis zur 
Unkenntlichkeit entstellt. Daß wir aber trotz dieser roman- 
haft und tendenziös gefärbten Pseudobiographie eines Un- 
genannten an der Geschichtlichkeit des Schwarzkünstlers 
nicht irre werden dürfen — wie man neuerdings an der Per- 
sönlichkeit Shakespeares irre geworden ist — lehren einige 
zum Teil erst neuerdings aufgefundene urkundliche Zeugnisse K 

Das Zeitalter Fausts war das der Reformation. Die 
geringen Spuren seiner Erdentage fallen in die Jahre 1507 
bis 1540. Aber die Kette seines Daseins, seine ganze 
Tätigkeit läßt sich nicht mit dem vollen Lichte geschicht- 
licher Ereignisse und geschichdicher Personen beleuchten. 
Hin und wieder taucht er auf, bald hier, bald dort; aber 
zwischen den einzelnen Daten, die — so mühselig wie das 
Leben Shakespeares — aus gelegendichen archivalischen 
Funden oder aus nebensächlichen Erwähnungen im Brief- 
wechsel von Zeitgenossen gewonnen sind, läßt sich nicht 
wohl ein noch so knapper Lebenslauf oder Bildungsgang 
herstellen. Aber seltsam! die neueren Funde haben weit 
mehr biographische Tatsachen für Faust als für Shakespeare 
ergeben. Wenn so der größte Dichter der nächstfolgenden 
Generation an geschichtlicher Dokumentierung beträchtlich 
hinter dem größten Sagenhelden neuerer Zeit zurückbleibt, 
so sehen wir, daß wir kein Anrecht darauf haben, für Faust 
noch mehr biographisches Material zu erwarten. Ja wir 

1 Im Folgenden werden die neueren Funde mit den älteren und mit 
eigenen Ermittlungen verschmolzen; die Quellen findet man jetzt am be- 
quemsten in Alex. Till es Werk 'Faustsplitter', Weimar 1900. 



6 Vom geschichtlichen Dr. Faust 

müssen es nicht bloß für glückliche Zufälligkeiten ansehen, 
die uns so manche Nachricht Übermacht haben, wir werden 
auch in den wirklich vielseitigen Zeugnissen einen wichtigen 
Beweis für die Bedeutung unseres Helden in seiner Zeit finden. 

Dr. Faustus muß als Astrolog Aufsehen erregt haben. 
Noch sein anonymer Biograph vom Jahre 1587 weiß in 
einem besonderen Abschnitt davon zu erzählen, wie gründ- 
lich seine Kalender, wie richtig seine Wetterprognosen und 
wie glücklich seine Prophezeiungen gewesen seien, die er 
Fürsten und großen Herren über Krieg und Frieden, über 
Leben und Sterben, über Glück und Unglück ausstellte. 
Und eine spätere Faustbiographie, die im Jahre 1599 ein 
Schwabe namens Widmann auf Grund eigener Forschungen 
über den Wundermann verfaßte, macht einen italienischen 
Prälaten namhaft, dem Faust die Nativität zu stellen hatte: 
er wurde später in Rom Kardinal, und das stimmte zu der 
Prophezeiung des deutschen Astrologen. Aber diese vor 
wenig Jahrzehnten ins Reich der Fabel verwiesenen Angaben 
in romanhaften Pseudobiographien späterer Geschlechter 
haben seither überraschende Bestätigung erfahren. Und 
eigentlich das einzige objektive, gesicherte Wissen über den 
geschichtlichen Faust ist die Tatsache, daß er als Astrolog 
bei Fürsten und hohen Herren großes Ansehen genossen hat. 

Wir kennen seine Visitenkarte vom Jahre 1 506, auf der 
er sich als c Fons necromanticorum , Astrologus, magus se- 
cundus 5 bezeichnet — mit diesen Titeln wird er sich in der 
Fastenzeit des Jahres 1507 auch bei Franz von Sickingen 
eingeführt haben, der ihm vorübergehend in Kreuznach das 
Amt eines Schulmeisters übertrug. Im Jahre 1 5 20 steht sein 
Name in den Kammerrechnungen des Fürstbischofs Georg 
von Bamberg: Faust hatte ihm die Nativität gestellt und das 
hat ihm — jussu reverendissimi — ein Ehrengeschenk von 
10 Gulden eingebracht 1 . Zu einer Zeit, wo die Mythen- 

1 J. Mayerhof er in der Vierteljahrsschr. f. Litt.-Gesch. III 177 
hat den Eintrag in den Rechnungen entdeckt; er lautet: „Item X Gulden 



Hill ' 



vm h lchilu-hi n I >r. I' .n'^i 



bildun^ allci\lin € i>> der Geschichtlichkeit Eintrag tat, hören 
wir, daß der Kölner Erzbischof Hermann von Wied, der ein 
Freund .und Gönner des berühmten und berüchtigten Cor- 
nelius Agrippa war, auch mit Faust Beziehungen unterhalten 
hat und daß Faust unmittelbar vor seinem Lebensende mit 
den Schloßherren von Staufen im Breisgau in nahem Ver- 
kehr stand. 

Eine besondere Erwähnung verdienen noch seine Be- 
ziehungen zu den Huttens. 

Im Jahre 1534 schloß sich Philipp von Hütten — ein 
Vetter Ulrichs von Hütten — einer Expedition nach Vene- 
zuela an, zu der auch ernstere Astrologen Prognostikationen 
ausstellten. Joachim Camerarius, als Humanist und Freund 
Melanchthons und des Eobanus Hessus und auch als Astrolog 
hoch geschätzt, ein langjähriger Freund der Huttenschen 
Familie, sah günstige Omina und knüpfte daran Wünsche 
in lateinischen Versen. 

Sic liquido coepta auspicio quemeunque habitura 
Sunt finem, finis non erit iste malus 

Omnia sint votis terraque marique seeunda 
Yirtuti, juvenis nate Philippe tuis, 

Ut quondam incolumi patriaeque tuisque reverso 
Nemo sit in terra par tibi, Teutonide! 

Dr. Faustus prophezeite hingegen Mißerfolge und Un- 
glück. Und im Jahre 1540 erhält Moritz von Hütten, der 
Fürstbischof zu Eichstätt und Domprobst zu Würzburg 
war, einen Bericht aus Venezuela von seinem Bruder, der 
sich noch in der Ferne an den Unglückspropheten erinnert. 
„Ich muß bekennen ta — schreibt dieser — „daß es der 
Philosophus Faustus schier getroffen hat; denn wir haben 
ein sehr böses Jahr gehabt. w * Ob sich Fausts Prophezeiung 

geben und geschenkt Doctor Faustus ph(ilosoph)o zu Verehrung; hat 
m(einem) g(nädigen) Herren ein Nativität oder iudicium gemacht; zalt am 
Sonntag nach scolastice. Jussit R(everendissi)mus.'' 

1 „Hie habt ihr von allen Gubernationen ein wenig, damit ihr sehet, 



8 Vom geschichtlichen Dr. Faust. 

auf die Expedition im allgemeinen oder auf das Jahr der 
Seereise oder speziell auf Hütten als Teilnehmer der Expe- 
dition bezogen hat, können wir allerdings nicht wissen; 
wahrscheinlich ist wohl die letzte Möglichkeit. Und da ver- 
lohnt es sich auch, kurz Huttens Schicksale in der neuen 
Welt zu erwähnen, weil gewiß die Zeitgenossen im Anschluß 
an eine derartige Prophezeiung den Namen Fausts vielfach 
genannt haben we'rden; vielleicht liegt hier geradezu ein 
Fall vor, der für die Entstehung der Sagenbildung bedeut- 
sam mitwirkte. 

Albrecht von Hütten, der Vater Philipps, hatte — wie 
die Fama erzählte — einen Reisebericht seines Sohnes er- 
halten, wonach sie auf der Seereise einem Meerwunder be- 
gegnet wären, das durch vollen bischöflichen Ornat auffiel; 
man hatte es gefangen, aber wieder ins Meer geworfen usw. 
Als in der Karwoche 1546 Philipp bei Coro in Venezuela 
von einem Spanier hinterlistig umgebracht war, war sein 
Bruder Moritz im Verein mit der Welserschen Familie eifrig 
bemüht, die kaiserliche Regierung zu vermögen, Sühne für 
die Ermordung und Auslieferung der Hinterlassenschaft zu 
verlangen, und er erzielte auch, daß der Kaiser eine Ge- 
sandtschaft nach Venezuela mit diesem Auftrage abordnete. 
Wir wissen, daß Moritz unter der Hand Nachforschungen 
über die Schritte der Regierungsbevollmächtigten einzog; 
ihm lag besonders am Herzen zu erfahren, ob sein Bruder 
aus der Ehe mit einer vornehmen Eingeborenen Kinder 
hinterlassen hätte; er hätte sich zur Ehre des Bruders und 



daß wir hie in Venezola nicht allein bisher unglücklich gewest sein, diese alle 
obgemelte Armata verdorben seind, jnnerhalb 3 Monathe vor und nach uns 
zu Sevilla ausgefahren, daß ich bekennen muß, daß es der Philosophus 
Faustus schier troffen hat, dann wir ein fast böses Jahr an troffen haben, 
aber Gott hab Lob ist uns fast unter allen andern am besten gangen. w 
Vgl. Szamatölski in der Viertel jahrsschr. f. Litt.-Gesch. II 156. VgL 
eine Prophezeiung, die dem Bischof Moritz von Eichstätt gewidmet ist, bei 
Jacob Kübel, Elegia in fine continens vaticinium 1547. 



Vom geschichtlichen Dr. Faust 9 

der Familie gefreut, etwa Söhne zu sich zu nehmen und 
erziehen zu lassen. 

Vielleicht niemand verfolgte den Gang dieser Expedi- 
tion mit mehr Interesse als Camerarius. Ungeduldig er- 
wartete er Nachrichten und er horchte begierig in seinem 
Freundeskreise, ob Neues über Hütten bekannt sei. Er 
mochte wohl glauben, daß sein Ansehen als Astrolog im 
Wettbewerb mit Dr. Faustus leicht auf dem Spiele stehe. 
Unter den Zeugen, die das 16. Jahrhundert für den Sagen- 
helden bietet, steht zuletzt der Sohn des Joachim Camerarius, 
der Jurist Philippus Camerarius, und wenn er eine ungünstige 
Schilderung von unserm Schwarzkünstler entwirft, so beruht 
das gewiß auf einer Familientradition, für die jene Konkurrenz 
der beiden Astrologen verhängnisvoll gewesen sein kann. 

Joachim Camerarius erkundigte sich nach Hütten im 
August 1536 bei einem langjährigen Freunde, dem Würz- 
burger Ratsherrn Daniel Stibarus von Rabeneck, der auch 
freundschaftliche Beziehungen zu den Huttens hatte und mit 
ihnen den Hang für Astrologie teilte 1 ; ihm hat Camerarius 
zwei längere lateinische Gedichte mit astrologischem Inhalt 
gewidmet. Nun scheint sich damals gerade unser Faustus 
bei diesem Würzburger Ratsherrn aufgehalten — Würzburg 
hat den Schwarzkünstler mehrfach beherbergt — und ihn 
in seine Anschauungen über die Geheimnisse der Zukunft 
eingeweiht zu haben. Und Camerarius fragt in dem uns 
erhaltenen Briefe den Stibarus, ob er über Philipp von Hütten 
etwas wisse, und fugt hinzu: „Dein Faustus bringt mich auf 
diese Frage 44 ; und eifersüchtig fahrt er fort, den Verehrer 
des Doktors auszuholen, was denn dieser über den Ausgang 



1 Stibarus hatte 151 8 unter Camerarius in Erfurt studiert; er war 
seit 1529 Kanonikus in Würzburg und starb 1555. Er hat mit Erasmus 
von Rotterdam in freundschaftlichem Briefwechsel gestanden ; aus den Jahren 
1528 — 1530 sind mehrere Briefe beider Korrespondenten erhalten geblieben. 
Auch unterhielt er sehr nahe Beziehungen außer mit Eobanus Hessus noch 
mit Melanchthon. 



IO Vom geschichtlichen Dr. Faust. 

des dritten französischen Feldzugs Karls V. gegen Franz I. 
von Frankreich prophezeie. Und im gleichen Jahre 1536 
schreibt Camerarius an Eobanus Hessus, wie sehr ihn als 
Astrologen der französische Krieg interessiere, aber er be- 
hält seine Zukunftsweisheit für sich, weil Eobanus sich dar- 
über zu belustigen pflegte. 

Es scheint, daß Camerarius, nachdem er in der Kon- 
kurrenz für politische Prophezeiungen unserm Dr. Faustus 
unterlegen, ungern resignierte, aber eben resignierte. Er 
schreibt 1538 einem Nürnberger Freunde, er hege wegen 
des französischen Krieges ernste Befürchtungen für das 
nächste Jahr: „de quibus possem aliquid praedicere forsitan, 
sed ego hoc relinquo aliis, rcpafiiaot 8k XgfO), quae vaticinia 
paulo prudentiores non facile solent fallere". 

Unser Faust wird an den politischen Fragen jener Zeit 
als Astrolog und Magier auch sonst einen hervorragenden 
Anteil gehabt haben. Um die gleiche Zeit, als er im 
Kreis der Huttenschen Familie mit seinen Prophezeiungen 
Aufsehen machte — es scheinen die Jahre seines höchsten 
Ansehens gewesen zu sein — hat er durch die Voraus- 
sicht eines politischen Ereignisses im Norden Aufsehen 
gemacht. Im Jahre 1535 führte der Bischof von Münster, 
Graf Franz von Waldeck 1 , Krieg gegen das den Wieder- 
täufern gehörige Münster, und Faust soll die Einnahme der 
aufrührerischen Stadt prophezeit haben, als er sich damals 
gerade in dem Waldeckschen Korbach authielt, und das Er- 
eignis trat am 23. Juni 1535 wirklich ein. Es ist nicht un- 
wahrscheinlich, daß Faust dem Bischof von Münster selbst 
die Prophezeiung gemacht hat. — Franz I. von Frankreich 2 



1 In einer Waldeckschen Chronik des 17. Jahrhunderts (Anzeiger 24, 
221) findet sich die offenbar alte Überlieferung bei Erwähnung der Ein- 
nahme von Münster erwähnt: „quo tempore insignis ille nigromanticus 
D. Faustus eo ipso die Corbachii divertens praedixit fore nimirum ut 
eadem nocte urbs Münster ab episcopo expugnaretur.' 4 

f Er. Schmidt, Goethe-Jahrb. III 100 und Kiesewetter in der 



Vom geschichtlichen Dr. Faust. 1 1 

scheint, nachdem er seinem Hofastrologen Cornelius Agrippa 
seine Gnade und Gunst entzogen, vorübergehend unsern 
Schwarzkünstler an seinen Hof bestellt zu haben. Wenig- 
stens wurde ein deutscher Schwarzkünstler — sein Name 
wird nicht genannt, aber wahrscheinlich ist Faust gemeint — 
1528 am französischen Hof erwartet. Wir wissen aus einem 
Brief des Cornelius Agrippa, daß der Hof große Hoffnungen 
auf ihn setzte: er überschaue die ganze Zukunft mit ihren . 
Geheimnissen, könne die an Karl V. vergeiselten königlichen 
Prinzen durch die Luft zurückfuhren, Heere und Schätze 
hervorzaubern, Ehen und Liebesbündnisse trennen und un- 
heilbare Krankheiten heilen. Lauter Künste, die im Faust- 
schen Mythenkreis wirklich eine Stelle haben. Auch in 
Deutschland wird in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts 
— allerdings unter Widerspruch von französischer Seite — 
jenes im Brief des Agrippa nur angedeuteten Ereignisses 
gedacht, daß man in Deutschland einen Zauberer geholt 
habe, der versprach, die Prinzen aus Madrid durch die Luft 
nach Frankreich zu entfuhren; man habe davon Abstand 
genommen, aus Furcht, sie könnten auf der Luftreise stürzen 
und das Genick brechen. Diese Nachricht geht allerdings 
auf Agrippas Schüler und Freund Wierus zurück, der aber 
auch den Namen des Schwarzkünstlers leider nicht angibt. 
Aber auch uns scheint es nicht unmöglich, daß Dr. Faustus 
dahinter steckt. 

Der Astrolog Faust — soweit er urkundlich bezeugt 
ist — bildet keine Sondererscheinung in seiner Zeit. Unter 
Maximilian und Karl V. besaß jede bedeutendere Stadt und 
jeder reichere Fürst einen Astrologen, dem nicht bloß das 
Aufstellen des Kalenders für das kommende Jahr oblag, 
sondern auch die Prognostizierung der Witterung, die Deu- 
tung außergewöhnlicher Naturerscheinungen und die An- 



Sphinx VII 158; dazu Wierus, De Praestigiis Daemonum 1568 und 
Bodinus 1 581 Magorum Daemonomania S. 449. 



12 Vom geschichtlichen Dr. Faust. 

kündigung drohender politischer und religiöser Ereignisse. 
Die ernsthaftesten Männer übten diesen fragwürdigen Beruf, 
und ebenso ernsthafte Männer schenkten ihnen Glauben und 
Beifall. Mit Camerarius, dem angesehenen Humanisten, 
steht Melanchthon auf einer Stufe, er war ein gläubiger 
Verehrer der Astrologie und wagte auch selbst Prognostika- 
tionen. Aber die Zeit schied zwischen ernsthaften, sozusagen 
wissenschaftlichen Astrologen mit gelehrter Bildung und „Ulis 
vaticinatoribus superstitiosis, qui quaestus causa praedictiones 
factitant". So reich nun auch jene Zeit an astrologischer 
Literatur ist, um so seltsamer ist es, daß Fausts Name darin 
gar nicht begegnet. Vielleicht haben die Zeitgenossen bei 
so manchen Ausfallen, die gegen ungebildete Astrologen 
gemacht wurden, wie 1532 in der Schrift c De Ostentis 5 von 
Camerarius, an den späteren Sagenhelden gedacht ; ja manch- 
mal dürfte man ihn angegriffen haben, ohne seinen Namen 
zu nennen. Einmal heißt es von Prophezeiungen: „comme- 
morare possem multa talia exempla vanissimarum praedic- 
tionum, quibus insignis quidam astrologiae encomiastes nostra 
memoria ludificatus est magnos prineipes et nunc etiam 
ludificatur" — und damit dürfte nur Dr. Faustus gemeint ge- 
wesen sein. 

Die ganze Zeit war voll der schrecklichsten Prophe- 
zeiungen. Vor allem für die Jahre 1524 und 1527 wurde 
Gewaltiges angekündigt. 1520 zog die alte Prophezeiung 
Stöfflers aus dem Almanach von 1499 wieder durch die 
Lande, der 25. Februar 1524 werde eine neue Sündflut 
bringen; und drei Jahre hindurch dauerte die Angst furcht- 
samer Gemüter. Man zimmerte sich Archen, man zog sich 
auf hohe Berge zurück, man wanderte aus den an der See 
gelegenen Gegenden aus. Umsonst suchten ernsthafte Männer 
wie Augustinus Niphus l das arme Volk aufzuklären. Denn 

1 Vgl. Augustini Niphi Philosophi Suessani de Falsa Diluvii Pro- 
gnosticatione (2. Aufl. gedruckt im Dezember 1520). Moll, Joh. Stöffler 
S. 54 (Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees VIII). 



Vom geschichtlichen Dr. Faust. 13 

Solch schwere Aussichten wiederholten sich nur zu oft. 1527 
— hieß es bald darauf — sollte viel Wunderdinge bringen 
(Lycosthenes, De Ostentis S. 533). Und bei dem großen 
italienischen Astrologen Lucas Gauricus (Opera II 1575) 
lernen wir auf das Jahr 1524 eine Prophezeiung berühmter 
deutscher Astrologen kennen. 

Gehörte unser Faust zu den Astrologen, die mit so 
ängstigenden Prophezeiungen Deutschland beunruhigten? Ist 
er vielleicht gar für eine oder die andere dieser Prophe- 
zeiungen als Autor anzusehen? Nur allzu oft werden solche 
Prophezeiungen erwähnt, aber selten mit dem Namen ihres 
Urhebers, und noch ist keine bekannt geworden, die den 
Namen Fausts trüge. Und das befremdet um so mehr, als 
auch in den Kreisen der Gelehrsamkeit strengster Observanz 
astrologische Fragen gern und oft erörtert wurden. 

Die Universitäten standen den mit dem vollen Ernst 
der Wissenschaftlichkeit betriebenen astrologischen Studien 
nicht fern. Das gleiche Ansehen, in dem Toledo und Sala- 
manca im späten Mittelalter standen, galt bei uns fürKrakau; 
um die Wende der beiden Jahrhunderte waren die Krakauer 
Almanache berühmt. Und in Krakau soll nach einer unter 
Melanchthons Gewähr auftretenden Legende unser Faust 
studiert haben, wie mancher andere, der der Astrologie treu 
blieb. Gewiß hat auch er — wie es die Historie von 1587 
berichtet — Kalender verfaßt und mit ihnen Erfolge erzielt. 
Aber er war nicht einseitig Astrolog und noch weniger aus- 
schließlich im Verkehr mit großen Herren. Mochte er sich 
auch mit Vorliebe um die Gunst des Adels bemühen und 
sich gern in die Nähe hoher Herren wagen — in viel 
höherem Maße als mit dem Adel hat Dr. Faustus mit dem 
Volk verkehrt, und das Volk hat die Erinnerung an ihn in 
weit verbreiteten Sagen festgehalten. In den sonstigen Zeug- 
nissen, die wir über unsern Helden als im Leben stehend 
besitzen , sehen wir Faust unter dem Volk, und er ist alles 
andere mehr als Astrolog. 



I 



14 Vom geschichtlichen Dr. Faust. 

Im Mai des Jahres 1506 ist der berühmte Würzburger 
Gelehrte Trithemius auf seiner Heimreise von Berlin unserm 
Faust in Gelnhausen begegnet, ohne seine persönliche Be- 
kanntschaft zu machen. Faust machte sich aus dem Staube, 
wie er von der Durchreise des Trithemius hörte; aber im 
Gasthof bildete er das Tagesgespräch. Er hatte in Gegen- 
wart mehrerer geisdicher Herren geprahlt, wenn sämtliche 
Werke von Plato und Aristoteles verloren gingen, sei er 
im stände, besser und vollkommener sie wieder herzustellen. 
Und bald darauf rühmte er sich in Würzburg, daß er die 
Wunder Christi nicht bewunderungswürdig finde; er selbst 
könne sie beliebig oft ausfuhren 1 . Dann kam er nach 
Kreuznach, wo Franz von Sickingen gerade eine Lehrerstelle 
zu besetzen hatte. Der für die Künste der Astrologie emp- 
fangliche Ritter hat sie Faust übertragen. Aber Faust kam 
bald mit den Gesetzen in Konflikt und der drohenden Ver- 
haftung entzog er sich durch Flucht. 

Dies alles wissen wir aus einem Briefe des Trithemius, 
der — unter dem 20. August 1507 — einen Freund vor 
dem Abenteurer warnen will. Es war der Heidelberger 
Mathematiker und Astrolog Virdung, der damals unsern 
Faust bei sich zu Besuch erwartete. 

Diese Begegnung mit unserm Faust hat Trithemius wohl 
oft und dringlich beschäftigt. Mehrfach hat er — wie wir 
bald sehen werden — jene Menschenklasse eingehend ge- 
schildert, zu der er den Faust rechnete; nirgends wohl leb- 
hafter als in seinem (1515 in Oppenheim veröffentlichten) 
c Liber Octo Quaestionum ad Maximilianum Caesarem', den 
er 1508 dem Kaiser widmete. Noch nicht lange war er von 
seiner Brandenburger Reise heimgekehrt — es war Pfingsten 
1508 — als er zu Kaiser Maximilian nach Schloß Boppard 
beschieden wurde, um seine Anschauungen über Gott und 

1 Das Volksbuch von 1587 weiß davon recht wenig; aber ein An- 
klang daran ist es, wenn das 26. Kapitel berichtet, daß Faust auf seiner 
dritten Weltreise „etliche Tage auf dem Meere gewandelt sei". 



Vom geschichtlichen Dr. Faust. I 5, 

Welt, Wissen und Glauben, Natur und Wunder dem Kaiser 
vorzutragen, der sich gern von Gelehrten über zeitgemäße 
Probleme Vortrag halten ließ. Noch lag dem Abt jene 
Begegnung frisch im Sinn, und eingehend und eindringlich 
schilderte er den gotteslästerlichen Unfug, der in dem un- 
eingeschränkten Treiben von Nekromanten sich allerorten 
breit machte. Sie behaupten, Geister bannen oder im Kristall 
zeigen zu können, beschwören sie und gehen einen Pakt mit 
ihnen ein, führen Bücher voller Gotdosigkeit und mit prunk- 
haften Titeln bei sich und versprechen Unglaubliches. Teufels- 
pakt, Geisterbeschwörung, Zauberkünste, Hexenwerk und 
Aberglauben — das alles hat der Abt vor dem Kaiser als 
gotteslästerliches und reichsgefahrliches Teufelswerk erörtert: 
„Crede mihi, Caesar, quoniam hoc mendacisissimum genus 
hominum sacro imperio tuo valde est perniciosum et ideo 
non minus quam maleficarum scaturigo penitus extermi- 
nandum." Tritheim schließt seine Schrift mit der Bitte, 
der Kaiser möge das Urteil anderer glaubensstarker Ge- 
lehrter einholen, ehe er seine — des Trithemius — An- 
schauungen denen zur Kenntnis bringe, gegen die sie sich 
richteten: „Non sunt inter christianos tolerandi, o sacratissime 
Caesar, homines mente corrupti et reprobi circa fidem, qui 
per maleficia curant maleficiatos, qui furta ministerio dae- 
monum revelant et adulteria, qui lapidum aut speculorum 
inspectione prenuntiant futura. Non exaudias illos, precor, 
qui divinarum legum ignari hujusmodi ministros daemonum 
imperio tuo existimant utiles." Man hat den Eindruck, daß 
der Abt den Kaiser bestimmen wollte, gegen Leute wie 
Faust vorzugehen 1 . Und das hat wohl der üble Leumund 



1 Anders deutet Ulmann in seinem Maximilian II 725 den Vortrag 
Tritheims beim Kaiser, indem er an das Urteil des Volkes anknüpft, das 
in Tritheim selbst einen Schwarzkünstler sah; der Kaiser soll nach Ulmann 
die Gelegenheit benützt haben, den so Beleumundeten selbst über Wunder- 
dinge reden zu hören. Auch Witkowski (Ztschr. für Geschichtswissenschaft 
N. F. I 313) erinnert daran, daß Trithemius schon damals im Leumund der 



l6 Vom geschichtlichen Dr. Faust. 

verschuldet, der schon 1506/7 den späteren Sagenhelden 
charakterisierte. Und dieser böse Leumund blieb haften. 

Am 3. Oktober 15 13 erfahren wir aus einem Briefe des 
Gothaer Humanisten Mutianus Rufus an den befreundeten 
Urbanus, daß Faust damals nach Erfurt gekommen war. 
Das Volk bewunderte ihn, aber der Gelehrte sah ihn ge- 
ringschätzig über die Achsel an und wünschte ihm die 
Geistlichkeit auf den Leib, die gerade gegen Reuchlin 
hetzte '. 

Was damals dem Mutianus Rufus, wie vorher dem 
Trithemius, am anstößigsten war, das war das renommistische 
Gebaren des Mannes. Bei dem Heidelberger Virdung hatte 
er sich mit seinen sämtlichen Titeln eingeführt als „Föns 
necromanticorum, astrologus, magus secundus, chiromanticus, 
aeromanticus, pyromanticus, in hydra arte secundus", d. h. 
als Spezialisten in allen sieben freien Künsten. Und diese 
sämüichen Titel trug auch seine Karte, die er für den 
Trithemius in Gelnhausen zurückgelassen hatte. Maßlose 
Prahlereien, wie 1506 in Gelnhausen und 1507 in Würzburg, 

Zauberei gestanden, wie er denn in einem vier Tage älteren Brief an den Mathe- 
matiker Johannes Capillarius in Paris sich verteidigte, er habe bisher noch 
nichts geschrieben, worüber sich irgend jemand mit Recht wundern könnte, 
ebensowenig etwas Erstaunliches getan, und dennoch werde er von der Menge 
für einen Zauberer gehalten und man behaupte mit Bestimmtheit, er habe 
Tote auferstehen lassen, Geister aus der Hölle beschworen, die Zukunft 
vorausgesagt, Diebe und Räuber durch Zaubersprüche überführt und ge- 
bunden. Das sei alles erlogen ; er habe niemals etwas der Art getan oder 
beabsichtigt. Er habe zwar die meisten Bücher von Zauberern gelesen, 
aber nicht um ihr Tun nachzuahmen, sondern um durch Widerlegung ihren 
verabscheuungswürdigen Aberglauben möglichst zu bekämpfen. 

1 Venit octavo abhinc die quidam chiromanticus Erphurdiam nomine 
Georgius Faustus Helmitheus Hedelbergensis, merus ostentator et fatuus. 
Ejus et omnium divinaculorum vana est professio et talis physiognomonia 
levior typula. Rüdes admirantur. In eum theologi insurgant, non conficiant 
philosophum Capnionem. Ego audivi garrientem in hospitio, non castigavi 
jactantiam. Quid aliena insania ad me? Briefwechsel des Conr. Mutianus, 
gesammelt und bearbeitet von Dr. K. Gilbert (Halle 1890) S. 413 in den 
Geschichtsquellen der Provinz Sachsen 18. Band 1. Hälfte. 



Vom geschichtlichen Dr. Faust. 17 

hat er auch in Erfurt 15 13 geäußert. Und von seiner 
Prahlsucht als Wunderdoktor hören wir noch 1539 in der 
Gesundheitslehre eines Wormser Arztes namens Philipp Be- 
gardi (Index Sanitatis. Eyn Schöns und vast nützlichs 
ßüchlin, genannt Zeyger der gesundheyt Blatt XVII a). Es 
heißt im 4. Kapitel „von den bösen, ungeschaffenen, trägk- 
hafftigen, unnützen und ungelehrten Artzten": „Es wird noch 
eyn namhaftiger dapfferer mann erfunden, ich wolt aber 
doch seinen namen nit genent haben, so wil er auch nit 
verborgen seyn noch unbekant; dann er ist vor etlichen 
Jahren vast durch alle Landtschaft, Fürstenthumb und König- 
reich gezogen, seinen Namen jederman selbs bekant gemacht 
und seine große Kunst, nit alleyn der Artznei, sondern auch 
Chiromancei, Nigromancei, Visionomei, Visiones imm Cristall 
und dergleichen mer Kunst sich höchlich beriimpt. Und 
auch nit alleyn beriimpt, sondern sich auch einen berümpten 
und erfahrenen Meyster bekant und geschrieben. Hat auch 
selbs bekant und nit geleugenet, daß er sey und heyß 
Faustus, damit sich geschriben Philosophum Philosophorum. 
Wie viel aber mir geklagt haben, daß sie von jm seind be- 
trogen worden, deren ist eyn große Zal gewesen. Nun sein 
verheyßen war auch groß wie des Tessali. Dergleichen sein 
rhum wie auch des Theophrasti : aber die that, wie ich noch 
vernimm, vast kleyn vnd betrüglich erfunden: doch hat er 
sich im geld nemen oder empfahen (das ich auch recht red) 
nit gesaumpt, und nachmals auch im Abzugk. Er hat, wie 
ich bericht, vil mit den verssen gesegnet. Aber was soll 
man nun darzu thun — hin ist hin! u 

Philosophus Philosophorum war der Ehrentitel, den das 
ausgehende Mittelalter dem großen Aristoteles beilegte. Und 
an solchem Prunken mit Titeln hält auch noch das alte 
Volksbuch von 1587 fest; der Pakt, mit dem Faust sich 
dem Teufel verschreibt, trägt die Unterschrift: „Johann 
Faustus, der Erfahrne der Elementen und der Geistlichen 
Doctor. " 

Kluge, Hunte Blätter. ^ 



i8 



Vom geschichtlichen Dr. Faust. 



Man hat bisher vergebens in den Matrikeln der Uni- 
versitäten, an denen die Legende unsern Helden studieren 
läßt, nach einem Faustus gesucht 1 , den man dem Schwarz- 
künstler gleichsetzen könnte. Aber weder der Magistertitel, 
mit dem er 1506 auftritt, noch der seit 1520 bezeugte 
Doktortitel braucht echt zu sein und sein Lieblingstite! 
Philosophus, mit dem er bei dem Eichstätter Bischof und 
bei der Huttenschen Familie bezeugt ist, spricht noch nicht 
für eine akademische Lehrtätigkeit, wie sie eine Ausgabe 
des Volksbuches 1588 und gleichzeitig Marlowe wirksam ver- 
wertet haben. 

Sein Name ist unsicher. Mit einiger Wahrscheinlichkeit 
dürfen wir Georg als seinen Vornamen bezeichnen — mit 
diesem Vornamen treffen wir ihn 1507 in dem Brief des 
Trithemius und 1513 in dem Brief des Mutianus Rufus. 
Dazu kommt der Eintrag in die Ingolstädter Register der 
„Verwiesenen" im Jahre 1528: „Am Mittwoch nach Viti 
1528 ist einem, der sich genannt Dr. Jörg Faustus* von 

1 Die Heidelberger Matrikel (G. Toepke, Die Matrikel der Univ. 
Heidelberg von 1386 — 1662, I 457) allerdings verzeichnet am 15. Januar 
1509 die Promotion eines am 3. Dezember 1505 immatrikulierten Joannes 
Fust de Symmern Moguntinensis dioecesis, der als erster von 16 Kandidaten 
das Examen als Baccalaureus der Theologie bestanden; und im Frankfurter 
Volksbuch von 1 587 hat Faust das Magisterexamen glänzender als 16 gleich- 
zeitige Bewerber bestanden. Der Zusatz de Simmern, der mehrfach auch 
beim Namen des Trithemius auftritt, wird mit Unrecht in der Sphinx VII 
21, 22 auf das Fürstentum Pfalz-Simmern bezogen, zu dem das Kloster 
Maulbronn mit dem Städtchen Knittlingen bis 1504 gehörte; jener Fust 
gehört nach Simmern auf dem Hundsrück. Aber es könnte doch ein Zu- 
sammenhang mit diesem bestehen, wenn man annehmen dürfte, daß gelehrte 
Nachforschung nach Dr. Faust aus Heidelberg auf die Matrikel verfallen 
wäre: die Übereinstimmung der Examina ist kaum zufallig. — In Krakau, 
wo die spätere Sage Faust studieren läßt, hatte auch der oben erwähnte 
Virdung von Hasfurt nach seiner eigenen Angabe seine astrologische 
Schulung erhalten. Die Krakauer Matrikel ist mehrfach vergebens auf 
unsern Faust hin durchsucht. 

1 Daß dies unser Sagenheld sein muß, ergibt sich aus dem Ingol- 
städter Ratsprotokoll vom 17. Juni 1528: „Dem Wahrsager soll befohlen 



»• *a 



"1 



• • 



Vom geschichtlichen Dr. Faust. ip 

Heidelberg gesagt, daß er seinen Pfennig anderswo verzehre, 
und hat angelobt solche Erforderung für die Obrigkeit nicht 
zu ahnden noch zu äffen." Noch um 1575 haftete der Vor- 
name Georg in Nürnberg, wo Roßhirt 1 einige Anekdoten 
von ihm aufzeichnete. Diesen Tatsachen gegenüber bleibt 
noch festzustellen, daß der Vorname Johannes zuerst in dem 
posthumen Bericht Melanchthons in des Manlius e Collectanea* 
1563 auftritt. Aber ob er wirklich Faust geheißen oder ob 
dies nur ein Pseudonym gewesen, läßt sich nicht mehr fest- 
stellen. In der ältesten Urkunde seiner Geschichtlichkeit, 
dem Briefe des Trithemius von 1507, trägt seine Visitenkarte, 
die er in Gelnhausen für Trithemius hinterließ, einen ganz 
andern Namen: „Magister Georgius Sabellicus, Faustus junior, 
^fons necromanticorum, astrologus, magus secundus" etc. Und 
unter dem gleichen Namen hatte Faustus damals bei dem 
Astrologen Virdung in Heidelberg brieflich seinen Besuch 
angemeldet. Dann hatte er sich 15 13 in Erfurt vorgestellt 
als „Georgius Faustus Helmitheus Hedebergensis". Was es 
mit den seltsamen Namen und mit der Namensänderung 2 (ur 
eine Bewandtnis hat, ist durchaus rätselhaft. Vielleicht hat 
Faustus in seiner Sucht, durch Äußerlichkeiten aufzufallen, 
die beiden Namen sich in Italien angeeignet nach zwei 

werden, daß er zu der Stadt auszieh und seinen Pfennig anderswo ver- 
zehre/ Die beiden Ingolstädter Zeugnisse sind zuerst 1872 mitgeteilt im 
Oberbair. Archiv 32, 336. 

1 Vgl. Wilh. Meyer aus Speyer, Nürnberger Faustgeschichten 1895. 

* Daß der Magister Georgius Sabellicus Faustus junior des Trithemius 
mit unserem Faust ein und dieselbe Person ist, bestätigt die Randbemerkung 
n Faust i vanitas insignis" in dem 1536 gedruckten Briefwechsel des Trithemius. 
Zu dem gleich zu erwähnenden Faustus aus dem Anfang des 16. Jahr- 
hunderts fügen wir hier noch einen dritten, wie es scheint, niederländischer 
Herkunft, Faustus Celebris, von dem ein Brief an Erasmus Roterdamus von 
1529 erhalten ist; er war bis dahin Famulus bei Erasmus und trat dann 
als Hatschier in den Dienst des Königs Ferdinand. — Im Gegensatz zum 
Faustus jun. muß es doch wohl einen älteren Faust als Zauberer gegeben 
haben; das macht auch der Wortlaut des Begardi (oben S. 17) wahr- 
scheinlich. 



20 V°m geschichtlichen Dr. Fausu 

venetianischen Humanisten jener Zeit: der eine hieß Antonius 
Sabellicus, der andere — Publius Faustus Andrelinus (gest. 
1517 in Paris) — wurde nach der Sitte jener Zeit allgemein 
schlechtweg Faustus genannt und nannte sich auch selbst so 
in seinen Schriften. Noch einen andern gleichzeitigen Vene- 
tianer Namensvetter kennen wir, den Lucius Victor Faustus, 
dessen Name 1522 auf dem Titelblatt einer StraÜburger 
Terenzausgabe steht; sie enthält von diesem Faustus einen 
'Libellus de Comedia'. Und von demselben Faustus kennen 
wir einen 1530 von Venedig aus datierten Brief, worin er 
sich rühmt, 1529 durch Erbauung eines fünfruderigen Schiffes 
eine unglaublich große Tat getan zu haben, wie er denn 
Gelehrsamkeit ohne praktische Bedeutung für sich ge- 
ringschätze; er seinerseits verzichte auf literarischen Ruhm 
als Dichter oder Geschichtsschreiber und suche die gelehrte 
Bildung mit praktischem Sinn zu vereinen. Unser Sagen- 
held, der zeitweise in Venedig gewesen sein soll, ist mit 
humanistischen Zügen ausgestattet, und der geschieh! liehe 
Faustus zeigt in dem Berichte des Trithemius wenigstens 
Prahlereien mit humanistischem Inhalt. 

So dunkel also der eigentliche Name unseres Helden 
ist, der es meisterhaft verstanden haben muß, sich mit Wich- 
tigtuerei und Geheimniskrämerei auffällig zu machen — ebenso 
dunkel ist seine Herkunft, Geburtsjahr, Bildungsgang und 
Ende. Zu bald nach seinem Tode verdunkelt Sagenbildung 
seinen geschichtlichen Charakter, und wir verlieren den festen 
Boden unter den Füßen; in alten Zeugnissen für unsern 
Helden von 1540 an sehen wir, wie geschäftig sich die 
Volkssage seiner annahm. Aber die eigentliche Blütezeit 
dieser Mythenbildung sind die sechziger Jahre des 16. Jahr- 
hunderts. 

Der Basler Pfarrer Gast, der im Jahre 1548 mehrfaches 
über unsern Faust berichtet, hat eigentlich noch keine breite 
Kenntnis von seinen Zauberkünsten, sondern nur erst geringe 
Ansätze der Sagenbildung. Wierus, der in der I. Auflage 



Vom geschichtlichen Dr. Faust. 21 

seiner Schrift f De Praestigiis daemonum' 1563 noch nichts 
über ihn bringt, ergänzt erst die Auflage von 1568 durch 
Faustanekdoten. Und im Jahre 1569 gibt dann bereits 
ein schweizerischer Schriftsteller über Gespenster und Un- 
. geheuer — Lavater mit Namen — seiner Verwunderung 
über den Umfang der Sagen Ausdruck mit dem Ausruf: 
„Was Wunder soll zu unsern Zeiten Faustus, der verrühmt 
Zauberer, getrieben haben!" 

Um die Ehre, des Zauberers Geburtsort gewesen zu 
sein, wetteiferten im Zeitalter der Mythenbildung drei Orte 
oder mehr. In der alten Historie von 1587 ist es Rod bei 
Weimar, das heutige Dorf Rödigen. Die späteren „wahr- 
haftigen Historien 44 von 1599 nennen im Gegensatz dazu 
Sondwedel in der Mark. Das älteste Zeugnis, das einen 
Geburtsort angibt und Melanchthon als Gewährsmann nennt, 
bietet den schwäbischen Ort Knittlingen bei Maulbronn, wo 
dann auch nach einer in der ersten Hälfte des 17. Jahr- 
hunderts umlaufenden Sage Fausts sündhaftes Leben durch 
den Teufel ein so schmähliches Ende nahm. 

Überhaupt war Schwaben ein rechter Nährboden der 
Faustsage. Unmittelbar nach dem Erscheinen des Volks- 
buches von 1587 und im engsten Anschluß an dieses 
schmiedeten ein paar Tübinger Studenten eine Fausthistorie 
in Reimen, die den Verfassern und ihrem Verleger Rüge 
und Strafe seitens der akademischen Disziplinarbehörde ein- 
trug. Auch stammt die zweite Faustbiographie von 1599 
aus Schwaben, und es wird aus schwäbischer Lokaltradition 
geschöpft sein, wenn sie Faust in Ingolstadt studieren läßt 
und einige in Schwäbisch-Hall und Heilbronn spielende 
Wunderabenteuer kennt, von denen die Frankfurter Historie 
nichts weiß. Im Kloster zu Maulbronn, wo schwäbische 
Legende unsern Helden bei einem Abt namens Entenfuß 
im Jahre 1516 zu Besuch weilen läßt, lokalisiert eine schwä- 
bische Überlieferung Fausts Tod, und damit verträgt sich 
Melanchthons Bericht bei Manlius 1562, der auf schwäbische 



22 Vom geschichtlichen Dr. Faust. 

Quellen zurückgehen kann. Und auf Schwaben müssen wir 
es beziehen, wenn sich der Tübinger Professor Schickardt 
1624 (im 'Bechinath') gegen Leute ereifert, „qui patriam suam 
tanti praestigiatoris origine honorare putant" '. 

So hat Schwaben und speziell Knittüngen wohl das 
größte Anrecht darauf, als Heimat des Schwarzkünstlers zu 
gelten. Aber die übrigen Landschaften respektieren Schwa- 
bens Anrecht nicht. Durch die Mythen jedoch, die in Ober- 
deutschland wie in Mitteldeutschland umliefen, schimmert in 
Einzelheiten noch die Geschichtlichkeit des Sagenhelden hin- 
durch, kräftiger als wir es nach der Frankfurter Historia 
von 1587 erwarten würden. Wir vernehmen zunächst Zeugen, 
die den Wundermann noch persönlich gekannt haben. 

„Ich habe einmal in Basel" — so erzählt 1548 der 
Basler Pfarrer Gast — „mit ihm im Collegium magnum ge- 
speist; er hatte dem Koch allerlei seltsames Geflügel über- 
geben, wie ich 's in unseren Gegenden nie gesehen habe, 
und ich weiß auch nicht, wo er sie gekauft oder wer sie 
ihm geschenkt hatte; in der Jahreszeit damals wurde über- 
haupt kein Geflügel bei uns verkauft. Er hatte gewöhnlich 
einen Hund und ein Pferd bei sich — ich glaube, es war 
der Teufel — und sie hatten alle seine Dienste zu besorgen. 
Man hat mir auch erzahlt, der Hund verwandle sich zuweilen 
in einen Diener und schaffe ihm seine Mahlzeiten herbei." 

Diese Angaben zugleich mit der vorgetragenen Auf- 
fassung sind von der Sage festgehalten und erweitert wor- 
den. Und wenn der Bericht dann noch erzählt, wie Faust 
einem Kloster, wo ihm schlechte Verpflegung zuteil wurde, 
einen Spuk schickt — so sehen wir Überall den ersten zag- 
haften Ansatz zur Legenden bildung unmittelbar neben ge- 
schichtlichen Angaben. 

1 Andreae 1617 im 'Menippus* 8.257 (limeu ne jnm prae foribus ad 
starel Mephistopholes) ist ein weiteres Zeugnis fUr die Faustsage in Schwa- 
ben, zugleich wichtig wegen der Namensform des DÜmons. Über Andreacs 
Faustische Interessen s. Erich Schmidt, Goethe-Jahrbuch IV 127. 



Vom geschichtlichen Dr. Faust. 23 

In dem mehrfach erwähnten Bericht von 1562, derauf 
Melanchthon zurückzugehen vorgibt, fehlt der rätselhafte 
Hund nicht und wird auch hier als der Teufel aufgefaßt. 
Aber Melanchthon, der vielleicht ein landsmannschaftliches 
Interesse an dem Schwarzkünstler haben mochte, berichtet 
mehr. 

Zu Krakau — so sagt sein Bericht — hat Faust von 
Knittlingen Magie studiert. Er zog meist im Lande hin und 
her. In Venedig machte er einen verunglückten Flugversuch. 
Zeitweise hielt er sich in Wittenberg auf, sollte dann auf 
Befehl des Kurfürsten verhaftet werden und machte sich aus 
dem Staube. Auch in Nürnberg sollte er verhaftet werden, 
abermals entzog er sich den Gerichten durch Flucht. Es war 
ein dreister Prahler. Die albernste Lüge war's, daß er sich 
rühmte, die kaiserlichen Heere hätten durch ihn und seine 
Zauberkunst in Italien alle ihre Siege erfochten. 

Einen andern eingehenden Bericht über den Knittlinger 
Schwarzkünstler erhalten wir 1568 von einem Schüler des 
Cornelius Agrippa, namens Wierus oder Weiher. Wir hören 
darin von seiner Prahlerei, von seinem Umherziehen im 
Lande, und daß er das Volk auf allerlei Art betrogen hat. 
Einem Bekannten des Berichterstatters hat er ein Mittel an- 
gegeben, wie man ohne Rasiermesser den Bart entfernen 
könne; der Erfolg dieses Wundermittels — es bestand in 
Arsenik — war der, daß mit dem Bart zugleich die ganze 
Kinnhaut wegging. Der Gefoppte hat diese Geschichte 
unserm Berichterstatter wiederholt erzählt. 

In diesen posthumen Zeugnissen tritt durchweg eine 
ebenso ungünstige Auffassung von Fausts Persönlichkeit auf, 
wie in den oft erwähnten Briefen des Trithemius und des 
Mutianus Rufus und in dem Bericht des Wormser Arztes 
Begardi. Mochte in den höheren Kreisen des Adels und 
der Geistlichkeit der Mann als Astrolog und Naturphilosoph 
ernst genommen werden — die Gelehrten nahmen ihn nicht 
ernst. Ihm fehlte die sichere Lebensstellung, und das aben- 



24 Vom geschichtlichen Dr. Kaut. 

teuernde Wanderleben, das damals manchem hervorragenden 
Kopf üble Nachrede eintrug, zugleich mit den Erfolgen 
seiner astrologischen Künste bei hochstehenden Persönlich- 
keiten, erregte ebenso leicht Kopfschütteln wie Neid. Der 
üble Leumund aber, in dem er sich gewiß schon bei Leb- 
zeiten befand, daß er mit dem Teufel im Bunde stehe, 
war damals nicht so unerhört, wie es uns leicht scheint. 
Vom Anfang bis zum Ende des 16. Jahrhunderts ist die 
gleiche Beschuldigung gegen manche mehr oder weniger 
hervorragende Gelehrte erhoben, und oft genug haben die 
so Geschmähten sich vergebens gegen solche Verdächtigung 
zu verteidigen gesucht. Ich nenne eben jenen Trithemius, 
der den Georgius Sabellicus Faustus jun. so ungünstig be- 
urteilt hat. Ich nenne Theophrastus Paracelsus und Cor- 
nelius Agrippa, und in der Sage erscheint unser Faust ge- 
legentlich im Verkehr mit Cornelius Agrippa. Und mit 
Theophrastus Paracelsus stellt ihn der berühmte Züricher 
Polyhistor Conrad Gesner zusammen. Die Sagenbildung, die 
unsern Faust erfaßt hat, hat auch Agrippa und Theophrast 
mit Zauberanekdoten ausgestattet. Faßt unsere Zeit diese 
Naturphilosophen als ernste Gelehrte auf, so möchte sie auch 
für den Schwarzkünstler Faust nicht wohl solch niedrige 
Auffassung gelten lassen, wie sie Conrad Gesner hatte, wenn 
er ihn zu den fahrenden Schülern zahlte, wie sie in der 
ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die deutschen Lande mit 
Lug und Trug durchzogen l . 

Familienähnlichkeit und geistige Verwandtschaft solcher 
Vertreter der Magie und Alchymie mit unserem Faust war 
den Zeitgenossen unzweifelhaft. Unter den fahrenden Schülern 
seiner Zeit erwähnt H. Bebel 1501 im 2. Buch seines 'Trium- 
phus Veneris' eine unserem Faust ähnliche, vielleicht mit ihm 
identische Gestalt: 

denique se jactat mendax codi omnia nosse, 
Simplex hinc capitur Cum muntre rustica pubes. 

1 Über die fahrenden Schüler siehe den Aufsatz unten S, 62. 



Vom geschichtlichen Dr. Faust. 25 

Leider schweigt Altenstaig, der gleichzeitige Erklärer des 
Triumphus Veneris, über diesen Repräsentanten der fahrenden 
Schüler. Aber Faust kann gemeint sein. Denn der Wormser 
Arzt Begardi wie der große Naturforscher Gesner 1 haben 
unsern Helden diesem Volk schwindelnder Abenteurer zu- 
gewiesen. Und die Nachwelt ist nicht im stände, ihm einen 
höheren Rang in seiner Zeit zu geben. Cornelius Agrippa 
und Theophrastus Paracelsus, die oft genug unter gleich 
ungünstiger Auffassung von Seiten der Zeitgenossen zu leiden 
hatten, haben durch ihre schriftstellerische Tätigkeit der 
Nachwelt eine sichere Unterlage für eine ruhige Beurteilung 
ihrer Persönlichkeit hinterlassen und damit zugleich dem 
Geist der so bald auftretenden Mythenbildung Widerstand 
entgegengesetzt. Unser Faustus weist keine literarischen 
Leistungen auf, die damals oder später in gelehrten Kreisen 
mit Achtung genannt wären. Und so sucht man seine 
Spuren auch vergeblich in den Katalogen unserer Biblio- 
theken, auch die Bibliographie des 16. Jahrhunderts kennt 
ihn nicht. Alle bibliographischen Repertorien des 16. Jahr- 
hunderts führen Astrologie, Magie usw. reichlich auf, aber 
von Faust keine Spur ! Und Conrad Gesner, der von Dr. Faust 
wußte, wie der eben erwähnte Brief an Crato von Crafftheim 
beweist, deutet uns auch an, daß die Geheimweisheit der 
Schwarzkunst nicht in ernste Bibliographie hineingehört; in 
seinem großen bibliographischen Repertorium (Pandectarum 
sive Partitionum Universalium Conradi Gesneri . . . libri XXI 
1548 fol. 97 b) sagt er im Kapitel Astrologia: „Qui nostris 

1 In einem Brief an Crato von Crafftheim, den Leibarzt Ferdinands I., 
unter dem 16. August 1561 (Epistolarum medicinalium Conradi Gesneri, Philo- 
soph! et Medici Tigurini libri III. Tiguri 1577 Alb): „Astrologiam van am > 
Geomantiam, Necromantiam et hujusmodi artes prohibitas exercent. Equidem 
suspicor illos ex Druidarum reliquiis esse qui apud Celtas veteres in sub- 
terraneis locis a daemonibus aliquot annis erudiebantur: quod nostra me- 
moria in Hispania adhuc Salamancae factitaüim constat. Ex illa schola 
prodierunt, quos vulgo scholasticos vagantes nominabant, inter quos Faustus 
quidam non ita pridem mortuus mire celebratur." 



26 Vom geschichtlichen Dr. Faust. 

temporibus practicas cum calendariis suis ediderint, i. e. 
prognostica variarum mutationum, earum etiam rerum quae 
fiupra naturam sunt, quoniam ut plurimum falsis et ridiculis 
divin ationibus utuntur — sutores ultra crepidam — hie lo- 
cum oecupare non merentur. Etsi nonnullos m ödeste et 
cum laude intra terminos artis versatos sua composuisse 
sciam, tarnen et illos anonymos praeteribo, ne caeteris bilem 
eomagis moveam." Sehr politisch und sehr vorsichtig. Aber 
im Hintergrund dieser Kritik stehen eben unzweifelhaft 
Männer wie unser Dr. Faust. Seine literarische Produktion 
war nicht vollwertig. Und so fehlte jedes Korrektiv gegen 
die ausschließlich ungünstige Beurteilung seiner Persönlich- 
keit. Drum konnte auch die Sage frei mit ihm schalten und 
walten. Und sie tat es, indem sie auf den unkontrollierbaren 
Helden alle Zauberkünste übertrug, von denen man damals 
fabelte. Mit seinem Tode bekommt die Volksphantasie die 
freieste Verfügung über ihn. 

Über das Ende und die letzten Lebensschicksale des 
geschichtlichen Faustus wissen wir nichts Sicheres, wie wir 
auch über sein Geburtsjahr und seinen Entwicklungsgang 
durch kein altes Zeugnis Kunde erhalten. Das Frankfurter 
Volksbuch von 1587 nennt Überhaupt kein Datum für irgend- 
ein Ereignis im Leben unseres Helden. Erst Widmanns 
Faustbuch 1599 strebt mit ein paar ausdrücklichen Zeit- 
angaben nach dem Schein der Geschichtlichkeit, die der 
Speierer Anonymus ganz vernachlässigt hatte. Schon ein 
Nachdruck der Frankfurter Historie von 1589 hatte ein 
festes Datum eingefügt, um jenem offenkundigen Mangel 
abzuhelfen; er setzte 1491 als Fausts Geburtsjahr an, was 
offenbar viel zu spät ist 1 , und so dürfen wir nicht weiter 

1 Fausts Geburtsjahr dürfte etwa 1470 sein. Sowohl der ausdrückliche 
Bericht der Zimmerschen Chronik wie vor allem die wiederholte Angabe 
Thumeyssers versichern, daß Faust in hohem Aller gestorben sei. Der älteste 
Bericht aber Faust durch Trithemius stimmt dazu insofern, als wir eine 
besondere Jugendlichkeit des Nekromanten dort gewiß erwähnt finden müßten. 



Vom geschichtlichen Dr. Faust. 



27 



erwarten, daß im Zeitalter der Mythenbildung noch glaub- 
würdige Data über Dr. Faust zu Tage treten können. Die 
nächste chronologische Angabe finden wir in der nieder- 
ländischen Übersetzung des Frankfurter Faustbuchs. 

Und damit verträgt sich eine englische Fortsetzung des 
deutschen Faustbuches, die unter dem Titel c The second Re- 
port of Dr. Faustus' 1594 erschien; sie geht deutlich auf 
Wittenberger Mythen und Legenden zurück, und wir ent- 
nehmen daraus, daß Faust Mitte 1539 in Wittenberg sein 
Schmähliches Ende genommen hat. Und dieses Datum kann 
immerhin Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben, wenn wir 
erwägen, daß der Bericht des Wormser Arztes Begardi 
(1539) sich damit verträgt und Wierus ausdrücklich angibt, 
daß Faust einige Jahre vor 1540 an verschiedenen Orten 
Deutschlands Aufsehen erregt habe. In der Chronik des 
Grafen Froben Christoph von Zimmern, die 1566 ab- 
geschlossen ist, ergibt sich der Anfang der vierziger Jahre 
für Fausts Ende, das in oder bei Staufen im Breisgau er- 
folgt sei. Aber die schwäbische Legende verlegt es wieder 
nach Knittlingen, wo er wahrscheinlich das Licht der Welt 
erblickt hat. So verwirrt sich das spärliche Material über 
den Sagenhelden aus der ersten Hälfte des 1 6. Jahrhunderts, 
von dem schon die Zimmersche Chronik III 530 prophe- 
zeit hat, „daß sein in viel Jahren nit leichtlichen wird 
vergessen werden**. 



Der Venusberg*. 



Der sagenberühmte Venusberg, der das Zauberreich der 
Göttin der Liebe birgt, hat nicht bloß im deutschen Volks- 
glauben des ausgehenden Mittelalters gelebt, wir wissen auch 
von manchen Besuchern desselben, die Kunde von dem 
Liebesleben in der Venusgrotte oder wenigstens von der 
Lage und Gestalt des Berges und von seinen Höhlen ver- 
breitet haben. Und der Fabeln vom Venusberg war kein 
Ende. Oft führt uns unsere Literatur an ihn heran, aber 
nirgends ist sein Zauber in reizvollerem Dämmerlicht, sein 
Sinnenglück bestrickender angedeutet und berührt, als in 
dem alten Volkslied vom Tannhäuser. Es gehört zu dem 
kunstvollsten, was der Liederschatz unseres Volkes durch 
das 16. Jahrhundert besessen hat. Es war zugleich eines 
der verbreitetsten und beliebtesten Volkslieder. Aber das 
17. Jahrhundert hat ihm wie so vielen altdeutschen Sagen- 
stoffen und Volksliedern einen argen Stoß versetzt: die mo- 
dische Kunstdichtung verdrängte im Interessenbereich der 
Literaturfreunde das wunderbare Lied, drängte es in ent- 
legene Täler und Berge zurück. In der Schweiz und in Tirol 
und Oberösterreich hat man es noch durch das 19. Jahr- 
hundert hindurch erklingen hören, nachdem zuvor c Des 

• Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1898 Nr. 66/67. Dieser Aufsatz 
knüpft an die bahnbrechenden Untersuchungen an, die Prof. Gaston Paris 
1897 in der 'Revue de Paris' S. 763 ff. (Le Paradis de la Reine Sibylle) 
und Prof. Söderhjelm in den e M£moires de la Societe" N^o-Philologique ä 
Helsingfors , (1897) II 101 ff. veröffentlicht haben. Der Aufsatz des be- 
rühmten französischen Romanisten (gest. 1902) ist mittlerweile neu gedruckt 
in den 'Legendes du Moyen Age 5 , Paris 1904. Unserm obigen Aufsatz ist 
eine orientierende Karte am Schluß des Buches beigegeben. 



Der Venusberg. 29 

Knaben Wunderhorn' das alte Tannhäuserlied zum ersten 
Male wieder erweckt hatte aus einem 200jährigen Schlaf, 
und heute ist durch Richard Wagners Kunst die Tannhäuser- 
sage ein Besitztum der ganzen gebildeten Welt. 

Aber in der alten Sage ist nirgends der Hörselberg der 
Sitz der Frau Venus, er ist ihr erst im 19. Jahrhundert zur 
Residenz überwiesen. In der älteren Zeit ist der Bereich 
der Sage eben der Venusberg und nur der Venusberg. 

Man hat zur Beleuchtung und Erforschung der Tann- 
häusersage mehrere Venusberge in deutschen Landen aus- 
findig gemacht. Es gibt einen solchen bei Reichmannsdorf 
unweit Saalfeld im Meiningenschen, einen andern bei Wald- 
see in Schwaben, einen dritten bei Fallbach in Vorarlberg. 
Es ist recht gut denkbar, daß der eine oder der andere 
Venusberg ursprünglich außer Zusammenhang mit der Frau 
Venus gestanden hat; hat doch schon vor Jahren Grässe 
daran erinnert, daß die ältere urkundliche Namensform des 
Dorfes Venusberg bei Wolkenstein in Sachsen eigentlich 
Tennigsberg' gewesen, daß also hier l erst später Anschluß 
an den Fabelberg eingetreten ist. Die Ortsnamenkunde 
lehrt uns an manchen Belegen, daß Namen durch lautliche 
Umgestaltung erst sekundär an bekannte Sagen angelehnt 
werden können. 

Während von jenen drei Venusbergen bisher keine 
Tannhäusersagen bekannt geworden sind, hat ein vierter 
Venusberg eine Spielart derselben aufzuweisen. Er liegt 
im Breisgau am Schönberg, unfern von Freiburg. Heute 
hat er den Namen nicht mehr. Wir kennen ihn und seine 
Sage nur aus einer Aufzeichnung Schreibers (Taschenbuch 
1839, S. 348). 

Oben auf dem Schönberg, wo noch heute Trümmer 
einer Burg stehen, lebte ein Ritter ein sündhaftes Leben, 
bis endlich sein Gewissen erwacht. Er will ein neues Leben 



1 Vgl. auch Amersbach in der Alemannia 23, 80. 



JO Der Venusberg. 

beginnen, aber kein Priester absolviert ihn. Er pilgert nach 
Rom, aber nach Anhörung der Beichte verweigert auch der 
Papst die Absolution. Eher werde der Stab in seiner Hand 
Rosen tragen — lautet des Papstes Bescheid — als daß der 
Ritter von Gott Verzeihung erlangen könne. Trostlos kehrt 
der Ritter heim. Aber wie er auf seine Burg hinaufreiten 
will, sieht er seitwärts den Eingang des Venusberges offen. 
Verzweifelt sprengt er hinein. Aber nach zwei Jahren trägt 
der Stab des Papstes unerwartet Rosen. Der Papst gedenkt 
des Ritters und sendet Boten auf seine Burg. Man stellt 
Nachforschungen an, gräbt im Venusberg und findet da den 
Ritter tot, auf seinem Roß sitzend. Aber den Saal der 
Frau Venus hat man nicht geschaut. 

Diese Sagengestalt weiß nichts vom Tannhäuser. Wenn 
es eine alte gute Volkssage ist — man wünschte ältere 
Zeugnisse dafür — so wird es doch nur eine Übertragung 
der Tannhäusersage sein. Wie jene andern Venusberge, ist 
auch dieser im Breisgau nur eine sekundäre Lokalisierung. 
Und wenn wir hören wollen, wo der Venusberg eigentlich 
liegt, so müssen wir nicht seine neueren Namensvettern be- 
fragen, sondern das 15. und 16. Jahrhundert, die Blütezeit 
der Sage vom Tannhäuser im Venusberg. 

Um die Wende jener beiden Jahrhunderte hat man 
überall bei uns vom Venusberg gesprochen und gewußt. 
Er war nicht bloß mit der Tannhäusersage verknüpft, er 
war in aller Leute Mund auch als die Herberge, die hohe 
Schule fiir Nekromanten und Schwarzkünstler. Und diese 
Doppelnatur des Berges muß scharf geschieden werden, auch 
wenn sie gelegentlich in eins verschwimmt. — 

Der Venusberg der fahrenden Schüler wird zwischen 
1450 — 1550 oft erwähnt, ohne daß dabei zugleich der Tann- 
häusersage gedacht würde. War der Venusberg der Tann- 
häusersage Gemeingut des ganzen Volkes, das gern von 
der alten Wundermär des Feenreiches sang und sagte, so 
war hingegen der Venusberg der fahrenden Schüler von 



Der Venusberg. 3 r_ 

dem Volksliede ausgeschlossen, er war so übel beleumdet 
wie die fahrenden Schüler selbst. Überall, wo sie auftreten, 
haben sie im Venusberg die Magie erlernt 1 . 

Und dieser Venusberg — so hieß es allenthalben — 
liegt in Italien. Das wußte z. B. der berühmte Theophrastus 
Paracelsus, der Werke (1588) IX 345 davon spricht; vgl. 
auch Del Rio 1606 Disquis. Magic. I 413. Das wichtigste 
Zeugnis dafür ist ein undatierter Brief von Aeneas Sylvius, 
dem späteren Papst Pius IL, an seinen Bruder (Epist. famil.46); 
er wird in den vierziger Jahren des 15. Jahrhunderts von 
Deutschland aus geschrieben sein. 

Ein kursächsischer Leibarzt — zugleich angesehener 
Astronom — hatte durch einen Boten bei Sylvius anfragen 
lassen, „an Veneris montem apud Italiam sciret; nam ibi 
magicas artes tradi". Sylvius denkt zunächst an Portus 
Veneris — das heutige Porte Venere — und dann an den 
im Altertum der Venus heiligen Berg Eryx in Sizilien, aber 
nie hat er gehört, daß man dort Zauberei lernen könne. 
Nun fallt ihm ein See unweit Nursia (Norcia) im Herzogtum 
Spoleto ein, „ubi praeruptus mons ingentem speluncam 
facit. Illic memini audisse, striges esse et daemones, ac 
nocturnas umbras — ubi, qui audaces animo sunt, specus 
vident allocunturque et artes ediscunt magicas". Aeneas 
Sylvius weiß nur durch Hörensagen von diesem Berge, sein 
Gewährsmann war ein Rechtsgelehrter namens Savinus, und 
jetzt bittet er seinen Bruder recht dringlich, sich womöglich 
mit diesem in Beziehung zu setzen, damit er den einfluß- 
reichen deutschen Arzt mit genauen Ermittlungen zufrieden- 
stellen könne. 

Leider ist des Bruders Antwort nicht erhalten. Aber 
wir dürfen zuversichdich sagen, ihren Inhalt können wir 
nach allem, was uns das 15. und 16. Jahrhundert offenbart, 
vielleicht bis ins einzelne hinein vermuten. 



1 Vgl. darüber den Aufsatz über die fahrenden Schüler unten S. 62 ff- 



32 Der Venusberg. 

Im Jahre 1893 hat A. Graf in einem Aufsatz c Un 
Monte di Pilato in Italia 5 in seinen 'Miti, Leggende e super- 
stizioni del Medio Evo* II 141 — 166 den Pilatussee der sibylli- 
nischen Berge des Apennin zum Gegenstand eindringlicher 
Forschung gemacht und aus dem italienischen Schrifttum 
wichtige Zeugnisse für unsern Venusberg beigebracht. 

Der erste, den er namhaft macht, ist der 1362 ver- 
storbene Benediktinermönch Pierre Bersuire in seinem c Re- 
ductorium morale\ Nach ihm liegt im Apennin bei 
Norcia ein See, nur den Nekromanten zugänglich, die hier 
ihre Bücher dem Teufel weihen. Den in dem See hau- 
senden Dämonen wird jährlich von der Stadt Norcia ein 
Verbrecher zum Opfer dargebracht, damit sie Stadt und 
Land mit Unwetter verschonen. Bersuire hat dies von 
einem Bischof gehört, er weiß auch, daß der Zugang zum 
See mit Mauern verwahrt und von Wächtern gehütet wird, 
welche die Nekromanten von ihrem teuflischen Beginnen 
abhalten sollen. 

Im e Dittamondo 5 spricht Facio degli Uberti, der um 1367 
starb, von einem Berg des Pilatus und einem dämonischen 
See, wohin diejenigen gehen, welche gleich Simon dem 
Magier ihre nekromantischen Bücher vom Bösen weihen 
lassen wollen, woraus Ungewitter entstehen; deshalb werden 
seine Zugänge bewacht. Daß unter dem Monte di Pilato 
der bei Norcia gemeint sei, bemerkt ausdrücklich der Kom- 
mentator des Dittamondo, Guglielmo Cappello (Graf II 151). 

Der Prediger Bernardino Bernavoglia in Foligno, einem 
Städtchen bei Spoleto, schildert in einer Predigt eingehend 
den Unfug der Nekromanten auf einem bei Nursia (Norcia) 
gelegenen Berg, der hier Pilatusberg genannt wird. Nur 
findet der Unfug der Nekromanten nicht in einer Grotte, 
sondern in einem See statt: „Ad hunc lacum conveniunt ho- 
mines de propinquis et remotis partibus et faciunt ibi aras 
cum tribus circulis et ponentes se cum oblatione in tertio cir- 
culo, vocant daemonem nomine quem volunt, legendo librum 



Der Venusberg. 33 

consecrandum diabolo. Qui veniens cum magno strepitu et 
clamore dicit: 'cur me quaeris'? Respondet: Volo hunc librum 
consecrare, id est volo, ut tenearis facere omnia quae in 
ipso scripta sunt, quoties te invocavero, et pro labore tuo 
dabo animam meam. 5 Et sie firmato pacto aeeipit librum 
diabolus et designat in eo quosdam characteres, et deineeps 
legendo librum diabolus promptus est ad omnia mala fa- 
ciendum". Der Prediger fügt ein besonderes Ereignis zur 
Bestätigung seines Berichts hinzu, das für unsere Zwecke 
belanglos ist, nur dadurch vielleicht etwas Interesse be- 
ansprucht, weil sein Gewährsmann — Savinus de Campella — 
mit dem Gewährsmann des Aeneas Sylvius ein und dieselbe 
Person sein könnte. 

Und so haben wir noch festzustellen: auf hohem Berge, 
am Pilatussee, der im Gebiet von Norcia liegt, finden ne- 
kromantische Beschwörungen statt, da schließen Schwarz- 
künstler ihre Pakte mit dem Teufel, verschreiben ihm ihre 
Seele, und der Teufel wird ihnen dann zu allem dienstbereit. 

Mit einem Nekromanten, der so weitgehende Pläne 
hatte, macht uns Benvenuto Cellinis Autobiographie (Goethes 
Übersetzung I 189) bekannt. Es war ein sizilianischer Geist- 
licher, der sich auf die Formeln und Zeremonien der Geister- 
beschwörung verstand. Er gewann den Künstler durch nächt- 
liche Experimente, die gelangen, und plante nun zusammen 
mit Benvenuto Cellini „ein Buch zu weihen, das unendliche 
Reichtümer einbringen sollte. Denn die Teufel müßten uns 
die Schätze zeigen, deren die Erde voll sei, und auf diese 
Weise müßten wir die reichsten Leute werden und der ge- 
schickteste Ort dazu wäre — in den Bergen von Norcia" 1 . 

Das war der Venusberg unserer fahrenden Schüler. 
Nekromanten von nah und fern machten ihn zu ihrem 



1 Auf diesen Bericht des italienischen Künstlers bezieht sich die 
Anspielung im 2. Teil von Goethes Faust (4. Akt) V. 10439 „Der Nekro- 
mant von Norcia, der Sabiner, Ist dein getreuer, ehrenhafter Diener". 

Kluge, Bunte Blätter. 



1 
J 



34 Der Venusberg. 

Reiseziel. Und sollte man im 16. Jahrhundert nicht auch 
unsern Dr. Faust mit dem Venusberg in Zusammenhang 
gebracht haben? Er nannte sich, wie wir wissen, in seiner 
prahlerischen Weise c fons necromanticorum 5 (oben S. 6), und 
der berühmte Züricher Polyhistor Conrad Gesner rechnete 
ihn zu den fahrenden Schülern. Die Legende weiß, daß er 
in Rom und in Venedig gewesen ist. Und der Venusberg 
galt als die hohe Schule der Nekromanten. Man fabelte 
wirklich geradezu von einer Nekromantenschule am Nursiner 
See, die man der Schule von Salamanca gleichstellte; so bei 
Del Rio 1606 Disquis. Magic. I 235. 

Und gern werden gerade deutsche Nekromanten als 
Besucher des Pilatussees bei Norcia genannt. In seiner 
Schilderung über die Mark Ancona erwähnt der Dominikaner 
Leandro Alberti (1550) eine Erzählung des Dominikaners 
Razzano von Palermo, daß einige in der Magie erfahrene 
Deutsche, welche, von der allgemeinen Sage angelockt, mit 
großen Kosten hergereist waren, um sich im See ihre 
Bücher vom Teufel weihen zu lassen, sich in ihren 
Hoffnungen schmählich betrogen sahen. Wir werden auch 
gleich von einem deutschen Edelmann hören, der von einem 
angeblichen Besuch auf dem Nekromantenberg allerlei zu 
berichten weiß. — 

Aber nicht bloß den Venusberg der fahrenden Schüler 
suchten unsere Vorfahren in Italien, sondern auch den Venus- 
berg der Tannhäusersage. Die heidnische Göttin wies nach 
Süden hin. Ein wertvolles Zeugnis, das mir Professor F. Pfaffs 
Gelehrsamkeit beigesteuert hat, bietet i486 Bernhard v. Breiten- 
bachs 'Reise gein Jherusalem 5 . Da lesen wir in einer Schilde- 
rung der Insel Cypern von einer Venusgrotte und einem hohen 
Berg, genannt Frau Venus Berg: „denn da hat sie gewohnt 
und das Land Tusciam genannt nie gesehen, da eüich Leut 
sie vermeinen in einen Berg verstoßen sein und große Lust 
und Freud darin haben, da es doch nichts ist". Der ge- 
lehrte Antiquar, der hier redet, bestätigt den verbreiteten 



Der Venusberg. 35 

Glauben, daß in Tuscia, d. h. in Italien, unser Venusberg 
liege. Und dieser Venusberg, in dem die Göttin große Lust 
und Freude genießt, ist hier nicht der Berg der Nekromanten 
oder fahrenden Schüler — es ist der Berg, in dem nach 
unsern alten Volksliedern Tannhäuser weilt. Den Venus- 
berg verlegte man aber nicht in dunkler Ahnung nach 
dem unbekannten Süden als dem Fabellande, das einst vom 
Preis der Göttin der Liebe widerhallte. Es war ein ganz 
bestimmter Berg, den man bei uns als den Venusberg ansah l . 
Im Jahre 1497 sehen wir einen Kölnischen Patrizier 
— Arnold v. Harff — auf einer Reise von Rom nach Venedig; 
einen angeblichen Abstecher auf den Venusberg von Nocera 
aus (das in seinem Bericht falschlich Noxia genannt wird) 
schildert er mit folgenden Worten: 

Hie zo Noxea hoirten wir sagen van vrauw Venus berch, dae sij 
in vnsen landen vil wonder wercken van saichten, beweechde ich mijn 
gesellen dar zo, dat sij mir zo Heue eyn mijle wolden trecken vss dem 
wege den berch zo besien. dat geschach. eirst quamen wir van Noxea 
oeuer eynen berch zo eyme steetgen heyscht Arieet 

Item van desem steetgen Arieet tzogen wir zo eynem kleynen steetgen 
heyscht Norde, haert dae by lijcht vrau Venus berch, an wylchen berch 
an deme eyn de lijcht eyn berch sloess, daer off woent eyn casteleyn des 
pays, dem wir zo allen geluck in desem steetgen vonden. ich maicht balde 
kuntschaff mit yeme ind saicht yem in latine, wie wir dae in der meynonge 
weren den berch vrau Venus zo besiene, as man vns in vnsen landen vil 
wonders dae van sechte. der casteleyn waert mich an lachen ind dedes 
vnss des avontz gar gude geselschaff. des morgens vro reyt he mit vns 
an den berch. daer inne stund vil locher gehauwen, as vnder Valckenberch 

1 Man kann es als selbstverständlich ansehen, daß gelegentlich die 
Realität des Venusbergs geleugnet wurde. So erhebt Nider um 1470 in 
seinem 'Praeceptorium divinac Legis , I Cap. XI G die Frage „an veritas 
aliqua subsit his quae dicuntur de Monte Veneris, ubi cum pulcherrimis 
feminis dicuntur quidam frui luxuria et voluptate ad placitum. Respondet 
Guilelmus Parisiensis, quod ficticium est totum". Allerdings spricht Guilel" 
mus Parisiensis e De Universo' II cap. 21 nicht ausdrücklich vom Venusberg. 
Geiler v. Kcisersberg in der e Emeis' (G IUI b b ) schließt sich an Nider an: 
„Was ist an Frau Venus' Berg, da sie hinfahren und so gut Leben da ist, 
so viel hübscher Frauen, so viel Tänzens und Springens?" Geiler leugnet 
mit Nider die Realität des Venusbergs. 

3* 



ß6 Der Venusberg. 

ader vnder Triecht, dae man vss dat steetgen ind dat slos gebouwet hait. 
ich geynck mit yeme in die locher. ich koent dae anders nyet zo sien 
krijgen, dan etzliche locher waeren zo geuallen ind etzliche stunden noch 
offen. Item wir tzogen myt dem casteleyne den berch vss, doc loyt hee 
vnss zo gast off dat sloessgen, dae hee vns den myttaich gar gude tzier 
an dede. Item nae myttaghe reyt he mit vns oeuen off desen berch. daer 
off stund eyn kleyne staynde see. by deser see stunt eyn kleyn cappelgen 
wie eyn heyligen huyss. dae inne stunt eyn kleyn allair. dae van saicht 
he vns, dat vurtzijden doe die kunst der nigermancien in der werlt vmb 
gynck, doe lieffen dese seluigen off desen altair ind beswoercn dae den 
boesen geyst, drijuende dae yere nigremancie. Item as dat dan geschiet 
was hoyff sich off dat wasser des cleynen sees in eynen wolcken ind quam 
dan weder her aeff mit eyme donresslage, verdrenckende dat gantze lant dae 
vmbtrijnt drij off vier mylen, so dat dat jair geyn körn dae en woyss. 

Item dit en wolde dat volck nyet me lijden ind clagetdem castelangen 
dys sloss, der van stund an eyn upgereckde galge leyss settzen tusschen 
dat heyligen huyssgen in die see ind dede verbieden dat niemans me off 
dem elter nigermancie doyn en suyldt. der aber dat dede den seid dt man 
an die galge hangen. Item dit vertzalt vnss der casteleyn alsus ind saicht 
vns, dat hee van geynen anderen saichen off der stat nyet me en wyst. 
dae mit schieden wir van im ind tzogen zo Fossata off vnsen rechten 
weech. dit is eyn casteel van Noxea gelegen 6 mylie. 

Soweit der uns interessierende Bericht, der uns in seinem 
wesentlichsten Teil wieder auf den uns schon bekannten 
Venusberg der Nekromanten fuhrt. Aber sehen wir genauer 
zu: v. Harff beschreibt zwei Abstecher auf den Venus- 
berg; beide Abstecher werden getrennt durch das Mittags- 
mahl auf dem Bergschloß (Castelluccio). Des Nachmittags 
wird der Venusberg der fahrenden Schüler besucht. Zuerst, 
am frühen Morgen, reiten sie auf einen Berg mit vielen 
Grotten. Sie wollten den Venusberg besuchen : dieser grotten- 
reiche Berg ist wirklich ein Venusberg, er ist der Venus- 
berg der Tannhäusersage. 

Der deutsche Reisebericht, so dankbar wir ihn benutzen, 
ist leider nicht so erschöpfend, wie wir ihn wünschten. 
Wenn uns Arnold v. Harff sagt, daß sein Cicerone ihm 
keine weiteren Mitteilungen über den Berg gemacht hat, so 
haben wir daneben einen viel zuverlässigeren, viel ernsteren 
Reisebericht eines Franzosen, der den Venusberg der fahren- 



Der Venusberg. 37 

den Schüler von dem Venusberg der Tannhäusersage weit 
schärfer scheiden lehrt, als es nach Harff möglich wäre 1 . 

Im Mittelpunkt der neuesten Untersuchungen über die 
Tannhäusersage steht ein früher kaum beachtetes Werk, das 
der Provengale Antonius de la Säle als Prinzenerzieher am 
Hofe des Königs Rene zwischen 1438 — 1442 unter dem 
Titel 'Der Salat (La Salade) verfaßt hat. Er hat das Buch 
seinem Zögling, dem Prinzen Johann von Anjou, gewidmet. 
Den überraschenden Titel begründet er mit dem mannig- 
faltigen Inhalt, der einem kräuterreichen Salat an Schmack- 
haftigkeit entsprechen solle. Das Buch ist im Anfang des 
1 6. Jahrhunderts zweimal gedruckt, zuerst ohne Datum, dann 
1527. Aber es befindet sich — wie Gaston Paris gesehen 
hat — eine Handschrift aus der zweiten Hälfte des 15. Jahr- 
hunderts auf der königlichen Bibliothek in Brüssel, die Fehler 
der Drucke vermeidet, und nach dieser Handschrift unter 
Zuziehung der Drucke hat Professor Söderhjelm das 4. Ka- 
pitel „du Mont de la Sibille et des choses que je y ay veu 
et oy dire au gens du pai's" abgedruckt. Der Inhalt des 
Kapitels ist in Kürze folgender: 

Im Herzogtum Spoleto im Gebiet von Norcia ist ein 
Berg, genannt der „Berg des Sees der Königin Sibylle" 
oder der „Berg des Pilatussees 44 . Es haften an ihm mehrere 
Pilatussagen, die uns hier nichts angehen; wir verweisen 
darüber mit Söderhjelm wie schon oben auf den sagen- 
geschichtlichen Aufsatz Grafs in seinem Werk 'Miti, Leggende 
e Superstizioni del Medio Evo' (1893) II 141 — 166. Auf 
dem hohen unwirtlichen Berge, den oft Schnee bedeckt, 
liegt der Pilatussee oder Sibyllensee, und in dem See eine 

1 Ein genaueres Studium der Karte, die wir unserm Aufsatze am 
Schlüsse unseres Büchleins beigegeben haben, macht es so gut wie sicher, 
daß Arnold v. Harff die beiden Berge in Wirklichkeit gar nicht besucht 
haben kann; die Ortsangaben seiner Reisebeschreibung sind in sich zu 
widerspruchsvoll, wie mir Professor Pio Kajna in Florenz unter dem 7. April 
1898 mitgeteilt hat. 



7 8 Der Venusberg. 

kleine Felseninsel, die früher ummauert war, stellenweise be- 
stand damals noch das alte Gemäuer des Fundaments. Ein 
kleiner Weg verband früher Insel und Land; die Leute der 
Gegend — so erzählte man unserem Berichterstatter — 
haben diesen Weg völlig zerstört, so daß man keine Spur 
mehr von ihm bemerkt — sie wollten den Besuch der Insel 
durch Nekromanten verhindern, die dort ihre Schriften 
weihten: man hütet und schützt die Insel gegen jeden Be- 
such. Man wußte zu erzählen: jedesmal, wenn ein Nekro- 
mant dort seine unheilvollen satanischen Werke geweiht hat, 
erhob sich ein gewaltiger Sturm über das Land und richtete 
große Verheerungen an. Wen man bei dem Versuch, auf 
der Insel Unfug zu treiben, ergreift, der ist dem Tode geweiht. 
So hatte man erst kürzlich einen Geisdichen und einen 
Laien zusammen bei einem solchen Versuch festgenommen ; 
der Geistliche ist in Norcia verbrannt, der Laie in Stücke 
zerhauen und in den See geworfen worden. 

Unser Berichterstatter hat diesen Pilatusberg mit dem 
Sibyllensee, der das Ziel so mancher Nekromanten gewesen 
ist, nicht selbst besucht. Ihn zog es zu dem benachbarten 
Sibyllenberg, der unmittelbar an den Pilatusberg anstößt; 
nur ein Bach trennt beide. Auf der halben Höhe des 
Sibyllenberges liegt das Städtchen Montemonaco. Man 
kommt noch durch Collina, ehe man die Spitze des Berges 
erreicht, den eine reiche Flora schmückt. Der Berg ist 
weniger hoch als der Pilatusberg, von dem aus man den 
Golf von Venedig und das Tyrrhenische Meer sehen kann. 
Unserem Entdeckungsreisenden fallen unter den Pflanzen 
zwei sonst unbekannte auf, die er uns beschreibt. Auf der 
Spitze angelangt, stieg er einen gefährlichen Pfad hinab an 
den Eingang der Sibyllengrotte; man muß auf Händen und 
Füßen hineinkriechen und gelangt in eine dunkle Kammer, 
die durch ein Loch etwas Tageslicht von oben erhält. An 
der Wand der Kammer, wo er Namen von deutschen und 
französischen Besuchern der Grotte eingehauen fand, ver- 



Der Venusberg. 39 

ewigte sich auch la Säle mit seinem Namen und seinem 
Wahlspruch und dann trat er den Rückzug an. Er ist nicht 
in die weitere Höhle vorgedrungen. Aber Leute von Monte- 
monaco haben ihm darüber berichtet. Kurz vor la Sales 
Besuch hatten fünf junge Burschen aus Montemonaco, mit 
Stricken, Laternen und Proviant ausgerüstet, von der ersten 
Kammer aus sich weiter vorgewagt in einen Gang tief hinein 
bis an eine Erdspalte, wo alle den Mut zu weiterem Vor- 
dringen verloren. Aber — so erfuhr la Säle — der Geist- 
liche von Montemonaco, Don Antonio Fumato, wollte weiter 
vorgedrungen sein. Er hat den Gang passiert und ist dann 
an eine lange Brücke, unter der ein Sturzbach mit gewaltigem 
Getöse hinbraust, und schließlich auf einen geräumigen Weg 
gekommen, an dem zwei Drachenbilder mit flammenden 
Augen stehen. So gelangte er auf einen Platz vor zwei 
eherne Tore, die immerfort auf und zu schlugen. Man hätte 
sie nicht passieren können ohne gepackt und zermalmt zu 
werden. Dort machte der geistliche Herr auch kehrt und 
so ist die Höhle noch immer unerforscht. Leider mußte 
la Säle bald ermitteln, daß Don Antonio Fumato kein ein- 
wandsfreier Gewährsmann war. Derselbe aber wußte noch 
mehr zu erzählen : er hatte einst zwei Deutsche in die Grotte 
geführt, glücklich waren sie zusammen bis zu den ehernen 
Toren vorgedrungen, die beiden Deutschen wagten sich hin- 
durch, kamen aber nicht wieder zum Vorschein. 

So bliebe das Reich der Sibylle allen verschlossen und 
den Menschenkindern unbekannt, wenn es nicht einem be- 
schieden gewesen wäre, hinein- und wieder zurückzugelangen. 

Abermals ist es ein Deutscher, ein deutscher Ritter, 
der Wunderdinge vom Königreich oder Paradies der Sibylle 
vernommen hatte. Er gelangte mit seinem Knappen durch 
jene verhängnisvollen ehernen Tore vor ein großes Kristall- 
portal, und auf sein Pochen fragt man von innen nach seinem 
Namen. Auf die Antwort hin wird der Königin Bericht 
erstattet, dann werden sie hineingelassen. Sie müssen ihre 



40 Der Venusberg. 

Kleider mit neuen Prunkgewändern vertauschen. Unter 
Musik und Gesang führt man sie durch Säle und Gärten, 
zwischen reichgekleidete Frauen und Fräulein, Ritter und 
Knappen hindurch vor die Königin. Auf prächtigem Thron 
sitzend, empfangt sie die Ankömmlinge und begrüßt sie im 
heimischen Deutsch — wer 330 Tage im Paradies der 
Sibylle weilt, spricht alle Sprachen; wer 9 Tage dort ge- 
weilt hat, versteht sie, ohne sie zu sprechen. Die Königin 
eröffnet dem Ritter: „So wie wir jetzt sind, bleiben wir bis 
ans Ende der Welt." Aber auf des Ritters Frage, was 
dann mit ihnen geschehen werde, gibt sie ausweichende 
Antwort. Sie erschließt ihm die Geheimnisse ihres Para- 
dieses. Er dürfe 8 Tage hier weilen und es am 9. ver- 
lassen; wenn er es nicht am 9. Tage verlasse, müsse er 
bleiben bis zum 30. oder dann zum 330.; wenn er es dann 
nicht verlasse, bleibe er für immer hier. Er wie sein Knappe 
dürften sich unter den Damen, die noch keine Gefährten 
hätten, eine Gefährtin wählen. Der Ritter nimmt sich den 
Zeitraum von 8 Tagen vor für sein Verweilen. Aber im 
Paradies der Sibylle verrinnt der Tag wie eine Stunde. So 
bleibt er über den zweiten Termin hinaus. Im Reich der 
Sibylle kennt man keinen Schmerz, man verfügt über alle 
Freuden, die der Sinn begehrt und die Sprache ausdrückt. 
Aber ein Schatten zeigt sich dem Ritter. Alle Freitage um 
Mitternacht verlassen die Frauen und Fräulein ihre Gefährten 
und schließen sich zusammen mit der Königin in besondere 
Kammern ein, wo sie bis Samstags um Mitternacht ver- 
bleiben — als Nattern und Schlangen. Zwar sind sie am 
nächsten Tage schöner als je zuvor. Aber dieser Gestalten- 
tausch gibt dem Ritter böse Ahnungen. Sein Gewissen 
erwacht am 300. Tage, er weiß, daß er bei dem Teufel 
haust und in arger Sünde dahin lebt. Nun denkt er nur 
noch an den Abschied. Aber wie ihm zuvor der Tag wie 
eine Stunde verrann, so erscheint ihm jetzt die Stunde wie 
10 Tage. Er teilt seine Reuegedanken dem Knappen mit, 



Der Venusberg. 41 

der sich seinerseits nicht gern von dem Freudenleben trennen, 
doch auch seinen Herrn nicht verlassen möchte. So nehmen 
sie denn beide am 330. Tage von der Königin Abschied. 
Eine Gefährtin übergibt ihm im Auftrag ihrer Herrin noch 
ein goldenes Stäblein, das wunderbare Eigenschaften besitzt, 
und nachdem sie ihre früheren Kleider wieder angezogen, 
scheiden sie aus dem Paradies der Sibylle unter der Trauer 
ihrer Gefährtinnen wie aller Bewohner des Paradieses. 
Brennende Kerzen, die man ihnen mit auf den Weg ge- 
geben, erleuchten ihnen den unterirdischen Rückweg hin bis 
zum Tageslicht, wo sie von selbst erlöschen; nie wieder 
hat man sie anzünden können. 

Der Ritter wendet sich stracks gen Rom, um schleunig 
seine Sünde in wahrer Reue zu beichten. Aber der Beich- 
tiger, an den er sich wendet, verweigert die Absolution 
eines so großen Frevels und verweist ihn an den Papst. Die 
Angaben über diesen schwanken — sagt la Säle; die einen 
nennen Innocenz VI. (1352), andere Urban V. (1362) oder 
Urban VI. (1377). Der Papst, dem der Ritter das goldene 
Stäblein aus dem Sibyllenreich übergibt, freut sich innig 
über des Sünders Reue und nimmt sich vor, ihm einen 
Tag der Absolution zu bestimmen. Aber um ein Exempel 
aufzustellen, erklärt er die Sünde als unsühnbar und in er- 
zwungenem Zorn jagt er den Ritter von sich. 

Der Ritter ist in Verzweiflung. Ein Kardinal verspricht 
ihm, den Willen des Papstes umzustimmen. Aber die Zeit 
vergeht, und der Ritter erhält keine Absolution. Mittler- 
weile hängt der Knappe in seinen Gedanken Tag und Nacht 
den Freuden nach, die er verlassen mußte, und jetzt sucht 
er seinen Herrn zur Rückkehr ins Paradies der Sibylle zu 
bestimmen. In seinem Frevelmut spiegelt er dem Ritter 
vor, man wolle ihnen den Prozeß machen und suche sie 
beide zu töten. Verzweifelt kehrt der Ritter nun gerades- 
wegs zurück zur Sibyllengrotte. Ehe er hineingeht, sagt 
er den Hirten, die auf der Höhe des Berges ihre Herden 



42 Der Venusberg. 

hüten: „Wenn Leute einen Ritter suchen, der seine Sünde 
bereute, dem aber der Papst sie nicht hat vergeben wollen, 
weil er hier in der Sibyllengrotte geweilt hat, sagt, ich 
hätte das leibliche Leben nicht preisgeben mögen, nachdem 
ich das Leben meiner Seele nicht habe wieder erlangen 
können: will man mich finden, so findet man mich bei 
dieser Königin." Den Hirten gibt der Ritter noch einen 
Brief gleichen Inhalts für den Stadthauptmann von Monte- 
monaco. Dann tritt er weinend — gefolgt von seinem 
Knappen, der nicht weint — in die Höhle ein, und nie- 
mals seitdem hat man wieder von ihm gehört. 

Inzwischen hat der Papst sich entschlossen, dem Ritter 
die ersehnte Absolution zu erteilen, aber er muß leider 
hören, daß der Ritter Rom verlassen hat. Im Gefühl der 
eigenen Schuld sendet er Boten mit schriftlicher Absolution 
nach allen Richtungen, besonders nach dem Sibyllenberg. 
Aber diese hören nur noch den Bericht der Hirten und lesen 
den Brief an den Stadthauptmann von Montemonaco. Natür- 
lich hatte auch unser gewissenhafter Berichterstatter — 
la Säle — den Wunsch, dies wertvolle Dokument einzu- 
sehen, um wenigstens den Namen des deutschen Ritters 
festzustellen. Aber er mußte leider hören, daß die päpst- 
lichen Sendboten den Brief mit nach Rom genommen 
hätten, wo er auf Befehl des Papstes verbrannt worden sei. 
La Säle hörte weiter noch, daß der Papst den Zugang zur 
Sibyllengrotte unzugänglich machen ließ und den Besuch 
der Grotte streng verbot 1 . 

Wir sehen in der Darstellung la Sales den Nekro- 



1 La Säle hat seinem Reisebericht auch eine Zeichnung des Sibyllen- 
berges beigegeben — so gewissenhaft ist er! Man beachte, daß auch 
Murner 15 19 in der 'Geuchmatt' Kap. 56 ein Phantasiebild des Berges mit 
der Tannhäusersage zusammen entwirft. Als Abbildung aus dem Bereich 
der Tannhäusersagc ist noch eine Zeichnung in einer alten 'Ars memorandi' 
der Mttnchener Handschrift Cgm 4413 fol. 176 (Seh m eil er s Bayrisches 
Wörterbuch I 608) zu erwähnen. 



Der Venusberg. 43 

mantenberg und den Berg mit dem unterirdischen Paradies 
der Liebe streng voneinander geschieden. Der Venusberg 
des deutschen Volksglaubens hat beide Berge unter einem 
Namen geeint, wie es ja auch benachbarte Berge sind 
und ihre italienischen Namen (Monte della Sibilla und 
Monte del Lago della Sibilla) einander nahe stehen. Dieser 
doppelte Ausgangspunkt der am Ende des Mittelalters 
bei uns zirkulierenden Fabeleien vom Venusberg ist ein 
erstes Ergebnis, das wir aus la Sales Werk entnehmen. 

Wir lernen weiter daraus den Venusberg der Tann- 
häusersage und — wunderbar genug — die Tannhäusersage 
selbst eingehend kennen. La Sales Werk ist zwischen 
1438 — 1442 entstanden, aber er erzählt uns selbst, daß er 
seine Forschungsreise auf den Monte della Sibilla im Mai 
1420 gemacht hat, und wir dürfen annehmen, daß alles, 
was sein Bericht enthält, auf dieses Jahr zurückweist. Also 
1420 lebte in Montemonaco am Monte della Sibilla die Sage 
von einem deutschen Ritter, der fast ein Jahr im Paradiso 
della Regina Sibilla gewesen, von Reue über die schwere 
Sünde getrieben es wieder verlassen, in Rom bei dem Papst 
vergebens Absolution nachgesucht habe und dann verzweifelt 
in die Sibyllengrotte zurückgekehrt sei. Das ist die Tannhäuser- 
sage, wenn wir auch den Namen des deutschen Ritters, den la 
Säle trotz seiner Bemühungen nicht hat feststellen können, in 
diesem ältesten und eingehendsten Sagenbericht vermissen. 

Wir vermissen auch noch das Stabwunder. Aber die 
deutschen Sagenforscher, die sich um die Tannhäusersage 
bemüht haben, sehen schon lange in diesem schönen Motiv, 
das den Reiz der Sage im Volksliede des 16. Jahrhunderts 
erhöht, einen sekundären Zuwachs, der von andern Sagen 
aus an unsere Sage herangewachsen. Und la Sales Erzäh- 
lung, die von dem Stabwunder nichts weiß, ist wohl eine 
willkommene Bestätigung für diese Auffassung. Aber sie 
lehrt uns auch vielleicht, wie das Motiv vom Stabwunder 
mit der Tannhäusersage verwachsen konnte. Wir haben 



44 Der Venusberg. 

gesehen, daß unser Sagenheld beim Abschied aus der Si- 
byllengrotte auf den Befehl der unterirdischen Königin ein 
goldenes Stäblein von seiner Gefährtin überreicht bekommt. 
Und dieses Stäblein (verge d'or) * ist so klein, daß man es 
kaum sehen kann, und hat wunderbare Eigenschaften, die 
aber niemand mehr weiß. Solche Geschenke übergibt die 
Sibylle jedem bei dem Abschied aus ihrem Königreich. 
Und mit diesen Geschenken verbindet sich durch das ganze 
spätere Leben hindurch Glück und Reichtum. Aber der 
reuige Sünder hat die Schätze, die dem Bereich der bösen 
Mächte entstammen, dem Vertreter Gottes auf Erden aus- 
zuliefern, und so übergibt der deutsche Ritter das goldene 
Stäbchen in der Beichte dem Papst. 

Es ist immer schon aufgefallen 2 , wie der Papst im 
Volkslied dazu kommt, bei der Beichte einen dürren Stab 
in der Hand zu halten. Freilich in der ältesten Liedversion 
(bei Uhland, Volkslieder II 761) ist es durchaus ein Stäb- 
lein und kein Stab. 

Der Papst hätt ein Stäblein in seiner Hand 
Und das was also dürre: 
„Als wenig das Stäblin grünen mag, 
„Kumst du zu Gottes Hulde." 

Keine deutsche Sagenspur gibt eine Erklärung dir das 
Stäblein oder den Stab (Stecken) in der Hand des Papstes. 
Löst der Bericht la Sales das Rätsel? Stammt des Papstes 
Stäblein im alten Volkslied aus dem von la Säle geschil- 
derten Sibyllenreich? 

Neben dem Stabwunder vermissen wir in der Erzählung 
des Südfranzosen noch den getreuen Eckart im Paradies der 

1 Gaston Paris faßt die vergette oder verge d'or als einen Ring. 
"Wir werden später sehen, daß — nach Del Rio — der Schwarzkünstler 
Scottus einen Ring von der Sibylle erhalten haben wollte. Aus einem andern 
Bericht über die Sibyllengrotte — bei Leandro Alberti — hören wir, daß 
Glück und Reichtum im späteren Leben des von der Sibylle Beschenkten 
gewöhnlich ist. 

2 Vgl. Gräße, Der Tannhäuser und der ewige Jude S. 28. 



Der Venusberg. 45 

Sibylle. In allen deutschen Quellen der Tannhäusersage im 
15. und 16. Jahrhundert — schon in der 'Möhrin' des Her- 
mann von Sachsenheim und bei Hans Sachs, wie auch im 
alten Volksliede — ist er im Venusberg. Wie Tannhäuser 
das Reich der Venus verlassen will, verlangt die Göttin: 
„Nehmt Urlaub von dem Greise." Die ehrwürdige Gestalt 
des treuen Warners haftete tief im deutschen Glauben: sie 
war eine mit dem Venusberg verwachsene Figur, aber mit 
der Tannhäusersage selbst steht sie in keinem unmittelbaren 
Zusammenhange. Man hat jedoch auch Grund genug an- 
zunehmen, daß der getreue Eckart nicht von Hause aus im 
Venusberg heimisch ist: er scheint durch Übertragung aus 
Bergsagen, die vom wütenden Heer erzählen, sekundär erst 
mit dem Venusberg verknüpft zu sein. Und dann dürfte 
immerhin la Sales Bericht als Beweis dafür gelten, daß in 
der ältesten Sagengestalt der getreue Eckart dem Venus- 
berg noch fremd ist. Die poetische Gestalt des greisen 
Warners wäre von der Sage nicht leicht preisgegeben, sie 
hat zu viel Zauber, als daß die Volksphantasie sie fallen 
gelassen hätte, wenn sie einmal mit unserer Sage verwachsen 
war. Allerdings werden wir bald sehen, daß das Fehlen 
des getreuen Eckart im Paradies der Sibylle noch eine ganz 
verschiedene Erklärung zuläßt. 

Noch bleibt uns ein wichtiger Unterschied der italieni- 
schen Sagenform bei la Säle gegenüber der deutschen Sagen- 
form hervorzuheben — in der Auffassung des Papstes. 
Unsere Volkslieder enden mit seiner Verdammung: „Drum 
muß der vierte Papst Urban Auf ewig sein verloren." Er 
hat die Gnade Gottes verwirkt durch die Herzenshärtigkeit, 
mit der er einem reumütigen Sünder die Vergebung der 
Sünden verweigert hat. 

Der Papst hat ein Stäblein in seiner Hand 
Und das war also dürre. 
„So wenig das Stäblein grünen mag, 
„Kumst du zu Gottes Hulde." 



46 Der Venusberg. 

Im Gegensatz zu der priesterlichen Uberhebung kündet Gott 
selbst durch das Stabwunder, daß die Liebe von oben auch 
der Sünden Menge deckt. Dieser antipapistische Schluß 
gegen Urban IV. ist gewiß alt und echt, er ist notwendig. 
So dürfen wir wohl annehmen, daß die italienische Sagen- 
gestalt auf jüngerer Umformung beruht — das strenge Ge- 
richt über einen Nachfolger Petri ist beseitigt: der Papst 
stellt sich erzürnt, in Wirklichkeit freut er sich über die 
Reue des Sünders und verschiebt die Absolution nur. Diese 
papstfreundliche Version ist rein lokal, wir merken die Nähe 
Roms an diesem Schluß der Sage, wie sie am Monte della 
Sibilla galt. — 

Den gelehrten Sagenforschern, die uns in la Sales 
Werk eine älteste Quelle der Sage vom Tannhäuser im 
Venusberg neu erschlossen haben, danken wir noch ein 
älteres Zeugnis für den Sagenberg. Wir werden abermals 
nach Italien gewiesen und hören von einem um 1400 ent- 
standenen, noch heute viel gelesenen Prosaroman: er ist 
betitelt e Guerino il Meschino' (über seinen Verfasser Andrea 
da Barberino vgl. Gasparys Geschichte der italienischen 
Literatur II 265). Schon Reinhold Köhler hat, wie wir 
nachher sehen werden, den Guerino-Roman in Sachen Tann- 
häusers zur Vergleichung zugezogen. Aber erst mit dem 
Bekanntwerden von la Sales Schilderung des Sibyllenberges 
ist die Beziehung des Romans auf die Sage in helles Licht 
gerückt. 

Guerino durchzieht die Welt, um seinen Vater auf- 
zusuchen. Nach langem, vergeblichem Mühen wird er an 
die Sibilla Cumana gewiesen: sie weiß alle Geheimnisse der 
Gegenwart und der Vergangenheit. Zuerst wendet sich 
Guerino nach Calabrien, dann zieht er auf den römischen 
Apennin — dort ist seit lange ihr Wohnsitz — und zwar 
nach Norcia, um den Monte della Sibilla, der hier auch 
Monte della Fata Alcina heißt, und seine Grotte aufzu- 
suchen. 



Der Venusberg. 47 

Guerino hört in Norcia genug des Abschreckenden über 
das nahe Gebirge von dem Wirt der Herberge, der vor 
dem Besuch des Sibyllenberges warnt; das Land rings um 
den Zugang zum Berge sei weithin öde; Raubvögel hausten 
dort; Einsiedler hätten dort eine Wohnung; von den Be- 
suchern der Grotte seien nur wenige je zurückgekehrt. Aus- 
länder, die Guerino auf dem Marktplatz ausforscht, wissen, 
daß von drei Besuchern der Grotte einer für immer dort 
zurückgeblieben sei; auch habe ein vornehmer Franzose 
namens Lionel versucht, in die Grotte zu dringen, aber er 
sei durch einen furchtbaren Sturm zurückgetrieben. Trotz 
aller Warnung macht Guerino sich auf den Weg, der Wirt 
der Herberge begleitet ihn über ein Bergschloß (Castelluccio) 
bis zur Einsiedelei. Die Einsiedler warnen den Jüngling, 
aber die Begierde, seines Vaters Schicksale von der Sibilla 
Cumana zu erfahren, siegt über alle Warnungen. Unter den 
Segenswünschen und Ratschlägen der Einsiedler setzt er 
allein die mühselige Reise fort. Er gelangt wirklich in die 
Sibyllengrotte und dringt vor bis zum ehernen Portal, das 
die Inschrift trägt: „Wer durch dieses Tor eingeht und bei 
Ablauf eines Jahres nicht zurückkehrt, wird erst am jüngsten 
Tage sterben und dann ewiglich verdammt werden. 1 * Guerino 
klopft dreimal an das Tor. Drei Fräulein öffnen und be- 
grüßen den Ankömmling, den sie bereits erwartet hatten. 
Nachdem er seine Kleider mit neuen Prunkgewändern ver- 
tauscht hat, naht die Fee selbst, umgeben von fünfzig 
schönen Fräulein, selbst die schönste von allen. Ihre Schön- 
heit wäre für Guerino verhängnisvoll geworden, wenn nicht 
die Weisheitslehren der Einsiedler sein Gewissen rege ge- 
halten hätten. Die Fee führt den Ankömmling durch ihren 
paradiesischen Garten und zeigt ihm alle ihre Schätze. Von 
Liebe zu ihm entbrannt, entfaltet sie ihre Künste, den Jüng- 
ling zu bestricken. Aber standhaft entzieht er sich mit dem 
Namen des Erlösers ihren Reizen. Das wunderbare Obst, 
das er in der Grotte sieht, weckt in ihm den Verdacht, hier 



48 Der Venusberg. 

liege Blendwerk vor. Und bald beobachtet er, wie die Be- 
wohner des Feenreiches sich alle Samstage in Schlangen 
und Nattern wandeln und erst Montags früh, wenn der Papst 
in Rom seine Messe endet, wieder ihre menschliche Gestalt 
annehmen. Vergebens bemüht sich Guerino, von der Sibylle 
Kunde über seinen Vater zu vernehmen. Nur wenn er ihre 
Wünsche erfülle, verspricht sie Auskunft. Aber er bleibt 
standhaft und so schwindet das Jahr. Am letzten Tage 
nimmt er Abschied von den Bewohnern des Feenreiches 
und von der Sibylle. In seinen früheren Kleidern kehrt er 
ans Tageslicht zurück, besucht auf dem Rückwege mit 
dankbarem Herzen die frommen Einsiedler, deren Warnungen 
ihm Standhaftigkeit verliehen haben, und wendet sich über 
Norcia alsbald nach Rom, wo der Papst ihm in Anbetracht 
des Zweckes der Reise und weil er den Verfuhrungskünsten 
der Sibylle nicht erlegen sei, Absolution für den Besuch der 
Sibyllengrotte erteilt. 

Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß der 
Verfasser dieses Romans in dem Helden, der den Lockungen 
in der Feengrotte widersteht, ein Gegenstück hat schaffen 
wollen zu einem Helden, der in den Freuden des unter- 
irdischen Paradieses aufgeht und schließlich dafür die ewige 
Seligkeit verwirkt. Die erbauliche Tendenz tritt mehrfach 
zutage: die wiederholte Einkehr bei den frommen Einsied- 
lern und vor allem die Standhaftigkeit Guerinos gegen die 
Verfuhrungskünste der Sibylle, die reuige Beichte und die 
erzielte Absolution — das alles deutet auf einen stillen Kon- 
trast gegen jene Sagengestalt, die wir durch la Säle kennen. 
Und wir gelangen somit für die Sage vom Tannhäuser im 
Venusberg zu dem Schluß: sie muß schon vor la Säle in 
Italien bekannt gewesen sein am Ende des 14. Jahrhunderts, 
und sie spielte schon damals in der Grotte des Sibyllen- 
berges. Und wenn am Ende des 15. Jahrhunderts der 
Kölner Patrizier v. Harff die Tannhäusersage in seinem Be- 
richt nicht ausdrücklich erwähnt, so dürfen wir wohl an- 



Der Venusberg. 49 

nehmen, daß er an der Stelle seines Berichts, wo er den 
ersten, den morgendlichen Ritt auf den Venusberg mit den 
Grotten nur andeutungsweise konstatiert, gewiß an die Tann- 
häusersage gedacht hat. Er wird nicht weit in das Innere 
der Grotte vorgedrungen sein und nichts besonderes be- 
obachtet haben als eben die Existenz der Grotten. Wenn 
er sich dann eingehender über den Venusberg der fahrenden 
Schüler geäußert hat, so konnte ihn ein aktuelles Interesse 
dazu bestimmt haben: A. v. Harff lebte eben in der Blüte- 
zeit der fahrenden Schüler. Jedenfalls haben wir kein Recht, 
Harffs Schweigen über die Tannhäusersage irgendwie gegen 
la Säle und den Guerino-Roman ins Feld zu fuhren. 

Vergleichen wir den Bericht des italienischen Romans 
mit dem la Sales, so bemerken wir einen Unterschied in der 
Auffassung der Königin Sibylla. Im Guerino-Roman hat 
die Sibylle noch die nächste Verwandtschaft mit der alten 
Sibylle von Cumae: Guerino sucht sie auf, um Kunde zu 
erhalten, wo sein Vater weile — sie weiß um alle Ge- 
heimnisse der Gegenwart wie der Vergangenheit, sie heißt 
noch die Sibilla Cumana, mit welchem Namen sie auch 
später in einem 1885 von Reinhold Köhler angezogenen 
Ariostkommentar erwähnt wird. Aber mit diesem uralten 
Sibyllencharakter vereinigt sie schon im Roman den Sinnen- 
reiz der Venus, ihr paradiesisches Reich hat mit der alten 
Sibylle von Cumae sonst nichts mehr gemein. Und wenn 
la Säle das unterirdische Paradies mit seinem Sinnenglück 
kennt, ohne von der Sibyllennatur der Königin zu wissen, 
so drängt sich uns die Frage auf: ob die Doppelnatur der 
Sibylle einmal auf die beiden Nachbarberge verteilt war, so 
daß an dem Monte del Lago della Sibilla, d. h. an dem 
Venusberg der fahrenden Schüler, die ältere Auffassung 
haftete, während der Monte della Sibilla die unserer Frau 
Venus entsprechende Sibylle mit dem unterirdischen Para- 
diese barg? So dürfen wir vielleicht auch annehmen, daß 
unsere Bezeichnung 'Venusberg' eigentlich nur dem grotten- 

Kluge, Bunte Blätter. A 



JO Der Venusberg. 

reichen Sibyllenberg zukommt; der Venusberg der fahrenden 
Schüler hat, wie es scheint, ursprünglich gar kein Anrecht 
auf diese Benennung. 

Sind wir auf Grund von la Sales Darstellung berechtigt, 
den Venusberg der Deutschen aus dem Monte del Lago della 
Sibilla und dem Monte della Sibilla — beide zur Gruppe 
der Monti Sibillini auf dem römischen Apennin gehörig — 
abzuleiten, so muß doch auch anerkannt werden, daß in 
Italien wie in Deutschland beide Berge in der Volksphan- 
tasie verschmelzen konnten. Zumal bei uns drängte der 
einheitliche Name Venusberg auf eine Verbindung der nekro- 
mantischen Fabeleien mit dem unterirdischen Feenreiche. 
Arnold v. Harff will beide Berge bestiegen haben, aber 
sein Bericht klingt, als ob es nur ein Berg gewesen wäre. 
So ist der Venusberg der fahrenden Schüler zugleich der 
Venusberg Tannhäusers, wenn sich bei Hans Sachs (1550) 
im Fastnachtsspiel 'Der fahrend Schüler im Paradies 5 ein 
Schwindler einführt mit den Worten: 

Ich bin im Venusberg gewesen; 
Da hab ich gesehen manchen Buhler. 
Wiß, ich bin ein fahrnder Schuler 
Und fahr im Lande her und hin. 

So hatte schon Murner die ursprünglich getrennten 
Vorstellungen miteinander vermischt, wenn er 1512 in der 
'Narrenbeschwörung 5 6, V. 5 1 ff. einen fahrenden Schüler als 
einen Buhler aus Frau Venus Berg bezeichnet, der viel vom 
Tannhäuser sagen kann. 

Auch bei Paracelsus (Werke 9, 345 Basel) fließen die 
Anschauungen ineinander, wenn er „dem Venusberg in 
Italien", in dem Tannhäuser und andere mehr gewesen 
seien, feenhafte Bewohner gibt, „die alle Menschen, die sie 
lieben, auch wieder lieb haben, aber der sie hasset, auch 
hassen; darum wer sich ihnen verbindt oder verschreibt, 
dem geben sie Kunst und Gelds genug; sie wissen auch 
unsern Sinn und Gedanken, damit wir sie leichüich be- 



Der Venusberg. 5 1 

wegen, daß sie zu uns kommen". Auch auf romanischem 
Boden sind beide Berge gelegenüich durcheinander geraten. 
Bei Del Rio (1606 Disquis. Magic. I 674), der übrigens 
den Bericht des la Säle unmittelbar neben dem Brief des 
Aeneas Sylvius mit Beziehung auf den Venusberg erwähnt, 
wird nach einer Schrift eines Crespetus 'de odio Satanae' 
(disc. 6) die aktenmäßige Darstellung eines in Paris sich 
abspielenden Hexenprozesses zugezogen, in welchem ein An- 
geschuldigter — Mirabellius natione Arpinas — aussagt: 
ein gewisser Scottus, der auch lange in Frankreich gelebt 
habe und als Schwarzkünstler vor Fürsten oft erstaunliche 
Proben seiner Kunst abgelegt und Schule gemacht habe, sei 
bei der Sibylle in der Nursiner Grotte gewesen: „hanc exi- 
guae esse staturae, in sella humili sedere, capillitio soluto 
et in terram dependente"; er habe von der Sibylle ein 
Zauberbuch und, in einen Fingerring eingeschlossen, einen 
Dämon erhalten; mit Hilfe von Buch und Ring könne er 
sich an jeden beliebigen Ort bei günstigem Winde versetzen. 
Der Eingang zur Grotte werde auf päpstlichen Befehl be- 
wacht, damit niemand zur Sibylle könne; jedesmal nämlich, 
wenn jemand *— einerlei ob Magier oder nicht — mit der 
Sibylle verhandle, suchten gewaltiger Sturm und Donner- 
wetter die Gegend heim. 

In diesem Bericht sehen wir die Anschauungen über 
den Sibyllensee verbunden mit denjenigen über die Sibyllen- 
grotte, und wir erinnern uns, daß schon 100 Jahre früher 
Aeneas Sylvius, der allerdings nur vage Kunde hatte, in jenem 
Brief die Sibyllengrotte mit dem Sibyllensee verwechselt. — 

Das frühe Auftreten der Sage vom deutschen Ritter 
im Sibyllenberg drängt uns nun zu der Frage nach der 
Heimat der Tannhäusersage. Sowohl der Guerino-Roman 
(um 1400) wie la Sales Bericht von seiner im Mai 1420 
ausgeführten Besteigung des Monte della Sibilla könnten 
wohl den Verdacht erregen, daß die Tannhäusersage auf dem 
römischen Apennin zuhause sein möchte. 

4* 



52 Der Venusberg. 

An dem rein italienischen Ursprung des Glaubens an 
das Paradies der Königin Sibylle haben wir keinen Grund 
zu zweifeln, auch wenn wir die Lokalisierung der Sibylle 
auf die beiden Berge nicht weit zurückverfolgen können. 
Grafs und Söderhjelms Nachweise gehen nicht über 1350 
zurück; da hören wir zuerst in dem 'Reductorium Morale' 
des Pietro Bersuire von dem übel beleumdeten Gebirgssee 
bei Norcia, wo Geister hausen und Nckromantcn verkehren; 
aber die Sibylle wird hier noch nicht erwähnt. Wir 
haben von der Zukunft zu erwarten, daß das Alter der 
Benennungen der Monti Sibillini, des Monte del Lago della 
Sibilla und des Monte della Sibilla genauer ermittelt wird. 
Wir wissen bis jetzt nur, daß die Sibylle am Ende des 
14. Jahrhunderts hier fest lokalisiert war. Sind etwa die 
Grotten des Sibyllenbergs erst spät entdeckt, weil sie so 
spät in unsern Gesichtskreis treten? Das Altertum weiß 
hier noch nichts von einer Sibylle. 

Die Sibylle ist vielleicht keine ererbte Sagenfigur aus 
dem altitalischen Volksglauben. Wenigstens ist das Wort 
'Sibilla' selbst kein volkstümliches Erbwort; ein solches hätte 
vielmehr 'Sevella' oder 'Sevolla* zu lauten. Das Wort ist eine 
gelehrte Erneuerung aus dem Altertum. 

Aber die Sage selbst wird doch echt volkstümlich sein. 
Die Sibylle ist Königin in dem unterirdischen Paradiese, 
in dem ihre Untertanen ein Freudenleben in unerschöpflichen 
Wonnen fuhren bis zum Ende der Welt, wo das jüngste 
Gericht sie der ewigen Verdammnis überweist. Pracht und 
Herrlichkeit, Naturschönheit und Frauenschönheit, Sinnen- 
lust und Sinnen glück beleben das unterirdische Paradies. 
Dem deutschen Ritter bei la Säle schwindet im Genießen 
der Tag schneller als sonst die Stunde — „ein Jahr war 
ihnen eine Stunde", sagt das Tannhäuserlied, das um 1830 im 
Entlibuch (Kanton Luzern) gehört wurde. Aber dem ernsteren 
Beobachter muß sich allwöchentlich in diesem Glück die 
ahnungsvolle Gewißheit aufdrängen, daß alles Teufelswerk 



Der Venusberg. 53 

sei. An jedem Samstag nach la Säle, an jedem Samstag 
und Sonntag nach dem Guerino-Roman, bleiben die Frauen 
von ihren Kavalieren getrennt und leben verwandelt als 
Schlangen und Nattern, um dann wieder um so schöner 
ihre frühere menschliche Gestalt anzunehmen. Von diesem 
Zug, der also um 1400 auf italienischem Boden fest haftete, 
hat das deutsche Tannhäuserlied in seinen älteren Fassungen 
nichts bewahrt — man weiß, wie schlagfertig und prägnant 
es den Stoff nur in seinen Höhen mit dramatischem Leben 
wiedergibt. Aber neuere schweizerische Fassungen bewahren 
den alten Zug mit bewunderungswürdiger Treue. Man höre 
den Anfang der St. Gallischen Liedversion nach L. Toblers 
Schweizerischen Volksliedern (1882) I 102: 

„Tannhuser war ein wundrige Knab, 
Groß Wunder geht er zu schauen, 
Er geht wohl uf Frau Vrenes Berg 
Zu den dri schöne Jungfraue. 

Die sind die ganze Woche gar schön, 
Mit Gold und Side behänge, 
Hand Halsgeschmeid an und Maienkron — 
Am Suntig sind's Olre und Schlange." 

Schon Reinhold Köhler hat zu dieser Liedgestalt in 
seiner umfassenden Gelehrsamkeit auf den Guerino-Roman 
hingewiesen 1 und noch dazu auf einen alten Kommentar 
zu Ariosts 'Rasendem Roland 5 (43, 98), wo es heißt: „Im 
Gebirge zu Norcia ist der Eingang zur Grotte, in der die 
Sibilla Cumana mit ihren zahlreichen Fräulein wohnt; sie 
verwandeln sich alle an jedem Freitag in Schlangen." Wir 
wissen zwar von Reinhold Köhler auch, daß gleiche oder 
verwandte Züge in manchen Feensagen wiederkehren. Aber 

1 Anzeiger für deutsches Altertum XI 78. Übrigens wußte schon 
Goethe von dem Guerino-Roman und, wie es wohl scheinen kann, auch 
von la Säle; im Anhang zur Cellini-übersetzung II 359, wo Goethe über 
die Beziehungen des Künstlers zu dem sizilianischen Nekromanten spricht, 
kommt er darauf im Zusammenhang mit den Sibyllenbergen bei Norcia. 



54 Der Venusberg. 

das Zusammentreffen des St. Gallischen Tannhäuserliedes 
mit dem erst jetzt wieder bekannt gewordenen Bericht des 
la Säle deutet doch wohl auf einen alten integrierenden 
Bestandteil der Sage vom Venusberg. 

Wir kommen zu dem Schluß: die Liebesgrotte ist ein 
Werk der italienischen Volksphantasie; die glühende Sinn- 
lichkeit des Südens hat sie geschaffen, im Süden lernen wir 
sie zuerst kennen. Und der deutsche Venusberg weist mit 
dem lateinischen Namen der Göttin der Liebe auch auf den 
Süden hin. Die deutsche Sage vom Sinnenglück der Liebes- 
grotte des Venusbergs ist gewiß aus dem Süden zu uns 
gedrungen. 

Dann aber gehört der getreue Eckart, unser altdeutscher 
Sagenheld, gar nicht in den Venusberg. Man kann wohl 
noch erkennen, wie er mit der Sage verwuchs. Seit Tann- 
häuser in den Venusberg zurückgekehrt ist, sitzt der ge- 
treue Eckart vor dem Berge und warnt die Leute hinein- 
zugehen, es möchte ihnen sonst ergehen wie dem Tann- 
häuser — so lautet Agricolas Sagenbericht in den Sprich- 
wörtern 5 Nr. 669. Vor dem Venusberg hat der getreue 
Warner zunächst einen berechtigten Platz erhalten. Und 
dann erst hat man gelegendich wohl gemeint, wenn er nun 
vor dem Berge sitze, müsse er zuvor im Venusberg gewesen 
sein. In der 'Möhrin ? des Hermann v. Sachsenheim (um 1450) 
sehen wir ihn im Venusberg und, wie wir oben sahen, auch 
in den alten Volksliedern vom Tannhäuser. 

Aber noch erübrigt uns die Frage: warum weicht der 
deutsche Name des Berges so auffällig ab von der italieni- 
schen Benennung ? Fraglos ist unsere Bezeichnung treffender 
als ihr Vorbild (Monte della Sibilla). Der romanische Süden 
gibt uns bisher keinen Aufschluß über den Namenwechsel. 

Venus ist aus der lateinischen Vagantenpoesie des 
Mittelalters in unsern Minnesang geraten. Es ist eine mittel- 
alterliche Wiedergeburt der altitalischen Göttin in den Kreisen 
weltfroher Kleriker, und schon in der Mischpoesie der e Car- 



Der Venusberg. 



55 



mina Burana' begegnen wir ihr. Eine der frühesten Schöp- 
fungen aus den Kreisen der Kleriker, wohl um 1160 ent- 
standen, zeigt uns die Göttin der Liebe noch umgeben von 
dem Latein, in das sie ursprünglich hinein gehörte: 



Stetit puella 
bl einem boume, 
scripsit amorem 
an einem loube. 



Dar chom Venus also fram; 
caritatem magnam, 
vil höhe minne 
b6t si ir manne. 



So begegnen wir auch in Liedern von Minnesängern 
bald der Venus, und ihr Lob ist seitdem nie wieder ver- 
stummt. 

Durch die Venus der Vaganten und Minnesänger war 
der Import der Sage von der Venusgrotte vorbereitet. Und 
es ist nicht ausgeschlossen, daß es ein fahrender Sänger 
gewesen ist, der eine südliche Lokalsage nach Deutschland 
verpflanzte. Manche ritterliche Sänger aus der Blüteperiode 
unserer mittelalterlichen Literatur treffen wir in Kaiserurkunden 
auf italienischem Boden, so Friedrich von Hausen, Bernger 
von Horheim, Diebold von Hohenburg u. a. Ein echter 
Repräsentant des höfischen Minnesangs ist Ulrich von 
Lichtenstein, der als Frau Venus verkleidet von Oberitalien 
bis an die böhmische Grenze zog. Und wenn es auch 
bei dem Marner heißt: „maneger saget maere von Röme, 
die er nie gesach" — so war doch gewiß die Verpflanzung 
einer südlichen Sage nach Norden im Zeitalter der Hohen- 
staufen durch den regsten Verkehr mit dem Süden wohl 
ermöglicht. Aber angeeignet hat sich die deutsche Volks- 
sage den Venusberg erst mit der Tannhäusersage. 

In la Sales Bericht haben wir chronologische Angaben 
über den Helden der Sage vom Sibyllenberge angetroffen; 
seine Nachforschungen datieren das Abenteuer des deutschen 
Ritters zwischen 1352 und 1389: der Gewährsmann schwankte 
— wie wir sahen — zwischen den Päpsten Innozenz VI. 
(1352 — 1362), UrbanV. (1362 — 1370) und Urban VI. (1378 
— 1389). Aber unsere alten Lieder vom Tannhäuser nennen 



56 Der Venusberg. 

Urban IV. (1261 — 1264) als den Papst, der dem fränkischen 
Ritter Tannhäuser die Absolution für den Aufenthalt im 
Venusberg verweigert hat. 

Der Tannhäuser des Volkslieds und der Volkssage ist 
der Minnesinger Tannhäuser, ein Sänger, in dessen letzten 
Lebensjahren Papst Urban IV. das Statthalteramt Petri be- 
kleidete. Als Kreuzfahrer ist er im Orient gewesen. Bei 
Kreta hat er Schiffbruch gelitten und wird über Italien 
heimgekehrt sein. Sein Leben füllt etwa die Jahre 1205 
bis 1270. Seine Dichtung ist üppig in der Ausmalung 
sinnlicher Motive, in der realistischen Schilderung reizvoller 
Frauenschönheit und verliebter Schäferstunden. Er fühlt sich 
erhaben über den Minnedienst, der auf Genuß verzichtet. Er 
lebt im Genuß, bis Herr Seltenreich, Herr Mangel, Herr 
Schaden bei ihm einkehren. Heimados und sorgenvoll ist 
er umhergezogen, und in Reue über sein sündenvolles Leben 
wendet er sich an Gott und die hl. Jungfrau in brünstigem 
Gebet. 

So wird die Verschmelzung des deutschen Minnesingers 
mit der italienischen Sage von der Venusgrotte (Caverna 
della Sibilla) doch wohl nicht zufallig sein. Hat der ge- 
schichtliche Tannhäuser den Deutschen zum ersten Male die 
Liebesgrotte des Venusberges bei Norcia in Liedern aus- 
gemalt? Aber wir wollen die Ergründung der Tannhäuser- 
sage nicht versuchen 1 und nur noch feststellen: wie die 
italienische Sage von der Venusgrotte unsern einheimischen 
Sagen fest einverleibt worden ist, so ist umgekehrt die 
deutsche Tannhäusersage am Ende des 14. und im Beginn 
des 15. Jahrhunderts nach Italien verschleppt. 

Die Sagengestalt, die wir im Guerino-Roman und in 
la Sales Werk kennen gelernt haben, ist nicht autochthon 
in Montemonaco, wo man sie erzählte. Deutsche Reisende 

1 über die weitschichtige Tannhäuserliteratur vgl. jetzt den zusammen- 
fassenden Aufsatz von Prof. Wolfgang Golther und die dazu gehörigen 
bibliographischen Anmerkungen in der 'Walhalla' III 15 — 67. 



Der Venusberg. 57 

haben bei ihren Besuchen auf dem sagenberühmten Monte 
della Sibilla die deutsche Tannhäusersage dorthin getragen. 
Und bei den wiederholten Nachforschungen, die Deutsche 
dort anstellten, bürgerte sich allmählich, wenn auch vorüber- 
gehend, unsere Tannhäusersage dort ein. Was la Säle dort 
im Mai 1420 erzählen hörte, war die deutsche Sage, wie 
sie ja auch von einem deutschen Ritter handelt. 

In der Tat sind die Deutschen am Ausgang des Mittel- 
alters zumeist interessiert für den Monte della Sibilla. In 
der Eingangsgrotte zum unterirdischen Reich der Sibylle 
kopierte der sorgfältigste Geograph des Sagenberges, la Säle, 
die Inschrift: „Her Hans Wanbanbourg Borg intravit"; also 
ein deutscher Ritter hatte sich hier verewigt. In Monte- 
monaco hörte derselbe la Säle von zwei Deutschen, die mit 
dem Geistlichen Antonio Fumato die Grotte besucht haben. 
Um die gleiche Zeit soll nach dem Züricher Chorherrn 
Hemmerlin in seinem um 1450 geschriebenen, aber erst 1497 
gedruckten Dialogus c de Nobilitate' (Bl. 94a) ein Schwyzer 
nahe bei Norcia und dem Kastell Montefortino den Sibyllen- 
berg besucht und daselbst mit schönen weiblichen Geistern 
sich aufgehalten haben (Burckhardt, Kultur der Renaissance 
I 3 5^ ff)- Ungefähr um dieselbe Zeit, in die der Kölner 
Arnold v. HarfF seinen allerdings mehr als problematischen 
Besuch des Venusbergs verlegt, berichtet das 'Evagato- 
rium' des Ulmer Bruders Felix Fabri, der in den 80er Jahren 
des 15. Jahrhunderts zweimal zum gelobten Lande pilgerte, 
bei Gelegenheit der Insel Cypern und der daselbst lokali- 
sierten Venusverehrung auch von dem Venusberg auf dem 
Apennin, unweit von Rom; er verknüpft das Tannhäuser- 
lied damit 1 und weiß auch davon zu berichten, daß es 

1 Dieses ist wohl die frühste Erwähnung unseres Volksliedes, das 
dann auch schon um die Mitte des 15. Jahrhunderts bestanden haben 
muß: „Unde de hoc Carmen confictum habetur, quod manifeste a vulgo 
per Alemanniam canitur de quodam nobili Suevo, quem nominant Danhuscr, 
de Danhusen villa prope Dünckelspüchel." 



58 Der Venusberg. 

gerade Deutsche sind, die es dorthin zieht: „In tantum autem 
hac fama dementati sunt Alemanni, ut multi simplices ad 
hos famatos peregrinentur montes, et dum contingit aliqueni 
mori, amici sui famant, eum raptum a Venere in montem; 
alii redeuntes dieunt se vidisse, quae a phantasticis auditu 
didicerunt." Wenn Bruder Felix dann angibt, daß unter 
Papst Nikolaus V. (1447 — 1455) scharfe Bestimmungen gegen 
den Besuch des Berges erlassen wurden und daß wütende 
Hunde den Zugang zu dem verdächtigen Bezirk bewachten, 
so scheinen ihm Tannhäuserberg und Nekromantenberg 
wieder zusammengeflossen zu sein (Evagatorium III 221). 

Und vom Venusberg unserer fahrenden Schüler wissen 
auch die romanischen Quellen, daß es in erster Linie Deutsche 
sind, deutsche Schwarzkünstler, die ihn zu ihrem Reiseziel 
machen. In einer Beschreibung Italiens von Fra Leandro 
Alberti (Descrizione di tutta l'Italia, erschienen 1550) wird 
die Angabe des italienischen Bischofs Razzano aus der zweiten 
Hälfte des 15. Jahrhunderts erwähnt, daß deutsche Gelehrte 
mit großem Kostenaufwand den Pilatussee aufgesucht hätten, 
um ihre Schriften dort dem Teufel zu widmen, aber unver- 
richteter Sache zurückgekehrt seien. 

Aber auch Franzosen waren für beide Berge interessiert. 
In der ersten Grotte des Sibyllenberges fand la Säle in- 
schriftlich den Namen eines Thomin de Pons (Pous), worin 
er einen Franzosen oder Engländer vermutet; er erzählt 
ferner die Geschichte von einem Südfranzosen namens 
Seigneur de Pacs oder Pacques, die er in Montemonäco 
hörte. Im Guerino-Roman wird ein französischer Ritter 
namens Lionel als Besucher der Grotte erwähnt. 

Das paradiesische Feenreich der Sibylle auf dem Apennin 
lebte aber nicht bloß in der Phantasie von Romanen 
und Germanen. Noch im 16. Jahrhundert weiß ein 1579 
in Prag erschienenes, aber nur in einer Abschrift auf uns 
gekommenes Volksbuch in tschechischer Sprache davon zu 
erzählen, in einem wie schönen Orte die Königin Sibylle 



Der Venusberg. 59 

ihre Wohnung hat und wie mühsam zwei böhmische Priester 
zu ihr gelangt sind. Vage Anklänge an den Guerino-Roman 
sind in diesem phantastischen Bericht über einen Besuch 
bei der Sibylle nicht zu verkennen, aber spezifisch deutsche 
Farben, die an unsere Frau Venus und an unsern Tann- 
häuser gemahnen, fehlen darin. An die Realität eines 
Sibyllenberges jedoch erinnert in dem tschechischen Bericht 
keine Spur mehr 1 . Und so verblaßte auch bei uns all- 
mählich im 16. und 17. Jahrhundert das Wissen von dem 
wahren Venusberg. 

Erwähnung verdient immerhin, daß ein in Sachen der 
Tannhäusersage viel zitiertes Buch — e Mons Veneris, Fraw 
Veneris Berg durch Henric. Kornmannum', Frankfurt a. M., 
16 14 — von dem wahren Sachverhalt schon gar nichts 
mehr weiß. Aber im e Promptuarium Germanico-Latinum' des 
Jesuiten Wolfgang Schönsleder 1681 findet sich unter der 
Überschrift 'Syllabus Locorum antiquis novisque verbis 
nuncupatorum' eine Fülle von Ortsbenennungen. In der 
Editio novissima 1688 steht auf der letzten Seite des vor- 
letzten Blattes (LH 3a Spalte 2) die Glosse: „Venusberg 
Fiscellus mons unde Nar fl. oritur. Mons Sibyllae vulgo." 
Fiscellus ist der alte Name der Monti Sibillini, und Nar ist 
der heutige Nera, der dort entspringt. 

In dem c Viatorium' von Frölich (1644), II 1 14 finden wir 
folgende weniger genaue Ortsangabe: „InApennino monte 
Marchiae Anconiae in Italia immane horribileque est antrum 
quod Sibyllae caverna vel Mons Veneris vulgo dicitur, de 
quo superstitiosi multa fabulosa recitare solent". Als der 
brandenburgische Prinz Christian Ernst auf seiner italienischen 
Reise die Grotte der Sibylle von Cumae besuchte, mochte 

1 Mitteilungen über die tschechische Version der Sibyllensage ver- 
danke ich Herrn Prof. Söderhjelm in Helsingfors; derselbe wird im An- 
schluß an eine Veröffentlichung von Herrn Dr. Wenzel Tille in den 
Neuphilologischen Mitteilungen (Helsingfors) im Sommer 1908 eine deutsche 
Übersetzung des tschechischen Textes herausgeben und erläutern. 



ÖO Der Venusberg. 

die fürstliche Reisebegleitung auch von dem Sibyllenberge 
auf dem Apennin hören ; jedenfalls erinnert die Beschreibung 
dieser Reise auch an den Venusberg. Sigismund von Birken 
1669 Brandenburgischer Ulysses S. 149 berichtet darüber: 
„Noch eine solche Sibyllen-Höle ist zu finden auf dem Gebirge 
Apennini unfern von dem Castel S. Maria in Gallo, welche 
von den Anwohnern der Venus-Berg genennet und viel 
Dings davon gefabelt wird." 

So verklingt allmählich im 17. Jahrhundert die Sage 
vom Feenreich der Liebesgrotte. 

Aber der poesieumwobene Berg des unterirdischen 
Paradieses ist nicht allein der Venusberg unserer Vorfahren. 
Für uns Deutsche hat der Venusberg jener fahrenden Schüler, 
zu denen auch Dr. Faust in seinen Erdentagen gehört hat, 
ein gleiches Interesse zu beanspruchen. Es ist der gewaltigste 
in der mächtigen Kette der Monti Sibillini — der Vettore 
(2449 m hoch) mit dem Lago di Pilato auf seiner Ostseite 
in einer Höhe von 1940 m. In den ältesten Berichten, die 
wir vorführen konnten, treffen wir den jetzigen Namen 
noch nicht, den wir in den von Söderhjelm zugezogenen 
Sagenzeugnissen zuerst in Trissinos Epos Italia liberata 
da' Goti 5 1547 begegnen. La Säle nannte den Berg noch 
den Berg des Pilatussees oder des Sibyllensees, auch 
kurzweg den Pilatusberg. Jetzt gibt uns die italienische 
Generalstabskarte zum ersten Male ein genaues Bild von 
den Bergen bei Norcia, die für unsere Sagenkunde so be- 
deutsam sind. Die vier Kartenblätter No. 132 werden vor- 
aussichtlich bald manchen Pilger in das alte Fabelland be- 
gleiten, den es zum Venusberg hinzieht. Wen aber der 
Völksglaube des 15. und 16. Jahrhunderts dorthin führt, der 
ziehe auf der Spur Tannhäusers zum Monte della Sibilla, 
aber auch auf der Spur der fahrenden Schüler zum Lago 
di Pilato auf dem Vettore. 



Die fahrenden Schüler. 

Ist uns der geschichtliche Dr. Faust als Repräsentant 
des absterbenden Mittelalters verständlich, so gehören auch 
die Fabeleien vom Nekromantenberg und vom Sibyllenberg 
in das Zeitalter des ungezügelten Aberglaubens. Der Hexen- 
wahn hat durch das 14. und 15. Jahrhundert immer weitere 
Kreise gezogen. Und so endet das Mittelalter mit der be- 
rüchtigten Hexenbulle 'Summis desiderantes 5 des Papstes 
Innozenz VIII. vom 5. Dezember 1484 und dem nicht 
minder berüchtigten 'Hexenhammer 5 (Malleus Maleficarum) 
von Heinrich Institoris und Jakob Sprenger (1487). Beide 
Veröffentlichungen richten sich hauptsächlich gegen Ober- 
deutschland, befestigen den Hexenwahn durch offizielle 
Lehre und entflammen die Scheiterhaufen der Inquisition. 
So gewinnt der Aberglaube kirchliche Sanktion, und in der 
Zeit um 1500 steigern sich seine Spuren in unserer Literatur. 
Aber alles, was sich auf Aberglauben bezieht, knüpft in 
dieser Zeit an die fahrenden Schüler an. 

Wir kennen das Geschlecht der fahrenden Schüler aus 
Schilderungen des 16. Jahrhunderts. Es waren abenteuernde 
Schwindler und Landstreicher, die mit Erfolg auf die 
Leichtgläubigkeit und Dummheit des ungebildeten Volkes 
rechneten, mit Amuletten und Zauberformeln Wunderkuren 
versprachen, sich auf Schatzgräberei verstanden, gestohlenes 
Gut zurückschaffen wollten und mit Teufelsbannen und 
Prophezeiungen gequälte Seelen täuschten. Das arme, un- 
wissende Volk um sein sauer erarbeitetes Geld zu prellen, 
das war ihr einziger Beruf. Unter zahlreichen Namen werden 



6 2 Die fahrenden Schüler. 

sie in der damaligen Literatur erwähnt; sie heißen Land- 
fahrer oder Landstreicher, Strichlinge, Stozenierer, 
Kuntzenspieler oder -jäger, wohl auch Bettelstudenten 
und zumeist eben fahrende Schüler. 

Sie treten im Beginn des 16. Jahrhunderts besonders 
stark in der Literatur hervor. So schildert sie 1508 der 
berühmte Humanist Bebel in seinen 'Facetien 5 (Bl. A 5 b): 
„Sunt quidam scholastici, qui cum nullius bonae frugis sint 
neque operis nee studeant nee laborare velint, vagantur 
hincinde mendicando variisque artibus et illusionibus atque 
praestigiis simplices rusticos circumveniunt dicentes se fuisse 
in Monte Veneris (nescio quae mentientes), ubi omnem ma- 
giam didicerint; pollicenturque mirabilia, de quibus multa in 
Triumpho Veneris scripsi". Ähnlich schildert sie Trithemius 
mit Merkmalen, die er an seinem Zeitgenossen Faustus be- 
obachtet haben mochte: es waren alchimistische Gaukler, 
die unter dem Titel von Professoren der Nekromantie Ge- 
waltiges versprechen und ankündigen; sie haben immer 
einige selbstverfaßte alberne Traktädein bei sich, denen sie 
Plato oder Aristoteles als Verfassernamen Vordrucken; arme 
Hungerleider wie sie sind, ziehen sie aus Schwindeleien 
ihren Lebensunterhalt. Sie hantieren mit alten Zauberbüchern, 
die schon in der Mitte des 15. Jahrhunderts unter dem Namen 
des Albertus Magnus oder als e Salomonis Schlüssel 5 (Clavi- 
cula Salomonis) oder als c Crepusculum matutinum' (d. h. 
Morgenrot) im Schwange waren. So zog im Elsaß in der 
Mitte des 16. Jahrhunderts solch ein fahrender Schüler um- 
her, der mit dem uralten Zauberwort 'Abracadabra' Fieber- 
kranke mit Erfolg behandelte. Mehrfach wird überliefert, 
daß sie sich äußerlich durch Abzeichen (gelbes Band oder 
Mütze) als Glieder eines größeren Verbandes gaben und 
stracks vom Venusberg zu kommen vorspiegelten. Auch Hans 
Sachs schildert sie 1550 so in seinem Stück f Der fahrend 
Schüler im Paradies 5 , wo er ungebildete Bauersleute einem 
fahrenden Schüler zum Opfer werden läßt mit einer Schwin- 



Die fahrenden Schüler. 63 

delei, die harmloser im Volksmärchen festgehalten ist. In 
einem andern Fastnachtsspiel e Der fahrend Schüler mit dem 
Teufelsbannen' legt Hans Sachs 1 5 5 1 folgende Selbstcharakte- 
ristik einem Vertreter dieser Menschenklasse in den Mund: 

Es ist uns auffgesetzt allsandt 

daß wir stetig im Land umwandern 

von einer hohen Schul zur andern, 

daß wir lernen die schwarze Kunst 

und dergleich andre Künste sunst. — 

Wo man einem etwas hat gestohlen, 

das können wir eim wieder holen. 

Wen Augenweh und Zahnweh kränken, 

dem könn' wir ein* Segn an' Hals henken, 

Fürs Geschoß (Hexenschuß) Wundsegen wir auch haben. 

Wir könn' wahrsagen und Schätz graben, 

auch zu Nacht auf dem Bock ausfahren. 

Einen andern Vertreter der fahrenden Schüler führt 
Hans Sachs 1556 in dem Schwank vom 'Unhuldenbannen* 
bei einem Bauern ein: 

Eins mals an einem Pfinztag spat 
ein farender Schuler zu im eintrat, 
wie sie denn umgingen vor Jahren 
und lauter Baurenbscheißer waren. 
Der sagt her große Wunderwerk, 
wie er kam aus dem Venusberg, 
war ein Meister der schwarzen Kunst; 
macht dem Bauern einen blauen Dunst. 

Diese zweifelhafte Gesellschaft war, wie wir den Versen 
des Hans Sachs entnehmen, um 1550 abgestorben. Und 
so bittet in Kirchhofs 'Wendunmut 5 1562 ein Mitglied jenes 
„vor Jahren" weitverzweigten „Ordens böser fauler Betriegler 
und nichtsnutziger Buben" einen Wagner, ihm als einem 
Magister der sieben freien Künste, der im Venusberg ge- 
wesen wäre, etwas zur Zehrung zu schenken. Die schwäbische 
Chronik des Crusius schildert diese absterbende Gesellschaft 
zum Jahre 1544 mit den Worten: „fingebant apud rusticos 
et homines simplices, se in Monte Veneris fuisse, mira vi- 



64 Die fahrenden Schüler. 

disse, scire quae essent, quae fuissent, quae Ventura essent 
etc., se potestatem habere in furias vel exercitum furiosum". 

Die Blütezeit der fahrenden Schüler war die Wende 
des 15. — 16. Jahrhunderts. Und wenn der schwäbische 
Chronist Crusius zum Jahre 1544 über sie berichtet, so mag 
ihm das Ende des Hauptrepräsentanten derselben, unseres 
Dr. Faust, den Anlaß dazu gegeben haben. Das wichtigste 
Zeugnis für diese schlecht beleumdete Menschenklasse liefert 
bei Lebzeiten des Dr. Faust der um 1510 zum erstenmal 
gedruckte, nachher oft aufgelegte TLiber Vagatorum'. Eine 
wertvolle Quelle für die Kultur- und Sprachgeschichte jener 
Zeit, bietet das Büchlein eine lebenswahre und anschauliche 
Schilderung vom Bettler- und Vaganten wesen; und die fahren- 
den Schüler werden mit bebandelt. Da heißt es: „Vagierer 
sind Bettler oder Abenteurer, die ein gelb Garn tragen und 
aus dem Venusberg kommen und die schwarze Kunst können 
und werden genannt fahrende Schüler, wo sie in ein Haus 
kommen, sprechen sie: Hie kommt ein fahrender Schüler, 
der sieben freien Künste ein Meister, ein Beschwörer der 
Teufel für Hagel, für Wetter und für alles nicht geheure, 
darnach so spricht er etliche Zauberformeln und macht zwei 
oder drei Kreuze, dann glauben die Bauern, er könne zau- 
bern, und sind froh, daß er gekommen ist, und sie haben 
nie keinen fahrenden Schüler gesehen und sprechen zu 
dem Vagierer: Das ist mir begegnet oder das; könnt ihr mir 
helfen, ich wollt euch einen Gulden oder zwei geben. So 
spricht er ja und betrügt den Bauern um sein Geld. Conclusio: 
Vor diesen Vagierern hüt dich" (Vgl. Rotwelsch I 42). — 

Nach so manchen Zeugnissen, in denen die fahrenden 
Schüler mit dem Teufel im Bunde erscheinen, war der 
gotteslästerliche Unfug — an dem auch oft verkommene 
Kleriker beteiligt waren — den kirchlichen Organen ein 
Greuel. Die Kirche schloß von ihren Segnungen alle aus, 
die sich den fahrenden Schülern anvertrauten und anhingen. 
Eine alte Handschrift bei Schindler II 405 gibt die Be- 



Die fahrenden Schüler. 65 

Stimmung: „die an farend Schueler Glauben haben und 
Sprich oder Seng von ihn gelert haben oder Brief von ihn 
genomen, sind von der Communion ausgeschlossen." Denn 
der Theologie setzte dieses zweifelhafte Geschlecht gefahr- 
liche Pseudowissenschaften entgegen. Das waren die sieben 
freien Künste, als deren Vertreter sie sich gaben. Ein Ma- 
gister der sieben freien Künste war gar nichts anderes als 
eben ein Schwarzkünstler. Hochfahrende Wortzusammen- 
setzungen, die das Latein zusammen mit dem Griechischen 
hergab, mußten den Schwindlern Ansehen und Gewicht 
verleihen: necromantia, pyromantia, hydromantia, chiromantia, 
aeromantia, scapulomantia, geomantia, das klang mit den 
gelehrten Namen wie hohe Weisheit und war doch nichts 
als abgefeimte Schwindelei, gegen die Staat und Kirche 
vergebens ankämpften. 

Schon in der Mitte des 15. Jahrhunderts blühte die 
Gilde der Nekromanten, und ihr Tun und Treiben hat in 
einem Werke von Dr. Joh. Hartlieb eine eingehende Schilde- 
rung erfahren. Er w r ar mit den Wissenschaften und Pseudo- 
wissenschaften seiner Zeit hinlänglich vertraut, hatte Philo- 
sophie und Medizin studiert und erfreute sich als Schrift- 
steller eines guten Namens bei hohen Herren. Dem Mark- 
grafen Johann von Brandenburg, den die Folgezeit mit dem 
Namen des Alchimisten gekennzeichnet hat, widmete er sein 
Buch von den verbotenen Künsten, worin die Nekromantie 
mit ängstlicher Vorsicht, aber zugleich auf Grund umsich- 
tiger Nachforschungen behandelt wird. Er hat sich augen- 
scheinlich bemüht, die Schwarzkünstler in ihrer eigenen 
Literatur kennen zu lernen. Was viele Zeugnisse des 16. Jahr- 
hunderts bestätigen, das tritt uns auch in Hartliebs Dar- 
stellung entgegen: Zauberbücher, als deren letzter Ausläufer 
der famose Höllenzwang des Dr. Faust zu gelten hat, mußten 
mit ihren seltsamen Charakteren, Figuren und Symbolen den 
Nekromanten Ansehen und Gewicht verleihen. Da hören 
wir wie sonst so oft vom 'Cl^viculum Salomonis 5 ; dazu tritt 

Kluge, Bunte Blätter. - 



66 Die fahrenden Schüler. 

das 'Sigillum Salomonis', als drittes c J erauc hia\ als viertes 
c Stamphoras 5 (Kap. 24). „Es sind auch ertliche bücher in 
der kunst, die lernen wie man sol mit kreuttern, stainen 
und wurtzen die tiufel pannen und besweren; als das buch 
kyrannidorn, das lert wie man sol kreuter, stain und vischen 
und gefügel zu samen tun in ain mettal, das dann auch dar 
zu geaignet ist" (Kap. 26). Noch zahlreiche andere Bücher 
macht Hartlieb namhaft, in denen die schwarze Kunst ge- 
lehrt wird; auch er kennt ein derartiges Buch, das dem 
Albertus Magnus zugeschrieben wird, hält es aber nicht für 
ein echtes Werk des großen Weltweisen (Kap. 27). Ein- 
gehender verweilt er dann (Kap. 28) bei einem Haupt- und 
Grundbuch der Nekromanten: „Es ist noch ain buch in diser 
verpoten kunst, das haist man das gesegnet buch und weicht 
mans auff den hohen, wilden bergen da selb; mit dem buch 
werden all verlait und verfürt, die da mit umbgand; wann 
si müssen sich dem tiufel ergeben und yeglicher mit sein 
selbs plut dem tiufel sich zinßber verschreyben, und machen 
der selben ampt der tiufel sechs und viertzig. Also muß 
der maister yedem ampt sein besunder opfer geben. Das 
ist daz aller schnödest buch, daz in der kunst ist. Auch wie 
oft und vil wirt da got und sein hailiger nam geunehret und 
verschmächt; dasselb buch liber Consecratij hatt all list und 
auff sätz in Im, die man in der Nigramancia erdenken mag; 
die maister des buchs haben da von wes sie begern zu tun; 
daz tund si doch allain, wann es got verhengt. Es geben 
ir lebtag ain zeit, darnach sind si williclich ymmer und ewielich, 
ir sünd und verzweyflung ist so groß, das selten erhört ist, das 
ir ainer wider zu gnaden kommen ist: so gar sind si an got 
verzweyflot; das ist der aller böst artikel aller Nigramancia. 
Wann man daz wort sol außlegen als yst derg spricht, so ist 
Nigramancia ain kunst, die da tut erwecken die toten, die 
dann künftig und vergangen ding sagen. Aber genennt diß 
wort Nigramancia ingemain und berürt gar vil stuck der 
ungelauben und zaubrey" etc. 



Die fahrenden Schüler. 67 

Wenn Hartlieb im 28. Kap. ausdrücklich hervorhebt, 
daß die Nekromanten „auf hohen, wilden Bergen" ihr ge- 
segnet Buch dem Teufel weihen, und dabei den Venusberg 
nicht namhaft macht, so kann er auch an einen Berg 
des deutschen Sprachgebietes denken. Der Pilatus — oder 
wie man im Mittelalter sagte, der Frakmont (lat. Fractus 
Mons) — mit dem kleinen See auf der Bründlialp teilte das 
Ansehen mit dem Venusberg. Da haftete unter dem Einfluß 
der Pilatussagen der Glaube, daß hier der Verkehr der dem 
Teufel zugetanen Menschen mit dem Urheber alles Bösen 
die größte Wirkung habe. Wer von Gott abfällt, findet hier 
Hilfe beim Teufel. „Am Sonntag nach S. Laurentius des 
Jahres 1387 mußten vor Schultheiß und Rat der Stadt 
Luzern die Kleriker Johannes Machofried von Gengenbach, 
Johannes Brunollwer von Überlingen, Nicolaus Bruder von 
Thurgau, Ulrich Gürtler von Lenzburg, Rudolf Nitwe und 
Johannes Rathsinger, beide von Luzern, Urfehde schwören 
wegen der Gefangenschaft, in die sie gelegt worden waren da- 
für, daß sie versucht hatten, den Gipfel des Frakmont und den 
Pilatussee zu ersteigen" (Ztschr. d. Vereins f. Volksk. 1907, 
XVII 52). Auch das Volksbuch von Pilatus kommt in der 
1478 geschriebenen Sarner Handschrift auf diesen Nekro- 
mantenberg zu sprechen: „man hatt die selben gelegenheit 
gar in guoter huot, also das nieman dar uff komen getar 
by hocher buosse; wan so da ieman dar uff gienge dur 
wunders willen oder durch muottwillen, so wurde gar gros 
ungewitter von haglen und von tonren, das grosser schade 
da von kerne, als dik beschechen ist" (ebd.). 

Auf Bergeshöhen, wo man dem Weltgeist näher ist als 
sonst, vermutet das Volk überall den Verkehr der zum 
Übernatürlichen hinstrebenden Nekromanten mit den bösen 
Mächten. Öfter als vom Blocksberg (Fastn.-Sp. 255, 20 
die do sagen, das sie mit der Perchten und bilbissen oder 
truten farn auf den Pruckelperg) liest man im 16. und 
17. Jahrhundert von einem Heuberg. Es wußte nicht jeder 

5 # 



68 Die fahrenden Schüler. 

Bescheid um diesen Heuberg, wie man vielfach auch nichts 
von der realen Existenz eines Venusberges wußte. Aber 
im neueren Aberglauben liegt der Heuberg in Schwaben. 
„Auf dem Heuberg bei Rottenburg a. N. kommen alle Frei- 
tagnacht die Hexen zusammen und tanzen unter einem 
großen Apfelbaum" (Meier, Deutsche Sagen, Sitten und 
Gebräuche aus Schwaben 1852, I 181). In einem Günz- 
burger Hexenprozeß fahren die Hexen auf den Höwberg, 
einige Stunden von Günzburg (Birlinger, Sagen, Legenden, 
Volksaberglauben 1874, I 124). So weiß schon der berühmte 
Arzt Theophrastus Paracelsus, „wie die Unholden ihr Bul- 
schafft haben auff dem Höberg, unnd da zusammen kommen, 
und erlangen von den Geistern Kunst, damit sie umbgandt" 
(Libro V de origine morborum Invisibilium , Bücher und 
Schriften I 242). In dem c Theatrum de Veneficis 5 1586 
(S. 313a) lesen wir in einer Schrift Lichtenbergs (Entdeckung 
der Zauberey): „es ist ihn not, daß sie zusammen kommen, 
das beschickt dann auff etliche Zeit, besonder auff Sambstag 
oder ander Fest, kommen sie zusammen durch ihre Pedellen 
berufft, an heimliche ort wie gesagt, auff den Hewberg, 
Laubenlinden, wo das ist." Gödelmann, Von Zauberen 
(1592) S. 195 spricht von der Walpurgisnacht „auf dem 
Blocksberg oder Hewberg". Vgl. Wolfhart Spangenberg, 
Mammons Sold (161 3) V. 580 ff.: „Was ist das für ein 
Gauckelspiel? Greth was hast du für ein gezabel? Was thut 
ihr mit der Ofengabel? Wolt ihr beyd auff den Hewberg 
fahren." Auch bei Martin, New Parlement (1637) S. 601 
geschieht der Zusammenkünfte von Hexen auf dem Heuberg 
Erwähnung. 

Den fahrenden Schülern des deutschen Sprachgebietes 
entsprachen damals die italienischen e Ceretani', die vor allem 
im Herzogtum Spoleto ihr Unwesen trieben. In ihrem 
Namen liegt vielleicht die Quelle des modernen e Charlatans\ 
Die Schwindler vom Typus der fahrenden Schüler gehören 
Italien und Deutschland gleichmäßig wie der Venusberg an. 



Die fahrenden Schüler. 69 

Und unser Dr. Faust, den das alte Volksbuch auch in Rom 
auftreten läßt, soll nach Melanchthons Bericht in Venedig 
einen Versuch in der Kunst des Fliegens unternommen 
haben. 

Wir erwähnen zwei Italiener, die damals großes Auf- 
sehen machten. Im Jahre 1503 starb im Alter von 34 Jahren 
ein italienischer Chiromantikus mit Namen Bartholomäus 
Cocles, ein Prahlhans mit dem weiten Repertoire unseres 
Faustus. Und Trithemius hat uns einen andern italienischen 
Schwarzkünstler, der im Jahre 1501 in Paris Aufsehen er- 
regte, mit fast denselben Zügen geschildert wie den Sabelli- 
cus Faustus; der oben S. 14 erwähnte Heidelberger Astrolog 
Virdung scheint zu dem einen wie zum andern Beziehungen 
gehabt zu haben. Dieser Wundermann hieß Johannes, aber 
er ließ sich Mercurius nennen. Es war ein ebenso an- 
maßender wie ungebildeter Mensch, der durch seltsame 
Kleidung und maßlose Prahlereien Aufsehen zu erregen ver- 
stand. Obwohl des Lateins fast unkundig, prahlte er, daß 
er Latein, Griechisch und Hebräisch und die gesamte Wissen- 
schaft völlig beherrsche und Philosophen und Theologen 
samt und sonders geringschätze. Alles, was er äußerte, waren 
hochtrabende Geheimnisse, Versprechungen und Prophe- 
zeiungen; ohne die Hilfe dämonischer Mächte konnte er mit 
seiner alchimistischen Geheimweisheit Erfolge aufweisen. 

Wenn Italien und Deutschland schon durch das 15. Jahr- 
hundert hindurch von fahrenden Schülern, d. h. von Nekro- 
manten und Schwarzkünstlern, heimgesucht wurden, die mit 
ihrem Besuch auf dem Venusberg im Herzogtum Spoleto 
prahlten, so wird schon das 14. Jahrhundert Repräsentanten 
derselben Menschenklasse hinlänglich gekannt haben. In 
diese Zeit gehört noch ein mittelhochdeutsches Gedicht von 
'einem wilden schulere', worin ein sonst unbekannter Jo- 
hann von Nürnberg sein Leben als fahrender Schüler be- 
handelt hat. Das von Wilhelm Grimm aus der Gothaer 
Handschrift Ch. 216 veröffentlichte Gedicht (Altdeutsche 



70 Die fahrenden Schüler. 

Wälder II 49), das allerdings einem sicheren Verständnis er- 
hebliche Schwierigkeiten entgegenstellt, möge hier einen Platz 
finden: 

De Vita Vagorum. 

Nu höret ein fremdes mere 

von mir wilden schillere. 

ich spranch in einen orden 

von angest und von sorgen: 
5 min kloster daz ist so wit, 

daz ez daz mer umbegit. 

swelich man sin kint woll morden, 

der tu ez in unsern orden 

und ist er frum, er wirt enwicht; 
10 kein frummer der enfugt uns nit. 

min wille der ist swere, 

da mit ich daz bewere: 

die munich die schern ab ir har, 

so raufen wir uns all durch daz jar; 
16 der gens als dick mocht raufen, 

zuo eim bett geb man zuo kaufen 

gnuk federn umbe ein brot: 

wir sin als wert, als der tot. 

min orden hat die gewonheit, 
20 er git mir teglich nuwes leit, 

daz ich des alten nit enklag. 

man kleit die munich am ersten tag, 

den wir den han enphangen, 

umb des gewant ist ez ergangen: 
26 er hat nit wann ein hemdelin 

ein wint hebt's uf, der ander blast in; 

min orden ist mir mere! 

got ist ein wunderere, 

er wundert wunderlichen: 
80 er machet einen riehen 

und lat tusent dabie 

gutes und aller seiden frie; 

der mak ich wol einer sin. 

ich han kammern nach den schrin, 
86 darin ich lege minen solt; 

ich han silber nach daz golt: 

die phennig sint mir ture. 



Die fahrenden Schiller. 71 

wenn ich sitze zuo dem füre 

so bleck (ich) allenthalben; 
40 min fuzz, die mus ich salben, 

hinden bin ich nach erfrorn; 

die kint mich flihent als einen torn. 

so ich gevazz, waz ich han, 

so ist mir, als ich lere gan. 
46 die fromden han, wez ich sol leben, 

wann si mir daz dann stillen geben, 

daz tuont si als linse, 

daz ichs us einem flinse 

als sanfte mocht gewinnen. 
60 wolt ir noch werden innen, 

welcherley min orden sie? 

der ist noch swerer denne blie; 

geswind ist sin geverte 

und als ein stahel herte 
56 und als ein ezzik saure. 

min nester nachgebure 

daz ist der hunger und der durst: 

ich (hab) bachen nach die wurst. 

mud und darzuo grozzer frost, 
60 dünne kleider und kranke kost 

(das) ist min ingesinde: 

(sind) stein und bencke linde, 

sus darf ich nit herte ligen; 

der federn wurde wol geswigen, 
66 lih mir der wirt ein haberstro, 

so forcht ich nit des winters dro. 

min orden ist ein fries leben, 

den wir die regeln han gegeben. 

dem sprich ich: „exue te veterem hominem 
70 et indue novum ribaldum et lecatorcm!" 

daz gewant git er den tufeln dar 

und sprichet dann mit jamer gar: 

„nudus egressus sum ex utero 

et nudus revertar denuo." 
76 gen und laufen ist min pluk; 

ein fromd man gibt mir genulc, 

west ich auch, wo er were! 

min orden der ist swere, 

wer mit andacht treit die e, 
80 dem geschiht wol und auch we, 



72 Die fahrenden Schiller. 

so geschiht mir we und nimmer wol; 
ich (en) weiz, wez ich mich frewen sol. 
wer den grawen rock antreit, 
dem ist tisch und bett bereit, 
86 er endarf abent nach den morgen 
umb deheine koste sorgen: 
so hant schuler ein hus, 
zuo tusent jar wurd ein mus 
darinne nicht gefrewet, 
00 so lit min kost gestrewet; 
darzuo hat min hus daz recht, 
er sie ritter oder knecht, 
wil er darinn beliben, 
den getar nieman uztriben, 
96 doch muos er selben dannan varn, 
wil er den lip vor hunger sparn: 
daz hus daz ist der wite walt, 
im sumer warn, im winter kalt, 
wenn ich vor minem bette stan, 

100 so han ich volleklich zuo gan 
dry mile zuo refenterc. 
mir ist der wint gevere, 
daz hemd er mir zuo den oren weut, 
sne und regen darunder streut: 

106 so stechent mich unsuzze 
die stein in mine fuzze. 
guter kleider bin ich bar, 
denn zittern, so erfruor ich gar. 
mir ist recht also wol 

110 als eim geburn, der da sol 
sim herren geben, waz er hat. 
so ich kum denn an die stat, 
da mir die kost sol sin bereit, 
so spricht desselben phaffen meit: 

116 „min herr hat iezzunt gezzen"; 
so ist er erst ubergesezzen — 
„min herr der pharrer an der stunt 
heizzet mir tun mit wortten kunt, 
er sie geritten über velt. 4 * — 

130 ob Got, daz im sin ophergelt 
wer alle tag also bereit! 
so sing ich hochclagende leit, 
wenn mir die rede kumet für, 



Die fahrenden Schüler. 



IM vi] vaste vor bcachJot7.cn, 

ich bin der mere also fro, 
als da ein diep in schergendro 
gel für einen richter »tan, 

180 so gericht sol über in ergan. 
so ruwet mich min «winde vart: 
ich schilt sin kunn und sin in, 
sine kint und sine wip, 
ich verfluch im sinen lip, 

IM dai er innon fulen mus, 

ich tun mir mit schelten bin, 
das er des ha» mus werden kal : 
daz dorf lauf ich hin zuo ml; 
welchs hus das höchste mug gesin , 

140 der wart ich und gen darin. 
uff den offen seil ich mich 
und gehab mich gar wcckcrlich, 
dai der wirt denn mus jehen, 
mir sie nie kein leit geschehen. 

US mich fruß nit, mir (ist) Hut kalt, 
und hei ich uff dem heubt den walt 
gelaubet und gebluwet gar, 
er wurd von zittern laubes bar. — 
vil schier kumt des wirtes meit, 

IM) sie klagt mir groi hertieleit 
über Engebares Itnecht, 
sie spricht: „er w« mir hur recht, 
do er an miner hende trat 
und er mich umb die minne bat; 
r jach, er woll wesen min, 



nun hat er gar verarnchet mich 
und wil mich nicht zuo wibe nen 

IM her schuoler, nun lat euch gelernt 
daz ir mir gebent ewern rat." — 
„fraw, zürnt niht, und wer ich sa 
so reit ich euch noch wiser 1er" 
so bringet sie ein kes dort her 

HA und einen grozzen leip damit, 
das i7.7. ich nach der schuoler siL 



74 Die fahrenden Schüler. 

mit wunderlichen Sachen 
ler ich sie denne machen 
von wachs einen kobolt, 

170 wil sie daz er ir werde holt, 
und teuf ez in den brunnen, 
und leg in an die sunnen, 
und heiz widersins umb die kuchen gan. 
daz begint sie dann furbaz san 

175 iren gespilen gemeine; 
darnach so kumt nit eine: 
deu eine bringt fleisch einen schrot, 
deu ander gelt, deu drit daz brot, 
deu vierde flachs, deu funffte zwirn, 

180 deu sechst ruben, deu sibent birn. 
so bin ich den ein lieber lip, 
so ler ich denn deu altten wip 
die runtzeln gar vertriben; 
so kan ich einer schriben 

186 ein zigenhaup für ein kalp, 
daz ist in gut für den alp. 
ez ist wor, ich han's bekorn : 
welch den magtum hat verlorn, 
der mach ich eine salben, 

190 davon si allenthalben 

gantz wirt als min schuhelin: 
da gent wol zehen locher in. 
der wirret ditz, der andern daz, 
der ist ir frawe gar gehaz, 

196 so wil der rint nicht kelber tragen, 
des muzzen si die wolfe nagen, 
so begunn ich si den leren 
den ars des nachtes beren 
gen des lichten manes schin; 

900 die ler ich da zuo velde sin, 
die ler ich kolen waschen, 
die bruntzen in die aschen, 
die ler ich brant betrechen, 
die ler ich morchen brechen, 

206 die ler ich batonien graben, 
die ler ich ungesprochen traben, 
die ler ich nachtes nackent sten, 
die erslingen gen dem füre gen. 
als ich dann geraten han, 



Die fahrenden Schüler. 

HO so mus ich aber furbas gan; 

ui mach ich mich kleine. 

die gebur sprechen gemeine 

ich sie ein schuoler Tara de: 

sie sint die warheit sparnde, 
SU ich gelauf vil me, denn ich gefar; 

ein minnerbruoder durch dai jar 

mer gefeit, denn ich tuo. 

den spot han ich denn darxuo: 

ain soln sin dicke, unden gantx, 
"U so gant in min vil manik schranti; 

er treit den gurtel knottenvol, 

dainil er sich gurten sol: 

so ist min hemd vol knotten gar. 

so manigen uk hat nit daz jar, 
ItS min orden gil mir armuot, 

er tuot mir we und nimmer guot; 

so in ich als ein mader, 

so trink ich als ein bader, 

so ruof ich als ein wachter, 
*S0 so var ich als ein Springer, 

so gilt ich als ein prediger, 

so schib ich als ein spiler, 

fluchen, schelten, ut min phluck, 

da mit so gewinne ich seilten gnuk, 
385 einer git mir kleider, der ander spise, 

der dritte die fust, der *ierde das rise, 

der fünft ein bulo, der sechst ein stoz; 

ich wer der riehen kramer genoz, 

wurd mir als manik bruchgurtel stark, 
MO ich loste jars vil manik mark. 

als dann der abent siget zuo, 

ich han nicht geizen sider fruo, 

ich han gelaufen allen Uk 

das ich vor muode nits cnmak, 
HS so such ich einen frummen man, 

dem sing ich allez, das ich kan ; 

ich nig im nider uff den fus, 

daz er mich behalten mus; 

so ist die erste wil dahin, 
ISO du ich also ringe bin, 

man mochte mit mir Togel jagen, 

der mich tuo relde wolle tragen. 



j6 Die fahrenden Schüler. 

verdawet han ich den ersten kröpf, 
der wirt reicht mir den sinen köpf, 

266 und ist er vol, ich mach in wan; 
ich gcdenck, duo bist allen alsan 
unwert, duo trink es us gar, 
nieman nach dir getrinken tar. 
der wyn der schient mir in das hirn, 

960 so gen ich zuo des wirtes dirn, 
die git mir licht zuo ezzen; 
zuo hant han ich vergezzen 
was mir zuo leide ie geschach, 
mir ist denn zur verte gach, 

266 welcher bank der lindest sie 
und ist der ofen denn dabie 
mit hitze, des han ich frummen. 
ey! sumer, wollest duo kumen 
und auch dem winter angesigen, 

S70 so wolt ich zuo velde ligen, 
schaffen selb mir guot gemach, 
do ist der walt min o bedach; 
und het ich nicht so ringen muot, 
ich wer im orden nichtsnit guot. 

S76 sit wir nun han so swere zit: 
ordo in personis deficit 
et non est ordo, sed sempiternus horror: 
min wild gemuot treit mich enbor, 
kein sweres hertz mach ich getragen. 

860 ich wil euch leren unde sagen: 

welch man sim sun nicht guotes gan, 
den sol er gerne spilen lan: 
tribt er's ein wil on grozzen schaden, 
ez kumt darnach mit leid geladen, 

266 daz er rumt sins vater hof; 
wirt er den nit ein bischof, 
so werde er ein mesener 
oder sust ein cappeller; 
ist aber im der keinez liep, 

200 so lern (er) stein, werd ein diep: 
biz an sin end gewint er genuk, 
er kan nit buwen nach haben den phluk 
nach sewen, finden, trcschen körn, 
wie man im tuot, es ist rerlorn! 

206 im volget wenik guter werk. 



Die fahrenden Schüler. 



77 



Ich, Johann von Nürnberg, 
han dirre not erliten vil, 
der mir des nicht gelauben wil, 
dem muoz das sin beschaffen, 

800 daz er werd zeim lotterphaffen, 
so geschiht im ach und we: 
waz bedarf er dann unseiden me? 
er kond uff diser erden 
feiger nimmer werden; 

806 daz Got vor uns erwende, 
und geb uns ein heilig endet 



Das Johannesevangelium. 

Wenn Goethes Faust nächtlicherweile in der Stille der 
Osternacht in der einsamen Studierstube zum Johannes- 
evangelium greift, um gleich beim ersten Satz, den er in 
sein geliebtes Deutsch übertragen will, gedankenvoll und 
skeptisch zu stocken, so hat das 16. Jahrhundert den weit- 
beschreiten Zauberer wahrscheinlich oft mit dem Johannes- 
evangelium ausgestattet. Es scheint ein merkwürdiger Zufall 
zu sein, daß Goethe hier einen historischen Zug anbringt, 
der in das 16. Jahrhundert hineinpaßt. In der Bibliothek 
der Zauberer und Nekromanten, wie sie Hartlieb in seinem 
Buch von den verbotenen Künsten aufgezeichnet und gekenn- 
zeichnet hat, erscheint im 15. und 16. Jahrhundert wieder- 
holt das Evangelium, das mit dem Satz beginnt: Im An- 
fang war das Wort. 

Unter dem fahrenden Volk von Bettlern und Hoch- 
staplern, die im 15. und 16. Jahrhundert den staatlichen 
Behörden so viel zu schaffen machten, war der Betrug 
mit Zauberformeln und Zauberbüchern an der Tages- 
ordnung. Kurz vor 1450 gehen Basler Ratsmandate gegen 
dieses zweifelhafte Geschlecht vor: „es sint ouch etlich, die 
ein wenig gelert und doch nit gewihet sint, und sprechent, 
si sient Priester, und tund inen ein Blatten scheren als eym 
Priester, und wandelent umbe und umbe in den Landen und 
sprechent, sy habent verre heym zu iren Landen und sient 
...beroubet, und nement ein Buch in die Hand, als ob si ire 
Zyt bettent. und wer inen das Almusen gitt, so sprechent 
sy, sye wellen inen sant Johanns Ewangelium oder ander 



Das Johannesevangelium. 79 

Gebett förderlich sprechen, und betriegent die Lüte damitte u 
(Rotwelsch I 14). Es handelt sich hier um eine Art fahrender 
Schüler, in deren dürftiger Halbbildung ein durchaus frag- 
würdiges Latein nie fehlt, und das 16. Jahrhundert hat unsern 
Dr. Faust den fahrenden Schülern zugesellt. Aber mit dem 
Johannesevangelium hat es im Bereich von Schwarzkünstlern 
und Teufelsbannern und überhaupt im Glauben und Aber- 
glauben jener Übergangszeit eine eigene Bewandtnis. 

Gerade der Anfang des Johannesevangeliums diente 
den bösen Absichten der Schwarzkünstler: „Also wirdt viel 
Zäuberey getrieben mit dem ersten Capitel deß Evangelisten 
Johannis, welches sie S. Johannis Evangelium nennen" — 
so heißt es 1587 in dem alten c Theatrum Diabolorum'I 148*. 
Wenn dann in anderen Zeugnissen schlechtweg vom Jo- 
hannesevangelium die Rede ist, so haben wir an diesem 
Zeugnis des Theatrum Diabolorum einen Beweis dafür, daß 
unter dem Johannesevangelium für Zwecke der Zauberei 
hauptsächlich das erste Kapitel gemeint ist. Auch werden 
vielfach nur die ersten Verse, oder, wie wir bald sehen 
werden, nur die ersten Worte des Johannesevangeliums einen 
festen Platz im Aberglauben beansprucht haben. Denn 
wiederholt ist nur von winzigen Aufzeichnungen die Rede 
in den mannigfachen Zeugnissen, die uns für das Johannes- 
evangelium zu Gebote stehen. Vgl. Matthesius 1560 Postill 
III 33 : „daß ein Truttenfuß an der Wiegen dem Kindlein 
helffen solte, oder S. Johannis Evangelion in ein Kiel gefaßt 
und der Kühe ins Hörn gesteckt, die blutige Milch ver- 
treiben solle, das stehet nicht in Gottes Wort." — Sebiz 
1580 Von dem Feldbau S. 8: „Etlich mittel, Hagel und 
Tonner abzuwenden: Sonst Hauß und Hof, Gärten, Anger 
und Aecker für den Schawer oder Hagel zuverwaren, soll 
man an den vier Ecken deß Hauses, Hofes oder Ackers 
Beifuß und S. Johanskraut setzen. Solcher und dergleichen 
stück haben die Heyden vil gebraucht, deren die Christen 
nicht groß achten sollen. Wie auch nicht deß abergläubischen 



80 Das Johannesevangelium. 

Wetterläutens, Büchßenschiessens, und S. Johans Evangeli." 
— 1586 Theatrum de Veneficis (aus Lichtenbergs Ent- 
deckung) S. 322 b : „Es werden viel auch deren befunden, 
die Segen und Caracteren wunderbarlicher art auff Jung- 
frauwenpergament geschrieben, auch etwann S. Johanns 
Euvangelium darbey am halß gehenkt, lassend in die wort 
Adonay, Ananisapta tetragrammaton &c. auff gold, silber 
stechen. 4 * — 1587 Theatrum Diabolorum I 162: „Die Be- 
schwerung ist dem Gebet ganz ungleich. Denn sie bittet 
nicht demütiglich sondern gebeut trotziglich, und will ihrer 
Anforderung kurtzum gewehrt seyn, es sey dem, welcher 
beschworen wird, lieb oder leid, und geschieht auf dreyerley 
Weis. Die ersten Beschwerer unterstehen Gott (welches fiir- 
war schrecklich lautet) zu bannen, daß er für Schaden be- 
hüte und Schaden zufüge nach ihrem Gefallen, denn es sind 
die meisten, welche auff Wort so viel geben, in der Mei- 
nung, daß Gott an ihre Wort gebunden sey. Wenn sie dem 
Kindlein Agnus Dei, und S. Johannis Evangelium an die 
Hälse hängen, meinen sie stracks, Gott werde und müsse 
nun (verzeihe mir's, O Gott, daß ich so rede) die Kindlein 
vor Seuchen und andern Unfall bewahren. Und welche 
Segens-Brieff bey sich tragen, lassen sich düncken, es könne 
ihnen nicht fehlen, Gott behüte sie nun für allem Übel, und 
verleihe ihnen in allen Sachen Glück um solches Briefs 
willen. 14 — Lorichius 1593 Aberglaub* S. 30 (Mißbrauch 
geweychter Dingen): „Letstlich soll hierher auch gerechnet 
werden aller Mißbrauch Heiliger Dingen, als S. Joans Evan- 
gelium, des H. Creutz Bildnuß, der Agnus Dei, etlichen Heil- 
tumbs, Geweychter Kertzen und Wassers, Heiligen Tauffs, 
Heiligen Oels, Meßgewänder darin zu schlaffen, unnd der- 
gleichen" — S. 114 (Nutzbarkeit geweychter dingen): „Andere 
Mittel so zu den obern gehören, seind das täglich Gebett, 
die Bezeichnuß mit dem Zeichen des H. Creutz, die Be- 
sprengung mit geweichtem Wasser, die Anzündung unnd 
Beräuchung der geweichten Palmen und Kreutern, beysich- 



Das Johannesevangelium. 8l 

tragen der geweichten Agnus Dei, S. Joanns Evangeliums, 
eins Crucifix, des H. Triumphierenden Tituls am Creutz 
Christi". — 

Gelegentlich, wenn auch selten wird die Wunderkraft 
des 14. Verses im 1. Kapitel besonders hervorgehoben. In 
dem famosen e Hexenhammer' von 1487 spielt dieser Vers 
eine Rolle in dem Kapitel „Wem die Hexen nicht schaden 
können?" (II 9 der Überzetzung von J. W. R. Schmidt): 
Ein Knabe fürchtete sich, vom Blitz erschlagen zu werden; 
da hörte er Stimmen in der Luft: „Wir können ihn nicht 
töten, weil er heute 'das Wort ward Fleisch* gehört hat". 
Er merkte, daß er deshalb gerettet- wurde, weil er die Messe 
gehört hatte und am Schlüsse das Evangelium Johannis: 
„Im Anfang war das Wort" 1 . Und solche heilige Worte 
dienen nicht nur zum Schutze, sondern auch zum Heilen der 
Behexten. Als wirksamste Präservative für Orte, Menschen 
und Tiere dienen die Worte des Siegestitels unseres Heilandes, 
wenn sie nämlich an vier Teilen des Ortes in Kreuzesform 
geschrieben werden: Jesus f Nazarenus f Rex f Judaeorum fj 
oder auch mit Hinzufügung des Namens der Jungfrau Maria 
oder der Evangelisten oder der Worte des Johannes: „Das 
Wort ward Fleisch". 

Eingehend berichtet uns ein protestantischer Prediger 
im 17. Jahrhundert über die Verwendung des Johannes- 
evangeliums. Es war der Ulmer Superintendent Cunrat 
Dieterich. Seine Predigten, die erst nach seinem Tode ver- 
öffentlicht wurden, erschienen 1642 unter dem Titel e Eccle- 
siastes, das ist: der Prediger Salomo, in unterschiedenen 
Predigen erklärt und außgelegt 5 . Da heißt es II 914: „Neben 
dem stellen sie 2) öffentliche Processionen und Walfarten 
an, da sie järlich in der Creuzwochen umb die Felder mit 



1 Auf diese Geschichte des 'Hexenhammers' geht auch eine Erwähnung 
bei Luther zurück; vgl. Luthers 'Tischreden in der Mathesischen Sammlung', 
hrsg. von Kroker (1903) S. 285. 

Kluge, Bunte Blätter. . 



82 Das Johannesevangelium. 

Creuz und Fahnen gehen, besondere Götzenbilder umbtragen, 
die alte abergläubische Litaney, wie auch den Anfang des 
Evangelii Johannis singen, damit das Wetter sie nicht be- 
schedige. Haben ingleichen 3) das Evangelium Johannis, 
welches sie aufs allerkleinest, entweder mit roter Färb ge- 
truckt oder geschrieben in Federkeile oder silberne und 
güldene Creuzlein einschliessen, etliche Messen darüber halten 
lassen, mit dem Fürgeben, daß diejenige, welche solche bey 
sich tragen, vor Ungewitter, Donnerstral, Zauberei, Gespänst 
und Gefahr des Teufels befreyet. Dergleichen auch denen 
begegnen soll, welche es am Morgen nach der Meß lesen 
hören" (Alemannia XI 268). 

Ein anderer protestantischer Prediger, der Straßburger 
Dannhawer, spricht 1667 ironisch vom Gebrauch des Jo- 
hannesevangeliums in einer polemischen Schrift 'Scheid- 
und Absag-Brieff, einem ungenanten Priester aus Collen auff 
sein Antworts-Schreiben' S. 267 (Alemannia X i86 b ): „dann 
wann einer das gantze Evangelium St. Johannis über Eyer 
lese und bettete, daß es Aepfel würden, oder über ein an- 
gebrant Kraut, daß ihm der Geschmack vergienge, so 
wäre es doch alles nicht allein umbsonst, sondern ein aber- 
glaubiger Mißbrauch u. lauter Narrenspiel." 

Wenn das Unwesen der schwarzen Kunst das ganze 
Abendland beherrscht hat, darf man wohl auch erwarten, in 
romanischen Landen das Johannesevangelium im Dienste 
des Aberglaubens anzutreffen. Ein Zeugnis dafür treffen 
wir in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts auf dem Mittel- 
ländischen Meer. Der durch den Auftrag des großen Kur- 
fürsten späterhin mit der berühmten Expedition nach Guinea 
betraute preußische Edelmann von der Groben hat den 
Krieg gegen die Türken von Venedig aus mitgemacht und 
die Schilderung dieser Kriegsfahrt seinem Hauptwerk mit 
beigegeben. Da schildert er die Gefahren eines großen See- 
sturmes bei den ionischen Inseln und der Aberglaube fehlt 
nicht dabei: „sie warffen das Evangelium Johannis ins 



Das Johannesevangelium. 83 

Wasser und thaten viel Gelübde, an unterschiedliche Oerter 
Lichter aufzuopfern" (von der Groben 1694 Orientalische 
Reise-Beschreibung S. 361). 

Auch noch zu unsern Tagen traut das Volk dem hei- 
ligen Text geheimnisvolle Kräfte zu, wie Prof. Elard Hugo 
Meyer (Badisches Volksleben im neunzehnten Jahrhundert 
S. 40) zeitgenössische Zeugnisse aus dem Aberglauben des 
badischen Landes beibringt. Das Johannesevangelium dient 
da gegen das Verhexen von Kindern. So hatte auch Pro- 
fessor Adolf Wuttke in seinem wichtigen Werk über den 
'Volksaberglauben der Gegenwart', das in der Mitte des 
19. Jahrhunderts entstanden ist, für protestantische und katho- 
lische Landschaften den Glauben an die Zauberkraft jenes 
Bibeltextes und zwar der ersten Hälfte des 1. Kapitels noch 
verbürgen können (S. 181). 

Auf Erfahrungen aus der münsterländischen Heimat 
wird es beruhen, wenn Annette von Droste-Hülshoff in der 
Novelle 'Die Judenbuche' den Glauben an die Wunder- 
kraft des Johannesevangeliums einflicht. Nächtlicherweile 
tobt ein furchtbarer Sturm, alles auf dem Gutshof ist in 
Angst und Sorge versammelt, da fordert die Frau des Guts- 
herrn auf: „Kommt, wir wollen das Evangelium Johannis 
beten". Alles kniete nieder, und die Hausfrau begann: „Im 
Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und 
Gott war das Wort". 

Aber es waren nicht immer gedruckte Blätter oder 
beschriebenes Pergament, das den Zwecken des Aber- 
glaubens diente. Aus den Zeugnissen, die wir auf diesen 
Blättern vereinigt haben, ergibt sich deudich, daß unter der 
Bezeichnung 'Johannesevangelium' oft ein Amulet oder 
Talisman von bescheidener Größe verstanden gewesen sein 
muß. Wir würden die Stelle aus v. d. Gröbens 'Reise- 
beschreibung' 1694 nicht völlig verstehen, wenn wir bei 
seinen Worten nicht an Amulette denken würden. 

Durch ein solches Amulet glaubt sich eine Frau gegen 



84 Das Johaniiesevaiigelium. 

die Macht des Todes gefeit bei Wolfh. Spangenberg 1613 
Mammons Sold Vers 927: 

Die Wurtzel an meim Halse schon 
Und Sant Jhans Evangelien, 
Das der Pfiff am Freytag thet weyhen; 
Wirdt mich Ton dem Gespenst befreyhen. 

Aus der Zeit v. d. Gröbens und zwar aus Christian 
Frommanns 'Tractatus de Fascinatione' (1675) S. 314 ent- 
stammt die folgende Nachbildung eines am Halse auf der 
Brust zu tragenden Johannesevangeliums. 



Unsere ältesten Hundenamen*. 

„Kaiser Carolus hat*' einen Hund, Er gab ihm den 
Namen mit seinem Mund, Also hieß Kaiser Carolus sein 
Hund"? Wie alt die Überlieferung dieses weitverbreiteten 
Volksrätsels ist, weiß ich nicht. Aber so alte Hundenamen, 
wie sie das Rätsel voraussetzt, sind nicht nachweisbar. 
Während wir einen Roßnamen schon im lat. Waltharius- 
liede antreffen: 

de stabulis victorem duxit equorum; 

hunc ob virtutem vocitaverat ille Leonem (Walthar. 326 f.), 

beginnt unsere Kenntnis einheimischer, volkstümlicher Hunde- 
namen wesentlich später. Zwar weiß die Dichtung unseres 
höfischen Mittelalters in den Dietrichsepen des 13. Jahr- 
hunderts von manchem berühmten Sagenroß zu melden, deren 
überlieferte Namen aus altdeutscher Zeit überkommen sind. 
Aber späterhin gibt es weder berühmte Rosse noch berühmte 
Hunde. Und nur zufallig erfahren wir ganz am Ende des 
16. Jahrhunderts die bald wieder verschollenen Namen, die 
in unserer Faustsage eine Rolle spielten: das Zauberroß 
des Schwarzkünsders soll 'Pfeifering' und sein Hund c Pre- 
stigiar 9 geheißen haben 1 . So treten nur höchst selten in 
Mittelalter und Neuzeit hervorstechende Repräsentanten der 
Hunde in unserer Literatur an bedeutsamen Stellen auf. 
Aber unter den frühesten Zeugnissen für einheimische, volks- 
tümliche Hundenamen hebt sich deutlich eine Gruppe be- 
sonders ab, deren einzelne Glieder durch ganz Deutschland 
verbreitet sind. Die Zeugnisse für diese Gruppe sind räumlich 

• Vgl. Zeitschrift f. deutsche Wortforschung VII 38. 

1 Vgl. Widmanns 'Faustbuch 1 (1599) II 33 und unten S. 92. 



86 Unsere ältesten Hundenamen. 

und zeitlich so verbreitet, und die Anschauung, die den 
einzelnen Namen zu gründe liegt, ist so altertümlich, daß 
der urdeutsche Charakter dieser ersten Gruppe unserer Hunde- 
namen wohl in graue Vorzeit zurückreicht 1 . 

In niederdeutschen wie in hochdeutschen Landschaften 
ist c Wasser 9 zumal für Schäferhunde ein weitverbreiteter Name. 
Im äußersten Nordosten bezeugt ihn Frischbiers 'Preuß.Wb. 9 II 
457 für Alt-Pillau. In dem *Wb. der altmärk.-plattdeutschen 
Mundart 9 von J. F. Danneil 1859 S. 86 werden als eigen- 
tümliche Hundenamen u. a. auch 'Wasser 9 und e Strom 9 ange- 
führt und zwar mit der wichtigen Bemerkung: „Hunde, die mit 
diesen neuhd. Namen gerufen werden, können nicht behext 
werden." Ebenso gilt 'Wasser' in Westfalen, wie uns Woestes 
e Wb. der westfal. Ma. 9 S. 109* berichtet. Aus südlicheren 
Mundarten wäre noch auf Heilig 'Beiträge zu einem Wb. 
der ostfränkischen Mundart des Taubergrundes 9 1894 S. i6 a 
zu verweisen, wonach im Taubergrund Schäferhunde 'Rhein 9 , 
'Wasser 9 und 'Donau 9 genannt werden. Im äußersten Süden 
begegnet die leichte, aber seltsame Lautvariante 'Wässer 9 bei 
Titus Tobler 1837 Appenzell. Sprachschatz S. 400*. 

Derartige lexikalische Zeugnisse erhalten eine willkom- 
mene Bestätigung aus der schönen Literatur der Neuzeit. 
So wird für die Altmark 'Wasser 9 als „ein gewöhnlicher 
Name der Bauernhunde" gebraucht und in einer Anmerkung 
ausdrücklich erklärt bei Schmidt von Werneuchen 1796 
Calender der Musen und Grazien zu dem Gedicht 'Bauern- 
hof 9 Strophe 7, wo es heißt: 

Lang unterm Erndtewagen streckt 
Sich Wasser aus, des Hofs Gebieter; 
Längst war, von keinem Dieb geschreckt, 
Er nachts der Gans und Ente Hüter; 
Die schnatternd auf des Teiches Flut 
Voranschwimmt vor der gelben Brut. 



1 Zum Folgenden vgl. die Nachweise in der Zeitschrift für deutsche 
Wortforschung VII 38. 



Unsere ältesten Hundenamen. 87 

Mit etwas überflüssiger Spekulation, die in die Ferne 
schweift und das Nächstliegende nicht sieht oder gering- 
schätzt, kümmert sich Gutzkow um unsern Hundenamen in 
seinem Roman 'Blasedow und seine Söhne' (1838) I 107: 
„ein treues Tier, Wasser genannt (ein auf dem Lande üb- 
licher Hundename, der entweder, wenn die Türken etwas 
tiefer nach Deutschland gekommen wären, von e Vezier' 
abgeleitet werden müßte oder mit e Azur' zusammenhängt)." 
Vgl. dann noch Goldammer 1858 Litthauen S. 126: „Packan, 
ein alter Wolfshund, gehorchte dem alten Swars, Wasser 
aber, ein unbändiger Bullenbeißer, knurrte fortwährend unter 
der streichelnden Hand seines Herrn" — S. 136: „Während 
Peter mit seinen Begleitern nach dem Stalle zuging, löste 
sie rasch die Kette der Hunde, zeigte ihnen ihre Beute und 
rief, ohne zu bedenken, was sie that: Faß, Packan! Faß, 
Wasser!" — Eggers 1875 Tremsen S. 104 in dem Gedicht 
'Der Gast': 

De makten nu Jidwer sin Staldör up; 

Dat leeve Veeh kern na buten, 

De Ossen un Kööh, de Kalver un Swin 

Un de Hööner un Göös un Puten. 

Dünn hisst he Wassern und Sultan dorup, 

Dat gaf en Höllenspektakel; 

De Markgraf höll sik de Uren too 

Un lacht dat de Buk em wackel. 

Brinckman 1890 Voß u. Swinegel S. 7: „De Scheper 
hödd sin Schap hinner'm Aeuwer un Wasser hadd den 
Schwanz mank de Bein steken un seg nadenklich ball de 
Schap un ball den Scheper an" — Gedichte I 16: „Wasser 
dei jault, den Swanz manke Bein. u — Seidel, Leberecht 
Hühnchen S. 308: „Wasser hieß nämlich ein ungemein 
böser Kettenhund, der einzig und allein nur vor dem Onkel 
und dem Manne, der die Kühe futterte und auch ihn mit 
Nahrung versorgte, Achtung hatte " — 1901 Reinh. Flem- 
mings Abenteuer zu Wasser und zu Lande I 43: „Mir wun- 
dert man bloß, daß unser großer Kettenhund Wasser ihm 



88 Unsere ältesten Hundenamen. 

so gerne leiden mag" — I 255: „Unter furchtbarem Gebell 
stürzte Wasser, der Kettenhund, auf die kleine Landungs- 
brücke und benahm sich dort so sinnlos wütig, daß ich un- 
willkürlich ein wenig zurückruderte. tt — Löns 1907 Mein 
braunes Buch S. 134: „Fast immer stöberten Wasser oder 
Lord oder Widu oder Hektor oder ein anderer dieser 
scheußlichen Köter im Felde herum. 44 

Unter den vielfachen Zeugnissen für den Hundenamen 
'Wasser' fällt auf, daß norddeutsche Schriftsteller und Mund- 
artenforscher niemals und nirgends eine plattdeutsche Laut- 
form (Water) angeben. Das kann irrefuhren und hat auch 
schon irregeführt. Aber wer möchte sich entschließen, den 
niederdeutschen Hundenamen 'Wasser' von dem gleich- 
lautenden hochdeutschen zu trennen? Zudem spricht die 
gleich zu behandelnde Gruppe von Hundenamen wohl sicher 
für die Möglichkeit, daß eine hochdeutsche Gepflogenheit 
nach Norden vorgedrungen sein mag. 

Zunächst zeugt für unsere Annahme der Hundename 
'Strom'. Er begegnet uns zufrühst bei Burkhart Waldis 
'Esop'Il3: 

Ein Schäfer het ein Hund, hieß Strom, 
Den hielt er züchtig und ganz from, 
Und auf in solchen Glauben baut, 
Daß er im all die Schaf vertraut. 

III s, IV 9402: 

Der Schäfer bald vergißt das Pfeiffen 
Rufft seinem Strom, Trostrein und Greiften. 

Damit vgl. Fritz Reuter e Die Reis' nach Belügen' 
Kap. I: „Un unner'n Aben liggt oll Strom, de snorkt un 
pust un güns't n Drom." — Danneil verzeichnet 'Strom' in 
seinem e Wb. der altmärk.-plattdeutschen Mundart' S. 86 zu- 
sammen mit c Wasser'. 

Daß beide Hundenamen im gleichen Sinn zu deuten sind, 
ergibt sich aus der Tatsache, daß überall bei uns Flußnamen 
auch als Hundenamen auftreten können. W. Wackernagel 



Unsere ältesten Hundenamen. 89 

(Germ. III 146) erwähnt 'Birs' als Hundenamen für den Kanton 
Basel. In gleicher Eigenschaft ist mir 'Neckar' bezeugt für die 
Umgegend von Hechingen im Hohenzollerschen und für die 
Umgegend von Kehl. Ein literarisches Zeugnis dieser Art 
begegnet bei Otto Ludwig 'Zwischen Himmel und Erde' 
(Leipzig, Grunow 1891) I 183: „Er ging leise durch die 
Hinterthür, an dem freundlich knurrenden Moldau vorbei." 
öfters wird e Donau' bezeugt, z. B. bei Schindler I 517, wo 
aber weder e Rhein', noch c Strom', noch 'Wasser' in gleicher 
Verwendung angeführt werden, und in Heiligs 'Wörterbuch 
der ostfränkischen Mundart des Taubergrundes' S. i6 a , wo 
'Rhein', 'Wasser' und 'Donau' nebeneinander begegnen. 
Dazu vgl. Karl Heinr. Ritter v. Lang 1842 'Memoiren' 1 7 1 (mit 
Beziehung auf eine Beratung in Öttingen -Wallersteinischen 
Landen): „Die Deliberation begann über sämtliche in den 
ötting-ötting und ötting- Spielbergischen Landen befind- 
lichen Hunde, worüber alle Ämter ausführliche Tabellen ein- 
gesendet hatten. Diesen Tabellen folgend segelten gleichsam 
die Beschlüsse unter den günstigsten Winden rasch vorüber 
an Melac, Donau, an Bläß, an Gibacht, an Faßan, nebst 
vielen anderen ; etwas unruhiger ging es doch noch über die 
Beißerl hinweg; so wie es aber an einen gewissen Zwackerl 
im Amt Aufkirchen kam, geriet der ganze Rat in die hef- 
tigste Bewegung. 44 

Schon im 14. Jahrhundert treffen wir den Hundenamen 
'Rin' in Sibotes 'Vrouwen Zuht' 505: „Ich nante sinen hunt 
Rin a . Am Schluß des 15. Jahrhunderts treffen wir denselben 
Hundenamen auch im 'Reinecke' V. 1770, 2517, wo es in 
Übereinstimmung mit der älteren niederländischen Quelle 
(Reinaert V. 2678, 2681) heißt: „Wackerlos de kleine, ok 
de grote hunt Rin 44 — „wan ik in noden lopen moste vor 
Rine deme hunde, de mi was hart 44 . 

Im 19. Jahrhundert bezeugt das ' Schweizerische Idiotikon' 
VI 997 unsern Hundenamen nach schweizerischen Quellen: 
„Ich und min Hund Rhyn und min Chue Brändli und mine 



QO Unsere ältesten Hundenamen. 

Katryn müessen ewig uf Klariden syn", seufzt der wegen 
schlechter Behandlung seiner Mutter verwunschene Senne 
(J. R. Wyß 1815, 327). Ahnlich jammert Hans Strutzi auf 
BlüemlisaJp, den seine Mutter verflucht hat mit den Worten: 
„Mein Sühn, der Hans, sin Magd Katrin, sin Chue Bluem, 
sin Hund, der Rhyn, süllend uf ewig verfluechet sin!" (Erz. 
1856, 191). Dann ist 'Rhein' auch für den ostfränkischen 
Taubergrund bezeugt, wie wir gesehen haben. 

Es kann gewiß nicht Zufall sein, daß so manche Fluß- 
namen in dieser Weise durch fünf Jahrhunderte in ganz 
Deutschland als Hundenamen vorkommen. Wenn Danneil 
für die Altmark angab, daß Hunde mit dem Namen 
'Wasser' und e Strom 9 nicht behext werden können, so 
bezeugt auch W. Wackernagel für die gleiche Landschaft 
die volkstümliche Anschauung, „daß der Name 'Wasser' 
den Hund gegen die Erdmännchen schütze, gleichsam Ele- 
ment gegen Element 4 *. Und Bartsch erinnert Germ. XXXI 
246 an die Bemerkung des Mecklenburgers Nerger (zu Eggers 
Tremsen S. 379 b ): „Hunde, die vom Fließenden den Namen 
haben ('Wasser', c Strom'), sind geschützt gegen Hexerei." 
Anderseits beachte auch die Bemerkung von C. Walther 
im Ndd. Korrespondenzblatt (1878) III 4: „Man behauptet, 
die Bauern und Schäfer gäben ihren Hunden den Namen 
Wasser, damit sie durch denselben vor der Wasserscheu 
bewahrt blieben." Auch gegen die Tollwut scheint die Be- 
nennung von Hunden nach dem Fließenden als wirksam zu 
gelten. So versichert der Groninger Professor Densing (1662) 
in seinem e Sympathetici Pulveris Examen' S. 584 „Ita pro- 
phylacticum contra canum rabidorum venenum familiäre est 
atque usitatissimum, at superstitiosum, in hac regione [Gronin- 
giana] ut canis, ne morsu ab alio inficiatur, voceturVloet, vel 
Stroom (appellatione scilicet ab aqua desumpta) unde pas- 
sim rusticorum canes majores hisce nominibus appellantur". 

Demnach gibt es eine stattliche Gruppe von Hunde- 
namen, die auf alten Aberglauben hindeuten. Im Grunde 



Unsere ältesten Hundenamen. 91 

genommen braucht es gar nicht auffällig zu sein, daß sich 
so alte Namen und Anschauungen so lange haben halten 
können. Aber man ist doch immer wieder überrascht, wenn 
man die Zähigkeit und Festigkeit unserer Sprachmaterialien 
in so unscheinbaren und abgelegenen Kleinigkeiten beob- 
achten kann. Der erste deutsche Hundename, dessen ich 
mich aus meiner Kindheit erinnere, ist e Wiedu*. Wie hat es 
mich überrascht, diesen auf Neckerei abzielenden Hunde- 
namen im 16. Jahrhundert wieder zu treffen! Kaspar Scheidt 
1551 in seiner 'Grobianus-Ubersetzung' V. 2881 gibt einem 
Junker den Rat, seinen Hund mit zur Tafel zu nehmen: 
„auch gib ihm einen groben Namen, nenn ihn, wie du, 
und frag ihn drumb, daß man zu lachen uberkumb. u Vgl. da- 
mit Fischart im 'Gargantua' Neudr. S. 164: „Und war des 
Pomposians Knecht darumb köstlicher und größer, weil er 
Hannibal heißt, und der Hund, wie du?" Ich glaube, daß 
in diese Stellen ein wirklicher Sinn nur hineinkommt, wenn 
man ein Wortspiel mit dem Hundenamen 'Wiedu' an- 
nimmt. Zur ^ Bestätigung dessen sei erinnert an ein ver- 
wandtes Zeugnis bei Richey 1755 Idioticon Hamburgense 
S. 6: „Den Namen Asdu geben einige ihren Hunden, um 
demjenigen, der fraget, wie der Hund heisse, mit der Ant- 
wort einen Possen zu spielen.** Dieses selbe c Asdu' als Hunde- 
name begegnet schon um 1700 in einem ndd. Glossar aus 
dem Kloster Reinbeck bei Piper, Zeitschr. VIII 203. Modern 
literarische Zeugnisse für 'Wiedu' fehlen nicht: Löns 1907 
Mein braunes Buch S. 134: „Fast immer stöberten Wasser 
oder Lord oder Widu oder Hektor oder ein anderer dieser 
scheußlichen Köter im Felde herum. w — Franzisk. Mann, 
Kinder S. 68: „Ein kleines borstiges, kohlrabenschwarzes 
Ungetüm knurrte unter dem Geburtstagstische; Wiedu — 
feierlich wurde das Hündchen sogleich am Geburtstage ge- 
tauft — gab nichts auf Reinlichkeit und anscheinend nichts 
auf Liebe." 



Fausts Zauberroß*. 

Schon Dr. Fausts Zeitgenossen war das Roß des 
Zauberers umheimlich. Der Baseler Pfarrer Gast 1548 hat 
in ihm den Teufel gewittert. Spätere Sage wußte zu be- 
richten, daß der Schwarzkünsder es sich selbst geschaffen 
habe. Wie der magische Hund (oben S. 85), so ist das 
Zauberroß für Dr. Faust charakteristisch. Die breite Aus- 
gestaltung und das umfassende Repertoire der Faustischen 
Zauberanekdoten, die in dem Spießschen Volksbuch (Frank- 
furt 1587) zur Darstellung kommen, haben für Fausts Zauber- 
roß einen Namen gehabt, der bald in Vergessenheit ge- 
raten ist, weil diejenige Stelle, die ihn überliefert, zu einem 
Mißverständnis Anlaß geben mußte. In dem Frankfurter 
Volksbuch von 1587 wird die bekannte Geschichte erzählt, 
wie D. Faustus einen Roßtäuscher betrügt (Neudruck S. 83): 
„D. Faustus richtet ihme selbsten ein schön herrlich Pferd 
zu, mit demselben ritte er auf einen Jahrmarkt, Pfeiffering l 
genannt, und hat viel Käufer darumben, letztlich wird ers 
um 40 Fl. los." 

Man erinnere sich, wohin die alten Faustanekdoten uns 
führen — nach Wittenberg, Zwickau, Anhalt, Erfurt, Salz- 
burg, Braunschweig usw. Alle Faustgeschichten spielen an 
bekannten Orten, in Zentren des geistigen Lebens oder in 
fürstlichen Residenzen. Nur die Roßtäuscheranekdote fuhrt 



• Aus der Zeitschrift f. vergleichende Litteraturgeschichte (1897) 

X 349. 

1 Die von Milchsack herausgegebene handschriftliche Version 
des Volksbuches gibt S. 83 die abweichende Lautform e Pfeffering\ 



Fausts Zauberroß. 



93 



uns nach einem obskuren Ort, den noch niemand auf der 
Landkarte gesucht oder gefunden hat. Aber dem Nach- 
forschen nach einem solchen Ort ist ein Kommentator des 
Faustbuches enthoben: 'Pfeiffering 5 ist nicht ein Ortsname, 
so hat vielmehr Fausts Zauberroß geheißen. Es sind keine 
neuen Sagenquellen, aus denen wir dies entnehmen. Auf- 
fallig ist, daß der Beweis dafür unbeachtet geblieben ist, 
obwohl er für die Intensität der Sagengestaltung gewiß nicht 
gleichgültig ist. Und diesen Beweis finden wir in der ge- 
reimten Umarbeitung, die das Frankfurter Volksbuch noch 
im Jahre 1588 durch Tübinger Studenten erfahren hat. Die 
dortige Paraphrase des oben ausgeschriebenen Wortlauts der 
Frankfurter Vorlage lautet: 

Nun hat er ihm selbs zugericht 
ein herrlich, schön und listig Pferd, 
als man mocht finden auf der Erd. 
Dasselbe ritt er in stetem Lauf 
auf ein Jahrmarkt, daß ers verkauf. 
Das hat er Pfeiffering genannt. 



Alter und Name des Salamanders*. 



Worte haben ihre Geschichte. Aber es wäre eine un- 
mögliche Aufgabe, wenn man den Versuch wagen würde, 
den ganzen Wortschatz geschichtlich zu behandeln. Ein 
solcher Versuch würde ebenso sicher scheitern, wie wenn 
ein Geschichtsforscher in einer 'Geschichte der Deutschen' 
Biographien aller Angehörigen unsres Volkes liefern wollte. 
Unsre großen Wörterbücher unternehmen eigentlich immer 
die unmögliche Aufgabe. Nicht jedes Wort hat eine Ge- 
schichte; und wie wir uns unmöglich Air die Geschichte zu 
vieler Mitmenschen interessieren können, so verdient auch 
nur ein kleinerer Ausschnitt unsres Wortschatzes eine 
geschichtliche Behandlung. 

Aber unter der immerhin noch beträchüichen Zahl 
von Worten, die eine Geschichte haben, fallen einige be- 
sonders auf, deren Geschichte der Gegenstand des allgemein- 
sten Interesses ist, ohne daß die Sprachwissenschaft die Neu- 
gier und den Wissensdrang von Tausenden und Abertausen- 
den befriedigte. 

Wie oft erhebt sich die Frage nach der seltsamen Be- 
nennung des Salamanders, ohne dessen Übung kein Fest 
heute mehr gedacht werden kann! Wie oft wird der Ety- 
mologe, der Sprachforscher nach dem Wort ausgefragt! 
Und noch immer lautet der Bescheid so unsicher wie der 
Bescheid unsrer Wörterbücher: Ursprung dunkel. 

Wenn der Etymologe die Aufgabe hat, Sache und Wort 
in Einklang zu bringen, so sträubt sich unser Wort ent- 

• Aus der Deutschen Rundschau (1906) XXXII 286—89. 



Alter und Name des Salamanders. 95 

schieden, sich eine Verbindung mit dem zoologischen Sala- 
mander gefallen zu lassen. Da zieht sich der Wortforscher 
mit einer bequemen Skepsis zurück; aber der Nichtfachmann 
hält sich nunmehr für berechtigt, die Hilflosigkeit und Ver- 
zagtheit der Sprachwissenschaft mit schönen Mutmaßungen 
auszufüllen, und Mythenbildung bekommt freie Bahn. 

So ist es unserm Worte in reichem Maße ergangen. 
Es gibt mehrere Erklärungen, die immer von neuem wieder 
als neue Weisheit auftauchen. Schon oft sind Zeitschriften 
und Tagesblätter voll von unmöglichen Theorien über das 
Wort gewesen. 

Von all den Theorien sind diejenigen völlig abzulehnen, 
die den Namen des Kommersritus von dem Tiernamen los- 
reißen wollen. Der Gleichklang ist nicht äußerlich oder zu- 
fallig, sondern muß als feste Basis für jede Deutung be- 
handelt werden. 

Während heute keine Stadt so klein und unbedeutend 
ist, daß nicht in ihren Mauern das Exercitium Salamandri 
bei feierlichen Anlässen geübt würde, kannten in der Mitte 
des verflossenen Jahrhunderts noch nicht einmal alle Uni- 
versitätsstädte die Übung. Ja um 1850 herum wurde nur 
in den Studentenkreisen einiger weniger Hochschulen Sala- 
mander gerieben. Wenn so der Salamander noch um 1850 
in weiteren Kreisen fast unbekannt war, so treffen wir bei 
Schriftstellern vor 1850 unser Wort nicht an. Nur ein 
einziges Mal ist es bezeugt in dem Machwerk eines ver- 
bummelten Pseudo-Studenten. Wir besitzen aus dem Jahre 
1846 ein umfängliches Wörterbuch der Studentensprache, 
das den Salamander zum ersten Male anführt und mit 
Namen nennt. Der Verfasser des Wörterbuches nennt sich 
Vollmann, aber wie neuerdings der beste Kenner der stu- 
dentischen Literatur, Herr Bibliothekar Fabricius in Marburg, 
festgestellt hat, verbirgt sich hinter dem Pseudonym ein 
verbummelter Gymnasiast, der sich 1840 — 1842 studierens- 
halber in München aufhielt, nachdem er es vorher bis zur 



96 Alter und Name des Salamanders. 

Tertia des Wetzlarer Gymnasiums gebracht hatte ohne zu 
absolvieren. Das Ganze ist ein elendes Machwerk, aus dem 
nur der Sprachforscher dann und wann eine brauchbare 
Tatsache entnehmen kann. Wir dürfen demnach wohl ver- 
muten, daß ein schweizerischer Verfasser namens Gräßli 
etwa um 1840 Wort und Sache, sei es in Wetzlar, sei es 
in München, vielleicht allerdings auch an einem andern 
Musensitze, kennen gelernt hat. Dieses früheste Wortzeugnis, 
über das hinaus sich bisher kein älterer Beleg hat bei- 
bringen lassen, eröffnet die Geschichte unsres Wortes mit 
folgender eingehender Erörterung: 

„Beim Salamander, der zu Ehren eines Studio gerieben 
wird, werden die Burschen an den Tafeln in Kränze geteilt 
und diesen Aufseher oder Exerziermeister vorgesetzt, hierauf 
die Gläser gefüllt und sodann auf dem Tische unter Aus- 
sprechung der Worte „Salamander Salamander" gerieben, 
bis vom Senior das Kommando 1 ertönt. Nach diesem ist 
eine kleine Pause und sodann wieder fortgesetztes Reiben 
bis zum Kommando 2, nun nochmals Pause und Fortsetzung 
bis 3. Nach diesem Kommando wird das Quantum bis auf 
die Nagelprobe geleert, die Gläser aber erst mit dem Kom- 
mando 4 auf den Tisch gesetzt. Während des Reibens 
müssen die Deckel der Gläser offen und in den Pausen bei 
Strafe geschlossen sein; wer sich dagegen verfehlt oder zu 
spät trinkt, muß von den Aufsehern verzeigt und nachexer- 
zieren, d. h. den Akt wiederholen, bis er vom Senior für 
legal erklärt ist." 

Zu dieser Stelle fugt sich ein weiterer Bericht desselben 
Buches: 

„Der Biersalamander ist ein Bierspiel in 3 Tempos, 
bei welchem die ganze Gesellschaft die Gläser reibt, auf das 
Kommando 1 und 2 des Seniors einhält und endlich auf 
das verhängnisvolle 3 trinkt bis auf die Nagelprobe, sodann 
wieder reibt und mit dem Kommando 4 aufhört. Jeder, 
der nicht nach dem Kommando oder zu früh reibt, muß 



Alter und Name des Salamanders. 97 

nachexerzieren und zur Strafe das Duplum reiten. Der 
Salamander wird nur zu Ehren und bei Ehrenanlässen 
gerieben." 

Dies sind unsere frühesten Belege für das Wort Sala- 
mander'. Aber die Sache muß doch schon früher angesetzt 
werden. Wir treffen nämlich in einem Wörterbuch der 
Studentensprache von 1831 folgenden Eintrag: 

„Reiben ist eine Zeremonie, die fast einzig und allein 
bei dem Schnapstrinken Sitte ist. In der Regel komman- 
diert jemand aus der trinkenden Gesellschaft, worauf dann 
alle Mittrinkenden die Gläser ergreifen, auf dem Tische 
damit reiben, nach geschehenem Reiben das Glas an das 
linke und rechte Ohr, dann an die Nase setzen und endlich, 
nachdem dieser edle Stoff alle benannten Teile wenigstens 
mit seinem Gerüche erfreut hat, kann der Trinkende das 
Glas leeren, muß aber dasselbe sogleich, nachdem er es 
ausgetrunken hat, mit einem derben Klopfen auf den Tisch 
stellen. Diese Erfindung schreibt sich erst aus den neueren 
Zeiten her." So auffällig es ist, daß das Wort c Salamander' 
in dieser Definition völlig fehlt, so kann man doch die 
Verwandtschaft des Schnapssalamanders mit dem Biersala- 
mander nicht leugnen. Aber auch so kommen wir chrono- 
logisch doch nicht erheblich von der Stelle. Es ist in sich 
sehr unwahrscheinlich, daß erst im Beginn des 19. Jahr- 
hunderts eine Trinkzeremonie auf unsern Hochschulen ent- 
standen sein könnte. Je weiter wir in der Neuzeit voran- 
schreiten, um so mehr verliert der Saufteufel an Herrschaft, 
und je weiter wir von der Gegenwart aus rückwärts schreiten 
in der Geschichte unserer Universitäten, um so allmächtiger 
ist die Herrschaft des alten Erblasters. Eine derartige all- 
gemeine Erwägung spricht entschieden dafür, daß die Sitte 
des Salamanderreibens schon Jahrhunderte alt ist. Woher dann 
eine so neue Benennung, wie es der Name Salamander tatsäch- 
lich ist ? Dieses seltsame Wort war von Hause aus sicher nicht 
der Name der Zeremonie, es war nach dem Bericht Vollmann- 

Kluge, Bunte Blätter. » 



gS Alter und Name des Salamanders. 

Gräßlis ein gemurmeltes Zauberwort innerhalb der Zeremonie. 
Diese Zeremonie selbst aber hatte den Anstrich von Zauberspuk 
und sieht einer Geisterbeschwörung ähnlich. Wir alle kennen 
nun eine klassische Beschwörungsformel, in der das Wort Sala- 
mander' die am meisten hervorstechende Stelle einnimmt: 

Salamander soll glühen, 
Undene sich winden, 
Sylphe verschwinden. 
Kobold sich mühen. 

Das ist der Zauberspruch, mit dem Faust den dämonischen 
Pudel bannt, der sich ihm auf dem Osterspaziergang an- 
geschlossen hat. Kann das mehrmalige Murmeln des Wortes 
c Salamander' (bei Vollmann) nicht eine Andeutung eines 
solchen Zauberspruches sein, der mit einem so charakteri- 
stischen Worte beginnt? Alles dreht sich jetzt um das 
Verhältnis der verblaßten Zauberformel bei dem Sala- 
manderreiben zu dem „Spruch der Viere" in Goethes 
c Faust'. Es ist völlig unmöglich, Goethes Beschwörungs- 
formel als den Ausgangspunkt der studentischen Benen- 
nung anzusehen. Die Wahrscheinlichkeit spricht umge- 
kehrt dafür, daß Goethe seinerseits den „Spruch der Viere" 
irgendwoher übernommen hat. Es ist der Forschung bisher 
nicht gelungen, den Ursprung der Beschwörungsformel fest- 
zustellen. Aber eine andere Beschwörungsformel im e Faust' 
deutet uns doch auf eine wichtige Spur. In Auerbachs 
Keller zaubert Mephisto mit seltsamen Gebärden den Stu- 
denten den Wein aus dem Tisch und murmelt dabei die 
Formel : 

Trauben trägt der Weinstock, 
Hörner der Ziegenbock. 

Man weiß schon lange, daß Goethe diese Verse bekannten 
Kinderreimen entnommen hat, die am Mittelrhein überall 
geläufig sind („Troß, troß, trüll, der Bauer hat ein Füll'"). 
Goethe hat hier aus dem bunten Wechsel von kurzen Reim- 



Alter und Name des Salamanders. 99 

paaren zwei dazu geeignete Kurzzeilen zu einer Zauber- 
formel gestempelt, aber jedenfalls hat er die Verse entlehnt. 
Und sollte er nicht so auch den „Spruch der Viere" ent- 
lehnt haben? Es war gewiß keine Zauberformel, die er 
einem Höllenzwang der Schwarzkünstler verdankt. Fausts 
Beschwörungsformel wird aus einem harmloseren Bereiche 
stammen, der allerdings wohl nicht überall bekannt war. 
Der studentische Bereich einer solchen Zauberformel läßt 
sich nur vermuten, aber nicht beweisen. Wir begründen 
den Verdacht damit, daß die Szene des Salamanderreibens 
in den ältesten Zeugnissen durchaus den Eindruck einer 
Beschwörungsszene macht. Die Zeremonien, wie sie beim 
Salamanderreiben in den zwanziger Jahren des 19. Jahr- 
hunderts beim Schnapssalamander üblich waren, reichen 
gewiß weit zurück über die Entstehungszeit von Goethes 
e Faust 9 , gehen wohl in das 16. Jahrhundert zurück. Wir 
dürfen vielleicht den Zechritus unter einem andern Namen 
in der Trunkenlitanei von Fischarts 'Gargantua 5 wieder er- 
kennen. Im 16. und 17. Jahrhundert hört man oft von 
einem Zechritus, der den seltsamen Namen e Kurl-Murl-PufT 
hat. Mit seltsamen Gebärden, wie sie vielleicht Mephisto in 
Auerbachs Keller anwenden mochte, vollzog sich der Ritus; 
er bestand aus viel seltsamen Schnaken und Possen, wie 
ein alter Komment von 1633, allerdings ohne Details, ver- 
sichert. Wir werden uns unter diesen Possen wohl die Faxen 
zu denken haben, wie sie beim Schnapssalamander 1831 
bezeugt sind. Sie spielen auch im Studentenlied eine Rolle: 

Ich nehm mein Gläschen in die Hand 
Und fahr damit ins Unterland, 
Ich hol das Gläschen wieder hervor 
Und halt's ans recht' und linke Ohr. 

Wenn derartige seltsame Faxen weit in die Vergangenheit 
zurückgreifen, so hat auch ihr alter Name c Kurl-Murl-PufT 
eine lange Geschichte. Er klingt wie eine Begleitung zum 

7* 



100 



Alter und Name des Salamanders. 



Schlußakt der Zeremonie, zum Aufstoßen der Schnapsgläser. 
Aber der Ritus selbst sollte eine Beschwörung travestieren. 
Man kann dies noch insbesondere schließen aus der selt- 
samen Tatsache, daß ein abgekürztes e Kurle-Murle 9 auch als 
Zauberformel auftritt. Wir lesen in dem 'Sonnenwirt' von 
Hermann Kurtz (1855) S. 107: „So kann ich auch hexen; 
ich sag' nur: Kurrle, Murrle, dann muß der Krug dort auf 
dem Schrank tanzen." So steht neben dem alten Zechritus 
des Kurl-Murl-Puff eine Zauberformel, wie neben dem Ritus 
des Salamanders Zauberformel und Zauberspruch. Der ältere 
Schnapssalamander, der dem Biersalamander vorausgegangen 
ist, war von Hause aus gewiß nichts anderes als der Kurl- 
Murl-PufT; die Sache selbst ist alt, sie hat nur ihren Namen 
gewechselt. 

Der auffällige Name des Salamanders als eines Zech- 
ritus gehört gewiß nicht der ersten Hälfte des 19. Jahr- 
hunderts an. Er muß zurückweisen auf die Zeiten der Al- 
chimie. Am Ausgange des Mittelalters noch in den Werken 
des berühmten Theophrastus Paracelsus herrscht der Glaube 
an überirdische Elementargeister, die im Feuer hausten. 
Eine Parodie des alchimistischen Zauberunfugs scheint sich 
in das Trinkerzeremoniell des 16. Jahrhunderts gerettet zu 
haben. Nehmen wir an, daß mit Branntwein eine Art Li- 
bation veranstaltet, der Stoff entflammt wurde und seltsame 
Gesten dem Trinken vorausgingen, so hat man wohl eine 
Parodie auf den verbreiteten Unfug von Alchimisten und 
Schwarzkünstlern. Wie ließe sich im 19. Jahrhundert aus 
dem Begriffe des tierischen Salamanders, aus dem Namen 
der bekannten Eidechsenart, der neuere Zechritus und sein 
auffälliger Name herleiten? 






Wir wollen einen Papst erwählen*. 

(Goethes Faust I V. 2098). 

Alles was in der klassischen Literatur Reflexe jenes 
Zeitalters bietet, verdient Erklärung. Denn wie vielfach 
sticht unser heutiges Leben ab gegen Sitte und Brauch, die 
noch am Ende des 18. Jahrhunderts im Schwange waren! 
So manche intime Anspielung wird erst nach und nach 
klar, und der Zufall spielt uns oft Quellen in die Hand, 
die zu unserer klassischen Literatur in schroffem Gegensatz 
stehen und doch ein Blatt daraus wertvoll illustrieren. So ist 
neuerdings die Beschäftigung mit der studentischen Literatur 
des 18. Jahrhunderts für die Studentenszene in Auerbachs 
Keller mehrfach bedeutsam geworden, und Prof. Erich 
Schmidt hat die dort vorgeschlagene Papstwahl, die von den 
Faust-Kommentaren oft mißdeutet worden ist, zuerst durch 
eine Stelle aus Laukhard erklärt. Was dieser berichtet, genügt 
allerdings zur Kenntnis des studentischen Brauches nicht, 
genügt auch nicht zur Erklärung der Goetheschen Formel 
„Wir wollen einen Papst erwählen", da in der von Lauk- 
hard geschilderten Zeremonie keine Stelle für die „Wahl" 
eines Papstes ist. So sei es mir gestattet, weiteres zur 
Kenntnis dieses Studentenbrauches mitzuteilen. 

Das „Papstspiel" gehörte zu den Bierspielen der aka- 
demischen Jugend, und es ist nicht zu begreifen, daß ein 
Kenner wie Gödeke die Verse „Ihr wißt, welch eine Qualität 



• Aus der Beilage zur „Allgemeinen Zeitung" 1895, No. 137, S. 5 — 6. 



102 Wir wollen einen Papst erwählen. 

den Ausschlag gibt, den Mann erhöht" so arg hat miß- 
verstehen können. Immer und zu allen Zeiten hat auf stu- 
dentischen Kneipen nur eine Qualität, nur eine Eigenschaft 
den Ausschlag gegeben, und die Bierspiele sind das Ziel 
so vieler Vorübungen, sind die Probe auf das Exempel 
gewesen. 

Zu diesen Bierspielen gehörte damals die Promotion 
zum Doctor Cerevisiae et Vini, die den Promovierten be- 
rechtigte, als Zeichen seiner Würde die Buchstaben D. C: 
n. e. b. (Doctor Cerevisiae: nunc est bibendum) seinem 
Namen anzufügen. Die Bierfakultät hatte ihren eigenen 
Dekan, der sämtliche Doctores Cerevisiae et Vini zur Pro- 
motion zusammenrief. Der Kandidat, der sich um die Würde 
bewarb, wählte sich, nachdem er ein Maß Bier auf das 
Wohl des Dekans und der Bierfakultät geleert und die an- 
wesenden Doktoren sich mit seiner Aufnahme einverstanden 
erklärt hatten, drei oder vier Opponenten. Diese opponierten 
der Reihe nach mit beliebigem Quantum, und der Dokto- 
rand mußte nachtrinken, was diese vortranken, nach jedem 
Gang von dem „bene" oder „optime" des Dekans und dem 
Jubel der Zuschauer und der Doktoren begrüßt. 

Ein zweites Bierspiel hieß „Lustig meine Sieben": zwei 
gegen zwei spielen Karten, man spielt auf 60; wer nicht 
60 zählt, muß trinken; wer unter 30 bleibt, muß das dop- 
pelte Quantum trinken und auf seinen Platz wird unter lautem 
Gesang eine Schere gemalt (man sieht, daß unser Karten- 
spielausdruck 'Schneider' damit im Zusammenhang steht). 
Erhält eine Partei keinen Stich, so muß das dreifache Quan- 
tum getrunken werden, und ein Galgen wird auf ihren Platz 
gemalt. Jedes Spiel wird durch einen Kreidestrich ange- 
merkt, und mit dem fünfzigsten wird ein Jubiläum gefeiert. 
Das Ende des Spieles ist Betrunkenheit. 

Zu diesen Bierspielen gehört nun auch das „berühmte", 
das „große" Papstspiel. Es wird ins 16. Jahrhundert zurück- 
reichen, aber wir hören von ihm erst kurz vor 1750, und 



Wir wollen einen Papst erwählen. IOß 

mit dem Anfang des 19. Jahrhunderts stirbt es aus, so daß 
unsere Faust-Kommentatoren nichts mehr von ihm wissen 1 . 
Es blühte, von den akademischen Behörden verpönt, 
wie die übrigen Bierspiele auf den „Bierdörfern" der Uni- 
versitätsstadt. Nach dem Mittagessen zog der Schwärm 
hinaus und füllte den Nachmittag mit dem Spiele aus. 
Man setzt sich um einen runden Tisch. Ein auf dem Tisch 
mit Kreide gezogener Kreis wird in so viel Abschnitte ge- 
teilt, als Teilnehmer da sind. Im Mittelpunkt des Kreises 
wird eine Nadel eingesteckt und ein leichtes Stück Holz, 
das sich umdrehen läßt, wird an dieser Nadel befestigt. 
Es ist also eine Art Roulette. Nun dreht der Jüngste, und 
auf wessen Felde die Spitze des Holzes stehen bleibt, der 
avanciert vom Philister — das sind im Anfang des Spieles 
alle Mitspieler — zum Soldaten. Wer Soldat geworden, 
wird das nächste Mal, wo das Holz auf sein Feld deutet, 
Korporal. Wer zuerst einen höheren Grad erreicht, über- 
nimmt das Kommando und kommandiert: „turne, Philister", 
oder „turne, Soldat", „turne, Korporal" usw. Worauf der 
jüngste Philister, resp. Soldat usw. antworten muß: „turnabo, 
Soldat* resp. „turnabo, Korporal" usw. Jeder muß sich 
die Würde des andern merken, und hat er sie vergessen, 
muß er zur Strafe trinken. Zunächst steigt man durch alle 
Stufen des Militärstandes, und wenn das Drehholz oft in 
ein und demselben Felde ruht, wird der Betreffende dann 
auch bald Baron, Graf, Fürst, Köfrfg und Kaiser. Aber 
jede neue Stufe, die man erreicht, kostet ein Maß Bier. 
Der erste „durchs Holz erwählte u Fähndrich darf seinen Hut 



1 Daß der Papst auf den studentischen Kneipen der Vergangenheit 
eine Rolle gespielt hat, ergibt sich übrigens nicht nur aus dem bekannten Stu- 
dentenliede „Der Papst lebt herrlich in der Welt"; vgl. Kautzsch 1685 Bier- 
Glas S. 73 „Auf Vater Pabsts Gesundheit zu trincken, soll keinem ehrlichen 
Biedermann erlaubet seyn, denn wir achten den, der an seinem gantzen 
Gemtithe niemahls gesund, auch nimmermehr gesund werden kan, nicht werth, 
daß man ihm an seinem Leibe ein gesundes Aederlein wüntschen soll." 



104 Wir wollen einen Papst erwählen. 

aufsetzen und seine Pfeife rauchen; die übrigen bleiben, bis 
sie so weit avancieren, ohne Hut und ohne Pfeife. An 
Stelle des „turne" hat der erste Offizier mit dem Worte „com- 
mando" weiter zu leiten. 

Von der Kaiserwürde aus wird man Student, und so- 
bald einer es geworden, erschallen Burschenlieder. Vom 
Studenten wird man Kardinal, und endlich steigt einer 
durch vier Eminenzen auf den päpstlichen Stuhl. Sobald 
einer Papst geworden, verlassen alle ihre Plätze. Die vier 
Kardinäle heben den „durchs Drehholz erwählten" Papst 
mit dem Stuhle auf den Tisch. Sein ehrwürdiges Haupt 
wird mit einem Bettuch bedeckt, und er singt das zwölf- 
strophige Lied „O lector lectorum", nach jeder Strophe 
ein Maß Bier leerend. Während er trinkt, halten Alle ihre 
brennenden Pfeifen unter das Laken und blasen, so stark 
sie können, den Tabaksrauch von sich, daß Papst und 
Kardinäle unsichtbar werden. Gewöhnlich endigt die Kurz- 
weil damit, daß alle Teilnehmer wegen der vielen Chargen, 
die jeder bekleidet hat, betrunken sind, und der Papst unter 
lautem Jubel vom Stuhl sinkt. 

So ist nach einem Jenischen Bericht vom Ende des 
18. Jahrhunderts, an den wir uns meist wörtlich angeschlossen 
haben 1 , der Verlauf des „großen" und „berühmten" Papst- 
spieles gewesen, das Brander in Auerbachs Keller seinen 
Kumpanen als Unterhaltung vorschlägt: „Wir wollen einen 
Papst erwählen; ihr wißt, welch eine Qualität den Aus- 
schlag gibt, den Mann erhöht." 

Dieser Jenische Bericht verträgt sich im ganzen und 
großen mit den weniger detaillierten Schilderungen Lauk- 
hards, und wir dürfen vermuten, daß Goethe so oder ähn- 
lich die Papstwahl mittelbar oder unmittelbar kennen ge- 
lernt hat. Im Anfang des 19. Jahrhunderts hat das Papstspiel 
schon ganz andere Formen angenommen, indem die aka- 



1 Vgl. Zeichnung der Universität Jena (1798) S. 173. 



Wir wollen einen Papst erwählen. 105 

demischen Behörden bemüht waren, die Roheit älterer Sitten 
zu mildern oder zu unterdrücken. 

Aus dem Wahlaktus entwickelt sich ein neues Bierspiel, 
in dem das Groteske und Parodistische fehlt. Die „Bier- 
uhr" kommt auf. Man schlägt einen Nagel in die Mitte 
des Tisches, hängt einen Schlüssel daran und macht eben- 
soviel numerierte Felder als Spieler sind, dazu noch ein 
„pro patria-Feld". Der Schlüssel wird gedreht, und die 
Nummer, auf der er stehen bleibt, singt Solo und trinkt 
ein Halbes oder Ganzes. Bleibt der Schlüssel im pro patria- 
Feld, so trinken Alle. So beschreibt 1846 ein burschikoses 
Wörterbuch das moderne Bierspiel, das seine Verwandt- 
schaft mit dem berühmten Papstspiel nicht verleugnet. 

Eine andere Abzweigung desselben ist ein Bierspiel, 
das auf das Wählen ganz verzichtet und nur den Schluß- 
akt — die Erhebung des Papstes — beibehält. Eine 
Schilderung der Papstzeremonie, wie sie um 18 10 in Jena 
üblich war, bietet Friedrich Försters Nachlaß 'Kunst und 
Leben 9 (herausgegeben von H. Kletke, Berlin 1873), worauf 
mich Dr. A. Fresenius in Berlin hingewiesen hat. Fr. 
Förster, der um 18 10 in Jena studierte, schildert in den 
autobiographischen Aufzeichnungen von seiner Studenten- 
zeit den Hergang in der Kürze so: Wer an einem Abend 
zehnmal gesiegt hatte, wenn ein „ Doktor w gestürzt war, 
wurde zum Fürsten von Thoren ausgerufen und bestimmte 
dann einen späteren Krönungstag. Nach der Krönung 
hatte er Anspruch darauf, zur Würde eines Papstes ge- 
langen zu können. Er schrieb hierzu ein Konklave der 
Kardinäle aus und bestimmte Zeit und Ort zur Ausführung 
der großen Messe. Inmitten der versammelten Genossen 
bestieg er den auf einem Tisch unter einem Baldachin auf- 
gestellten Thron und gab mit einem über die Anwesenden 
ausgegossenen Glase Bier das Zeichen zum Beginn der 
Feier. Dann begann die „Biermesse". Der Chor sang: 
„O pater Bacche, fac o fac quod talem diem habeamus 



IOÖ Wir wollen einen Papst erwählen. 

quam plurimam". Dann wurde eine Litanei gesungen, in 
der zwölf Fragen des Kardinal - Rektors durch den Chor 
beantwortet wurden: „Quot sunt apostoli?" Die Antwort: 
„Duodecim apostoli, duodecim menses anni, duodecim 
planetae!" und so gingen alle Fragen und Antworten herab 
zu den neun Musen — sieben Kurfürsten, sieben Tagen 
der Woche, sieben Wundern der Welt — fünf Sinnen, 
fünf Fingern an jeder Hand — vier Evangelisten, vier 
Elementen, vier Himmelsgegenden — drei Patriarchen, drei 
Grazien — zwei Augen, zwei Ohren, zwei Nasen. Den 
Schluß machte „unus est oeconomus qui regnat in culina 
supra ancillas nostras". Während der Litanei mußte der 
Aspirant zwölf bis zum Rande gefüllte Paßgläser geleert 
haben; er durfte dabei dreimal den Vorhang des Baldachins 
zuziehen, und dann mußten die Kardinäle ihm aus zwölf 
unter den Vorhang gesteckten Tonpfeifen Weihrauch mit 
Tabaksqualm zudampfen. Wer alles glücklich überstand, 
wurde als Papst proklamiert. 

Man sieht, bei diesem für den Anfang des 19. Jahr- 
hunderts bezeugten Bierspiel ist die Wahl ganz in Wegfall 
gekommen. Auch diese Zeremonie hat die Mitte des 19. 
Jahrhunderts nicht erreicht, sie wird durch die Wiedergeburt 
unseres Studententums nach dem Freiheitskrieg zugleich 
mit so manchen anderen derben, ja rohen Bräuchen ver- 
schollen sein. 

Aber das Alter der Wahlzeremonie können wir einiger- 
maßen erhärten durch eine ältere Aufzeichnung der auch in 
Kindlebens f Studentenliedern ? 1781 gedruckten lateinischen 
Katechisation. Sie liegt vor mir in einer Version von 1699, 
die folgendermaßen lautet: 

O lector lectorum, die mihi: quid est unum? 

Unus est oeconomus qui regnat in culina. 

O lector lectorum, die mihi: quae sunt duo? 

Duae tabulae Mosis: unus est oeconomus qui regnat etc. 

O lector lectorum, die mihi: quae sunt tria? 



Wir wollen einen Papst erwählen. \oj 

Tres patriarchae: duae tabulae Mosis: unus est etc. 

O lector lectorum, die mihi: quae sunt quatuor? 

Quatuor evangelistae : tres patriarchae: duae tabulae Mosis; unus est etc. 

O lector lectorum, die mihi: quae sunt quinque? 

Quinque libri Mosis: quatuor evangelistae etc. 

O lector lectorum, die mihi: quae sunt sex? 

Sex hydriae positae in Cana Galilaeae: quinque libri Mosis: quatuor 

evangelistae etc. 
O lector lectorum, die mihi: quae sunt septem? 
Septem sunt artes: sex hydriae etc. 
O lector lectorum, die mihi: quae sunt octo? 
Octo sunt partes: septem sunt artes etc. 
O lector lectorum, die mihi: quae sunt novem? 
Novem sunt Musae: octo sunt partes: septem etc. 
O lector lectorum, die mihi: quae sunt decem? 
Decem praeeepta: novem sunt Musae etc. 
O lector lectorum, die mihi: quae sunt undeeim? 
Undecim diseipuli: decem sunt praeeeptae etc. 
O lector lectorum, die mihi: quae sunt duodeeim? 
Duodecim apostoli: undecim diseipuli etc. 

Diese Version stammt aus Wagenseils Werk 'Beleh- 
rung der Jüdisch-Teutschen Red- und Schreibart 5 (Königs- 
berg 1699) S. 97, wo sie als ein altes Trinklied auftritt. 
Der Schwellrefrain, der den gesangmäßigen Vortrag des 
Liedes kompliziert gestaltet, scheint ein jüdischer Zug zu 
sein, wie denn auch das berühmte jüdische Osterlied „Ein 
Zicklein, ein Zicklein, das hat gekauft das Väterlein, um 
zwei Schilling Pfennig" (Wagenseil S. 109) durch den 
Schwellrefrain ausgezeichnet ist. Der bekannteste Typus 
eines solchen Schwellrefrains ist das schon bei Fischart 
im 'Gargantua' Kap. 25 bezeugte Lied „Der Bauer schickt 
sein Jockei aus", über dessen weite Verzweigung Rein- 
hold Köhler (Kleinere Schriften III 355) gehandelt hat. Das 
von Heinrich Heine im 'Rabbi von Bacharach 5 (Werke IV 
472) verwertete Osterlied vom Zicklein ist schon lange der 
Gegenstand gelehrter Nachforschungen gewesen, weil es 
vom 16. Jahrhundert an eine internationale Verbreitung ge- 
funden hat; vgl. Gaston Paris, Romania I 222. So scheint 



io8 



Wir wollen einen Papst erwählen. 



auch jene lateinische Katechisation auf jüdischer Grundlage 
zu beruhen. Es war nämlich jüdische Sitte, am Abend des 
Passahfestes folgende Sprüche von den 13 heiligen Zahlen 
in hebräischer Sprache zu beten (vgl. Wagenseil S. 106): 

Eines das weiß ich, einig ist unser Gott, der da lebt, und der da schwebt 
im Himmel und auch auf der Erd'. 

Zwei und das ist aber mehr, und dasselbig weiß ich, zwei Tafeln Mosis, 
einig ist unser Gott, der da lebt, und der da schwebt im etc. 

Drei und das ist aber mehr, und dasselbig weiß ich, drei sind die Väter, 
zwei Tafeln Mosis, einig ist unser Gott, der da lebt etc. 

Vier und das ist aber mehr, und dasselbig weiß ich, vier sind die Mütter, 
drei sind die Väter, zwei Tafeln Mosis, einig etc. 

Dreizehn und das ist aber mehr, und dasselbig weiß ich, dreizehn sind die 
Sitten, zwölf sind die Geschlechter, elf sind die Sterne, zehn sind 
die Gebote, neun sind die Gewinnung, acht sind die Beschnei- 
dung, sieben sind die Feierung, sechs sind die Lehrung, fünf sind 
die Bücher, vier sind die Mütter etc. 

Erfuhr der jüdische Text zunächst eine ernsthafte Chri- 
stianisierung, so konnte eine burschikose Nachahmung auf 
den Kneipen nicht ausbleiben. Es greift also ein wichtiger 
Bestandteil der studentischen Papstwahl weit zurück ins 
16. Jahrhundert und zwar auf jüdische Vorbilder. 



Ergo bibamus*. 

Dieser Refrain Goethes (Gedichte I 144) erhält Licht 
aus der Farbenlehre (Weimarer Ausgabe 2. Abt. II 192, 
208, 242, 261, 294), wo er als Lieblingssatz Basedows eine 
seltsame Wendung erfahrt: „Es fallt uns bei dieser Gelegen- 
heit ein, daß Basedow, der ein starker Trinker war, und in 
seinen besten Jahren in guter Gesellschaft einen sehr erfreu- 
lichen Humor zeigte, stets zu behaupten pflegte: die Con- 
clusion ergo bibamus passe zu allen Prämissen. Es ist 
schön Wetter, ergo bibamus! Es ist ein häßlicher Tag, 
ergo bibamus! Wir sind unter Freunden, ergo bibamus! 
Es sind fatale Bursche in der Gesellschaft, ergo bibamus! 
So setzt auch Newton sein ergo zu den verschiedensten 
Prämissen." Und dann wendet Goethe „das Basedowsche 
ergo bibamus" wiederholt auf Newtons Schlußfolgerung an, 
die nach Goethes Urteil zu seinen Prämissen in einem ebenso 
fragwürdigen Verhältnis steht. Wenn es nun auch nach 
dieser Stelle der Farbenlehre sicher ist, daß Goethe sein 
„ergo bibamus" wohl auf der denkwürdigen Lahn- und Rhein- 
reise von Basedow gelernt hat, so hat doch die Formel ihre 
weitere Geschichte. Basedow wird sie wohl aus dem stu- 
dentischen Hospiz übernommen haben, denn schon im 
17. Jahrhundert (1664) lernen wir es in einer Art Studenten- 
komment kennen in der Schrift e Philosophia Salustiana' von 
Janeser Potorianus, hinter welchem Pseudonym sich der be- 
kannte Joh. Prätorius verbirgt. Unter den Bl. H 1 2 aufgeführten 



• Aus dem Goethe-Jahrbuch XXV 226. 



HO 



Ergo bibamus. 



e Regulae Bursales * finden wir den Satz: „Qui bene bibit, bene 
dormit; qui bene dormit non peccat; qui non peccat, est 
beatus: ergo ut fiamus beati, bibamus!" Wir haben es hier 
offenbar zu tun mit einem schulmäßigen Beispiel für Trug- 
schlüsse. So findet sich 1597 in des Goclenius 'Ratio sol- 
vendi vitiosas argumentationes' S. 21 : „Qui bene bibit, bene 
dormit; qui bene dormit, non peccat; qui non peccat, erit 
beatus: ergo qui bene bibit, erit beatus." Die Anwen- 
dung des „ergo bibamus" auf den Newtonschen Trugschluß 
wie auch der Liedrefrain, der als Trugschluß hier seine Er- 
klärung findet, weisen also über Basedow hinaus in die 
ältere Logik. 



Die Heimat des Christbaums*. 

Noch heute ist der Weihnachtsbaum nicht überall in 
unserem Vaterlande heimisch. Durch das ganze 19. Jahr- 
hundert hindurch kann man beobachten, wie er sich allmäh- 
lich in verschiedenen Landschaften einbürgert. Heute be- 
darf es keines Beweises mehr, daß der Lichterbaum keiner 
altdeutschen Sitte angehört. Werther und Lotte beim Weih- 
nachtsbaum sind ein frühestes klassisches Bild der Sitte, aber 
Luther und seine Familie um den Christbaum versammelt, 
ist eine geschichtliche Unmöglichkeit. Erst im 17. Jahr- 
hundert beginnen die leisesten Ansätze der Sitte in ganz 
spärlichen Zeugnissen. Ein schönes Buch von Alexander 
Tille 1 hat mühselige Ermittlungen angestellt, um das Um- 
sichgreifen des Weihnachtsbaums im 18. und 19. Jahr- 
hundert klarzustellen. Vielleicht ist es bisher niemals be- 
achtet worden, daß aller Wahrscheinlichkeit nach Indien die 
Heimat des Weihnachtsbaums ist. In einem alten Reise- 
werke des 16. Jahrhunderts, das einen Italiener namens Var- 
toman zum Verfasser hat, findet sich eine Schilderung von 
Lichterbäumen, die in Indien am 25. Dezember alljährlich 
bei großen Wallfahrten zu leuchten pflegten. Die Über- 
einstimmung des festen Datums mit dem Brauche selber 
kann nicht Zufall sein und drängt uns zu der Vermutung, 
daß Missionare von Indien her die Sitte zu uns gebracht 



• Aus der Kölnischen Zeitung vom 18. Dezember 1905. 
1 Geschichte d. deutschen Weihnacht 1893. 



112 Die Heimat des Christbaums. 

haben. Es wäre eine der merkwürdigsten Erscheinungen, 
daß unser germanisches Christentum in dem Weihnachts- 
baum ein Abbild aus einer Religion Indiens hätte. Aber 
das Zeugnis ist kaum anders zu deuten. Man höre den 
Wortlaut: 

„Nit ferr von Calicut ligt ein Tempel mitten inn eim 
Wassertheich, gebawt auff den alten sitten, nit fast ungleich 
der Kirch S. Johans im brunnen zu Rom, zu beiden Seiten 
Seulen; mitten im selben Tempel ist ein Altar von stein ge- 
macht, darauff man die Opffer vollbringet, und zwischen 
jeglichen den Seulen des undern Zirckels stehn kleine Schiflin 
von steinen gehawen, zweier schrit lang, gefüllet mit einem 
öle; dasselbig heissen sie Enna, und zu rings umb am ge- 
stat des Wassertheichs stehn viel Baum all in einer gestalt; 
daran hencken sie Lichter und ampeln solcher menig, das 
es nicht zu zelen ist, desgleichen auch umb diesen Tempel 
so viel angezünter Ampeln unnd Liechter, unglaublich zu 
sagen. Auff den 25. tag Decembers helt man dieses Feste 
also, das alles Volck biß in 1 5 meil wegs darumb gelegen, 
Pfaffen, Edel und Bawers leut komen gmeinlich zu dieser 
Opfferung; zum ersten, ehmal sie eingehn zu vollbringen 
das Opffer, so waschen sie sich alle in dem gedachten 
Teich; darnach die fürnemsten Priester des Königs steigen 
also rheitend auff die gemelten Schiflin, darinnen das öle 
ist, unnd nachmals all das Volck geht zu den Pfaffen, welche 
eim jeden das Haupt salben von demselben öle; darnach 
thun sie das Opffer auff dem Altar, darzu geordnet, unnd 
auff dem mittel deß Altars stehet ein ubergrosser Teuffei, 
zu welchem sie gehen, so viel ir darkomen, knien für in 
nider und beten in an. Nach dem so kert sich ein jeder 
wider dahin, von dannen er komen ist, und ein jeder hab 
ubelthat auff ihm was er wöll, so hat er dieselbige zeit 
sicherheyt und geleyt daselbst, und in warheit so hab ich 
nie mehr volck bey einander gesehen als an diesem orth, 
und da ich zu Mecha gewesen bin." 



Die Heimat des Christbaums. 



113 



Der Titel des Buches, aus dem wir dieses wichtige Zeug- 
nis für die Geschichte des Weihnachtsbaumes genommen 
haben, lautet: 

„Die Ritterliche unnd Lobwirdige Reyß des Gestrengen 
und über all ander weit erfarnen Ritter und Landtfahrer 
Herrn Ludouico Vartomans von Bolonia, welche sagt von 
den Landen Egypto, Syria, von beiden Arabia, Persia, India 
und Ethiopia, von deren Gestalt, Sitten, Leben, Pollicey, 
Glauben und Ceremonien; auch von mancherley Thiern, 
Vögeln und anderen seltzamen Dingen. Das alles er selbs 
erfahrn und gesehen hat tt (Bl. Q IIa). 

Die deutsche Übersetzung ist 1556 in Frankfurt a. M. 
erschienen. Die behandelten Reisen haben im Jahre 1503 
stattgefunden, der Berichterstatter ist ein guter Beobachter, 
und seine Angaben machen durchaus den Eindruck der 
Glaubwürdigkeit. Freilich bleibt es zunächst unklar, auf 
welche Sekte sich seine Mitteilungen über die Lichterbäume 
in Calicut beziehen. Für den Weihnachtsbaum gilt also 
derselbe Satz wie für das Weihnachtsfest: ex Oriente lux ! 



Kluge, Bunte Blätter. 



8 



Ostern*. 

Der Name des christlichen Osterfestes hat bei uns 
keinen christlichen Klang. Aber über die heidnische Deutung, 
welche er verlangt, herrscht leider immer noch keine Eini- 
gung. Denn die Annahme einer germanischen Frühlings- 
göttin Ostara wird von unsern Mythologen vielfach in 
Zweifel gezogen und dann weiterhin auf eine Deutung des 
Wortes verzichtet. Keine deutsche, sondern eine angelsächs. 
Quelle ist es, die von einer germanischen Frühlingsgöttin 
für die Benennung des Osterfestes ausgeht: Beda Venera- 
bilis in seiner Schrift *De ratione temporum' (mein angls. 
Leseb. 3. AuH. S. 12). Dort kommt Beda in einer Er- 
örterung der angls. Monatsnamen auf den £astormönath: 
„a dea illorum quae Eostrae vocabatur et cui in illo festa 
celebrabant nomen habuit". Beda hat als durchaus glaub- 
würdiger Zeuge zu gelten, wie denn auch die chrisdiche 
Benennung des Weihnachtsfestes (mhd. ze wihen nahten) 
aus seinen Angaben aufgehellt wird. So hat Bedas Angabe 
auch für die deutsche Benennung des Osterfestes Bedeutung. 

Nun ist bekannt, daß die vergleichende Sprachwissen- 
schaft die Wesensgleichheit der hypothetischen Ostara mit 
der lat. Aurora und der griech. ^Ecoc und der ind. Ushäs 
feststellt. Vom Standpunkt der Sprachvergleichung gibt es 
nur wenige Deutungen von gleicher Sicherheit und Glaub- 



• Aus der Zeitschrift für deutsche Wortforschung II 42. 



Ostern. 1 1 5 

Würdigkeit. Denn formell stellt sich lit. auszrä und ind. usrä 
e Morgenröte 3 als Mittelglied zwischen jene Worte. Laudehre 
und Wortbildungslehre garantieren jenen Zusammenhang, 
aber für die Bedeutungslehre blieb eine Schwierigkeit übrig: 
wie verhält sich die german. Frühlingsgöttin zu der Göttin 
der Morgenröte? Diese Schwierigkeit gab den Mythologen 
einen Schein von Berechtigung zu ihrer Skepsis. Aber durch 
eine neuere Untersuchung zur ind. Mythologie wird nun- 
mehr dieser Skepsis der Boden völlig entzogen. 

Hillebrandt hat in seiner Ved. Mythol. fi 26 durch ein- 
dringliches Studium des altind. Opferrituals die sichere Ent- 
deckung gemacht, daß die vedischen Hymnen an die Mor- 
genröte einen festen Platz in der Frühlingsfeier eingenom- 
men haben als Jahresanfangslieder, die den wichtigsten der 
Tage begrüßten: „Wir werden nicht fehl gehen, wenn wir 
in diesen Ushäs-Hymnen der Rigveda, die die Morgenröte 
preisen, Neujahrslieder sehen, die den Anbruch des wich- 
tigsten Tages im neuen Jahre preisen, gleichviel ob man 
dessen Anfang in den Frühling oder in die Winterszeit ver- 
legt." Hillebrandt hat den schwerwiegenden Nachweis nicht 
weiter verfolgt, aber wir entnehmen S. 7 des Bandes die 
Gewißheit, daß auch ihm der Gedanke an den Ostertag 
gekommen ist. Ist nämlich der Ushäs die erste Morgenröte 
der Frühlingsfeier gewidmet, so liegt die Identität mit der 
hypothetischen Ostara und Bedas Eostrae klar zu Tage. 
Unsicher würde der weitere Schluß sein, daß in der indo- 
germ. Urzeit der Jahresanfang die erste Morgenröte der 
Frühjahrsfeier gewesen sei. Wir müssen es weiteren For- 
schungen überlassen, diese Gleichung zu verfolgen und ver- 
weisen noch auf die Resultate Hillebrandts, der selbst die 
klimatische Möglichkeit von Morgenröten für die Frage 
nach der Urheimat der Indogermanen erwägt. Ich will 
meinerseits hier nur eine Frage aufwerfen, die wohl bisher 
noch nicht aufgeworfen ist: wie verhält sich formell der 
Name der Göttin zu dem Namen des Festes? Wenn man 

8* 



Ii6 



Ostern. 



lat. Bildungen wie Saturnalia und Vulcanalia oder griech. 
Aiov6ota vergleicht, erwartete man für den Namen des 
Festes ein deutliches Ableitungselement. Und ein solches 
fehlt. Leider kennen wir unsere heidnische Nomenklatur 
nicht, um völlige Klarheit zu schaffen. Aber eine Ver- 
mutung mag gewagt werden. Könnte die Pluralform Ostarün 
nicht eigentlich Genet. Sing, des Götternamens sein, so daß 
etwa Testtag' oder 'Festtage* zu ergänzen wäre? 



Tuisco deus et filius Mannus*. 

(Tacitus, Germania Kap. 2.) 

In der Fülle des Reichtums an wertvollen Aufschlüssen 
über unsere Urzeit liefert die 'Germania 9 des Tacitus beson- 
ders in Kap. 2 bedeutsame Zeugnisse, von denen die ger- 
manische Überlieferung sonst nichts weiß, über „originem 
gentis conditoresque". Aber gerade diese Stelle, die zu 
manchen Streitigkeiten und Vermutungen Anlaß gegeben 
hat, gibt auch der Wortforschung zu tun. Und diese hat 
schon lange festgestellt, daß der Mannus als Stammvater 
der Germanen der Namensvetter des altindischen Manu ist. 
Dieser aber ist der Stammvater der nachsündflutigen Men- 
schen. Die indische Flutsage ist gewiß nicht semitischen 
Ursprungs — das hat neuerdings Usener in seinen "Religions- 
gesch. Forschungen 9 nachgewiesen. Und wenn im Germa- 
nischen für uns mit dem Mannus-Namen nicht auch eine 
Flutsage verknüpft ist, so bürgt doch die Identität des germ. 
Eigennamens mit dem ind. Eigennamen, sowie die Funktion 
beider mythischen Gestalten als Stammväter dafür, daß 
schon die indogerman. Urzeit von dem Urtypus Manu-s als 
Stammvater etwas fabulierte. Vielleicht steht die german. 
Fabel, wonach Mannus der Stammvater der Germanen ge- 
wesen, dem Ursprünglichen ebenso nahe wie die indische 
Anschauung, die den Manu zum nachsündflutigen Urmen- 
schen, dem nicht-semitischen Noah macht. Dem indoger- 
manischen Urvolk war Mensch-sein und Indogermane-sein 
vermutlich eins. Man weiß, daß bei Völkern auf einer pri- 
mitiven Kulturstufe nur der Stammesgenosse Mensch war, 

* Aus der Zeitschrift für deutsche Wortforschung II 43. 



1 1 8 Tuisco deus et filius Mannus. 

aber der Nicht-Stammesgenosse ein Unmensch. Wir haben 
aber keinen Grund, den Taciteischen Urgermanen Mannus 
zu verdächtigen, nur gestattet uns die Wortforschung, den 
Urmenschen Manus für älter zu halten als den Urgermanen 
Mannus. Denn dieses ist, wie man mit Recht allgemein 
glaubt, unser Wort 'Mann', und das bedeutet in Überein- 
stimmung mit ind. manu zunächst nur 'Mensch 5 ; vgl. jemand, 
niemand sowie engl, woman aus angls. wff-man (eigtl. 
Weibmensch 5 ). Daraus folgt mit Notwendigkeit, daß der 
Taciteische Mannus einmal als Urmensch gegolten haben 
muß, ehe er zum Urgermanen wurde. 

So klar das Verhältnis beider mythischer Gestalten ist, 
so schwer ist das Wort e Mensch' in seinem Verhältnis zu 
'Mann 5 (= Mensch) zu bestimmen. Es eignet schon dem Hoch- 
deutschen und Niederdeutschen der ältesten Denkmäler 
(mennisco aus mannisco), fehlt aber bei den übrigen Ger- 
manen. Es kam in die Höhe, je mehr 'Mann' für Vir 5 statt 
für c homo 5 üblich wurde. Aber der Heliand gebraucht es 
nur in der Formel e menniscono barn', die gewiß über das 
9. Jahrhundert zurückreicht. Das altdeutsche e mennisco' läßt 
sich aber wohl kaum als eine Substantivierung zu got. 
mannisks, angls. mennisc 'menschlich 5 fassen — es würde 
dann c der Menschliche 5 bedeuten; diese zu abstrakte Be- 
nennung widerstrebt einer volkstümlichen Wortschöpfung 
der Urzeit. Geben wir dem Suffix e iska-' die Bedeutung der 
Abstammung, die sich zumal in Ableitungen aus Eigen- 
namen zeigt — so liegt es nahe, die Menschen als die 
Mannus-Nachkommen zu fassen. Ich glaube [nicht, daß man 
für solche patronymische Bildung vielmehr Suffix e -ing' 
(Stammbildungslehre § 26) erwarten sollte. Die Möglichkeit, 
daß die Stammheroen der Ingaevones, Herminones und 
Istaevones die ersten und eigentlichsten Manniscones ge- 
wesen sind, wird man wohl nicht leugnen können. 

Hier ist nun auch der Ort, über den Tuisco des Tacitus 
eine Vermutung zu wagen. Oder richtiger, eine schon längst 



Tuisco deus et filius Mannus. 1 1 g 

aufgestellte Vermutung zu erneuern. An e Tuisco', wie die 
beste Überlieferung bei Tacitus ist, scheitert alle Wortfor- 
schung; wer sich dabei beruhigt, dessen Gewissen plagen 
keine sprachlichen Skrupel noch Zweifel. So hat man an ahd. 
e zwisc(i)' gedacht, das in unserm 'zwischen' fortlebt. Dieses 
Etymon bedarf keiner Widerlegung. Demgegenüber hat 
man schon längst e Tivisco 9 vermutet (vgl. Baumstarks Kom- 
mentar). M üllenhoff (Altertumsk. IV 113) verwirft diese Ver- 
mutung, die einen doppelten Schreibfehler — e Tuisco' für 
'Tiusco' und dies für e Tiuisco' — annehme. Aber warum 
einen doppelten Schreibfehler? Es kann einfacher Schreib- 
fehler — e Tiuisco' für 'Tuisco' — vorliegen. Gerade e iui' ist 
in älteren Handschriften leicht verlesbar. In der Tat glaube 
ich mit Zeuß an e Tivisco', weil ich mit e Tuisco' nichts anzu- 
fangen weiß. Und zu Gunsten unserer Deutung spricht nun- 
mehr auch der Parallelismus Mannus: Mannisko = Tiwas: 
Tiwisko. Die Hauptgottheit e Tiwa-s', die dem ahd. e Zio', 
angls. e Tfw', anord. e Tyr' entspricht, deckt sich formell nach 
Bremers richtiger Deutung mit lat. e deus', ind. e deva-s'. So 
würden wir einen e Tiuus' (Tivus), für den die germ. Zeug- 
nisse erst viel später einsetzen, den Germanen des Tacitus und 
den Urgermanen beizulegen haben. Wenn aber Tacitus den 
Tuisco als einen c deum terra editum' bezeichnet, so ist Tuisco 
als ein Sohn der Terra mater (vgl. angls. folde fira mödor) 
doch gewiß unzulänglich charakterisiert. Metrony mika spielen 
bei den Germanen eine kleine Rolle. An der Spitze der 
germ. Genealogien pflegen Götter zu stehen, nicht Göttinnen. 
Wenn in den Veden die pjthivi mätä neben dem Dyäus 
pita steht, so wird die Mutter Erde mit dem Gott des 
Himmels den Tiwisko als Sohn erzeugt haben. Tiwas (aus 
idg. deivos) ist der german. Himmelsgott. So weist uns 
Mythologie und Wortforschung auf die Genealogie Tivos 
— Tiviskö — Mannus — Manniskones. 



Sippennamen und Sippensiedelungen *. 

Die Bedeutung der Ortsnamenkunde für Zwecke der 
Landeskunde ist seit Arnolds Ansiedelungen und Wande- 
rungen deutscher Stämme 9 (Marburg 1875) immer mehr er- 
kannt worden. In der Tat können Arbeiten der Sprach- 
wissenschaft der Geschichtsforschung zuweilen erhebliche 
Dienste leisten, und manche neuere Anschauungen auf ge- 
schichtlichen Gebieten beruhen auf sprachwissenschaftlichen 
Ermittelungen. Von selbst drängt eine Fülle von Ortsnamen 
zu einer geschichtlichen Auffassung, wenn wir Personen- 
namen so vielfach in Ortsnamen antreffen (Karlsruhe, Lud- 
wigshafen, Friedrichsroda, Petersburg, Christiania). So hat 
sich in den Kreisen der Forscher, denen einzelne Länder 
und Landschaften die Probleme stellen, die Untersuchung 
alter Typen von Ortsnamen aufgedrängt, weil die Besiede- 
lungsgeschichte eines verhältnismäßig spät besetzten Ge- 
bietes von den Ortsnamen her vielleicht Aufschlüsse erhoffen 
dürfte. 

Wiederholt ist neuerdings der gemeingermanische Ty- 
pus der Ortsnamen auf e -ingen' in der geschichtlichen Er- 
örterung der Siedelungen germanischer Stämme im 5. und 
6. Jahrhundert verwertet worden. Wenn das bisher wohl 
ausschließlich in den Kreisen der Historiker geschehen ist, 
so darf nun auch wohl ein Sprachforscher dazu Stellung 
nehmen; denn die Wortbildungslehre ist ein sehr wichtiger 



• Aus der Vierteljahrsschrift für Social- und Wirtschaftsgeschichte 
1908 S. 73. 



Sippennamen und Sippensiedelungen. 121 

Teil der deutschen Grammatik, und gerade die Patronymikal- 
bildung auf e -ing', die für jenen Ortsnamentypus in Betracht 
kommt, spielt in alter Zeit eine wichtige Rolle *. Auch der 
Sprachforscher muß sich darüber Rechenschaft ablegen, ob 
Patronymikalbildungen wie e Merovingi', "Carolingi 9 , 'Agilol- 
fingi 9 mit der Bildung von Ortsnamen wie Öhringen 9 , 
e Ebringen 9 , e Löffingen 9 in einem ursächlichen Zusammen- 
hang stehen. , 

Der Typus der altdeutschen Patronymika ist bekannt 
aus der e Lex Baiuariorum 9 , die uns in den Familiennamen 
der Agilolfingi und Hahilingi die ältesten Zeugnisse liefert*. 
Aber höheres Alter dürfen einige Dynastiennamen aus dem 
altenglischen Beowulfepos beanspruchen, das aus der Wende 
des 7. und 8. Jahrhunderts stammt, aber auf geschichtlichen 
Verhältnissen von der Wende des 5. und 6. Jahrhunderts 
beruht. Da ist *Waegmundingas 9 der Name der adligen 
Familie des Haupthelden, der mit der königlichen Familie 
der Hrethlingas und deren zeitgenössischem Haupt Hygeläc 
verwandt ist. Dann treffen wir in derselben altenglischen 
Quelle den Namen der dänischen Dynastie der Scyldingas, 
der schwedischen Dynastie der Scylfingas, einer friesischen 
Häuptlingsfamilie der Hocingas. 



1 Vgl. meine Stammbildungslehre der altgerm. Dialekte (2. Aufl.) 
§ 22 — 27, S. II — 15. Außer den in obigem Aufsatz zitierten Arbeiten wäre 
hier noch weitere Literatur namhaft zu machen: Flechia, Di alcune forme 
dei nomi locali dell* Italia Superiore S. 94 — 101 ; Philipon, De l'emploi 
du suffixe Burgonde -inga dans la formation des noms de Heus in der Revue 
de Philologie frangaise et de littlrature, herausgeg. von Cledat XI 109; 
Hellquist, Om de svenska ortnamnen p& -inge, -unge, och -unga in Göteborgs 
Högskolas Arsskrift XI I — 262; Oechsli 1891 Die Anfange der Schweiz. 
Eidgenossenschaft S. i8ff. 

* Lex Baiuariorum M. G. LL. tom. III (XV) p. 289, 10—14. (III. De 
genelogiis et eorum conpositione) : „De genelogia, qui vocantur Huosi 
Drozza Fagana Hahiligga Anniona: isti sunt quasi primi post Agilolvingas, 
qui sunt de genere ducali; Ulis enim duplam honorem concedamus et sie 
duplam compositionem aeeipiant — Agilolvinga vero usque ad ducem in 
quadruplum conponat, quia summi prineipes sunt inter eos." 



122 Sippennamen und Sippensiedelungen. 

Ungefähr in derselben Zeit, die den Ereignissen des 
Beowulfepos zugrunde liegt (es ist das Zeitalter der fränki- 
schen Merovingi), herrschte bei den Ostgoten die Dynastie, 
die unser mittelhochdeutsches Volksepos als c Amelunge 9 be- 
zeichnet. Wir kennen diese Dynastie durch 10 Generationen, 
deren Ahnherr spätestens in den Anfang des 3. Jahrhun- 
derts zu versetzen ist, durch keinen geringeren Gewährs- 
mann als Cassiodor (Var. XI, 1): „Enituit Amala felicitate, 
Ostrogotha patientia, Athala mansuetudine, Vinitharius aequi- 
tate, Hunimundus forma, Thorismundus castitate, Valamir 
fide, Theodemir pietate, sapientia inclitus pater (Theodori- 
cus). u In unsern mittelhochdeutschen Quellen, in denen 
die Amelunge auftreten, ist 'Wülfinge 9 der Familienname 
des alten Hildebrant, dessen Vater in unserm Heldenliede 
des 8. Jahrhunderts Heribrant heißt; aber von dem Stamm- 
vater dieses Geschlechts weiß unsere alte Überlieferung nichts 
als den Namen. Später nennt uns Bedas altenglische Kirchen- 
geschichte die kentische Dynastie der Oescingas (Oerfc co- 
gnomento Oesc a quo reges Cantuariorum solent Oiscingas 
cognominare II 5) und die ostanglische Dynastie der Wuf- 
fingas (Vuffa a quo reges orientalium Anglorum Vuffingas 
appellant II 15). Dann hören wir von Paulus Diaconus in 
der Langobardengeschichte I 12 den Namen der lango- 
bardischen Dynastie der Lithingi. Und sein Zeitgenosse 
Einhard nennt die Nachkommen Karls des Großen Caro- 
lingi. Nur flüchtig wollen wir hier noch daran erinnern, 
daß dieser Wortbildungstypus bei fürstlichen Familien inner- 
halb der altnordischen Überlieferung öfters begegnet, z. B. 
heißt die Dynastie Knuts Knytlingar. 

Aber diese Zusammenstellungen beweisen etwas, das 
im Grunde von niemand angezweifelt worden ist, nämlich 
die Existenz von fürstlichen Familiennamen. Ich habe 
absichtlich ein leidlich erschöpfendes Material hier vorgeführt, 
damit man sich ein Urteil darüber bilden kann, wie dieser 
Wortbildungstypus in erreichbarer Zeit doch nur bei adeligen 



Sippennamen und Sippensiedelungen. 123 

und insbesondere fürstlichen Geschlechtern bezeugt ist; für 
die westgermanischen Sprachen stimmt dies jedenfalls un- 
eingeschränkt *. Damit ist noch nicht der Beweis erbracht, 
daß auch jeder freie Deutsche der Völkerwanderungszeit in 
einen Geschlechtsverband gehört, der einen eigenen Familien- 
namen gehabt hätte. Es war die Zeit der Einnamigkeit. 
Man liebte es, die Glieder einer Familie in dem Namen 
durch die Alliteration zu verbinden: Heribrant, Hiltibrant, 
Hadubrant im alten Hildebrandsliede; Gibica, Gundaharius, 
Godomares, Gislaharius in der e Lex Burgundionum'; die 
Brüder Hengist und Horsa bei Beda 2 . 

Diese Alliteration war das herrschende Kennzeichen der 
Familienzugehörigkeit für eine Zeit, in der eigentliche Fa- 
miliennamen gefehlt haben. Und wir dürfen die Beschrän- 
kung jenes Wortbildungstypus auf fürstliche Häuser doch 
nicht für einen bloßen Zufall halten. Dürfte man da nicht 
in den zahlreichen Urkunden des 8. und 9. Jahrhunderts, 
die uns so vieles Namenmaterial aus urdeutscher Zeit über- 
mittelt haben, Beweise fiir altdeutsche Familiennamen er- 
warten? Nie steht bei den vielen Zeugen der Urkunden 
und den Namenlisten von Verbrüderungsbüchern u. dergl. 
irgend ein Zusatz in der genannten Richtung (etwa e Hadu- 
mar ex genealogia Ottingorum 9 ) 8 ; und doch kommen oft 

1 Im Altnord, allerdings ist der Typus auch darüber hinaus verbreitet. 

* Bekanntlich liefert die Königsfamilie der Cherusker die frühesten Zeug- 
nisse für dieses Gesetz der Namengcbung: Segestes, Scgimerus, Segimundus, 
Segithancus. Der Typus dieser Bildung wiederholt sich im 7. und 8. Jahr- 
hundert bei den ostsächsischen Königen Altenglands: Sighere, Sigberht, 
Sigefugl, Sigemund, Sigehard, Sigcred, Sigeric, Sigebald, Sigeferth (Sweet, 
Oldest English Texts S. 179). Das früheste Zeugnis für die Verschmelzung 
der Siegfriedsage mit der Burgundersage liefern in der ersten Hälfte des 
6. Jahrhunderts die Namen Sigimundus und Sigiricus in der Familie des 
Burgunderkönigs Gundobad. 

3 Das würde auf altdeutsch durch den bloßen Gen. Plur. ausgedrückt 
werden, wenigstens zeigt das Beowulfepos solche genetivische Zusätze mit 
ethnographischem Inhalt, wenn es den dänischen und den gautischen Beo- 
wulf unterscheidet als Biowulf Scyldinga V. 53 und Beowulf Geata V. 676, 1 191. 



124 Sippennamen und Sippensiedelungen. 

identische Namen in der gleichen Quelle bald hintereinander 
vor, wo eine Unterscheidung nahe gelegen hätte. 

Der Zusammenhang solcher Patronymikalbildungen mit 
dem Typus von Ortsnamen wie Eßlingen, Tuttlingen, Reut- 
lingen, Hechingen, Ettlingen, Löffingen liegt auf der Hand. 
Und doch muß man sich hüten, dem Anklang zu viel Beweis- 
kraft zuzugestehen. Denn fallt es nicht schwer ins Gewicht, daß 
die Ortsnamen sich nur in den seltensten Fällen bequem auf 
gute germanische Personennamen zurückführen lassen? Unter 
guten germanischen Personennamen verstehen wir in erster 
Linie zweigliedrige Namen, die vom Standpunkte unserer 
älteren Sprache aus auch relativ durchsichtig sind: Sigifrid 
(sigi 'Sieg 9 + fridu 'Friede 9 ), Hadubrant (hadu e Kampf 9 
+ brant 'Schwert 9 ), Guntheri (gund 'Kampf 9 + heri 'Heer 9 ), 
Diotrih (diot + rih), Gerhart (ger + hart), Hadumär (hadu 
'Kampf 9 + mar 'berühmt 9 ). Das ist der überwiegende Ty- 
pus unserer alten Personennamen aus der Völkerwanderungs- 
zeit, die viele Hunderte von Namen bei allen Germanen 
für das erste Jahrtausend unserer christlichen Zeitrechnung 
allerorten erweisen. Aber entschieden geringer an Zahl sind 
Ortsnamen auf '-ingen 9 , die auf solchen zweigliedrigen Per- 
sonennamen beruhen, wie Leoprechting in Bayern, Sig- 
maringen, Anseifingen, Gundelfingen, Reiselfingen, Leipfer- 
dingen (778 Liutfridingas), deren Grundlagen leicht deutbar 
sind. Man denke daneben an alte Ortsnamen wie Walters- 
hausen , Guntershausen , Wolframshausen , Hildburghausen, 
Albrechtshausen, Ludolfshausen, Radolfshausen, Wolbrands- 
hausen, Wolbrechtshausen, Landolfshausen, Lippoldshausen, 
Sieboldshausen, und man wird vergebens auf eine gleich 
große Anzahl von durchsichtigen Namen auf '-ingen 9 fahn- 
den, in denen zweigliedrige Eigennamen bequem erkennbar 
wären l . Und wie schwierig ist die etymologische Deutung 



1 Vgl. Leo Meyer 'über den Namen Götlingen' in den Nachrichten 
von der Kgl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen 1906 S. 334, 



Sippennamen und Sippensiedelungen. 125 

von Namen wie 'Tübingen', dessen Grundwort (ahd. tuvvo) 
Hermann Fischer noch kürzlich im Schwab. Wörterbuch 
II 436 als völlig rätselhaft bezeichnen mußte! 

Es sind also zunächst zwei Bedenken, die gegen ein- 
seitige Deutung der Ortsnamen auf Mngen' zu erheben 
wären: 1. Die ausschließliche Verwendung der deutschen 
Patronymikalbildung für Dynastien, sowie das Fehlen von 
sonstigen Familiennamen, und 2. der überwiegende Zwiespalt 
der auf einsilbigen Wortstämmen beruhenden Ortsnamen 
gegenüber der Zweigliedrigkeit der germanischen Personen- 
namen. Aber sind diese beiden Bedenken so gewichtig, daß 
sie eine Theorie gefährden, die sich vielfacher Anerkennung 
erfreut? Der Begründer und Hauptvertreter dieser Theorie, 
Professor Sigmund Riezler, hat 1887 im Oberbayrischen Ar- 
chiv für vaterländische Geschichte 44, 33 die Ortsnamen aus 
der Umgebung Münchens untersucht und aus dem Orts- 
namentypus auf Mng 9 schließen zu müssen geglaubt, daß die 
altgermanischen Geschlechterverbände bei der Besiedelung 
Bayerns noch in örtlichem Zusammenhang bestanden und 
ihren Siedelungen die Benennung (auf -ing) gegeben haben. 
Wir dürfen es der feinsinnigen Untersuchung nicht ver- 
argen, daß sie von der Patronymikalbildung ohne weitere 
Bedenken ausgeht, wie sie sich dem Sprachforscher von 
selbst aufdrängen. Zunächst legt zwar die Apfelsorte der 
gözmäringa und geroldinga in den Cap. Reg. Franc. I 91 
Bedenken nahe 1 . Denn es ist nicht sehr wahrscheinlich, 



338. Übrigens zieht die Größe der Siedelungen nicht notwendig den Orts- 
namentypus auf Mngen' nach sich; denn auch Ortsnamen wie Walters- 
hausen (ahd. Gunthereshusun, Alahfrideshusun) weisen durch die Mehrheits- 
form des zweiten Wortgliedes deutlich auf umfangreichere Niederlassungen 
hin. Vgl. noch besonders Oechsli S. 20. 

1 Mon. Germ. LL. Sectio II I ; Karoli Magni Capitularia. 32. Capitu- 
lare De Villis. Cap. 70 p. 90: „De arboribus volumus quod habeant 
pomarios diversi generis, pirarios diversi generis, prunarios diversi generis, 
sorbarios, mespilarios, castanearios, persicarios diversi generis, cotonia- 
rios, avellanarios, amandalarios, morarios, lauros, pinos, ficus, nucarios, 



126 Sippennamen und Sippensiedelungen. 

daß diese Namen mit hypothetischen Ortsnamen derselben 
Lautgestalt geradezu identisch wären. Man nimmt wohl 
allgemein an, daß die Apfelnamen vielmehr auf Mannes- 
namen 'Gozmär 9 (Grundtypus 'Gautomerus') und 'Gerold' 
(Grundtypus 'Geisowaldus') zurückweisen und eigentlich die 
Äpfel des Goßmär oder Gerold bedeuten. 

Es muß nämlich mit aller Entschiedenheit betont werden, 
daß unser Suffix eigentlich jede beliebige Art der Zugehörig- 
keit bedeutet. Das älteste deutsche Zeugnis aus einem deut- 
schen Sprachdenkmal, das in dieser Richtung völlig be- 
weisend ist, steht im Anfange des alten Hildebrandsliedes 
(8. Jahrhundert): „Ich hörte das sagen, daß als Kämpfer 
sich einzeln begegnet wären Hiltibrant enti Hadubrant untar 
heriun tuem sunufatarungo, zwischen den zwei Heeren der 
Kriegsleute von Vater und Sohn". An dieser Deutung der 
allerdings vereinzelten Wortbildung auf e -ung 9 zweifelt heute 
wohl niemand mehr. Denn es lassen sich zahlreiche Be- 
weise dafür erbringen, daß Zugehörigkeit im allgemeinen 
und geographische Zugehörigkeit im besonderen die Bedeu- 
tung unseres Suffixes ausmachen. Und wer möchte für das 
Wort des Hildebrandsliedes an patronymikale Funktion 
denken ? 

Die germanischen Stämmenamen auf e -ing 5 wie Thu- 
ringi, Silingi, Salingi setzen im allgemeinen einer inhaltlichen 
Deutung erhebliche Schwierigkeiten entgegen. Aber ein- 
wandfrei läßt sich der Name der Greutungi deuten als 
c Strandleute', denn r greut' (unser e Gries') bedeutete Ufer- 
sand 1 . Im Altnordischen sind e Islendingar 5 die Bewohner 



ceresarios diversi generis. Malorum nomina: gozmaringa, geroldinga, 
crevedella, spirauca, dulcia, acriores, omnia servatoria et subito comessura; 
primitiva." 

1 Der Name der 'Greutungi' lebt vielleicht fort im Namen Stadt der 
Graudenz; vgl. Rozwadowski 1907 in den Materialien und Arbeiten der 
sprachlichen Kommission der Akademie der Wissenschaften in Krakau 
H 347- 



Sippennamen und Sippensiedelungen. \2J 

von Island. So heißen die Einwohner der englischen Stadt 
York (angelsächs. Eoforwfc) in der alten Sachsenchronik 
'Eoforwicingas 9 , d. h. Leute von York, und die Einwohner 
von Kent e Centingas 91 . Der aus dem Gudrunepos vom Be- 
ginn des 13. Jahrhunderts bekannte Wülpensand hieß ur- 
sprünglich e Wulpia 9 , und seine Bewohner heißen in einer 
alten flandrischen Urkunde 'Wulpingi' (homines de Wulpia); 
vgl. Jacob Grimm in Haupts Ztschr. II 4. Die Leute vom 
nördlichen Ufer der Unterelbe sind die 'North- Albingi 5 ; der 
Poeta Saxo zum Jahre 798 ist das früheste Zeugnis für die 
Benennung (hos North Albingos patrio sermone vocamus). 
Im deutschen Norden hießen Völker und Leute des Ostens 
im Mittelalter e Osterlinge \ So nennt man noch gern die 
Einwohner Westfalens *Westfalinger' und im Norden die 
Einwohner der Insel Föhr auch c Föhringer 9 . So redet 
Luther von den 'Harzlingen 9 als seinen Landsleuten 2 , und 
im Flämischen heißen die Einwohner von Brügge, Mecheln 
und Yper noch heute c Brüggelinge', c Mechelinge' und c Yper- 
linge' 8 . Dieser Wortbildungstypus zur Bezeichnung für Ein- 
wohner von Landschaften, Städten und Inseln ist im Angel- 
sächsischen besonders geläufig. Daß derselbe aber auch im 
Skandinavischen einmal gegolten hat, lehren inselschwedische 
Mundarten des finnischen Meerbusens: da heißen die Be- 
wohner von Harrströms, Töjbo und Nämpnäs 'Harvungar', 
'Töjbungar 9 und e Nämpungar 9 (Tidskr. 21, Nr. 3, S. 37). 
In alten Geschichtsquellen des Festlandes trifft man ein 
scheinbares Patronymikum in einer ausgesprochen ethnogra- 
phischen Verwendung. Nach dem Urheber der Lex Burgun- 



1 Eine verwandte Bildung zeigt sich im Litauischen, wenn neben 
'Letuva* (Litauen) die Weiterbildung 'Letüvininkas' (Litauer) steht; über 
das Suffix vgl. Leskien, Die Bildung der Nomina im Litauischen S. 520 
und Brugmann, Grundriß II 254. 

8 „Daher haben meine Landsleute, die Harzlinge, ein Sprichwort, ich 
habe je weile gehört, wer schlegt, wird wider geschlagen" Luther III 254h. 

8 Vgl. Vercoullie, Soctete* Philologique v. 10. Nov. 1901. 



128 Sippennamen und Sippensiedelungen. 

dionum heißen alle, die unter diesem Volksrecht stehen, 
'Gundbadingi 9 . So bezeichnet man im Mittelhochdeutschen 
mit 'Kerlinge 9 (= lat. 'Carolingi 9 ) das westliche Frankenreich 
zufrühst ums Jahr iooo bei Notker von St. Gallen in der 
deutschen Bearbeitung des Boethius im Prologus: „Franci, 
tie wir nü heizen Chärlinga". Rein geographisch ist be- 
kanntlich auch 'Lothringen 9 zu verstehen. Man kann in 
diesen drei Fällen nicht eigentlich von Patronymikalbildungen 
reden. Unser e -ing 9 ist ein schlichtes Suffix für jede be- 
liebige Zugehörigkeit, das auch außerhalb des Eigennamen- 
bereichs klar vorliegt. Man denke an den westgotischen 
Namen des Palastbeamten als 'Gardingus 9 , eigentlich 'Palast- 
mann 9 , eine Bildung, verwandt mit dem späteren 'Kämmer- 
ling 9 . — Schon im frühesten Angelsächsischen (um 730) be- 
gegnet die Glosse „wfcing pirata", und die nachmals be- 
rühmt gewordene Bezeichnung der Wikinger geht sicher zu- 
rück auf ein altes 'wfc 9 (Hafenplatz), dasselbe Wort, das in 
der Sprache Otfrids 'wich 9 lautet (vgl. unser Weichbild) und 
auf lat. 'vicus 9 zurückgeht 1 . Hier erklärt sich auch Otfrids 
'heimingi 9 (Vaterland), das als neutrale Kollektivbildung 
eigentlich 'Heimgenossenschaft 9 bedeutet und ein unbezeugtes 
'heiminga 9 (Heimleute, Heimgenossen) voraussetzt. So wird 
man auch die westgermanische Bezeichnung des Königs 
(kuning für vorauszusetzendes kunjing) am sichersten aus der 
Geschlechtszugehörigkeit verstehen müssen (vgl. got. kuni 
Genet. kunjis 'Geschlecht 9 ), wobei das Grundwort in präg- 
nantem Sinne zu verstehen wäre. 

Nach alledem liegt gar kein Zwang vor, Ortsnamen auf 
'-ingen 9 als Sippennamen aufzufassen. Denn wenn wir auch 
die Existenz der fürstlichen Familiennamen zugeben, so ist 
dies doch nur als eine Spielart der allgemeineren Bedeutung 
des Suffixes aufzufassen. So können im angelsächsischen 



1 Umgekehrt ist lat. 'portus' bei den Angelsachsen und Niederländern 
in die Bedeutung 'Stadt' überhaupt übergegangen. 



Sippennamen und Sippensiedelungen. 12Q 

Beowulfepos die Scyldinge ebensogut die Untertanen des 
Scyld (d. h. die Dänen) sein, wie die Dynastie, deren Stamm- 
vater Scyld ist. In demselben Heldenepos sind die Mero- 
vinger (Merewioingas) die Franken. Was steht denn nun 
im Wege, 'Sigmaringen 9 und 'Gundelfingen 9 als die Leute 
des Sigmar und Gundolf schlechthin aufzufassen, so daß der 
Begriff der Sippe nicht notwendig in der Wortbildung 
steckte? 

Wir kommen noch zu einem vierten Einwand. Wir 
haben die vielen Ortsnamen auf '-hausen 9 und auf '-heim 9 
und '-hof 9 . Müßte da nicht auch, wenn Sippensiedelungen 
etwas Gewöhnliches waren, in der Fülle der Ortsnamen ein 
zweites Wortglied in Ortsnamen auftreten, das den Begriff 
der Sippe unmittelbar zum Ausdruck brächte? Diesen Ein- 
wurf hat sich Riezler auch selber gemacht; er hat zu seinen 
Gunsten an den schwäbisch-bayerischen Ortsnamen 'Neufarn- 
Neufra 9 erinnert, worin das alte 'fara 9 (Sippe) zu erkennen 
sei: „hier heißt der Name nichts anderes als die neue fara, 
die neue Sippe, d. h. eine Sippe, die sich hier niedergelassen 
hat, nachdem die Umgegend schon von älteren Sippen- 
ansiedelungen besetzt war". Müßten nun nicht — die Rich- 
tigkeit dieser Erklärung vorausgesetzt — Ortsnamen auf 
'-fara 9 auch sonst auf bayerisch-schwäbischem Gebiete nach- 
weisbar sein? Müßten nicht neben den vielen Ortsnamen 
auf '-heim 9 auch sonst hie und da ein paar Ortsnamen auf 
'-fara 9 vorkommen? Mag immerhin das Wort im 8. Jahr- 
hundert bei uns abgestorben sein, so muß es doch in der 
Zeit der Völkerwanderung, wo die Sippe und die Sippen- 
siedelung so bedeutsam gewesen sein soll, so breiten Raum 
eingenommen haben, daß es sich für die Namengebung der 
neugegründeten Siedelungen wenigstens vereinzelt festgesetzt 
hätte. So muß man nicht bloß Riezlers Deutung der Orts- 
namen 'Neufarn-Neufra 9 in Zweifel ziehen, man sieht sich 
auch vergebens nach andern Ortsnamen um, in denen der 
Begriff der Sippe klar wäre. Und doch begegnen uns z. B. 

Kluge, Bunte Blätter. q 



IßO Sippennamen und Sippensiedelungen. 

in Bedas Kirchengeschichte angelsächsische Ortsnamen wie 
'Tiouulfingacaestir 9 , 'Waetlingacaestir', e Godmundingaham 9 ; 
aber meines Wissens begegnet kein Ortsname etwa eines 
Typus "Godmundinga maegth 9 ; denn im Angelsächsischen 
war 'maegth* (d. h. Magschaft) die Bezeichnung für Sippe. 
Neben solchen durch Aneinanderrückung von zwei Be- 
standteilen gebildeten Ortsnamen von urdeutschem Alter ver- 
missen wir also überall einen Typus, in dem der Begriff 
der Sippe klar und deuüich erkennbar wäre. Und so er- 
hebt sich nach allen diesen Einwendungen schließlich die 
Frage: bleibt denn für die Theorie der Sippensiedelungen 
bei einer sprachlichen Betrachtung gar kein Raum? Nun 
hat Riezler auch seinerseits zur Erklärung der Ortsnamen 
auf '-ingen' die Theorie der Sippensiedelungen gleich ein- 
geschränkt, wenn er S. 54 die Möglichkeit zugibt, daß 
„nicht schon die erste Ansiedelung, sondern erst die im 
Laufe von Generationen vergrößerte" für die Namengebung 
der Siedelungen bedeutsam wäre, so daß 'Sentilinga' etwa 
auf die Nachkommen des ersten Siedlers (Sentilo) hinwiese. 
Das würde aber die Existenz der Patronymikalbildung 
wieder entschieden zu nahe an das 8. Jahrhundert als die 
Zeit unserer ältesten Sprachdenkmäler heranrücken. Und 
für die Lebenskraft der Patronymikalbildung im 7. Jahr- 
hundert fehlen, wie bemerkt, ausreichende Zeugnisse. Vor- 
urteilslose Betrachtung der sprachlichen Tatsachen kann Orts- 
namen wie c Sigmaringen' und e Sentilingen ' wohl kaum 
anders deuten als „bei den Leuten des Sigimar oder Sen- 
tilo", ohne daß der Begriff der Familie oder gar Sippe darin 
das wesentlichste wäre, so wenig wie in althochdeutsch e sunu- 
fatarunga' „Leute von Sohn und Vater" der Begriff der 
Sippenzugehörigkeit durchschimmert. Ich spreche hier natür- 
lich nur von dem sprachlichen Argument zugunsten der 
Sippensiedelungen. Die sachliche Berechtigung der Sippen- 
siedelung, für die immer die Ansiedelungen der Langobar- 
den bei Paulus Diaconus angeführt werden, ist eine andere 



Sippennamen und Sippensiedelungen. 131 

Frage, die ich nicht zu erörtern habe. So fest ich 
nun davon überzeugt bin, daß sich die Sippensiede- 
lungen sprachlich nicht erweisen lassen, muß ich nun 
noch die einzige und sehr winzige Stütze erwähnen, die 
man sprachlicherseits zugunsten von Riezlers Theorie an- 
fuhren könnte. 

Während nach den obigen Auseinandersetzungen eigent- 
liche Sippennamen für die urdeutsche Zeit nicht nachweis- 
bar sind, glaubt Baumann (Forschungen zur schwäbischen 
Geschichte S. 412 Anm. 2) noch für das 13. Jahrhundert 
für die Urschweiz (Kanton Uri) den Geschlechtsnamen der 
Izelinge anführen zu können. Es handelt sich um eine Ur- 
kunde des Grafen Rudolf von Habsburg (1257), welche die 
Feindseligkeiten beilegen will „under den lüten die man da 
heißet Izelinge und ir geschlecht ein halb und die lüten die man 
da heißet von Gr&ba und ir geschlecht anderthalb; dieselbe 
sone ist allso gesetzt, das in jetwederme geschlechte XX man 
die sone gesworen hand in deme geschlechte, das man heizzet 
Izelinge; so hat geschworen Izeli und Ul usw. usw." (1886 
Geschichtsfreund der fünf Orte 41, S. 19). Es entzieht sich 
meiner Kenntnis, ob für Izeli und die Izelinge weitere ur- 
kundliche Zeugnisse vorliegen. Allem Anschein nach kann 
es sich hier nicht gut um einen alten Geschlechtsnamen nach 
Art der oben besprochenen Dynastienamen handeln: noch 
lebt Izeli, der den Sühnevertrag beschwört im Kreise seiner 
Izelinge. Leider vermißt man jede Bestätigung der Wort- 
bildung e Izelinge' durch weitere Materialien in Adolf Socins 
großem Werk 'Mittelhochdeutsches Namenbuch nach Ober- 
rheinischen Quellen des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts' 
(Basel 1903). Wenn auch die Beweiskraft eines vereinzelten 
Falles aus dem 13. Jahrhundert an und für sich gering wäre, 
so hat er doch eine Stütze an einem neueren Zeugnis aus 
schweizerischen Gebirgsmundarten: in der Mundart von Ke- 
renz (Winteler, Kerenzer Mundart S. 177) sind e Mentsig', 
e Chammig' „die Leute vom Geschlecht der Mentzi, Kamm tt 

9* 



I32 Sippennamen und Sippensiedelungen. 

und ebenso in der Brienzer Mundart 'Schildega 9 , d. h. Schil- 
dinge „die Sippe derjenigen des Namens Schild" (vgl. Schild, 
Brienzer Mundart I 96). Wenn die Interpreten dieser mund- 
artlichen Erscheinung den Begriff der Sippe in ihre Bedeu- 
tungsangaben hineinbringen, so ist das sicher sprachgeschicht- 
liche Voreingenommenheit; denn nur ein einfacher Familien- 
name steckt darin, wie wir von Müllers und Meiers reden 
und ein einzelnes Haus und eine einzelne Familie meinen. 
Wenn von diesen Zeugnissen aus der zweiten Hälfte des 
19. Jahrhunderts auch möglicherweise die Auffassung des 
Familiennamens (nicht eines Sippennamens der Izelinge) in 
neue Beleuchtung tritt, so hat man doch auch mit der 
Möglichkeit zu rechnen, daß auf dem Gebiete schweizerischer 
Mundarten unter lokalen Umständen das Suffix '-mg' eigene 
Schicksale erfahren hat. Während es sonst in Abgang ge- 
kommen ist, kann gelegentlich — etwa unter Einfluß der 
vielen Personennamen auf c -ing 9 — eine neue Spielart ent- 
standen sein. Man weiß schon lange, daß nicht alle Orts- 
namen, die heute auf e -ingen* enden, auf alte € -ing- 'Bezeich- 
nungen des 6. und 7. Jahrhunderts zurückgehen müssen. 
Schon Riezler (Oberbayerisches Archiv XXIV 51) erinnert 
daran, daß es unechte e -ing' gibt, d. h. solche, die erst in 
späterer Zeit, wie urkundlich nachgewiesen werden kann, 
aus andern Formen zu e -ing* verdorben wurden (Cholbing 
aus Cholbaren, Sattling aus Satlaren, Winning aus Winden, 
Kreuzing oder Kreuzung aus Kreuzen). So erwähnt Bau- 
mann S. 398 die Tatsache, daß der badische Ortsname 
e Mühlingen' 1365 Mülinen lautet, also „bei den Mühlen" be- 
deutet. In einer Gegend, wo die Ortsnamen auf c -ingen* 
vorherrschen, kann der Typus leicht lebenskräftig werden. 
Und so treffen wir in Kellers c Leuten von Seldwyla* 
I 254 Marseille im Munde einer Schweizerin umgeformt zu 
e Marseilingen 9 . 

Es gibt also keine sprachlichen Stützen für die Theorie 
der Sippensiedelungen. Das Suffix e -ing 9 ist kein Suffix zur 



Sippennamen und Sippensiedelungen. 133 

Bezeichnung der Sippe oder Großfamilie, sondern vielmehr 
ein Suffix der Zugehörigkeit. Es kann zwar in alter Zeit 
eine Familienzugehörigkeit anzeigen, speziell die Zugehörig- 
keit zu einem fürstlichen Hause. In den Dynastiennamen 
der Merovingi, Carolingi liegt unmöglich der Begriff der 
Sippe; der Inhalt der Zugehörigkeit kann hier nur als Fa- 
milienzugehörigkeit aufgefaßt werden: Zugehörigkeit und An- 
gehörigkeit — diese beiden Begriffe gehen ineinander über. 
Daher wird der Begriff der Sohnschaft durch unser Suffix 
ausgedrückt. Aus den zahlreichen Stammbäumen der alt- 
englischen Sachsenchronik kennt man den Typus e W6de- 
ning' (Sohn des Wodan), 'Athulfing' (Sohn des Adolf) usw. 1 . 
Aus dem Suffix läßt sich also nicht herauslesen, daß Sippe 
und Familie sprachlich strenge zu scheiden wären. Vor- 
urteilslose Betrachtung wird 'Sigmaringen 5 nicht auf die 
„Sippe eines Sigimar" zurückführen, sondern auf „Sigimar und 
seine Leute" oder „die Zu- oder Angehörigen des Sigimar". 
So hat schon Baumann 'Forschungen zur schwäbischen Ge- 
schichte' S. 401 den badischen Ortsnamen e Pfaffingen 5 ge- 
deutet: „Pfaffingen will sagen, daß dieser also benannte Ort 



1 Die Beurteilung des Wortes 'Pfennig' ist noch unsicher. Im Angels. 
bedeutet pending Pfennig und Pending Sohn des Penda. Der mercische 
König Penda regierte im zweiten Viertel des 7. Jahrhunderts, und seine 
Söhne und Nachfolger heißen Peada Pending und Wulfere Pending (Sachsen- 
chronik 654, 656). Könnte engl, penny auf den altengl. Eigennamen Penda 
zurückgehen und eigentlich „Geldstück des Penda" bedeuten, dann müßte 
die kontinental-deutsche Benennung 'Pfennig* von England herübergekommen 
sein. Andererseits wäre auch denkbar, daß Penda und pending auf das 
gleiche Grundwort zurückgingen, wofür sich unser 'Pfand' (niederdeutsch 
pand) von selbst darböte. Aber mehrere Lautvarianten in der Wortgruppe 
erschweren die Entscheidung der schwierigen Frage. Ebenso schwierig 
ist die Beurteilung des Münznamens 'Schilling' im Verhältnis zu dem alt- 
deutschen Personennamen 'Schilling'. — Wenn Oechsli S. 21 aus schwei- 
zerischen Mundarten 'Schmidig' und 'Landammannig' für „Sohn eines 
Schmieds, Landammanns" angibt, so möchte man gerne weitere Zeugnisse 
für so vereinzelte Patronymikalbildungcn beigebracht sehen. 



134 



Sippennamen und Sippensiedelungen. 



von Angehörigen der Pfaffen, d. i. in diesem Falle wohl 
von Leibeigenen der um Pfohren, in dessen Bann dieser 
Ort aufgegangen ist, reich begüterten Mönche von St. Gallen 
bevölkert war." 

Aus den Ortsnamen auf Mngen 9 ergibt sich also kein 
sicherer Beweis für Sippensiedelung. 



Notschreie*. 



Notschreie des Typus 'mordio' gab es früher und gibt 
es mundartlich noch heute mehrere. Schmeller-Frommann 1 10 
kennt noch e stillio % 'fuirio', 'helfio'. Vilmar berichtet c Hess. 
Idiot' 186: „Diebejo habe ich zuletzt im Jahre 1829, Feuerjo 
noch in den 40er Jahren gehört, jetzt aber scheint auch 
dieses letztere auszusterben, wenigstens hört man in den 
Städten jetzt (1865) nur noch das mißtönende feuer bei 
entstandenem Feuer und soll feurijo auch auf den Dörfern 
nicht mehr ganz allgemein sein. Helfio und mordio werden 
auch vom Volke jetzt nur im halben Scherz gebraucht; 
gemeinhochdeutsch ist mordio nur Scherzwort und Spott- 
wort." Damit hat Vilmar das Endziel einer großen Wort- 
gruppe richtig hervorgehoben. Zahlreiche Notschreie der 
gleichen Bildung sind nach und nach ausgestorben. Was 
Jacob Grimm in den 'Rechtsaltertümern' und in der 'Gram- 
matik' beibringt, läßt sich durch reichere Materialien belegen; 
vgl. auch Petersen in den Forschungen z. d. Gesch. VI 286. 

Gern treten solche Notschreie im 16. und 17. Jahr- 
hundert gehäuft auf. Nicht bloß bei Fischart Garg. S. 401: 
„da schrei und rufet einer hilffio rettio schelmio diebio" — 
S. 312: „mordio schelmio"! — Auch bei Moscherosch I 572: 
„ mordio helfio rettio " ! — Ay rer 258a: „ o rettio ! o mordio " ! — 
Satiren und Pasq. III 143: „o morde jo, o rette jo"! — 
Faustbuch S. 92: „mordio helffio" ! — Aventins Chron. 190a: 
„mordio rettio"! — Oft bei Hans Sachs: „o mordio, o rettio". 
— Belege des 16. und 17. Jahrhunderts für e diebio', e feurio' 



Aus der Zeitschrift für deutsche Wortforschung II 47. 



136 Notschreie. 

und 'mordio 9 sind überall zu finden; wir verzichten auf eine 
Zusammenstellung von Belegen für sie. 

burgerio bei Lessing XI 668. — Dreyer, Vom Nutzen des Gedichts Reinecke 
S. 83. 

diebio im Decamer. I 248b dibi jo. — Geiler, Bilgersch. 19b diebyo. — 
Hans Sachs dibigo. 

feindio Hans Sachs, Fabeln 4, 543, 33. — findio im Eulensp. Kap. 72. — 
findajo vigendio Konst. Chr 1388 (bei Mone, Quellensammlung I 309). — 
Haltaus 1035. 

felchio: mit diesem Ruf werden in Konstanz die Felchen in den Straßen 
zum Verkauf ausgerufen. 

feurio: vgl. das DWb. 

gerichtio in den 'Straßburger Zunft- und Polizeiordnungen des 14. und 
15. Jahrhunderts' hrsgeg. v. B rucker, Straßburg 18S9 S. 24: „so sollen 
alle burger, die doby sind oder es hörent oder merken . . . nach- 
eilen und öffentlich mit luter Stimme schreyen und rufen gerichtjo 
und helfio über die getäter der bösen geschieht" etc. — S. 25 „so ist 
geordnet, daß der am me ister . . . one Verzug sol heißen den Wächter 
uf dem münster offenlich schreien und ruofen drii mol gerichtjo, ge- 
richtjo, gerichtjo und solichen ruof tuon zuo den vier orten uf dem münster 
und donach balde die groß glock klencken ouch dreiimol und danach 
wider hinauf gon und aber drii mol schreyen gerichtjo, als vor- 
gemeldet ist" — S. 26 „so balde man also uf dem münster gerichtio 
oder ftirio schreyet und stürmet". Vgl. Elsäss. Wb. I 133. 401. 

helfio Moscherosch, Philander I 572. II 351. — helfenio Manuel 1548 
Weinspiel S. 54. — Wickram III 64. 

mordenio Geiler, Postill. II 73a. III 17b. — mordajo Hugo von Montfort 
9 b. — mordigau W r ackernagels Leseb. 965*. — mordigo Fastnachtssp. 
50 ,! . — morde io Murner Narrenbeschw. V. 7528. 

nachbarjo Hilferuf bei einer großen Gefahr, bes. bei der Entdeckung 
eines nächtlichen Einbruchs: Spieß, Henneb. Idiot. 168; Regel, Ruhl. 
Ma. 187; Vilmar, Hess. Idiot. 185. 

rettigo Aventin Chron. I 838 — rettio 190a. — retta jo Boccaccio I 
104a (I 28). — rettio oft bei Hans Sachs. 

richtio als richta jo Hätzlerin II 30. 52. — Dreyer zu Reinecke S. 83. 

schelmio bei Fischart S. 44. 312. 401. 

stillio Schindler I 10. — stillaho Moscherosch, Philander II 279. 423. 742. 

verrathenio belegt Vilmar, Hess. Idiot. 185 aus der hess. Reimchronik 
des Pfarrers Ratz (in Kuchelbeckers Analccta Hassiaca VI 287) 

aber ufthet sein Fensterlein 
der Pförtner und da war gewahr 
des Hauffens, der vorhanden war, 
rieffe Feindt jo, verrathenio. 



Notschreie. I37 

w affenio Wolframs Parzival 675 18 wafeno- (: vro). — Hätzlerin 3 b wafeno 
jo. — Seh melier I 10 „nach der reform, peinl. Halsger.-Ordnung Art. 
237 soll der Kläger über den Thäter dreymal schreyen waffnach jo 
oder mörder jo über mein und des Landes Mörder". — Fastnachtssp. 
197 l0 . 503 w wafen io. — Eine Nebenform waffnat jo im Bamberger 
Recht (Forschungen z. d. Gesch. VI 287). 

zenthio in der Gißigkheimer Zenthordnung von 1599 (Zschf. f. d.württemb. 
Franken VII 77): „wenn jemandt — es wäre gleich ein fremder oder 
ein Zentman — von einem oder mehr angetast und der betrangt . . . 
umb hielff und beistandi ermanen oder allein Zenthio schreyen würde, 
so sollen alle ... zu lauften." 

Eine Reihe solcher Rufe finden sich, worauf Petersen 
verweist, in einer alten Thüringer Quelle aus Königshofen 
auf dem Grabfeld (bei Bechstein, Sagen des Frankenlandes 
I 2 33); worin wir zugleich eine besondere Verwendung 
dieser Notschreie kennen lernen. In Königshofen wurde der 
Verbrecher an den Pranger gestellt, und dabei schrie des 
Nachrichters Knecht dreimal ihn und sein Verbrechen aus: 
„ Waffen, Waffen über mein und dieses Landes Dieb Dieb 
ja" (resp. Mörder Mörder ja, Brenner Brenner ja, Räuber 
Räuber jo, Fälscher Fälscher ja, Verräther Verräther jo, 
Ketzer Ketzer ja, Kindsmörder Mörder ja). 

Beim Ruf ist Anfügung eines Vokalelements an den 
konsonantischen Auslaut weit verbreitet. So bemerkt Goet- 
zinger zu 'fürio 9 , e mordio' bei Hebel: „so ändert sich der 
Frauenname Lisette, Babette, wenn seine Trägerin aus der 
Ferne gerufen wird, in Lisetta, Babetta." Und so wird im 
kärntischen Lesachtal 6 bei jedem Zuruf an eine Person 
angehängt: „Jep 6! Josef!" (Frommanns Ztschr. IV 39). So 
bezeugt auch Schindler I 10: „stillo still! hoerohör! Muedero! 
Tonio ! he Mutter ! he Anton" ! — Daher enden die Namen 
der Jagdhunde gern auf 6 wie e Bello 9 . 

Sowohl 6 wie jo haben das bekannte mhd. a abgelöst. 
Für Wolframs wafeno (Parziv. 675 18 ; Passional 422 18 ) heißt 
es wäfenä Flore 6388 und M. S. 52, 37; für das jüngere 
hilfio in den Nibel. 1653, Gudr. 686 hilfa; für das bayr. 
hoero (Schmeller I 10) bei Walther 119 11 heerä; für mordio 



13« 



Notschreie. 



bei Suchenwirt X 190 morda. Über dieses a vgl. Zingerle 
Germania VII 257. Es lebt nach Grimm Gr. III 291 noch 
bis auf Fischart (horcha, sun Garg. 241b; höra 247 a; lerma 
96 a). 

Das dafür eingetretene jo scheint sich in den Belegen 
des 15. Jahrhunderts mit den alten ä-Rufen zu verbinden: 
mordajo — richta jo Hätzlerin II 30. — mordajo Hugo 
v. Montfort 9b. Sieben weise M. 2791 Keller. — findajo 
Eulenspiegel 72. — retta jo Decamer. 128. — mordajo 
Königshofen 783. 784. 819. — Aber diese a-Belege treten 
schon um 1500 zurück. Zunächst aber schreibt man jo 
isoliert, also dibi jo Decamer. I 248 b, feuer io Geiler, 
Narrenschiff 86 a; auffällig waffenach jo und mörder io in 
der 'Reform. Peinl. Halsgerichts-Ordn. ' Art. 237 (Schindler 
I 10); o morde jo, o rette jo (1524) Sat. u. Pasq. III 143 *. 
— Eine auffällige Nebenform zeigt mordigau Wackernagels 
Leseb. 96s 9 , 1168 18 und füriau bei Schindler I 10 aus 
Weitzmann III 135. 



Rotwelsche Zahlworte*. 



Als kleiner Ausschnitt aus der Einleitung zu meinem 
Werk über das Rotwelsch finde hier ein Abschnitt seine 
Stelle, der für die Eigenart und den Bau unserer Geheim- 
sprachen und für den Ursprung des Rotwelsch von Belang ist. 

Zufrühst treten ums Jahr 1510 einige rotw. Zahlworte 
im niederdeutschen e Liber vagatorum 9 (Rotwelsch I 77. 78) 
auf: swis (2), quabors (4) (Ave-Lallemant 1 205 druckt falsch- 
lich quabore), sinx (5), swistrums (6); wahrscheinlich steckt 
in dem letzten neben swis (2) ein unbezeugtes trums (3), so 
daß wir die Zahlworte 2 — 6 im ndd. Rotwelsch schon für 
den Anfang des 16. Jahrhunderts kennen. Dann treffen wir 
im 17. Jahrhundert in Hempels c Wahlerey', die in Obersachsen 
aufgezeichnet ist (Av£-Lallemant I 94 = mein Rotwelsch I 
167), quaders kot Vier Groschen 5 , und da liegt der Ver- 
dacht nahe, daß im ndd. e Liber Vagatorum 5 , der durch zahl- 
lose Druckfehler entstellt ist, vielmehr quadors zu lesen ist, 
was der Anklang an lat. quattuor auch begünstigt. Im 
18. Jahrhundert lernen wir dann für Oberdeutschland durch 
den Konstanzer Hans (Rotwelsch I 256) zwis (2) und tribis (3) 
kennen; aber auch tribis (3) ist unzweifelhaft älter, da wir 
schon 1750 im Wörterbuch von St. Georgen am See (Rot- 
welsch I 216) tripser (eigtl. 'Dreier') für Kreuzer 5 als Ab- 
leitung dazu antreffen. Sowohl tripser 'Dreier', das übrigens 
von Avö-Lallemant IV 133 Anm. 5 unrichtig beurteilt wird, 
wie tribis (3) ist in den rotw. Quellen des 19. Jahrhunderts 
öfters bezeugt. Pfister hat c Aktenm. Geschichte' I 216. 231 



• Aus der Zeitschrift für deutsche Wortforschung II 49. 



I^O Rotwelsche Zahlworte. 

dribis (3) — twis (2). So hat also auch das swis des ndd. 
Lib. Vag. im 18./ 19. Jahrhundert seinen Nachklang. 

Soeben habe ich trums als rotw. Form des Zahlworts 
'drei' für das ndd. Rotwelsch vom Anfang des 16. Jahrhunderts 
vermutet. Eine Bestätigung dieser Vermutung bietet das Brey- 
eller Krämerlatein (Rotwelsch I 456) mit seinem troms e drei 9 . 
Die Zahlworte in dieser Schmugglersprache lauten: parz (2), 
troms (3), notringskes(4), holf krütskes (5), spörkes (6), 
spörkes on en (7), spörkes on parz (8), spörkes on 
troms (9), krütskes (10), uhr (100), krütskes uhr (1000). 
Auf deutschem Boden eine Zähl weise, die überraschender 
nicht gedacht werden kann. Ihr Alter wird durch troms (3) 
verraten. Aber der Ursprung der Zahlworte bleibt dunkel. 
Ist parz = lat. pars partem? Ist krütskes (10) auf das 
X-Zeichen zu beziehen, dann wäre auch die Endung e -kes' 
in spörkes (6) und in notringskes (4) als verkleinernd zu 
deuten? Und könnte in notringskes (4) vielleicht ein 
trims = trums (3) stecken? Was ist dann uhr (100)? Für 
spörkes (6) legt breyellisch spörken f 6 Stüber' Zusammen- 
hang mit einer Münze nahe. 

Immerhin ergibt unser Material einige Zahlworte als alt 
und verbreitet: swis — zwis (2), trums — tribis(3), qua- 
dors (4) sind durch verschiedene voneinander unabhängige 
Zeugnisse gesichert. Darin ist ein lat.-roman. Anklang nicht 
zu verkennen. Und so dürfen wir das sinx (5) im ndd. 
Lib. Vag. auch mit seinem französ. Anklang für alt an- 
sehen: eigtl. sink mit dem s von swis trums quadors? Für 
den Ursprung des Rotwelsch sind diese alten rotw. Zahlen 
insofern wichtig, als dabei ebenso der judendeutsche Ein- 
fluß wie der zigeunerische Einfluß ausgeschlossen ist. 

Judendeutscher Einfluß zeigt sich in rotw. Zahlworten 
nachweislich erst in Quellen des 19. Jahrhunderts. Zufrühst 
Pfisters 'Nachtrag zur aktenm. Geschichte 9 S. 349 — 379: 
olf(i), beys (2), gimmel (3), dohlet (4), heh (5), woof(6), 
sojn (7), chess (8), dess (9), juhs (10) (Rotwelsch I 295). 



Rotwelsche Zahlworte. 



141 



In Quellen der Gaunersprache kehren nach Pfister diese 
judendeutschen Zahlworte oft wieder. Überraschend ist, daß 
die Winterfelder Hausierer und die Pfälzer Hausierer, die — 
obwohl christlich — annähernd Judendeutsch als ihr Krämer- 
latein anwenden, auch von der judendeutschen Zählweise 
Gebrauch machen. 

So auffällig wie die Zahlen im Breyeller Hennese Flick 
sind dann noch Bezeichnungen im Humpesch der Mettinger 
Kaufleute (Rotwelsch I 446): bede (2), droimes (3), sne- 
mans (4), mans (5), half brüwel (6), brüwel (12), nulls 
(100). Der Anklang von droimes an rotw. tribis — trums 
ist klar. Das Zahlwort 4 ist wohl aus bargunsch snep 
'schlecht, klein 5 mit mans (5) zu deuten. Nulls knüpft wohl 
an das Zahlzeichen 100 an. Aber was ist mans (5)? etwa 
mit A. Schönbach das lat. manus? was brüwel (12)? 

Von den belgischen Krämersprachen zeigt das Bar- 
goensch von Roeselare nach de Seyn-Verhoupsstrate c Het 
Bargoensch van Roeselare' S. 6 (ich verdanke das Schrift- 
chen der Güte von Prof. Vercoullie in Gent) Zahlworte und 
zwar abermals ganz eigenartige: kop (1], bis(2), draaiersfa), 
verkens(4), knak (5), bisdraaiers(6), bisdraaierskopm, 
bisverkens oder bisvinken (8), bisverkenskoppen (9), 
bisknakken (10), draaiersknakken (15), verkensknak- 
ken(2o), bisverkensknakken(4o), hopki (hoopken)(ioo). 
Darunter sind mir kopp (1) und knak (5) schwer zu deuten. 

Schweden liefert uns in der Sprache der westgotischen 
Hausierer geheimsprachliche Zahlworte, die aber meist auf 
Silbenspielereien beruhen: beatrins (3), birafins (ova- 
fins)(4), beksasins(6), byvaduns 7, slett (8), beanins(9), 
beatins (10), umtifen (50), snurva (100); die Zahlworte 
yx (1) und kax (2) in dieser Krämersprache (vgl. Sund, 
Fante- eller Landstrygerfolket in Norge S. 393) sind finni- 
scher Herkunft. 



Zur Geschichte des Wortes Schwindler*. 

Unsere Wörterbücher finden zu dem Worte nichts zu 
bemerken. Und doch gehört es zu jenen zahllosen Bei- 
spielen, die hinter einer unscheinbaren, harmlosen Gestalt 
geschichtliche Wahrheiten bergen und geschichtliche Nach- 
forschungen anregen können. Das deutsche Wort ist — ein 
Fremdwort, es ist das englische e s windler*. Zwar Flügels 
englisches Wörterbuch erklärt das englische Wort für eine 
Entlehnung aus dem Deutschen. Aber das ist nicht mög- 
lich. Flügel gibt als erstes Auftreten des englischen Wortes 
das Jahr 1778, und dazu stimmt es annähernd, daß mir 
Herr Dr. Murray in Oxford das englische Wort zufrühst 
1775 nachweist. Das Wort ist demnach im Englischen in 
den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts gut bezeugt. Aber 
das deutsche Wort fehlt noch bei Adelung in der ersten 
Auflage, und wir kennen keine Belege dafür aus dem 
18. Jahrhundert. Das deutsche Wort ist mithin jünger als 
das englische. Und nun sind wir in der Lage, aus dem 
letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts ein sehr lehrreiches 
Zeugnis aus Deutschland für das englische Wort beizu- 
bringen, aus dem sich gleichzeitig ergibt, daß wir damals 
unser deutsches 'Schwindler' noch nicht besessen haben. 
Die Stelle ist nach beiden Seiten hin gleich wichtig. Lichten- 
berg hat 1794 — 1799 eine c Ausführliche Erklärung der Ho- 
garthischen Kupferstiche' in Göttingen erscheinen lassen, 
darin „Scenen aus dem Leben einer Verführten". In der 



* Vgl. Zeitschrift des Allgem. Deutschen Sprachvereins (1897) XII 20. 



Zur Geschichte des Wortes Schwindler. 143 

vierten Szene „Molly im Zuchthause" heißt es von einem 
Glücksritter, der näher beschrieben ist, folgendermaßen: 

„Demnach wäre er eine von den berüchtigten Per- 
sonen, die der Gerechtigkeit in London jährlich nicht 
wenig zu schaffen machen und die man in England 
Swindlers nennt (eines von den Wörtern, die der große 
Dr. Johnson in seinem ebenso großen Wörterbuche ver- 
gessen hat). Sie sind Betrüger, die durch fein ausgedachte 
Ränke und zwar hauptsächlich unter dem Schein eines 
Mannes von Stand und Vermögen die Menschen um ihr 
Eigentum zu bringen suchen." 

Lichtenberg schildert offenbar eine Menschenklasse, für 
die ihm eine deutsche Bezeichnung fehlte. Dazu stimmt denn 
auch ein redender Beleg für unser Wort in der 1786 ver- 
faßten Autobiographie des Freiherrn Friedrich v. d. Trenck, 
der um 1775 in London als Weinhändler tätig war (Reclam 
S. 233): „Ich war persönlich in London und wurde durch 
einen Betrüger (in London Schwindler genannt) schändlich 
berückt" (Ztschrft. f. deutsche Wortforschung II 302). Dann 
•verzeichnet es 18 10 Campes Wörterbuch zum erstenmal: 
„Schwindeler oder Schwindler eine Person, welche schwin- 
delt, Schwindeleien macht; z. B. ein Kaufmann, der sich 
thörichten Unternehmungen überläßt". 

Aber schon vor Campe finden wir unser Wort als 
mundartlich bezeugt. Wir lesen bei Schütze 1806 Hol- 
steinisches Idiotikon IV 239: „S windler so nennt man in 
Hamburg und Altona die Negozianten, Handelsleute, die 
sich mit Wechselgeschäften, Wechselreuterei zu sehr und 
über ihre Kräfte einlassen und verwickeln, um ihr gefähr- 
liches Negoz zu bezeichnen." 

Bei dem regen Verkehr, der zwischen Hamburg und 
London schon durch das ganze 18. Jahrhundert herrschte, 
dürfen wir Schützes Zeugnis als beweiskräftig dafür ansehen, 
daß unser Wort von London aus über Hamburg in die 
deutsche Sprache gedrungen ist. Denn unserer einheimischen 



144 



Zur Geschichte des Wortes Schwindler. 



Gaunersprache ist das Wort im 17. und 18. Jahrhundert 
völlig fremd. Von den zahllosen rotwelschen Quellen, die 
der 1. Band meines rotwelschen Werkes vereinigt, bietet 
ein Werk von 1804 unser Wort zum erstenmal. Es be- 
gegnet bei rheinischen Räuberbanden, die Becker in seiner 
'Aktenmäßigen Geschichte der Räuberbanden an den beyden 
Ufern des Rheins' behandelt hat. Er sagt darin (Rot- 
welsch I 275): „Man treibt hier die sogenannte Schwinde- 
leyen. Mit dem Nahmen Schwindeleyen belegen die Räuber 
feine listige Betrügereien. Und so mancher unter ihnen hat 
erst den Grad des Schwindlers passirt, bis er zu dem 
Räuberhandwerke gekommen ist.* 4 

Bei so spätem Auftreten des Wortes fallt das Zeugnis 
von Lichtenberg bestimmend in die Wagschale. Unser 
'Schwindler' ist kein deutsches Wort, sondern ein englisches. 



Die Heimat der Brieftaube*. 

Erst durch die letzte Hälfte des verflossenen Jahrhun- 
derts hat das westliche Europa die Zucht der Brieftaube ge- 
trieben. Vergebens wird man sich auf literarische Zeugnisse 
besinnen, die im Bereich unserer klassischen Literatur vor- 
kämen. Erst in seinen spätesten Lebensjahren spielt Goethe 
einmal im Faust II V. 10673fr. auf die Brieftauben an: 

Von Tauben hast du ja vernommen, 
Die aus den fernsten Landen kommen, 
Zu ihres Nestes Brut und Kost. 
Hier ist's mit wichtigen Unterschieden: 
Die Taubenpost bedient den Frieden, 
Der Krieg befiehlt die Rabenpost. 

Aber in den Bereich unserer klassischen Musik fuhrt 
uns ein von Franz Schubert 1828 komponiertes Gedicht Seidls, 
das den Titel e Die Taubenpost' trägt (Seidls Gesammelte 
Schriften 1879, IV 338) l . Zwar kennt schon das bedeu- 
tendste deutsche Wörterbuch des 18. Jahrhunderts das Wort 
'Brieftaube 9 . Adelung bietet den Artikel: „Brieftaube, Art 
zahmer Taube mit einem großen fleischigen Gewächse auf dem 
Schnabel, welche einen starken Flug hat, zu Uberbringung 
der Briefe gebraucht werden kann und im Morgenlande wirk- 
lich gebraucht wird." Die Sache ohne unser Wort kennt 
auch z. B. Abraham a St. Clara 1699 Etwas für Alle S. 144/5 : 
„Vor diesem musten die Tauben Botten und Brief-Trager 
abgeben, wie dann die Christen die Stadt Ptolomeiden durch 

• Aus der Frankfurter Zeitung vom 7. Januar 1906. 

1 Nebenbei bemerkt, enthält 1853 Seidls Gedichtsammlung 'Natur 
und Herz* ein anderes Gedicht 'Die Brieftaube* (Ges. Sehr. IV 355), 
worin aber das Wort, um das es sich handelt, bloß im Titel vorkommt. 

Kluge, Bunte Blätter. jq 



I46 Die Heimat der Brieftaube. 

keinen anderen Fortel erobert, als durch ein Tauben, die sie 
mit einem Brief in die Stadt fliegen lassen. Daß die 
Vögel können Botten abgeben, das glaubt man gern, daß 
aber zuweilen die Botten Vögel seynd, das erfahrt man auch." 

In der Tat ist das Morgenland die Heimat der Brief- 
taube. Es liegen eine ganze Reihe schöner Zeugnisse vor, 
die zunächst auf das alte Pharaonenland hindeuten. Die 
griechische Kultur und der Weltverkehr des alten Rom haben 
keine Zeugnisse aufzuweisen, aus denen sich der europäische 
Süden in Anspruch nehmen ließe. 

Denn nur ganz ausnahmsweise kommen bei Schrift- 
stellern des klassischen Altertums Anspielungen auf Brief- 
tauben vor, und das sind gewiß nur zufallige, gelegentliche 
Anwendungen von Tauben für Botendienste. 

Als Taurosthenes von Agina in den olympischen 
Spielen gesiegt hatte, sandte er seinem Vater die Kunde da- 
von durch eine Taube zu, an deren Fuß er ein Purpurläpp- 
chen gebunden hatte. Er hatte dieselbe aus Ägina mit nach 
Pisa genommen, und sie legte den Weg von da bis zu ihrer 
Heimat, in der sie noch nicht flügge Junge hatte, an einem 
einzigen Tage zurück (Älian V. H. IX 2) 1 . Unter den älteren 
Anakreonteen, die etwa um den Beginn unserer Zeitrechnung 
oder kurz vorher entstanden sind, findet sich ein Gedicht auf 
die Brieftaube. Hier antwortet die Brieftaube auf die Frage, 
woher sie geflogen komme (Bergk, Poet. Lyr. Gr. III 4 S. 305): 

Anakreon hat mich entsandt 
Zu einem Knaben, zu Bathyllos, 
Der aller Herzen jetzt beherrscht. 
Kythere hat mich ihm verkauft 
Um ein Gedichtchen. Seit der Zeit 
Steh' ich im Dienst Anakreons. 
Und jetzt bestell* ich, wie du siehst, 
Briefe von ihm*. 



1 Lorentz, Die Taube im Altertum (Wurzener Gymnasialprogramm 1886) 
S. 22. 

2 Nach einer Übersetzung von Herrn Professor Franz Burg. 



Die Heimat der Brieftaube. 147 

Im Jahre 43 v. Chr. wurde Brutus in Mutina belagert 
von Antonius. Der Konsul Hirtius eilte zum Entsatz herbei 
und schickte ihm, weil andere Wege, die er versuchte (z. B. 
Soldaten nachts den Fluß hinabschwimmen lassen), ihm ab- 
geschnitten wurden, nunmehr Nachricht durch die Luft, in- 
dem er Tauben in dunklem Räume hungern ließ, dann 
ihnen Briefe mit Seidenfaden an den Hals band und sie 
frei ließ. Die Tauben, gierig nach hellem Tag und nach 
Nahrung, flogen eilig nach den höchsten Dächern der be- 
lagerten Stadt, wo sie leicht von Brutus eingefangen wurden. 

Dieser Bericht steht in Frontins 'Strategemata* III 13, 8 
und findet sich kürzer und weniger genau auch bei Plinius 
e Nat. Hist.' 10, 110. Es scheint sich hier um eine einmalige 
ingeniöse Verwendung zu handeln, der aber die Folge aus- 
blieb. 

Das Abendland hörte erst im ausgehenden Mittelalter 
von einem regelmäßigen Brieftaubenverkehr. Zuerst haben 
uns Deutschen vereinzelte Pilger darüber berichtet, die das 
Gelobte Land besuchten und in Alexandrien eine geregelte 
Taubenpost kennen lernten. Es stehen uns eine Reihe von 
Reiseberichten zur Verfügung, die alle auf das Nildelta als 
die Heimat der Brieftaube hinzielen. Und ein paarmal 
scheint es, als ob die Brieftauben in erster Linie dazu be- 
rufen gewesen seien, den Briefverkehr zwischen Schiff und 
Land zu vermitteln. Gleich das früheste Zeugnis, das unser 
deutsches Schrifttum liefert, zeigt uns die Eigenart der egyp- 
tischen Brieftaubenpost. 

Eine Karlsruher Handschrift von 1464 enthält die Pilger- 
reise eines Herrn v. Bodmann, der im Jahre 1376/77 das 
Gelobte Land besuchte. Sein Bericht (Bl. I09 b ) lautet: 
„Als wir erst in daz selb land fuorend, körnend haydn ussen 
der statt Alexandria zu uns in ainem clainen schifflin und 
erfuorend von uns, was uff unserer galee kam; söllichs si 
do schribent in zway briefflin und bunden es zwain tuben 
an under die flügel und liessend die an statt fliegen gen 



I48 Die Heimat der Brieftaube. 

Babelonia zu King Soldans hoff, daz si kund tättend, daz 
gest an dem land wärend. Von dem selben Alexandria ist 
gen Bablonia zway hundert mil." 

Zu diesem frühesten Bericht fügt das 15. Jahrhundert 
ein verwandtes Zeugnis. Es steht in der Schilderung einer 
Pilgerreise, die ein Bruder Felix nach Jerusalem unternommen 
hat. Sein Bericht (Evagatorium III 59) lautet in einer deut- 
schen Übersetzung des 16. Jahrhunderts (Hin- und Wider- 
fahrt zu dem Hl. Lande 1556 Bl. I93 b ) folgendermaßen: 
„Wenn nun der Hauptman [im Schloß zu Alexandria] erfert, 
daß frembde Schiff kommen, so schickt er ihnen ein Schiff- 
lein mit gesellen entgegen und gibt den selben in ein Käfe 
drey oder vier tauben, die sindt also gewenth: man führe 
sie wie ferre man wolle, wenn man sie lesst fliegen, so 
fliegen sie wider an ihr orth, dem Hauptman heim; wenn 
nun die gesellen erfahren etwas neuer mehr, die noth weren, 
dem Hauptman zu wissen, so schreiben sie ein zedlein und 
hencken das einer tauben an und lassen sie fliegen, so fleuget 
sie dem Hauptman heim; erfaren sie etwas mehr, so schicken 
sie eine andere tauben heim, darnach rieht sich der Haupt- 
man; also lesst er die selben tauben etwan hinauffgen Chayr 
füren, das er baldt neue mehr herab durch die tauben 
empfahe. " 

Auch der Nürnberger Patrizier Thucher weiß Ähnliches 
von der Nilmündung zu berichten (1561 Meerfahrt I 57 b ): 
„Der Amireyo hat etlich Tauben; wenn im die Segel werden 
angezeigt, so hat er kleine Rennschifflein oder Parcken, die 
schickt er den kommenden Schiffen entgegen in einem Körb- 
lein weyt ins Meer, und fragt wem daz Schiff zugehört und 
was für kauffmanschafll darinn ist, und schreibt das alles auff 
ein Zettelein und bindt das den zweyen Tauben yeder eins 
under die flügel, und leßt die fliegen; die kommen von 
stund an zu den Amireyo geflogen ins Schloß, so nimpt 
er die Zedel und sieht was für Schiff und gut kompt; die 
selben Tauben sähe ich ans Meer füren." 



Die Heimat der Brieftaube. 149 

In einen größeren geographischen Bereich fuhrt uns 
im 16. Jahrhundert der berühmte niederländische Reisende 
Lindschotten in dem bekannten Reisewerk 'Orientalisch- 
indien 9 . In einer deutschen Übersetzung von 1598 (II 27) 
lautet sein eingehender Bericht folgendermaßen: „Weil wir 
denn von dem Türeken alhier sind zu reden worden, so 
hab ich nicht wollen umbgehen zu melden, auff was weiß 
und wie derselbige groß Türck allezeit kan Botschaft und 
Zeitung haben auß allen seinen Königreichen und Landen, 
welche doch so groß, weit unnd wüst zerstrawet liegen. So 
ist demnach zu wissen, daß sie durch gantz Türekey darzu 
gebrauchen Dauben, welche darzu gewehnt und abgericht 
sind, und Ring an den Beinen haben. Diese Dauben wer- 
den von Bassora und Babylonien, nach Alepo unnd Con- 
stantinopel geführt und kommen von dannen wieder zu rück. 
So es dann die Noht also erfordert oder sonst daran ge- 
legen ist, als dann machen sie den Brieff fest an den Ring, 
welchen sie an den Beinen haben, und lassen sie also flihen, 
als denn kömpt der Brieff zugleich mit der Dauben an den 
ort, von dannen die Daube her ist, und offt weiter als über 
tausent Meil, daß man wohl sagen mögte, es were unmüg- 
lich; aber ich kan in warheit sagen, daß viel, welche von 
dannen kamen, mir solches glaubwirdig erzehlt haben. Ich 
hab dergleichen Dauben in Indien gesehen, bey einem Vene- 
tianer, welcher mir wohl bekand und mein besonder guter 
freund war, und welcher sie umb wunders willen hatte mit- 
bracht, dergleichen Sachen auch in India zu versuchen." 
Die deutsche Bearbeitung von Lindschottens Werk, aus der 
wir dieses Zeugnis genommen haben, enthält in zwei An- 
hängen weitere orientalische Nachweise. Zunächst 1605 Vor- 
bildung der Völker S. 13: „Es haben die Kauffleut zu 
Babel unnd Balsara etliche Tauben, der sie von einem Orth 
zum andern bringen lassen, und die in eine Kammer ver- 
sperret halten, biß sich eine wichtige Sache von auff- oder 
abschlagung einer Wahre oder dergleichen zu tregt, so 



I cjO Die Heimat der Brieftaube. 

schreiben sie ihre Correspondenten-Brieffe, welche sie diesen 
Tauben anhencken und sie also fliegen lassen, die denn nach 
ihrem alten Losament fliegen; und also bekommen diese 
Kauffleut in schneller eyl ihre Avisa von einander." — Dann 
in der Fortsetzung des e Orientalischen Indien' VII 26: „Ehe 
wir die denckwürdige Sachen der Statt Balsara gar hindan 
setzen, achte ich für rahtsam, derselbigen noch eine, als 
welche zwar unglaublich scheinet, jedoch wahr und gewiß 
ist, zu erzehlen; und ist, daß etliche Kauffleut, welche von 
Balsara naher Babel gute Correspondentz haben, ihnen et- 
liche Tauben von Babel bringen lassen, die sind daselbst 
gewehnet, und die sie gen Balsara bringen, haben sie in 
dunckeln Käffigen, in welchen sie nicht sehen können, wo 
sie hinkommen; und wenn sie gen Balsara kommen, ver- 
sperret man sie in eine Cammer, biß die Gelegenheit kompt, 
daß man ihrer bedarff; als wenn die Specereyen zu Balsara 
etwan auff- oder abschlagen, schreiben die Kauftleut oder 
Factorn daselbst solches auff gewisse Brieff, schließen die- 
selbige zu, hencken sie einer oder etlichen dieser Tauben 
unter die Flügel, tragen sie ein Meyl oder etliche vor die 
Statt und lassen sie alsdenn fliehen; denn kommen sie nicht 
alle anheim, so findet doch etwan eine ihr alt Losament, 
darauß sie zuvor getragen worden und dasselbige darzu in 
einem eintzigen Tage, welches, wenn es der Haußherr er- 
siehet, machet er ihme alsbaldt die Gedancken, was es sey, 
sucht derowegen bey ihr nach und findet, wie alle Sachen 
zu Balsara stehen. Und zwar ist es ein Sach, daran den 
Kauffleuten sehr hoch und viel gelegen, daß sie nemblich 
in einem Tag einen so ferrnen Weg einander Zeitung ent- 
bieten können, und dasselbige darzu so heimlich und ohn 
allen Unkosten, wie solches denn auch von Ormus nach 
Balsara verrichtet wird." 

Wieder in einen engeren geographischen Bereich fuhrt 
uns ein lehrreiches Zeugnis des 16. Jahrhunderts, das aber- 
mals zeigt, wie auch damals noch die Taubenpost uns 



Die Heimat der Brieftaube. 1 5 I 

Deutschen etwas Unbekanntes gewesen ist. Ein Nürnberger, 
namens Fürer, dessen Reisewerk erst 1645 gedruckt worden 
ist, bringt uns in seinem Bericht wieder nach dem Nildelta 
und zwar nach Damiette (Christoph Fürers von Haimendorff 
Reise von Venedig auf Alexandria S. 154): „Den 27. De- 
cembris 1565 giengen wir spatziren durch die Stadt Damiata 
und den Basar, biß zu unterst hinab; da stehet ein vier- 
eckichter Thurn, unten dicker dann oben, welchen die Mo- 
ren nennen Marcabas oder Zeitungtrager, dann man in dem- 
selbigen Thurn etliche abgerichtete Tauben hält, von denen 
man, wann Schiff ankommen, und man neue Zeitung wissen 
will, eine Tauben hinaußführet, und ihr ein Zettelein unter 
den Flügel bindet, so trägt sie den Zettel hinein. Zu Ale- 
xandria bey dem kleinen Castel am neuen Port hat es auch 
noch einen Thurn, da man solche Tauben innen gehalten, 
aber man brauchts daselbst nicht mehr; deßgleichen hat 
man auch in Cathia, welche man nennet chaman nosam, 
das ist Posttauben; dieselben schickt man von Cathia in 
Salaxie, von dannen in Bebelbes, darnach in Canicha, von 
dannen in Cairo, welche also die Zeitung von Ankunfft 
der Schiff, von dem Port, hinauff in Cairo in kurtzer Zeit 
tragen. Vorzeiten hat mans durch gantz Egypten gebraucht; 
die Frau hab ich zwar gesehen, so solche Tauben hält, und 
bezeuget auch der Consul, daß mans also gebrauchte, doch 
käme kein Schiff dahin, weil wir da waren." 

In Reisewerken des 17. und 18. Jahrhunderts begegnet 
die Taubenpost dann nicht mehr so oft wie vordem. Man 
hat den Eindruck, daß diese Art des Briefverkehrs zurück- 
gegangen ist. Ein vereinzeltes Zeugnis des 18. Jahrhunderts 
bestärkt diesen Verdacht. Der gründliche und umsichtige 
Orientalist Niebuhr erwähnt die Taubenpost nur ganz vor- 
übergehend als ein Erlebnis ohne breiteren Hintergrund 
(1778 Reisebeschreibung nach Arabien und andern um- 
liegenden Ländern II 239): „Einige Reisebeschreiber haben 
der Taubenpost erwähnt, die in altern Zeiten in den Morgen- 



ICJ2 Die Heimat der Brieftaube. 

ländern gebräuchlich gewesen ist. Man findet dergleichen 
noch jetzt in verschiedenen Städten. Man muß sich aber 
nicht einbilden, daß man diese Tauben, so wie andere 
Bothen, nach verschiedenen Gegenden schicken könne; son- 
dern weil man hier keine Post kennt, die zur bestimmten 
Zeit von einer Stadt nach der anderen abgeht, so haben 
einige Kaufleute solche Tauben abgerichtet, um ihrer Familie 
von einer glücklich zurückgelegten Reise bald Nachricht 
geben zu können. Ich traf zu Basra einen Kaufmann von 
Bagdad an, der sich dieser Taubenpost bey jeder Reise zu 
bedienen pflegte. Die Taube war in seinem eigenen Hause 
erzogen und angewöhnt worden, auf einer gewissen Stelle 
Futter zu erhalten. Übrigens konnte sie frey herum fliegen, 
und die umherliegende Gegend kennen lernen. Auf der 
ersten Reise hatte er sie bis Helle, auf der zweyten bis 
Lemlum, auf der dritten bis Ardsje, und zuletzt bis Basra 
mitgenommen, und sie mit einem kleinen Zettel fliegen 
lassen, worauf sie dann gerade nach Hause zurück gegangen 
war. Die Tauben, welche Junge zu Hause verlassen haben, 
gehen am allersichersten. Man wollte versichern, daß man 
die besten Tauben, welche zu dieser Art Post gebraucht 
werden, zu Bagdad finde, und daß sie von einer besonderen 
Art sind. Ich zweifle aber nicht, daß die europäischen 
eben so gut abgerichtet werden könnten, wenn einer sich 
deswegen Mühe geben wollte: und man hat mich versichern 
wollen, daß auch ein Italiäner sich derselben bedient habe, 
um eher als seine Mitbürger zu erfahren, welche Nummern 
in der Zahlen-Lotterie gezogen worden. Übrigens brauchen 
wir derselben nicht so nothwendig, da wir überall ziem- 
lich geschwind und mit wenigen Kosten Briefe absenden 
können." 

Zu diesen entlegenen Zeugnissen längst vergessener 
Reisender stellen sich nun auch einige klassische Zeugen 
aus der italienischen Literatur — Ariost und Tasso. Im 
15. Gesang des e Rasenden Roland' (15 15) wird der Tod 



Die Heimat der Brieftaube. 153 

des Riesen Orrilo durch den Herzog Astolfo geschildert, 
ein Ereignis, das am unteren Nil stattfindet. Dann heißt 
es Strophe 90: 

Sobald der Kastellan von Damiette 
Erfahren, daß Astolf Orrilen schlug, 
Ließ er die Taube los, die an der Kette 
Das Brieflein unter ihren Flügeln trug, 
Cairo zu: da flogen in die Wette 
Brieftauben aus; so ist's dort Brauch und Fug, 
Und ganz Egypten wüßt' in wenig Stunden, 
Daß nun der Räuber seinen Tod gefunden. 

So hat dann auch das e Befreite Jerusalem' (1581) im 
18. Gesänge Str. 49 — 52 ein einschlägiges Zeugnis. Gott- 
fried von Bouillon bekommt bei der Belagerung von Jeru- 
salem eine Brieftaube in seine Hände, die auf dem Wege 
in die belagerte Stadt ist: 

Kaum hat sie sicheren Schutz bei ihm gefunden, 
Nimmt er bei ihr ein seltsam Wesen wahr, 
Ein Faden ist um ihren Hals gebunden, 
Ein kleiner Brief steckt unterm Flügelpaar, 
Den man durch den beschwingten Boten sandte — 
Was damals oft man pflog in der Levante. 

Wenn uns dieses Zeugnis in das Zeitalter der Kreuz- 
züge verweist, so haben in der Tat Geschichtsschreiber 
dieser Epoche der orientalischen Brieftauben auch Erwäh- 
nung getan. Ich begnüge mich dafür, auf die Zeugnisse 
bei Prutz, Kulturgeschichte der Kreuzzüge S. 322 und bei 
QuatremeTe, Hist. des Sultans Maml. II B p. 1 1 5 hinzuweisen. 

Alles fuhrt uns also in das Wunderland von 'Tausend 
und eine Nacht'. Und in der Tat bietet auch diese Märchen- 
sammlung Zeugnisse für uns: „Ich beschäftigte mich, Tauben 
zu Briefträgern zu erziehen, und mein Gatte war Polizei- 
präfekt — Meiner Tochter aber, welche noch besser als ich 
die Leitung der Taubenpost versteht, räume das Schlößchen 
vor dem Khan ein" (Weils Übersetzung IV 706). 



154 



Die Heimat der Brieftaube. 



Im Orient also liegt die Heimat der Taubenpost; aber 
das ganze Problem übersteigt die Kräfte des deutschen 
Sprachforschers. Meine Aufgabe ist es nur gewesen, an 
der Hand des deutschen Schrifttums zu zeigen, wo deutsche 
Reisende den Briefverkehr mit Tauben in vergangenen 
Jahrhunderten kennen lernten, und woher wir die Zucht der 
Brieftaube gelernt haben. Aber über das Alter der orien- 
talischen Brieftaubenpost dürfen wir erwarten, von Professor 
Friedrich Schwally in Gießen eingehende Studien zu erhalten. 



Das Alter des künstlichen Eises*. 

Die Herstellung von künstlichem Eis hatte wohl schon 
vor einem Jahrzehnt ein Alter von gut iooo Jahren auf sich 
gehabt. Die neuere Kultur, die nach Jubiläen lechzt, verab- 
säumt gelegentlich den Zoll der Dankbarkeit. Aber wem, 
welchem Namen hätte die Dankbarkeit der Neuzeit ein 
Jubiläum widmen sollen? Das früheste Zeugnis für die Her- 
stellung von künstlichem Eis führt uns nach England, findet 
sich bei König Alfred dem Großen (gestorben 901). Ihm 
hat ein geborener Schleswiger, namens Wulfstan, der sich 
vorübergehend am westsächsischen Hofe aufhielt, von seinen 
Reisen nach Esthland berichtet und dabei das Folgende 
erzählt: 

„Bei den Esthen gibt es einen Clan, der kann Kälte 
fabrizieren; sie können deswegen die Toten lange liegen 
lassen, ohne daß sie verwesen, weil man künstliche Kälte 
über sie bringt. Setzt man zwei Eimer voll Wasser oder 
Bier hin, so bringen diese Leute es fertig, daß der eine 
friert, einerlei ob es Sommer oder Winter ist." 

Der angelsächsische König hat diesen Bericht seiner 
Übersetzung der Weltgeschichte des Orosius einverleibt und 
damit den spätesten Geschlechtern ein frühestes Zeugnis für 
künstliche Eisfabrikation geliefert. Aus dem knappen Be- 
richt hat man den Eindruck, daß es sich um eine Technik 
handelt, die das Monopol einer einzigen Familie war. Aber 
an der Glaubhaftigkeit des Berichtes ist kein Zweifel gestattet. 

• Aus der Frankfurter Zeitung vom 7. Juni 1906. 



156 Das Alter des künstlichen Eises. 

Es scheint, daß das Abendland erst am Ende des 
16. Jahrhunderts von Eisbereitung aus dem Morgenlande 
her gehört hat. Deutsche Besucher Konstantinopels haben 
wiederholt ihrer Verwunderung Ausdruck verliehen über den 
Eiskonsum in der türkischen Hauptstadt. Einen inter- 
essanten Bericht der Art finden wir 1608 in der e Reise- 
beschreibung nach Konstantinoper von Salomon Schweigger. 
Dieser stammte aus Bretten und hat sich im Jahre 1578 
längere Zeit in Konstantinopel aufgehalten. Mit offenem 
Blick hat er das orientalische Leben geschaut und geschildert. 
Er redet S. 125 von den Obstgärten des Sultans und fährt 
dann fort: 

„Das Obst wird verkauft, welches doch für kein schand 
wird gehalten, so wenig, als wann der Sultan mit Schnee 
und Eiß hantirung treibt, da er järlich ein unseglich Gelt 
löst aus den Eißgruben, deßgleichen thun auch die Waschen 
(Paschas), die auch mit dieser Kauffmannschaft umbgehn, 
dann ich glaubwirdig berichtet worden, daß MemetWascha 
järlich aus seinen Eißgruben oder aus dem Eiß, biß in die 
achtzig tausend Ducaten löse, das kan wol ein frostiger 
kalter gewin seyn, daraus abzunemen, daß der Sultan muß 
mehr lösen. Diese Wahr kauffen die Obßhändler im Sommer, 
und verkauffens widerumb dem gemeinen Volck, ein stück 
so groß als ein viertel eines Laib Brodts umb anderhalben 
Asper, das macht schier 3 Kreutzer, damit kühlen sie ir 
Tranck, wenn einer ein Maß Scherbet oder Hutzelwasser 
kaufft, so kaufft er zumal auch ein knollen Eis, den wirfll 
er drein, oder geht auff der Gassen daher, hat ein Knollen 
im Mund und sauget daran; es hat mein G. Herr täglich 
für ein halben Taler, oder wann er Gastung gehalten, fast 
zween Taler umb Eis geben müssen ; das legt man auff die 
Zinnerin Flaschen in ein Schaff gestellt, damit man ein 
frischen Trunck mög haben, dann es hat keine tieffe Keller, 
wie in unsern Landen. Dieser Eißgruben hat es viel umb 
die Stadt her, gegen Galata, im freyen Feld, da hat es 



Das Alter des künstlichen Eises. 



157 



weite tieffe Gruben, darüber ein hültzerin Hütten gemacht 
ist, wie im Schwartzvvald die Heustadel in den Thälern hin 
und wieder, da seyn sondere Personen darzu bestellt, Schnee- 
scheuffler, die den Schnee zu Winterszeiten in die Gruben 
auffschütten, darinn wird es alßdann zu Eis, dasselbig säget 
man zu grossen Stücken, daß ein Roß an zweyen zu tragen 
hat, die wicklen die Christen, die Bulgari, in Filtz, unnd 
fuhrens also umb bestimbten lohn in die Stadt den Obs- 
händlern." 

Der Schreiber dieses Berichts war ein gelernter Theo- 
loge, der in Tübingen studiert hatte. Was er in Konstanti- 
nopel gehört hatte, dafür erinnerte er sich, schon in der 
Bibel eine Spur gefunden zu haben. Er erinnert an die 
e Sprüche Salomonis* Kap. 25 V. 13: 

„Wie die Kühle des Schnees zur Zeit der Ernte, so 
ist ein getreuer Bote dem, der ihn gesandt hat, und erquickt 
seines Herrn Seele. tt 

Wir wissen nicht, ob die gelehrte Reisebeschreibung 
Schweiggers dieser alten Bibelstelle gerecht wird, aber wie 
alt auch die sommerliche Herstellung oder besser der som- 
merliche Konsum von Eis im Morgenlande gewesen sein 
mag, so viel ist sicher: das moderne Abendland hat den 
sommerlichen Konsum von Eis aus dem Morgenlande und 
speziell aus der türkischen Hauptstadt entnommen. 



Birkenrinde*. 

Wenn der Zusammenhang der gemeingermanischen Be- 
zeichnung 'Buch 9 und 'Buchstabe 9 mit dem Namen der Buche 
völlig sicher steht, so spricht für diese Verwandtschaft u. a. 
auch die Tatsache, daß im Indischen das Wort e bhürja 9 so- 
wohl Birke als auch Birkenrinde zum Schreiben bedeutet 
(vgl. Haupts Zeitschrift 34, 210). Neben einer so entlegenen 
Parallele kann man auch auf die merkwürdige Tatsache hin- 
weisen, daß bei uns auch die Birkenrinde oft zum Schreiben 
gebraucht wurde. Es stehen mir dafür folgende drei Zeug- 
nisse aus der neuhochdeutschen Periode zur Verfügung: 
Joh. Mathesius 1562 Sarepta oder Bergpostill Bl. I46 b : 
„Die Alten haben auf Bletter von Palmbeumen, die Cutroff 
und Rinden der Beume geschrieben, wie wir Kinder auch 
Büchlein von Birckenrinden macheten." — Grimmeishausen 
1669 Simplicissimus I 10: „Demnach schrieb er mir ein 
Alphabet auff birckene Rinden, nach dem Druck formirt, 
und als ich die Buchstaben kante, lernete ich buchstabiren" 
— I 19: „Er fand nichts bey mir als ein Büchlein von 
Birckenrinden, darin ich meine tägliche Gebet geschrieben" — 
I 20: „Es wäre anders nichts bei mir gefunden worden als 
gegenwärtiges Büchlein, welches sie ihm zugleich überreichten; 
er laß ein paar Zeilen darnach, und fragte mich, wer mir 
das Büchlein geben hätte. Ich antwortete, es wäre von 
Anfang mein eigen gewesen; dann ich hätte es selbst ge- 



• Vgl. Lyons Zeitschrift für den deutschen Unterricht V 634. 



Birkenrinde. 



159 



macht und überschrieben. Er fragte, warum eben auf 
birckene Rinden? Ich antwortete, weil sich die Rinden von 
andern Bäumen nicht darzu schicken." — Abraham a St. Clara 
1689 Judas II 131: „was maint ihr aber, hat der Baum flir 
ein Eigenschafft? villeicht kan man auß disem Holtz nichts 
änderst schnitzlen, als Löffel? ey das nit, dann löfflen schickt 
sich nit vor die Jungfrauen, villeicht tragt er ein Rinden, 
wie die Bürcken-Bäumer, daß man darauff kan Buel-Brieffel 
schreiben.* 4 



Ein neues gotisches Sprachdenkmal?* 

Treue Zeitungsleser erinnern sich an die aufregende 
Nachricht, die vor 12 Jahren durch verschiedene Tages- 
blätter gegangen ist, daß ein neues gotisches Sprachdenk- 
mal von bedeutendem Umfang und besonders wertvollem 
Charakter in Spanien gefunden und bereits gedruckt sei. 
Ein westgotisches Gesetz in gotischer Sprache — das 
wäre allerdings ein Ereignis, durch das des Aristoteles' neu 
entdeckte Schrift vom Staate der Athener übertroffen würde. 
Und Zangemeisters herrlicher Fund in der Vaticana, die 
Entdeckung von Fragmenten einer altniederdeutschen Gene- 
sisdichtung, die sich unmittelbar neben den Heliand stellt, 
wäre zurückgetreten hinter das westgotische Volksgesetz 
in gotischer Sprache. 

Ich glaube allerdings nicht, daß sich in germanistischen 
Kreisen jemand ernstlich über jene Zeitungsnachricht auf- 
geregt hat — so unglaublich war sie an und für sich. Es 
handelte sich — wie nicht anders zu erwarten war — um 
gotische Gesetze in lateinischer Sprache, um eine neue 
Ausgabe bekannter lateinischer Rechtsquellen und die deutsche, 
die germanische Sprachforschung geht leer dabei aus. 

Für uns Sprachforscher wäre in der Tat ein derartiges 
Denkmal in der Volkssprache von unermeßlichem Wert ge- 
wesen. Wo wir nur Bibeltexte besitzen, ist unsere Kenntnis 
der gotischen Volkssprache arg beschränkt. Ulfilas Uber- 

• Aus der Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom 16. Januar 1897. 
Die oben behandelte Glossenhandschrift ist seit dem hier abgedruckten 
Aufsatz der Gegenstand von zwei wichtigen Arbeiten geworden: Die Rei- 
chenauer Glossen der Handschrift Karlsruhe 115 von J. Stalzer (in den 
Sitzungsberichten der Wiener Akademie 1906 Bd. CLII) und Die Reichenauer 
Glossen von Kurt Hetzer 1906. 



Ein neues gotisches Sprachdenkmal? l6l 

Setzung, die ja nicht einmal vollständig auf uns gekommen 
ist, zeigt uns den gotischen Wortschatz doch nur von einem 
sehr niedrigen Standpunkt aus. Das heimische Volksleben 
spiegelt sich in keiner Übersetzung wider, und die freie, 
breite Entfaltung einer Sprache ist nur in ihrer eigenen, 
heimischen Dichtung möglich. Daß uns gotische Dichtung 
noch zu erhoffen wäre von spanischen oder italienischen 
Klöstern, darauf hat wohl niemand Hoffnung. 

Aber ich bin in der glücklichen Lage, eine neue ger- 
manische Sprachquelle von hoher Altertümlichkeit erschließen 
zu können, die zwar schon sehr lange der Öffentlichkeit 
zugänglich, aber nicht von allen beachtet worden ist, für 
die sie fließt. Diese Quelle liegt nicht innerhalb spanischer 
Klostermauern, nicht auf romanischem Boden. Es ist eine 
alte Glossenhandschrift aus der Reichenau, die jetzt der 
Karlsruher Bibliothek gehört. Sie wird aus dem Ende des 
8. Jahrhunderts stammen. Aber es ist keine Originalarbeit 
des deutschen Klosters, sondern gewiß Abschrift einer älteren 
Vorlage, deren Heimat wohl auf französischem Boden zu 
suchen ist. Freilich hat die wissenschaftliche Forschung die 
Herkunft dieser Glossenhandschrift noch nicht näher bestimmt. 

Einer der hervorragendsten Sprachforscher neben Jacob 
Grimm, Professor Adolf Holtzmann in Heidelberg, hat im 
Jahre 1863 in Pfeiffers c Germania 9 VIII 405—413 Mittei- 
lungen aus dieser Glossenhandschrift gemacht. Er hat sie 
mit keinem Wort der Verwunderung und der Überraschung 
begleitet, die deutschen Sprachforscher sind nicht darauf 
aufmerksam geworden, unbenutzt und unbemerkt von den 
Germanisten sind sie bis heute geblieben. Und doch ent- 
hielten Holtzmanns Auszüge aus der Handschrift so viel 
des Wunderbaren und Überraschenden, daß auch weitere 
Kreise von dieser Glossenhandschrift gern Kenntnis nehmen 
werden. Den Fachgenossen berichte ich darüber in der 
neuen Auflage von e Pauls Grundriß der germanischen Philo- 
logie' I 332. 

Kluge, Bunte Blätter. H 



IÖ2 Ein neues gotisches Sprachdenkmal? 

Aber ich habe mich bereits zu weit gewagt, ich habe 
falsche Hoffnungen erweckt: die Sprachquelle, um die es 
sich handelt, enthält wohl kein gotisches, kein altger- 
manisches Wort. Die Handschrift enthält nur Latein, Latein 
wird mit Latein glossiert — „tectum: Solanum"; „potator: 
bibator**; „conducere: locare**; „onager: asinus silvaticus." 
Und so geht es weiter, ein lateinisches Wort wird mit einem 
andern lateinischen Wort gedolmetscht. Aber das dol- 
metschende Latein ist echtes Vulgärlatein, Hochlatein wird 
durch Vulgärlatein erklärt; vgl. „res: causa**; „si vis: si 
voles**; „nere: filare" usw. Und so ist dieses Denkmal für 
die romanische Sprachforschung höchst bedeutsam, wie es 
denn in dem Altfranzösischen Übungsbuch von Prof. Förster 
und Prof. Koschwitz die erste Stelle einnimmt. Und in 
dieser ältesten französischen Sprachquelle steckt eben ger- 
manisches Sprachgut, aber als Vulgärlatein. 

Nach der Völkerwanderungszeit war das Provinzial- 
latein allerorten voll von Germanismen. Das Germanen- 
tum hatte sich mit der heimischen, Latein sprechenden Be- 
völkerung so sehr gemischt, daß die germanische Sprache 
am Latein scheiterte, aber germanisches Recht und ger- 
manischer Adel vorherrschend wurden. Indem nun das 
Germanische der Weltmacht des Lateins wich, gab es dem 
Vulgärlatein Bestandteile von dauernder Bedeutung. Eine 
Masse von germanischen Lehnworten drang damals ins 
Romanische, und noch heute lebt davon ein guter Teil. 
Und unsere Reichenauer Glossenhandschrift ist eines der 
ältesten und wertvollsten Zeugnisse für den Einfluß des 
Germanischen auf das Romanische. 

In der Tat hat das germanische Sprachgut dieser 
Glossen fast durchaus lateinische Gewandung: mastus 'der 
Mast 9 , heim us e der Helm', sind die guten altdeutschen 
Worte latinisiert, zugleich sind es gemeinromanische Worte, 
vgl. ital. elmo e der Helm 9 , masto 'der Mast' und franz. 
heaume und mät. Also das germanische Sprachgut muß 



Ein neues gotisches Sprachdenkmal? 163 

hier schon als romanisches Sprachgut anerkannt werden. 
So heißt die e Garbe' hier garba: so hieß das altdeutsche 
und das gotische Wort, und so heißt hier die Latinisierung; 
auch dieses Wort muß als romanisch gelten, so heißt es 
noch heute provenzalisch und katalanisch, aber die Quelle 
des Wortes ist urdeutsches garba. 

In diesem Glossar mit seiner vulgärlateinischen Gewan- 
dung steckt urältestes deutsches oder germanisches Sprach- 
gut. Worte begegnen hier in einer altertümlichen Laut- 
gestalt, die sie spätestens dem 6. Jahrhundert verdanken. 
Die c Tenne' heißt althochdeutsch tenni, hier in den Rei- 
chenauer Glossen heißt sie danea — eine überraschend 
alte, ja ehrwürdige Lautgestalt, wie sie spätestens bis 
ins 6. Jahrhundert bestanden haben kann. — Eine andere 
gleich wertvolle Glosse lautet „talpas: muH qui terram 
effodiunt". Wer sieht nicht sofort, daß dieses mulus mit 
unserem deutschen 'Maulwurf und dem gleichbedeutenden 
englischen mole zusammenhängen muß? — Bedeutsam ist 
fr ata 'Honigwabe', das zweimal begegnet; unsere Mund- 
arten reden noch jetzt von der c Honigrose', dieses rose ist 
mittelhochdeutsch raze und damit deckt sich jene Glosse: 
„favum: frata mellis." 

Man wird nach diesen Beispielen den Wert der ger- 
manischen Bestandteile der Reichenauer Glossen leicht über- 
schätzen. Leider ist aber das germanische Sprachgut nur spär- 
lich und dürftig — etwa zwei Dutzend Worte sind es, die wir 
als germanisch in Anspruch nehmen müssen. Da lesen wir 
— um noch einiges anzuführen — brunia 'Brünne', baugus 
'Armring', wapca 'Wespe*, fano 'Schweißtuch*, wadius 
'Pfand', spidus 'Bratspieß', scancio 'Mundschenk'. 

Die Mehrzahl dieser Worte sind alte, gute Bekannte 
aus dem germanischen und dem romanischen Wortschatz 
zugleich. Ob danea 'Tenne' und mulus 'Maulwurf* je- 
mals romanisch geworden sind, darüber kann ich keine Aus- 
kunft geben. Vielleicht wird uns die Zukunft bald Auf- 



164 Ein neues gotisches Sprachdenkmal? 

Schlüsse von romanistischer Seite über das wertvolle Sprach- 
denkmal bringen. Bisher ist von dieser Seite nicht viel für 
die Heimatsfrage und Altersbestimmung der Glossen ge- 
schehen. Und die entscheidende Frage, wann und wo die 
Glossen entstanden sind, kann nur mit den Mitteln roma- 
nischer Sprachwissenschaft gelöst werden. Aber vom Stand- 
punkt germanischer Sprachforschung aus darf wohl das 
eine gesagt werden, daß danea 'Tenne 9 keine Latinisierung 
des 8. Jahrhunderts sein kann. 'Helm 9 und 'Mast 9 konnte 
man immer zu helmus und mastus latinisieren. Dann hat 
auch frata 'Honigrose 9 im Althochdeutschen seit etwa 500 
überall hräzza geheißen und das wäre nie und nimmer zu 
frata latinisiert. Freilich ist das urdeutsche t in spitus 
'Bratspieß 9 in unsern Glossen zu spidus erweicht und so 
zeigt also ein gut deutsches Wort einen romanischen Laut- 
wandel (ital. spiedo). Wenn wir diese Doppelheit in der 
Vertretung des t in Betracht ziehen, dürfen wir vielleicht 
vermuten, daß der germanische Sprachcharakter dieser 
Glossen nicht einheitlich zu sein braucht. 

Aber ein paar Worte legen denn doch wohl den Ver- 
dacht nahe, daß gotisches Material mit darunter steckt. 
Das 'Rohr 9 heißt hier zweimal ros und zweimal rosa, und 
keine andere germanische Sprache hat das Wort 'Rohr 9 
mit s außer dem Gotischen (raus). Allerdings hat unser 
deutsches 'Rohr 9 anfanglich auch bei uns raus mit s ge- 
heißen, aber wir wissen leider gar nicht, wann dieses ur- 
deutsche s in r übergegangen ist. Auch das u in husa 
'Hose 9 deutet auf das Gotische als Quelle, das Deutsche 
hat immer o in diesem Worte gehabt Aber ich will nicht 
verschweigen, daß andere Spracherscheinungen gegen das 
Gotische zu sprechen scheinen. Hier ist keine fachwissen- 
schaftliche Erörterung darüber am Platz. Hier wollte ich 
die Bedeutung der Reichenauer Glossen für unsere deutsche 
Sprachwissenschaft nur ganz im aligemeinen kennzeichnen. 



Das Schweizerische Idiotikon*. 

Nicht um Resultate eigener Forschungen mitzuteilen, will 
ich das Wort ergreifen, sondern um im Sinne vieler Teil- 
nehmer dieser Versammlung eine Dankesschuld öffentlich 
zu bekennen. Es ist der Dank für alles, was so viele 
schweizerische Gelehrte für die deutsche Mundarten forschung 
geleistet haben. Vor allem aber gilt der Dank allen Be- 
strebungen und Bemühungen, in deren Mitte das 'Schweize- 
rische Idiotikon' steht. Es ist ein Denkmal aere perennius, 
und sein Schöpfer ist das ganze schweizerische Volk. 

Die Schweiz hat von der Natur die reichsten Schätze er- 
halten, und diese Schätze hat sie mit liebevoller Hingebung 
gehegt und gepflegt als das Erbe der Väter. Das sind die 
Mundarten des Schweizerlandes, voll der höchsten Alter- 
tümlichkeiten, reich an mannigfaltigem Sprachmaterial wie 
keine andere deutsche Landschaft. Und geistiges Leben 
und deutsches Schrifttum haben das mundartliche Sprach 
material aus seiner Weltabgeschiedenheit auf die Höhen der 
Literatur und der Wissenschaft gehoben. Dem gleichen 
Nährboden entstammt die althochdeutsche Benediktinerregel 
und die reiche Prosa Notkers, die Manessische Handschrift 
der Minnesänger, Zwingli, Bodmer und Haller, Gottfried 
Keller und Konrad Ferdinand Meyer. Und so war dieser 
selbe Nährboden auch der deutschen Sprachwissenschaft 
besonders günstig. Das erste große deutsche Wörterbuch 

* Vortrag gehalten auf der Basier Philologen- Versammlung am 97. Sep- 
tember 1907; »gl. die Beilage iur 'MUncbeaer Allgemeinen Zeitung' No. 178 
vom 4. Oktober 1907. 



l66 Das Schweizerische Idiotikon. 

entstammt der Schweiz: Maalers 'Teutsche Sprach* 1561. 
Es will die ganze Literatursprache umfassen und birgt zu- 
gleich die reichsten Schätze aus den schweizerischen Mund- 
arten. Es ist bis auf die Zeit des großen Leibniz das be- 
deutendste Wörterbuch der deutschen Sprache geblieben und 
wird noch heute als die reichste Fundgrube hochgeschätzt 
Und als sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts unsere 
Literatursprache befestigt und gesichert fühlte, erhob sich 
die Dialektforschung als neue Wissenschaft — nirgends 
kräftiger und erfolgreicher als in der Schweiz. Jetzt sind 
es gerade 150 Jahre, daß Bodmer an seinem Idiotikon von 
Zürich arbeitete 1 . Und dann nach 50 Jahren erschien 
Stalders schweizerisches Wörterbuch. Die gelehrte Welt 
begrüßte es 1807 mit den freundlichsten Kritiken. Der 
Pfarrer aus dem Entlibuch hat 'mit diesem reichen und 
tiefen Werk die Vorherrschaft Oberdeutschlands in der 
mundartlichen Arbeit begründet und befestigt 1 . Zwar ist 
der Ruhm Stalders bald durch Schmellers bayerisches 
Wörterbuch etwas verdunkelt, aber Schindler hat selber 
bekannt, daß er die Anregung zur eigenen Arbeit aus Stal- 
ders Vorbild erhalten habe 8 . Schindler konnte in einfluß- 



1 Eine kleine Probe eines solchen Wörterbuchs teilte er in den 'Frei- 
mttthigen Nachrichten* von 1757 mit (Bächtold, Schweiz. Literaturgesch. 
S. 678). 

'Im 18. Jahrhundert hat Niederdeutschland einen entschiedenen Vor- 
rang gehabt. Das 'Bremisch-niedersächsische Wörterbuch' (ein Werk in 
5 stattlichen Bänden 1767 — 1771) ist bis auf den heutigen Tag das her- 
vorragendste und reichste Dokument norddeutscher Mundartenforschung 
geblieben. 

• 1837 nach Abschluß des Wörterbuches schreibt Schindler an seinen 
Freund Voitel in Solothurn: „Ich meine mich dunkel zu erinnern, daß 
es ein gemütlicher Ausflug nach dem Park bei Madrid war, den ich in 
Deiner Gesellschaft machte, wo ich in der Schweizer Zeitschrift Isis, die 
Du hieltest, neben den schnurrigen Einfällen des Philologen von Langen- 
thal Proben von Stalders Idiotikon sah und in ihnen die erste Idee von 
solch einer Arbeit erhielt" (Rockinger, Festschrift zu Schmellers 100- 
j ährigem Geburtstage S. 35). 



Das Schweizerische Idiotikon. 167 

reicher Stellung l leichter und bequemer sprachliche Schätze 
sammeln als der Landpfarrer im Entlibuch. Ausgerüstet 
mit der Methode Jacob Grimms und selbst der ersten einer 
unter unsern Sprachforschern, mußte er Größeres leisten 
als der Pfarrer in der Weltabgeschiedenheit. Aber immer 
steht Stalders Namen noch in Ehren da. Indem er uner- 
müdlich weiter sammelte und eine zweite Auflage seines 
Wörterbuches vorbereitete, ist er Begründer und Grundlage 
des Schweizerischen Idiotikons' geworden. Als die Anti- 
quarische Gesellschaft in Zürich den Plan dazu entwarf, 
knüpfte man an Stalder an, und die Verzettelung von Stal- 
ders handschriftlichem Nachlaß hat dann mehrere Jahre in 
Anspruch genommen. Und heute, hundert Jahre nach dem 
Erscheinen von Stalders Werk, besitzen wir von dem Stalder 
redivivus nahezu sechs stattliche Bände. 

Das Werk, das selber das Größte leistet, hat auch 
große Voraussetzungen. Es spiegelt die Sammelarbeit von 
zwei Jahrhunderten wider; Tausende und Abertausende 
haben gesammelt, ehe das Werk seinen jetzigen Umfang 
erreichen konnte. Schon im 18. Jahrhundert entstanden in 
Bern und Basel große handschriftliche Sammlungen. Auch 
Stalder hatte viele Mitarbeiter. Angeregt durch ihn und 
sein Werk, legten sich Sprachfreunde in allen Kantonen 
eigene Wortsammlungen an. Der Reichtum der Mundarten 
war unerschöpflich. Nun brachte die Lebensarbeit Jacob 
Grimms den prometheischen Funken in die Herzen aller 
Sprachfreunde. Hatte schon Bodmer seine Schweizermundart 
mit der Sprache der Minnesänger in Beziehung gesetzt, so 
sah man nun die altvaterische Sprache im allergrößten Zu- 
sammenhange der ganzen germanischen Sprachwelt. Un- 

1 Schmeller stand die werktätige Hilfe der bayerischen Akademie der 
Wissenschaften zur Seite, und er hatte von der Militärbehörde die Er- 
laubnis, die Rekruten aus den alle Dialekte des Landes repräsentierenden 
Kasernen Münchens in seine Wohnung zu bescheiden, um sich über Mund- 
artliches Auskunft zu verschaffen. 



l68 Das Schweizerische Idiotikon. 

geahnte Beziehungen stellten sich ein, wenn man seinen 
Blick vom Germanischen auf die eben entdeckte indoger- 
manische Spracheneinheit hinlenkte. Die Wortbetrachtung 
eröffnete Kulturausblicke vom größten Interesse. Jacob 
Grimm hat es selbst von sich behauptet, daß die Linguistik 
ihn immer zur Sachgeschichte führe 1 . Das brachte ernst- 
hafte Gesichtspunkte in alle sprachliche Kleinarbeit Man 
fühlte und sah den Zusammenhang von Sprache und Volks- 
tum. So hat Schmeller die Mundartenforschung aufgefaßt, 
und derselbe Geist beseelte den Gelehrtenkreis der Züricher 
Antiquarischen Gesellschaft, als sie im Jahre 1862 den 
großen Plan eines gemeinschweizerischen Wörterbuches ent- 
warf. Daß es keine grammatische Engherzigkeit war, der 
man huldigen wollte, dafür bürgten hervorragende Männer, 
wie der Altertumsforscher Köchly und der Rechtshistoriker 
Osenbrüggen. Und wie hätte man darauf rechnen können, 
das ganze Schweizervolk zu begeistern, wenn das Werk 
nicht ein Denkmal des schweizerischen Volkstums hätte 
werden sollen! Sitte und Recht, Volkswirtschaft und häus- 
liches Leben, kindliche Spiele und der ganze Reichtum 
einer unendlichen Natur — das alles spiegelte sich in der 
Mundart wider, und wer die Worte sammelte, der traf 
damit auch die Sache. So ist jedes Idiotikon ein Spiegel 
des Volkslebens, aber keines mehr als das Schweizerische 
Idiotikon 9 . 

Dem Aufruf der Antiquarischen Gesellschaft folgte un- 
endlicher Widerhall. Und, was wichtiger war, alle die ver- 
borgenen handschriftlichen Schätze von Sprachfreunden, die 
im stillen für sich gesammelt hatten, strömten nun reichlich 
der Antiquarischen Gesellschaft zu. Man hatte die Sprache 



1 „Sprachforschung, der ich anhänge und von der ich ausgehe, hat 
mich doch nie in der Weise befriedigen können, daß ich nicht immer 
gern von den Wörtern zu den Sachen gelangt wäre" Geschichte der 
deutschen Sprache, Vorrede S. XIII. 



Das Schweizerische Idiotikon. 169 

aufzeichnen wollen, ehe die Schriftsprache zu viel von ihr 
vernichtete, und nun sah man erst, wie unendlich der Reich- 
tum der lebendigen Volkssprache war. Das floß von selber 
zusammen, ehe man die systematische Arbeit begann. Aber 
noch fehlten einzelne Kantone; einzelne Aufzeichnungen 
waren zu einseitig und beschränkt. So viel man nun hatte, 
noch mehr brauchte man. Bei allem Reichtum war man 
noch unbefriedigt. Und zu dieser Ergänzung von Lücken 
trat eine neue Aufgabe. 

So wertvoll nämlich die jetzt aus dem Verborgenen 
plötzlich auftauchenden handschriftlichen Wortsammlungen 
in ihrer Reichhaltigkeit auch waren, es waren Schätze, die 
doch nur mit vieler Mühe erst brauchbar gemacht werden 
konnten: die vielen Sammlungen mußten nunmehr aufge- 
löst und verzettelt werden, es mußte alles eingeordnet 
werden, man mußte sich um die alphabetische Anordnung 
bemühen — es begann die Redaktionstätigkeit. Und zwanzig 
Jahre ernster Redaktionsarbeit waren nötig, bis die erste 
Lieferung das Licht der Welt erblicken konnte. Man kann 
sich eine Vorstellung von solchen Präliminarien machen, 
wenn man hört, daß die handschriftlichen Sammlungen des 
alten Stalder mehrere Jahre zu ihrer Verzettelung gebraucht 
haben. 

Eine neue Schwierigkeit erhob sich. Die Wissenschaft 
bleibt nicht still stehen. Der große Plan des Schweizeri- 
schen Idiotikons 5 regte überall neue Arbeiten an. Es ent- 
standen Idiotika einzelner Kantone, wie das Aargauische 
Wörterbuch von Hunziker und das Baseler Wörterbuch 
von Seiler. Dazu förderte die mundartliche Grammatik, 
die in der Schweiz mit besonderer Liebe gepflegt wurde, 
immer wieder neues Wortmaterial ans Licht. Ich brauche 
bloß Namen zu nennen wie Winteler, Brandstetter, Stickel- 
berger, Heusler, Bachmann, Hoflmann-Krayer, Schild. Ein 
so ernster Betrieb der Mundartenforschung wirkte hemmend 
und fördernd zugleich. So tauchte noch immer neues Sprach- 



170 Das Schweizerische Idiotikon. 

material an allen Ecken und Enden auf und bewies nur 
die Unerschöpflichkeit der Volkssprache 1 . Vollständigkeit 
ist überhaupt kein Begriff in der wissenschaftlichen Lexiko- 
graphie, am wenigsten im Bereich der lebendigen Volks- 
sprache. 

Dazu ergab der notwendig gewordene historische Stand- 
punkt erhebliche Anforderungen an das Idiotikon. SoUte 
das Werk im Geiste moderner Wissenschaft durchgeführt 
werden, so mußte die schweizerdeutsche Literatur der Ver- 
gangenheit nutzbar gemacht werden. Welche Fülle des 
Reichtums zeigt zum Beispiel die Schweiz im Jahrhundert 
der Reformation ! Der Reichtum der Vergangenheit kommt 
dem Reichtum der Gegenwart nahe, wenn es sich um die 
Volkssprache handelt. So häufen sich Schwierigkeiten auf 
Schwierigkeiten, und wir fragen: wie ist man ihrer Herr 
geworden? 

Aus vaterländischem Geist war das Werk geboren. 
Der Appell an die Nation hatte das wissenschaftliche Unter- 
nehmen zu einer vaterländischen Sache gemacht. Aus 
heimatlichem Sinn hat es immer neue Nahrung gesogen. 
Die breiteste Öffentlichkeit nimmt an dem Fortschritt des 
Werkes nationalen Anteil. Die ganze Eidgenossenschaft 
steht hinter dem Werk. Der Bundesrat betrachtet das 
Idiotikon als seine nationale Aufgabe. Die einzelnen Kan- 
tone, vorab die Züricher Regierung, tun gern ein übriges. 
Auch Gesellschaften und Vereine, zuweilen auch Privat- 
personen, bringen Opfer. Der nationale Geist, der das 
Werk ins Leben gerufen hat, führt es auch glänzend durch. 
Die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der Schweiz steht 



1 Das Verhältnis der Schweizer zu ihren Mundarten ist bis heute das 
allerengste geblieben. Hier verfügt jedermann über eine heimische Mundart. 
Bei uns in Deutschland gibt es schon seit drei Generationen Unzählige, 
die sich niemals, nicht einmal in der Jugend, im Dialekt bewegt haben. 
Während bei uns die Schriftsprache zugleich Umgangssprache ist, herrscht 
das Schweizerdeutsche bis nahe an das öffentliche Leben heran. 



Das Schweizerische Idiotikon. 17 1 

dabei in ebenso hellem Licht wie die Opferwilligkeit der 
Bundesregierung und die Hilfsbereitschaft der Kantone. 

Das große Geheimnis des sicheren Fortschrittes und 
der gleichmäßigen Wissenschaftlichkeit ist bald erklärt. 
Die richtigen Männer an die richtigen Stellen — diese 
Forderung ist gleichsam der gute Genius bei der Arbeit. 
Es ist bewunderungswürdig, wie immer die rechten Kräfte am 
Werk gewesen sind. Das reiche Erbe der Vergangenheit 
und der vaterländische Sinn erhöhen Mut und Kraft, geben 
Ausdauer und Frische. In schönem Zusammenarbeiten 
wird niemand leicht flügellahm. Treue Hingabe an die 
Sache des eigenen Volkstums sichert dem Werke die 
treuesten Mitarbeiter. Hier kennt man keine Fahnenflucht. 
Seit 25 Jahren ist es auf dem Plan. Sicher schreitet es 
voran. Es ist kein Stalder redivivus! 

Viel vermag das verständnisvolle Patronat der staat- 
lichen Behörden. Willkommen und ermutigend war immer 
die werktätige Gönnerschaft hervorragender Gelehrter und 
Sprachforscher wie Wyß, Schweizer -Sidler, Götzinger, 
Bächtold, Adolf Socin, Meyer von Knonau. Noch größere 
Garantien gab eine wohlgeregelte Organisation, zu der sich 
ein geschäftsftihrender Ausschuß mit einem Redaktions- 
komitee in Zürich vereinigte. Aber wichtiger als alle diese 
Tatsachen, die unter Umständen vielleicht eine Erschwernis 
im Geschäftsgang eines Unternehmens bedeuten konnten, 
bei welchem so viele Köpfe und so viele Sinne beteiligt 
waren — wichtiger als alles dies war für die Geschicke 
des 'Schweizerischen Idiotikons 9 die Tatsache, daß durch die 
ersten Jahrzehnte seines Entstehens Friedrich Staub die 
eigentliche Seele des Unternehmens war. Durch mehr als 
drei Jahrzehnte hat seine patriotische Opferfreudigkeit und 
wissenschaftliche Begeisterung alle Arbeiten und Arbeiter 
am Idiotikon belebt. Er hat keine Geldopfer gescheut; er 
hat Reisen zu Werbezwecken und zur Kontrolle und Er- 
gänzung der Bestände immer von neuem unternommen. 



I72 Dm Schweizerische Idiotikon. 

Als er im Jahre 1895 starb, war man darüber einig, daß 
das Idiotikon seine eigentliche Lebensarbeit gewesen war. 
Er kannte und liebte sein Volk und dessen Mundarten. 
Er war eine Verkörperung aller mundartlichen Bestrebungen 
und aller sprachlichen Tatsachen, die er in einem Umfang 
beherrschte, wie es für die Schweiz nicht bald wieder der 
Fall sein wird. Dabei war er ein Mann von rührender Be- 
scheidenheit, schlicht und einfach nach dem alten Schlage. 

Dieser Mann hat im Verband mit dem geschäfts- 
führenden Ausschuß, den die Antiquarische Gesellschaft von 
Zürich dazu bestellt, das Werk in die sicheren Bahnen ge- 
leitet, in denen wir es heute sehen. Und er hat die Ge- 
schicke desselben dadurch gewährleistet, daß er Mitarbeiter 
an sich und sein Werk fesselte, die derselbe Geist beseelt. 
Im Verein mit dem geschäftsführenden Ausschuß hat er 
die Organisation des ganzen Unternehmens geschaffen, in 
der immer die besten Kräfte mitwirkten. Wir nennen Pro- 
fessor Ludw. Tobler, dessen sprachwissenschaftliche Bildung 
und volkskundliche Interessen immer Anerkennung gefunden 
haben. Seit 12 Jahren steht Professor Albert Bachmann 
als Chefredakteur an der Spitze des Unternehmens; die beste 
grammatische Bildung vereinigt er mit erstaunlicher Frische 
und Leistungsfähigkeit. Er garantiert die gleiche Wissen- 
schaftlichkeit und liebevolle Hingabe, durch die das Werk 
groß geworden ist. Von den Redakteuren nenne ich noch die 
Herren Bruppacher, Schoch, Hoffmann-Krayer, Schwyzer 1 . 

Das Material, das zu verarbeiten war und das sich 
unter den Händen der Redakteure immer vermehrt hat, 



1 Das Züricher Bureau des Idiotikons ist die erste Zentralisation 
deutsch-sprachlicher Interessen auf einem deutschen Sprachgebiet Da sind 
auch alle grammatischen Pläne für die Gesamtschweiz glücklich vereinigt. 
Von langer Hand wird hier eine monumentale Grammatik des Schweizer- 
deutschen vorbereitet. Der Bundesrat verwendet schon lange erhebliche 
Summen auf diese Zentralstelle. — Ob wir jemals eine solche auch in 
Deutschland bekommen? 



Das Schweizerische Idiotikon. 173 

war gewaltig. Nach einer summarischen Schätzung waren 
100 000 Stichworte mit einer Million Belegzetteln zu ver- 
arbeiten. Das meiste ist bereits geschehen. Und was bis- 
her schon geleistet ist, verträgt durchaus den Vergleich mit 
den größten lexikalischen Leistungen der Neuzeit Ein Ver- 
gleich mit dem großen Grimmschen Wörterbuch fallt keines- 
wegs zu Ungunsten des 'Schweizerischen Idiotikons' aus. Bei 
den weitgehenden historischen Interessen, die das Schweize- 
rische Wörterbuch nebenher verfolgt, ist das Idiotikon ein 
wichtiges Ergänzungswörterbuch zur Geschichte der deutschen 
Sprache geworden. Manche seiner Artikel erreichen den Um- 
fang derselben Artikel im Grimmschen Wörterbuch; manche 
sind erheblich umfangreicher. Man kann sich eine Vor- 
stellung von dem Umfang des Buches und dem Umfang 
der Arbeit machen, wenn man erfahrt, daß der Artikel e GekT 
37 Druckseiten groß ist, und daß der Bearbeiter des Wortes 
ein halbes Jahr Arbeit darauf verwandt hat. Wenn dabei 
der Rechtshistoriker reiche Belehrung findet, so schlagen 
andere bedeutende Artikel in andere Gebiete ein. Das Wort 
'Apfel 9 behandelt 454 Zusammensetzungen als Artbezeich- 
nungen, und dazu kommt das Wort 'Herdäpfel 9 mit 85 
Wortzusammensetzungen. Mehr als tausend Literaturwerke 
der Vergangenheit und Gegenwart liefern das historische 
Belegmaterial für das Idiotikon. 

So wird der deutsche Sprachschatz und die Geschichte 
der deutschen Sprache hier in einem Umfang bemeistert, 
wie es zuvor bei keiner lebenden Mundart gewagt worden 
war. Ist einmal eine solche Höhe erreicht, so ist die Bahn 
geschaffen für andere große Unternehmungen. Das 'Schwei- 
zerische Idiotikon 9 ist im Verein mit dem alten Schindler 
eine reiche Quelle und ein schönes Vorbild mundartlicher 
Anregungen geworden. Die Leistungsfähigkeit der Schweiz 
hat die Ziele und Aufgaben der mundartlichen Lexikogra- 
phie erhöht und gesteigert. So viel das Werk für das 
schweizerische Volkstum ist, so wichtig ist es für die gemein- 



174 



Das Schweizerische Idiotikon. 



deutsche Sprachwissenschaft. Eine große Tat hat unabseh- 
bare Konsequenzen. Aber noch ist die Tat nicht zu Ende 
getan: das Werk ist nahe bis an den Schluß des sechsten 
Bandes gelangt, drei volle Bände fehlen noch. Alle Vor- 
bedingungen für einen glücklichen Fortgang der schönen 
Arbeit sind gegeben. Aber uns ziemt es heute, wo wir die 
Gastfreundschaft der Schweiz genießen, offen und laut zu 
bekennen, daß alle Freunde unserer gemeinsamen Mutter- 
sprache in diesen schönen Tagen nicht vergessen wollen, daß 
das große schweizerische Nationaldenkmal des Idiotikons auch 
uns alle, die wir aus dem Reiche kommen, mit Bewunderung 
und Dankbarkeit erfüllt. So gilt unser Dank für das Ge- 
leistete dem hohen Bundesrat und den Behörden der ein- 
zelnen Kantone, insbesondere auch der Züricher Antiqua- 
rischen Gesellschaft als der Wiege des Werks. Er gilt 
den zahlreichen Mitgliedern und Redakteuren, den lebenden 
wie den toten, er gilt auch der Verlagsanstalt von Huber 
& Co. in Frauenfeld. Aber den Männern, denen die 
wissenschaftliche Fortführung des Werkes anvertraut ist, 
gebührt neben dem begeisterten Dank auch ein herzliches 
Glückauf! 



Ober die Sprache Shakespeares. 

Einleitender Vortrag 
zur Jahresversammlung der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft 

am 23. April 1892. 

Wer über Shakespeare redet oder schreibt, kann nur 
mit dem Geständnis der eigenen Unzulänglichkeit beginnen. 
Den Proteus in seiner Vielgestaltigkeit zu fassen und fest- 
zuhalten, dafür fehlt dem einzelnen der Mut, und die Kraft 
bleibt versagt; aber wer ihm ergeben, dem wird Arbeit nach 
dem Maße seines Wollens und Könnens zugeteilt, und er 
bietet jedem Arbeit im Übermaß. Und wenn von dieser 
Stelle aus kundige Führung Sie so häufig zu den Höhen 
ästhetischer und literaturgeschichtlicher Betrachtung begleitet 
hat, so wage ich es heute, Sie durch die wenig einladende 
Ebene der Sprachwissenschaft zu fuhren, wo der Blick sich 
kaum je zur wahren Größe des Dichters erheben kann. 

Aber unserer Aufgabe, Shakespeares Sprache zu be- 
handeln, stellen sich sofort unüberwindliche Schwierigkeiten 
in den Weg. Wir alle stehen unter dem Bann der An- 
schauung, wonach ein Volk in seinen großen Dichtern zu- 
gleich auch die größten Sprachmeister und Sprachschöpfer 
ehrt. Und dieser weit verbreitete Glaube stellt seit Jahr- 
hunderten der Sprachforschung die Aufgabe, die Sprache 
der Klassiker in ihrem natürlichen Werden, in ihren mannig- 
faltigen Erscheinungen und in ihren Nachwirkungen zu be- 
handeln. Und gerade unsere Zeit legt den Sprachforschern 
diese Aufgabe besonders nahe, wo der Glaube an die Macht 
und Kraft großer Persönlichkeiten, die sich am Ausbau der 



176 Über die Sprache Shakespeares. 

Kultur betätigen, durch die Zeitgeschichte zur Gewißheit 
erhoben ist. Aber schon unsern deutschen Klassikern 
gegenüber ist die moderne Sprachforschung so gut wie 
ratlos: was an der Sprache Schillers und Goethes rein per- 
sönlich ist und worin die Bedeutung ihrer sprachlichen Eigen- 
art für Mit- und Nachwelt besteht — dafür fehlt bis heute 
der genaue Nachweis. Und so bleibt der herrschende Glaube, 
daß die großen Dichter auch Sprachschöpfer sind, einst- 
weilen unbewiesen, unbewiesen auch für den großen eng- 
lischen Dichter. 

Als Shakespeare seine Laufbahn begann, stand Eng- 
lands Sprache unter dem glücklichsten Gestirn. Renaissance 
und Buchdruckerkunst verliehen den großen Schöpfungen 
des Altertums ungeahnt neues Leben. Eine bedeutende Ver- 
gangenheit wurde fast zur Gegenwart. Die hohe Ausbildung, 
die den klassischen Sprachen im Höhepunkt ihrer Entwick- 
lung zukam, übertrug sich im Wettbewerb der Übersetzungen 
auf das heimische Englisch. Das 16. Jahrhundert war eine 
Werdezeit, eine Jugendblüte der englischen Sprache. Sie 
war in Bewegung und Fluß. Das Genie fand keine starre 
Regel, keine Buchsprache von der Unversöhnlichkeit und 
Unerbittlichkeit des Schullateins vor, die Literatursprache 
sollte eben erst durch die Literatur selbst ihre Gestalt und 
Bildung erhalten, und ein kühnes Dichtergeschlecht hatte 
— bewußt oder unbewußt — am Ausbau dieser Sprache 
mitzuarbeiten. Werdezeit der Poesie ist auch Werdezeit 
der Sprache ; Höhepunkt der Poesie ist zugleich Höhepunkt 
der Sprache. 

Neben der Renaissance -Bewegung hatten die Flug- 
schriften, die im Zeitalter der Elisabeth drüben wie hüben 
im Schwange waren, einen bedeutenden Anteil an dem so 
unerhört raschen Wachstum der Sprache. Mit dem mund- 
artlichen Ausgleich zwischen allen Landschaften, den die 
Flugschriften bedingen, kam alles prägnante, alles cha- 
rakteristische Material schnell zu verdienter Geltung. Und 



Über die Sprache Shakespeares. IJJ 

die Elisabethanische Volksbühne spiegelt diesen Prozeß der 
sprachlichen Neugestaltung nicht bloß wider, sie leistete 
der neuen Sprache auch den kräftigsten Vorschub, indem 
den Bühnendichtern der größte Einfluß auf die Masse zufiel. 
„Lieber eine üble Grabschrift haben", sagt Hamlet, „als 
auf der Bühne durchgehechelt werden"; und mit diesen 
Worten ist die Bedeutung der Volksbühne für die Masse 
zu Shakespeares Zeit am besten charakterisiert: die Volks- 
bühne war eben eine Großmacht. 

Und neben dieser produktiven Arbeit, die sprachlich 
dem Zeitalter der Elisabeth die Signatur gibt, geht ein be- 
deutsamer grammatischer Betrieb der Muttersprache einher. 
Durchgreifende Reformbestrebungen auf dem Gebiet der 
Orthographie, energisches Bemühen um die Grundlehren 
der Phonetik im Verein mit dem praktischen Bedürfnis, 
dem Auslande die Muttersprache bequem zugänglich zu 
machen, zeitigten damals eine Fülle bedeutender Schriften 
über englische Grammatik. Das überraschend schnelle Auf- 
blühen der Literatur lieferte diesem Elisabethanischen Gram- 
matikergeschlecht die schönsten Belege für ihre Regeln. 

Somit könnten wir wähnen, es seien alle äußeren Be- 
dingungen gegeben gewesen, um die Sprache eines Dichters 
wie Shakespeare zum Durchbruch und zur Anerkennung 
zu bringen. Aber sein Zeitalter schweigt; nirgends im Be- 
reich sprachlicher Äußerungen treffen wir seinen Namen. 
Zwei Männer sind typisch für die sprachliche Wertschätzung 
der Poesie überhaupt. Der eine ist Gill, im gleichen Jahre 
wie Shakespeare geboren, der Direktor der St. Pauls-Schule 
zu London, einer der kühnsten, entschlossensten Sprach- 
kenner jener Zeit. Er hat mit der schnell erblühenden 
Literatur die meiste Fühlung; sein grammatisches Werk 
vom Jahre 1619 ('Logonomia Anglica 9 betitelt) ist für die 
Kenntnis des Elisabethanischen Englisch dadurch so wichtig, 
daß er zahlreiche größere und kleinere Stellen aus gleich- 
zeitigen Dichtern in phonetischer Schreibung, d. h. mit ge- 

Kluge, Bunte Blätter. I2 



178 Über die Sprache Shakespeares. 

nauer Angabe der korrekten gebildeten Aussprache anführt. 
Da treffen wir Spenser, den großen Allegoriker; wir treffen 
Ben Jonson, den Dramatiker, Sidney, den Lyriker, mit Ge- 
dichten oder einzelnen Strophen vertreten — aus Shake- 
speare ist nicht ein Beleg genommen. 

Ein zweiter Zeuge in gleicher Richtung ist eben jener 
selbe Ben Jonson, der die Laufbahn des Dramatikers einmal 
verließ, um unter die Grammatiker zu gehen. Er kannte 
mehr Latein und weit mehr Griechisch als sein größerer 
Zeitgenosse und durfte so auf eine philologische Vorbildung 
stolz sein, wie sie vom Grammatiker verlangt wird. Da 
sehen wir denselben Mann, der Shakespeare als Dramatiker 
kaum nachzustehen glaubte, Regeln für die englische Sprache 
aufstellen, wie etwa jene bekannten Schulregeln der latei- 
nischen Grammatik, die unserer Jugend so unbequem sind. 
Und auch in diese englische Grammatik ragt, wie bei Gill, 
die zeitgenössische Literatur hinein: es werden Belege ange- 
führt aus Thomas Monis, Roger Ascham, aus Chaucer, Gower 
und Lidgate. Auch hier fehlt Shakespeares Name. Und 
so hören wir im Zeitalter der Elisabeth und Jakobs I. keine 
Stimme, die der großen Schöpferkraft des Dichters nach der 
sprachlichen Seite gerecht würde. Es dauerte auch fast zwei 
Jahrhunderte, bis die Lexikographen sich seiner bemächtigten. 
Das erste Mal, daß ein englisches Wörterbuch den großen 
Dramatiker als Sprachquelle nennt, freilich ohne aus dieser 
Quelle wirklich zu schöpfen, stammt aus dem Jahre 1725. 
Das erste englische Wörterbuch, für das Shakespeare 
wirklich eine Hauptquelle war, veröffentlichte Dr. Samuel 
Johnson im Jahre 1755, also in jener Zeit, wo der berühmte 
Garrick den Bühnengestalten unseres Dramatikers neues 
Leben einhauchte. 

Wieviel glücklicher war das Loos, das unsern deutschen 
Geistesheroen zu teil wurde! Luthers Sprache wird schon 
1541 von einem deutschen Wörterbuch zugezogen, und 1616 
ist sein Bibeldeutsch eine Hauptquelle dir das erste monu- 



Über die Sprache Shakespeares. 179 

mentale Wörterbuch der deutschen Sprache; und noch im 
Reformationsjahrhundert selbst knüpft die deutsche Gram- 
matik hauptsächlich an Luthers Sprache an. Lessing, Goethe 
und Schiller lieferten den großen Lexikographen ihrer Zeit 

— Adelung und Campe — bedeutende Belege, und zwanzig 
Jahre nach Goethes Tode bietet das Wörterbuch der Brüder 
Grimm den Wortschatz unserer Klassiker als den Mittel- 
punkt unseres nationalen Sprachgutes. 

Fragen wir nach der Ursache dieser so auffälligen Tat- 
sache, daß Shakespeare von der Sprachforschung so lange 
ignoriert werden konnte, so lehrt uns des Dichters Zeitalter 
und seine eigene Stimmung, daß die Volksbühne und ihre 
Dichter zwar gewaltige Erfolge hatten, daß aber ihr An- 
sehen bei den Trägern der gelehrten Bildung weit zurück- 
stand hinter andern dichterischen Gattungen wie der er- 
zählenden Dichtung und dem Drama im Stile Senecas. 
Der Unmut über diese Wertschätzung, unter der Shake- 
speares Gefühl zu leiden hatte, bricht in den Sonetten 
mehrfach durch; es war der Unmut über die einseitig ge- 
lehrte Beurteilung der Schriftstellerei und Dichtung. Noch 
machte auch das seit Jahrhunderten herrschende Latein der 
Volkssprache Konkurrenz, und im Urteil der Zeit war be- 
deutend nur, was auch lateinisch gesagt werden konnte. 
So hat Lord Bacon, der Kanzler und Philosoph seine eng- 
lischen Werke mit Hilfe von Ben Jonson ins Latein über- 
setzt; „denn", sagt er irgendwo, „die lateinische Ausgabe 

— weil in der Universalsprache — kann so lange bestehen, 
wie Bücher überhaupt." Und wenn Ben Jonson in dem 
bewunderungswürdigen Nachruf auf Shakespeare zu erwähnen 
für nötig fand, daß dieser wenig Latein und noch weniger 
Griechisch gekonnt habe, so redet eben der Gelehrte und 
nicht ein congenialer Dichter, und wir brauchen uns nur 
an Goethes Nachruf auf Schiller im e Epilog zur Glocke' zu 
erinnern, um uns zu vergegenwärtigen, daß das Zeitalter 
der Elisabeth alles mit gelehrtem Maßstabe maß. In den 

12» 



l8o Über die Sprache Shakespeares. 

Nachrufen, welche zeitgenössische Dichter Ben Jonson ge- 
widmet haben, fallt einmal ein Seitenblick auf Shakespeare: 
„Latin he could command that which your Shakespeare 
scarce could understand" (er gebot über Latein, das Shake- 
speare kaum verstehen konnte). Und in mehreren andern 
nekrologischen Gedichten (von John Beaumont und von 
Henry King) wird Ben Jonson die sprachgeschichtliche 
Stellung gegeben, die wir heute Shakespeare anweisen 
würden. Da heißt es von Ben Jonson: „er machte unsere 
Sprache rein und gut und lehrte uns sprechen" (he made 
our language pure and good and us to speak . . . no words 
pass for current but his); anderswo: „seinem überreichen 
ergiebigen Kopfe danken wir die reinsten Sprachström e K 
(to his most rieh and fruitful head we owe the purest 
streams of language which can flow). Und neben dem 
gelehrten Ben Jonson haben die Zeitgenossen noch einen 
andern Schriftsteller genannt, dessen Sprache maßgebend 
und einflußreich war — Lilly, den Schöpfer des Euphuismus. 
„Unsere Nation ist in seiner Schuld wegen des neuen Eng- 
lisch, das er uns gelehrt hat" — so äußert sich eine Stimme 
von 1632. Schon im Jahre 1586 spricht sich ein englischer 
Ästhetiker in diesem Sinne aus und vergleicht Lilly mit 
Demosthenes und Cicero (Arbers Reprint von Lillys Eu- 
phues, Einleitung S. 14, 18). Durch zwei didaktische Ro- 
mane hat er sich diesen Ruhm erworben; ihr Held ist 
Euphues, ein junger Athener, der sich in Neapel, dann in 
England aufhält. Ihre Sprache bewegte sich zwischen 
künstlichen und gesuchten Antithesen, Parallelen und ge- 
häuften Alliterationen und galt als Muster eines sorgfaltigen 
und kunstvollen Stils. 

Wenn dieser Euphuismus mit seinem Schöpfer den 
Zeitgenossen Shakespeares als bedeutende sprachliche Er- 
scheinung galt, so wird es uns nun auch mit einem Schlage 
klar, daß neben ihm die gleichzeitigen Grammatiker dem 
großen Dichter keinen Platz anweisen. War sein Zeitalter 



Über die Sprache Shakespeares. l8l 

geblendet durch eine stilistische Manier und modische Ver- 
irrung, durch Unnatur und Künstelei, so hat die Folgezeit 
sich dadurch nicht beirren lassen, und sie hat eingesehen, 
daß dies Freisein von Manier und Mode, die Identität von 
Natur und Kunst auch sprachlich den großen Dramatiker 
charakterisiert. In der Vielseitigkeit seiner Schöpfungen 
liegt es allein schon tief begründet, wenn seine Sprache 
nicht Schule gemacht hat. Für jeden Dramatiker ist eine 
Entäußerung seiner gesamten Persönlichkeit auch nach der 
sprachlichen Seite hin von nöten, wenn er seine Gestalten gegen- 
einander charakterisieren will. Aber der Dichter, der mit 
mehr als prometheischer Schöpferkraft jene erstaunliche Fülle 
von Gestalten formt — kein Geschlecht, das ihm gleich ist, 
sondern selbständige Wesen ohne den Stempel der Familien- 
ähnlichkeit — dieser Dichter ist mit seinen Schöpfungen 
viel inniger verwachsen als der Prosaiker. Die Sprache ist 
der Spiegel, in dem allein wir jene menschlichen und über- 
menschlichen Gebilde mit ihrem Handeln und Leiden, mit 
ihren Schmerzen und ihren Freuden kennen lernen. Indem 
Shakespeare seine eigene Totalanschauung der gesamten 
Welt mit allen ihren Formen und Lebensäußerungen in den 
Reden seiner dramatischen Gestalten widerspiegelt, gesellt 
sich zu dem gewaltigsten Ideenapparat Wortmaterial von 
einem Umfang wie kaum bei einem andern Dichter, aus- 
genommen etwa Goethe. 

In England und Amerika hat man berechnet, daß der 
Gebildete im Durchschnitt über einen Vorrat von 3000 
Worten verfugt; Ilias und Odyssee zusammen, allerdings 
kaum das Werk eines einzelnen Dichters, erreichen die 
Summe von etwa 9000 Worten; das alte Testament ver- 
wertet 5800, das neue Testament 4800 Worte; der Rig- 
veda 10 000 Worte 1 ; das Libretto einer italienischen Oper 



1 Vgl. Max Müller 1866 Vorlesungen über die Wissenschaft der 
Sprache I 229, 387; Elze, Shakespeare S. 449; Ritchie Smith 1891 in der 



182 Über die Sprache Shakespeares. 

weist im Durchschnitt etwa 700 Worte auf. Milton hat die 
Höhe von 7000 bis 8000 Worten erreicht, aber Shake- 
speare steht mit einem Sprachschatz von etwa 20000 Worten 
ganz unerreicht da. Und diese gewaltige Summe fällt um 
so mehr ins Gewicht, als Shakespeare ein paar Sprachquellen, 
die bei seinen Zeitgenossen wie noch heutzutage eine große 
Rolle spielen, völlig unberührt läßt: er vermeidet Provinzialis- 
men und Archaismen. 

Unter den Sprachformen, die dem modernen Dramatiker 
zur Verfügung stehen, wo eine Charakteristik von Typen 
aus den verschiedenen Volksschichten ungesucht und lebendig 
gelingen soll, steht der Dialekt obenan. Und das Zeitalter 
der Elisabeth, in dem die englische Schriftsprache ihre erste 
Blüte sah, verfugte in seinem Volksdrama auch über dieses 
Kunstmittel. Schon in den ersten modernen Komödien 
Englands um 1560 werden die Rüpelszenen durch Dialekt 
gewürzt, und im Anfang des 17. Jahrhunderts — zumal in 
einzelnen Lustspielen Ben Jonsons — nimmt der Dialekt 
dann breiteren Raum ein. Aber Shakespeare, dem es bei 
den heimischen Stoffen nahe genug lag, mit dieser Technik 
das national-englische Gepräge deutlicher und schärfer noch 
herauszuarbeiten, verschmäht die Verwendung der Mund- 
arten, wohl in dem Vollgefühl seiner Kraft, mit schrift- 
sprachlichen Mitteln gleiche Abstufung der Charaktere und 
Situationen erzielen zu können. Nur einmal hat er den 
Dialekt als solchen gebraucht, im 'Lear', wo Glosters Sohn 
Edgar bei Dover mit Oswald zusammentrifft und die länd- 
liche Sprache der Gegend annimmt; in der Verstellung als 
Bauer aus Kent oder Somerset will Edgar das Wieder- 
erkennen vermeiden, aber sein Dialekt ist nicht rein, sondern 
mit Absicht vom Dichter nur obenhin getroffen, damit der 
Sprechende sich dem Eingeweihten verrät. 



Presbyterian and Reformed Review S. 647 — 658; für den Rigveda vgl. Graß- 
manns Wörterbuch 1687 — 1740. 



Über die Sprache Shakespeares. 183 

Sonst reden Shakespeares Menschen nie Dialekt; kaum 
lassen sich vereinzelte mundartliche Worte bei ihm antreffen. 
Es wäre vollends ein vergebliches Bemühen, wollte man ihn 
auf Grund sprachlicher Eigentümlichkeiten als 'Warwickshire 
man 9 erweisen (ein kleines Verzeichnis im Shakespeare- 
Key' von Clarke wird nach und nach durch das New Eng- 
lish Dictionary kontrollierbar sein). 

Und so meidet unser Dramatiker geflissentlich auch 
fast alle Archaismen, deren Anwendung durch altenglische 
Stoffe, wie e Lear 9 und c Macbeth 9 , nahe gelegt und durch seine 
Quellen gelegentlich auch bequem gemacht war 1 . Damit 
stellt sich Shakespeare in Gegensatz zur gelehrten Dichtung. 
Vor allem entnimmt der große Allegoriker Spenser gern 
aus der Antiquitätenkammer einer abgestorbenen Sprach- 
periode äußeren Zierat und Ornamente, gleichsam als Lock- 
mittel für ein modesüchtiges Publikum. Mit Chaucer gewiß 
ebenso vertraut wie seine Zeitgenossen, vermeidet Shake- 
speare alle Chaucerismen, wie denn auch Ästhetiker (Put- 
tenham) und Grammatiker (Ben Jonson) vor dem Gebrauch 
derselben warnen. Nur aus einer archaischen Sprachquelle 
hat Shakespeare reichlich geschöpft, aus dem nie veraltenden, 
ewig jungen Quickborn der Bibel, der auch ein lebendiger 
Quell unserer Muttersprache, zumal für unsere großen Geister, 
stets gewesen ist. Wie Schiller und Goethe, so übernimmt 
auch Shakespeare eine Fülle von Bildern und Gedanken in 
fester sprachlicher Formulierung aus biblischen Texten , und 
gelegentlich, wenn auch selten, begegnen uns altertümliche 
Wortformen und Worte, die aus dieser Quelle entnommen 
sind. Ein englischer Bischof — Charles Wordsworth — hat 
dem Zusammenhang des großen Dichters mit der Bibel ein 
umfangreiches Werk gewidmet (Shakespeare and the Bible, 
London 1864). 

Und noch ein drittes ist für unsern Dichter charakte- 



1 z. B. : alderlievest in 'Heinrich VI'; sithence im 'Coriolanus*. 



184 Über die Sprache Shakespeares. 

ristisch. Ein naheliegendes Mittel, Lokalfarbe für fremd- 
ländische Stoffe zu erzielen, besteht in der Einmischung 
von fremdsprachlichen Worten, die auf eben jenes Land 
deuten. So hat Ben Jonson in seinem 'Volpone 91 , der in 
Venedig spielt, Dutzende von italienischen Worten ange- 
bracht und damit mehr seine Sprachkenntnis oder sein 
Sprachstudium zur Schau getragen, als künstlerische Wir- 
kungen hervorgebracht. Welcher Kontrast zu Shakespeare! 
In 'Romeo und Julia 9 , im e Othello 9 ,im e Kaufmann von Venedig 9 
meidet er geflissentlich fast alle italienischen Entlehnungen, 
und nicht ein einziges dänisches Wort begegnet im 'Hamlet 9 . 
An Stelle so äußerlicher Technik, Lokalfarbe zu geben, 
reizt Shakespeare unsere Phantasie durch landschaftliche 
Farben, durch die in den Handlungen und Situationen 
schlummernde Stimmung, durch das Kolorit der Menschen, 
wie etwa in 'Romeo und Julia 9 , und drängt damit unsern 
Sinnen reinere und kräftigere Lokalfarbe auf als Ben Jonson 
mit seinen kleinlichen Stilmitteln. 

Nicht als ob Shakespeare die erforderlichen Sprach- 
kenntnisse gefehlt hätten. Im Zeitalter der Elisabeth gehörte 
fremdsprachliches Wissen zu den ersten Erfordernissen guter 
Bildung; die Königin selbst, die nicht weniger als sieben 
Sprachen beherrschte, gab das glänzendste Vorbild. Und für 
Shakespeare tritt als Beweis auf, daß seine älteren Komödien, 
wie besonders e Verlorene Liebesmüh 9 , spanische und italienische 
Worte und Wendungen aufweisen. Und im 'Titus Andronicus 9 
kehren lateinische Phrasen wieder, die mit zahlreichen latei- 
nischen Stellen in den Komödien uns zur Genüge beweisen, 
daß Shakespeare jenen bequemen Kunstgriff des gelehrten 
Ben Jonson wohl kannte. Aber wenn im 'Coriolanus 9 kein 
Zug dieser Art und wenn im 'Julius Cäsar 9 nur das einzige 
von Shakespeare geprägte, aber dann unsterblich gewordene 
„Et tu, Brüte" begegnet — so bleibt uns kein anderer Schluß, 



Elze, Abhandlungen S. 298. 



Über die Sprache Shakespeares. 185 

als daß Shakespeare auf der Höhe seiner tragischen Kunst 
es verschmähte, mit gelehrten, aber rein äußerlichen Mitteln * 
jene Wirkungen zu erzielen, die nur seinem Genius gelangen. 

In allem ist Shakespeare maßvoller, vorsichtiger als 
zeitgenössische Dichter. In einem Maskenspiel von Ben 
Jonson und in Komödien von John Fletcher (Baumann, 
Londinismen XXVIII) wird vom Gauner-Englisch, der Ge- 
heimsprache der Vagabunden, ausgedehnter Gebrauch ge- 
macht: da begegnen Lieder und Dialoge im Jargon der 
Verbrecher. Daß auch Shakespeare denselben kannte, 
lehren zahlreiche vereinzelte Gaunerworte dir Stehlen und 
Betrügen, für Dieb und Diebstahl, für Häscher und Ge- 
fängnis, die besonders durch die Lustspiele zerstreut sind 
(Clarke, The Shakespeare-Key S. 38); aber das waren Ele- 
mente der Gaunersprache, die in aller Munde lebten. In 
den Banditen- und Mörderszenen der Tragödien jedoch, 
wo ein gelehrter Autor vom Range Ben Jonsons die will- 
kommene Gelegenheit zur Entfaltung seiner Kenntnisse im 
Bereich der Gaunersprache gern ergriffen hätte, verschmäht 
Shakespeare jede Spur solcher Technik. 

Es hat immer Staunen erregt, daß unser Dramatiker 
in der technischen Sprache zahlreicher Berufsarten, wie der 
Buchdruckerkunst, der Rechtspflege 2 , heimisch war wie 
kaum je ein anderer Dichter. So ziehen sich durch Tra- 
gödien und Komödien hindurch zahllose Worte der Jäger- 
sprache, zumal aus dem Bereiche der Falkenjagd (Clarke, 
Key S. 727; W. A. Wright zu 'Coriolanus 9 I 6, 38), aber 
nicht als Schaumünzen, die der Dichter ausgibt, um die 
Augen der Hörer auf sich zu lenken. 

Wenn Shakespeare so mit Verschmähung von allem 
sprachlichen Schaugepränge, dem zeitgenössische Dramatiker 
frönen, jenen so gewaltigen Wortvorrat von unübertrofFenem 

1 Man beachte auch Abbots Angabe (Shakespeare-Grammar § 418), 
daß Shakespeare keine Latinismen aufweist 
1 Elze S. 99. 138; Clarke, Key S. 432. 



l86 Über die Sprache Shakespeares. 

Umfang aufweist, so streifen wir das Geheimnis seiner Kunst, 
um diese überraschende Erscheinung zu erklären. Nicht in 
gelehrtem Haschen nach sprachlichen Effekten, sondern in 
der natürlichen Weite seiner Anschauung, in der unge- 
künstelten Art, wie Menschenleben und Natur in allen 
Äußerungen und Regungen auf des Dichters Anschauung 
wirken, und in der kräftigen Volkstümlichkeit, jedem Gedanken 
seinen natürlichen Ausdruck zu geben, findet jener gewaltige 
Wortvorrat seine Erklärung. 

Unser Dichter, der seine meisten Stoffe aus der zeit- 
genössischen Literatur und Volkskunde übernimmt, ist auch 
sprachlich kein Original. Wie Schiller und Goethe schöpft 
er aus dem unerschöpflichen Urquell, in dem sich das 
geistige und natürliche Leben des Volkes schlicht und klar 
widerspiegelt : aus dem Anschauungskreise und der Sprache 
des Volkes. Luthers Programm, „die Mutter im Haus, die 
Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt" 
sprachlich zu studieren, war gewiß auch Shakespeares Pro- 
gramm. Und er hielt es ein, nicht mit den gelehrten Ab- 
sichten eines großen Folkloristen , wie sein deutscher Zeitge- 
nosse Fischart, der beim Auskramen seines reichen Wissens 
über Volksleben keine Forderung der Kunst respektiert, son- 
dern, seinem künstlerischen Geist entsprechend, nach jenem 
obersten Gesetz, „die Bescheidenheit der Natur zu wahren". 

Man kann sich von Shakespeares Wortapparat eine 
annähernde Vorstellung machen, wenn man erwägt, daß er 
etwa 150 Pflanzennamen, etwa 100 Vogelnamen kennt! 
Aber sein Sprachwissen ist nicht das der Lexikographen; 
staunenswerter als der Wortapparat ist seine Verwendung 
und Verwertung, ist der Ideenkreis, in den der Künstler 
ihn ungezwungen verwebt. 

Es hat immer überrascht, daß unserem Dichter die ge- 
samte musikalische Terminologie so geläufig ist. Aber man 
beachte auch, wie er damit schaltet und waltet. Der ge- 
schichtliche Richard III. wird als Freund und Gönner der 



Über die Sprache Shakespeares. l87 

Musik geschildert, und Shakespeare verwertet diesen Zug 
aufs zarteste, indem er in die Sprache des Königs Bilder 
mit musikalischen Wendungen mischt. So charakterisiert 
unser Dichter seine Gestalten sprachlich, so sind im 'Hamlet' 
fast alle einzelnen Personen sprachlich gegeneinander indivi- 
dualisiert. Bald tritt die Modekrankheit des Euphuismus 
als technische Beihilfe auf, bald ein affektiertes Unwesen 
mit Fremdwörtern. Unser Dichter verfügt über die feinsten 
Schattierungen sprachlicher Charakteristik. 

Es mag dem nüchternen Sprachforscher gleich sein, 
wie sich Shakespeare zum sächsischen und zum romanisch- 
lateinischen Wortmaterial seiner Muttersprache verhält. Die 
Mischung des Englischen mit romanischen Bestandteilen 
war im Zeitalter der Elisabeth durch literarische Einflüsse 
bedrohlich gesteigert. Aber für Shakespeare ist es bezeich- 
nend — wie ein feinsinniger Amerikaner beobachtet hat — 
daß die Sprache des elementaren äußeren und inneren 
Lebens wesentlich sächsisch ist, und daß die Tragödie, die 
mit ihrem Pathos am meisten Heimatsduft verrät, 'König 
Lear', auch das sächsische Wortmaterial bei weitem bevor- 
zugt (Hiram Corson, Introduction to the Study of Sh. 
S. 99). 

Dem modischen Fremdwörterwesen tritt Shakespeare 
mehrfach entgegen — nicht als strenger Purist, der die 
großen Vorteile berechtigter Entlehnungen ignoriert. Wie 
seine Zeitgenossen, welche unter gleichen literarischen Ein- 
flüssen standen, hat auch er italienische und spanische 
Fremdwörter neben den französischen aufzuweisen. Aber die 
modische Häufung, die für alles ein Fremdwort findet, kennt 
er nicht, und es hat gewiß Bezug auf gleichzeitige englische 
Sprachverirrungen, wenn er den Mercutio in 'Romeo und 
Julia' (II 4) spotten läßt über die albernen, lispelnden, affek- 
tierten Phantasten, „diese neumodischen Fremdwörtergecken, 
die immer mit einem 'Pardonnez-moy 9 um sich werfen." In 
'Verlorener Liebesmüh' läßt der Dichter mit staunenswerter 



l88 Über die Sprache Shakespeares. 

Virtuosität die stilistischen Modekrankheiten jener Zeit in 
bunten Farben an uns vorüberziehen ; Armado hat eine ganze 
Wortfabrik, eine Phrasenmünze in seinem Gehirn (a mint 
of phrases in his brain), und von den Tafftphrasen, den 
seidenen Zierworten, den Hyperbelstapeln, den schulgerechten 
Figuren der Rhetorik, deren Farbengepränge den Kopf zeit- 
weise betören kann, fuhrt uns der Dichter zu einer Be- 
kehrungsszene, in der die Schlichtheit und Einfachheit des 
hausleinenen Ja und Nein zu gebührenden Rechten und 
Ehren kommt. 

Indem unser Dichter die Schlichtheit und Einfachheit, 
die Bescheidenheit der Natur als Hauptgesetz seiner Kunst 
proklamiert, bedarf es keiner „mint of phrases", keiner Wort- 
fabrik. Die sprachliche Geistesarbeit eines Genies hat nichts 
gemein mit der zunftmäßigen Wortschöpfung. Wir zweifeln 
nicht, daß bei uns Campe, der Purist, eine weit größere 
Anzahl von lebensfähigen, dauerbaren Worten geprägt hat, 
als etwa Schiller oder Goethe. Die Wortschöpfungen des 
Dramatikers sind Kinder der Laune, Gebilde des Augen- 
blicks; sie dienen für den Moment dem Individuum, aus 
dessen Munde wir sie vernehmen; sie sind rein individuell. 
Aber der professionelle Wortschöpfer will einem allgemeinen 
Bedürfnis entsprechen, will eine Formel finden, die vermißt 
wurde. So kann ein Mann wie Campe mehr Glück haben 
mit seinen Wortgebilden als ein Shakespeare. 

Aber Shakespeare hat keineswegs jene Schöpferkraft 
gefehlt. Zeugnis ist eine große Fülle von eigenartigem 
Wortgebrauch, der nur bei ihm nachweisbar ist, eine Reihe 
kühner Zusammensetzungen, die durch die Dramen zerstreut 
sind (Abbot § 434), eine Freiheit, Hauptwörter als Zeit- 
wörter, Zeitwörter als Hauptwörter zu verwenden (Clarke, 
Key S. 54) — schlagfertig und prägnant, wie es von der 
Situation des Augenblicks verlangt wird. Was davon mit 
seinem Gedankeninhalt gleichsam feste Formel hat werden 
können, lebt in den geflügelten Worten der ganzen gebildeten 



Über die Sprache Shakespeares. 189 

Welt Ich will die Fülle der Zitate, die uns allen aus 
Shakespeare geläufig sind, hier nicht aus unserem Büchmann * 
wiederholen; es genüge, andeutungsweise von dem formel- 
haften Ideenapparat dieses klassischen Zitatenschatzes ge- 
sprochen zu haben. Hervorheben möchte ich nur jene ge- 
flügelten Worte, die, aus jeglichem Zusammenhange losgelöst, 
sich in jedes sprachliche Gefiige einschmiegen und somit 
ihren Ursprung fast zu verleugnen scheinen: Formeln wie 
„last — not least", oder wie „der Zahn der Zeit", „das 
Buch der Natur" (Antonius und Cleopatra I 2), „des Ge- 
dankens Blässe", die wir nicht als dichterisches Zitat ge- 
brauchen, sondern als Prosaformeln der gewöhnlichen Rede. 

Mit der Erwähnung der geflügelten Worte habe ich 
den Heimatsboden unseres Dichters verlassen. Shakespeare 
gehört seiner Nation nicht ausschließlich an; seine Werke 
sind der edelste Besitz der gesamten Kulturwelt, und sein 
Wort wirkt wie in englischer Zunge, so auch in unserem 
Vaterlande. Und ist Shakespeare — wie ein berühmter 
Amerikaner 1 gesagt hat — der Vater der deutschen Lite- 
ratur, so dürfen wir heute Shakespeare auch einen Anteil 
an der deutschen Sprache zuerkennen. 

Bei uns zeigen sich vor dem 18. Jahrhundert nur sehr 
geringe Spuren englischen Einflusses. Im 15. Jahrhundert 
drang mit dem großen Handel d*r Hansestädte die englische 
Bezeichnung für Schiff als e Boot' nach Deutschland. Im 
16. Jahrhundert werden die englischen Hunde mit ihrem 
englischen Namen als 'Doggen' bei uns bekannt. Um die 
Wende des 17. und 18. Jahrhunderts führen deutsche Zei- 
tungen englische Worte aus dem Bereich des Parlamentaris- 
mus, wie * Bill % 'Adresse 9 , ins Deutsche ein. Und plötzlich 
um die Mitte des 18. Jahrhunderts herrscht allerorten in 
literarischen Kreisen Deutschlands Furcht, unsere deutsche 



1 Vgl. auch Leo im Jahrb. XXVII. 

1 Emerson in den 'Representative Men*. 



igo Über die Sprache Shakespeares. 

Sprache könne englisches Gepräge annehmen, sie könne 
„verbritten". Es war um die gleiche Zeit, wo der fran- 
zösische Garten durch den englischen Park abgelöst wurde. 
Wo sonst „schöne gerade Gänge, geschorene Hecken, herr- 
liche schöne Obstbäume paarweise geordnet oder künstlich 
gebogen, Blumenbeete wie Blumen gestaltet" vorherrschten, 
sah man jetzt „Wald und Wiese, Dickicht und Riesensteine, 
Grabhügel und Ruinen, Felsenhöhlen und Grotten" in un- 
endlicher Mannigfaltigkeit durcheinander gemischt wie in 
Gottes Natur oder — so sagt ein Zeitgenosse (Justus Moser 
1781 Über die deutsche Sprache und Literatur S. 22) — 
wie in Shakespeares Stücken. 

Aber zunächst war es nicht Shakespeare, von dem der 
deutschen Sprache jene Gefahr drohte; es waren jene näm- 
lichen Dichter, um die sich der Kampf zwischen Gottsched 
und den Schweizern drehte. Aber Bodmer und „die andern 
schweizerischen Britten" — wie die Gottschedianer höhnten — 
haben aus dem Englischen als „der neuen Goldader" für 
unsere Sprache kaum Wesentliches gewonnen. Damals wurde 
das englische Wort' bombast 9 für 'Schwulst' bei uns geläufig, 
und Worte wie 'Gemeinplatz 9 und 'empfindsam 9 sind gleich- 
zeitig nach englischen Worten geformt worden und haben 
damit unsern Sprachschatz dauernd bereichert. 

Der literarische Wettkampf, in den die deutsche Muse 
damals mit der englischen eintrat, war sprachlich viel bedeut- 
samer, als jene drei oder vier neuen Worte ahnen lassen. 
Klopstock, der mit seinem 'Messias 9 als Gegenstück zu Mil- 
tons 'Verlorenem Paradies 9 jenen Wettkampf eröffnete, ver- 
rät in einer bekannten Ode — 'Die beiden Musen 9 betitelt — 
die Stimmungen patriotischer Gemüter ums Jahr 1752. Mit 
bangen Gefühlen verfolgt der Dichter den Wettlauf: 

Der Herold sang! Sie flogen mit Adlereil'; 
Die weite Laufbahn stäubte wie Wolken auf. 
Ich sah: vorbei der Eiche wehte 
Dunkler der Staub, und mein Blick verlor sie. 



Über die Sprache Shakespeares. 191 

Gegen das Ende des Jahrhunderts, im Jahre 1796, läßt 
Klopstock seine patriarchalische Stimme wieder vernehmen. 
Undeutsch in Wort und Wendung warnt er in der Ode, 
'Unsere Sprache an uns 9 betitelt: 

Wer mich verbrittet, ich haß ihn; mich gallicismet, ich haß ihn; 
Liebe dann selbst Günstlinge nicht, wenn sie mich zur Quiritin 
Machen und nicht, wenn sie mich verachä'n. Ein erhabenes Beispiel 
Ließ mir Hellänis: sie bildete sich durch sich. 

Mitten in den Zeitraum, den die beiden Oden Klop- 
stocks bezeichnen, fällt bei uns die Entdeckung Shakespeares, 
und der beginnende Wettbewerb mit dem englischen Origi- 
nal, zu dem ein kühnes Ubersetzergeschlecht sich erdreistete, 
vergrößerte für unsere Sprache die Gefahr der Verbrittung, 
wie sie vorher Milton heraufbeschworen hatte. Unser da- 
maliges Deutsch konnte sich an literarischer Durcharbeitung, 
an Reichtum und Geschmeidigkeit noch nicht mit Sha- 
kespeares Englisch messen, aber mit dem Mut wuchs unsern 
Übersetzern die Kraft. In jenem selben Kreis, aus dessen 
Mitte sich unsere geistige Wiedergeburt in den siebziger 
Jahren vollzog, in Herders Straßburger Kreis, reizt Sha- 
kespeare zu Nachbildungen, die sich an den schwierigsten 
Stellen erproben. Zehn Jahre früher hatte Wieland die erste 
Gesamtübersetzung des Engländers unternommen. Und gleich 
die Dichtung, mit der er dieselbe eröffnete — so wenig 
auch des Übersetzers Kraft an die Kunst des Dichters 
heranreichen mochte — brachte unserer Muttersprache be- 
deutsamen Gewinn, über dessen glänzendem Erfolg der Ur- 
sprung vergessen werden konnte. Diese Übersetzung führte 
die Worte e Fee' und *Elfe 9 in die deutsche Sprache ein, in 
der sie zuvor gefehlt hatten. Keine ältere deutsche Sprach- 
quelle, kein Wörterbuch zeigte bis dahin eine Spur davon. 
Aber fortan wurden Wort und Begriff in unserer heimischen 
Dichtung unentbehrlich. 

Und noch ein anderes Wortpaar, das uns jetzt allgemein 
geläufig ist, gehört unserer Schriftsprache erst an seit den 



IQ2 Über die Sprache Shakespeares. 

Shakespeare-Übersetzungen. Im älteren Deutsch hat das 
Hauptwort 'Heim 9 für Heimat ganz gefehlt; wir kannten nur 
adverbiales 'heim': heimgehen, heimkehren usw. Erst das 
englische Vorbild, das in Shakespeares Texten allerorten 
gegeben ist, gestaltet das adverbiale heim in ein Hauptwort 
um am Schluß des 1 8. Jahrhunderts; Lichtenberg 1 hat den 
englischen Sprachgebrauch warm empfohlen. Wie dieses 
substantivische Heim trotz des deutschen Klanges englischen 
Einfluß verrät, so verdankt das Wort 'Halle 5 , das mehrere 
Jahrhunderte in der deutschen Sprache gefehlt hatte, sein 
Wiederaufleben den Shakespeare -Übersetzern. Luther hat 
es gekannt; dann war es bis zum Schluß des 18. Jahr- 
hunderts ausgestorben, und erst Shakespeare gab Anlaß, 
das Wort neu hervorzuziehen als Übersetzung des englischen 
'halP. So verdankt auch unser Wort 'Rüpel' seine jetzige 
Popularität lediglich den Shakespeare-Übersetzungen. Nicht 
als ob es früher in Deutschland gefehlt hätte, aber es lebte 
nur in Mundarten als Koseform für 'Ruprecht 9 , die als Ruf- 
name dir den Kater oder für den Schornsteinfeger galt; 
seine heutige Bedeutung tritt in der Schriftsprache erst auf 
mit Wieland und Eschenburg. Nach Heynatz 1775 Hand- 
buch S. 291 war es ein neuer Anglicismus, „Heil mir, Heil 
dir u sagen zu können; seit Klopstock ist es gewöhnlich. 
'Kanonenfutter 9 ist Shakespeares Eigentum (food for powder: 
1. Heinrich IV., IV 2). 

Noch läßt sich an ein modernes Wort erinnern, bei 
dem Shakespeare gleichsam Pate gestanden hat. Das 
Wort 'Sekt' war uns schon durch das 18. Jahrhundert ge- 
läufig, aber nur als Bezeichnung für süße Weine aus Spanien 
und von den kanarischen Inseln, und in dieser Bedeutung 
erscheint das entsprechende englische 'sack 9 auch bei Shake- 
speare: sack ist FalstafTs Getränk in Heinrich IV. Und 
Ludwig Devrient soll, indem er nach der Theatervorstellung 

1 Vermischte Schriften I 403 (Nachweis von Geh.-Rat Otto Böhtlingk). 



Über die Sprache Shakespeares. 



193 



in der Weinstube die Rolle des Falstaff wahrte, zuerst mit 
dem Rufe 'Sekt 9 Champagner verlangt haben, der somit 
seinen neuen Namen von unserem englischen Dramatiker 
und seinem deutschen Mimen gemeinsam erhielt. 

Der Einfluß Shakespeares, den diese unscheinbaren 
wortgeschichtlichen Spuren andeuten, steht in der Sprach- 
geschichte vereinzelt da. Ja wir glauben kaum, daß das 
heutige Englisch selbst mit gleich bezeichnenden Wort- 
materialien auf seinen größten Dichter zurückweist. Aber 
jene unscheinbaren Einzelheiten, faßbar und haltbar wie sie 
sind, haben wir ein Recht für ein Zeugnis tiefer gehender 
sprachlicher Einflüsse zu nehmen. Wo immer solch spo- 
radische Einwirkung einer Sprache auf die andere vorliegt, 
steht jede Einzelheit in einem größeren Zusammenhang, 
und so bestätigt die Linguistik den traditionellen Glauben, 
daß ein Dichter von Shakespeares Rang auch für die Sprache 
Großes bedeutet. Vor allem aber gibt sie uns Deutschen 
von neuem das Recht, den großen Engländer in unserer 
Literatur- und Sprachgeschichte auch für uns in Anspruch 
zu nehmen. 



Kluge, Bunte Blätter. 



13 



Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers*. 

Wir haben heute einen Arbeitstag. Aber gestatten 
Sie mir, die heutige Arbeitsstunde dem großen Namen zu 
widmen, dessen Ruhm in eben dieser Stunde überall ge- 
feiert wird, wo deutsche Bildung sich Rechenschaft gibt, 
was Schiller unserm Volke ist. Wir Germanisten dürfen 
Schiller feiern, indem wir unsere Arbeit fortsetzen; wir 
dürfen am heutigen Tage arbeiten, wenn wir den Dichter 
in seiner unerreichten Sprachgewalt feiern wollen. Schiller 
gehört recht eigentlich in unser Arbeitsgebiet hinein, und 
wenn Sie dereinst im Lehramt tätig sind, werden Sie viel- 
leicht gern einmal zurückdenken an die heutige Weihe- 
stunde, die auch in diesen altehrwürdigen Räumen Zeugnis 
dafür ablegen soll, daß Schiller als ein Sprachgewaltiger 
auch im Rahmen unserer Vorlesung über deutsche Sprach- 
geschichte einen Platz beanspruchen kann. 

Aber bedarf unser Dichter zur Erhöhung seines Ruhmes 
noch das ausdrückliche Zeugnis des Sprachforschers? Und 
wird der Sprachforscher, der den Entwicklungsgang der 
Muttersprache zum Gegenstand seiner Vorlesung gemacht 
hat, seine Betrachtung auch zur Höhe des Dichters erheben 
können? Literarhistoriker und Ästhetiker, Philosophen und 
Geschichtsschreiber wetteifern schon lange, das Lebens- 
werk des Mannes, dessen Name jedem Deutschen heilig 
ist und bleiben wird, unserm Volke immer segensreicher 
zu gestalten. Kein Geringerer als Goethe eröffnet den Rei- 
gen der Lobredner, wenn er im * Epilog zur Glocke' die 

* Vorlesung gehalten am 9. Mai 1905. 



Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers. Igjj 

volle Persönlichkeit des Dichters und seinen hohen Idealis- 
mus in Versen wiedergibt, deren Zauber dem wahren Lebens- 
bilde Schillers entspricht. Wenn hinter dieser Leistung 
Goethes alles zurückbleibt, was seitdem zu Schillers Ruhm 
verkündet worden ist, so darf sich auch der Sprachforscher 
an den Helden des heutigen Tages heranwagen, um zu 
prüfen, welche Stellung dem Dichter in unserer Sprach- 
geschichte gebührt. So fragen wir in dieser Stunde nicht 
nach den großartigen Dichtungen, nach den Idealen, nach 
den Gestalten, die er gebildet und geschaffen hat. Wenn 
wir sicher sind, daß unsere ganze Kulturentwicklung durch 
unsere größten Namen sehr wesentlich mitbestimmt worden 
ist, so wissen wir Germanisten, daß alle Kulturströmungen 
in der Sprache wiederzufinden sind. Wir müssen für Schiller 
einen Platz in der Geschichte unserer Sprache haben, so 
gut wie wir Luther und Bismarck darin einreihen. 

Aber die grammatischen Gesichtspunkte von Laut- und 
Formenlehre reichen nicht hinan an Dichtergrößen, deren 
Ideale ein ganzes Volk erziehen sollen. Und mißmutig haben 
die Xeniendichter den Sprachforscher von sich gewiesen: 

Anatomieren magst du die Sprache, doch nur ihr Cadaver; 
Geist und Leben entschlüpft flüchtig dem groben Scalpell. 

Auch die heutige Sprachwissenschaft verdient noch 
solchen abweisenden Tadel. Wir stehen zeitlich noch viel 
zu nahe an der großen Epoche der Schiller und Goethe, 
als daß wir mit dem kleinen Beobachtungsmaterial von 
Worten und Wortformen die Eigenart und den dauernden 
Gewinn ermessen könnten, der mit dem Namen unseres 
Helden verknüpft ist. Wie wir die Bergriesen unseres 
Schwarzwaldes besser von den Ufern des Rheinstromes 
aus in ihrer wahren Größe ermessen können, als wenn wir 
in den Vorbergen stehen, so wird es noch eine geraume 
Zeit brauchen, bis man die sprachliche Bedeutung Schillers 
erkennt. 

i3* 



\g6 Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers. 

Schiller hat sich selbst in unserer sprachlichen Be- 
trachtungsweise, wie sie uns in diesem Semester beschäftigt, 
eine hervorragende Stellung gesichert durch den Entwurf 
einer Dichtung, von der leider nur einige Skizzen und Vers- 
splitter auf uns gekommen sind. Es sind die wunderbaren 
Bruchstücke eines carmen saeculare, mit welchem der Dichter 
das neue Jahrhundert begrüßen wollte. 

Wäre es ausgeführt und vollendet worden, wir besäßen 
darin einen Nationalhymnus von deutscher Größe, dessen 
hoher Flug allen nationalen Gedenkfesten und Feiertagen 
die rechte Weihe geben würde. Am heutigen Tage würde 
dieser Hymnus von tausend und abertausend Lippen er- 
schallen zum Preise des Sehers, der die Geschicke unseres 
Volkes in die Zeiten der Vergangenheit und der Zukunft 
verfolgt. Aus seinem Zeitalter heraus, das zugleich das 
Zeitalter der Goethe und Kant, Mozart und Beethoven ist, 
erschaut sein prophetischer Blick die Stellung deutschen 
Volkstums in der Menschheitsgeschichte. „Das deutsche 
Volk ist erwählt vom Weltgeist, während des Zeitkampfs 
an dem ew'gen Bau der Menschenbildung zu arbeiten." 
Indem der Dichter die Entstehung unseres Volkstums ins 
Auge faßt, zieht er die Muttersprache in den Kreis seiner 
Betrachtung. Sein hochfliegender Schwung fuhrt ihn auf 
die Höhe einer philosophischen Sprachbetrachtung über 
„das köstliche Gut der deutschen Sprache, die alles aus- 
drückt, das tiefste und das flüchtigste, den Geist, die Seele, 
die voll Sinn ist". 

Bald nach dem Zeitalter Friedrichs des Großen, wo 
Französisch noch die Sprache des preußischen Königs und 
der deutschen Fürsten war und die gelehrten Kreise der 
Nation noch vielfach im Banne des Lateins schriftstellerten, 
blickt der Seher in die Zukunft, wenn er fortfährt: „unsere 
Sprache wird die Welt beherrschen". Es ist ein kühner 
Gedankenflug. Aber die Einsicht von dem, was er selbst 
und seine großen Zeitgenossen für die Bildung der Mensch- 



Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers. 197 

heit arbeiteten, berechtigte den Dichter zu dieser festen 
Zuversicht. Die Bedeutung eines Volkes hebt auch seine 
Sprache, und richtig ist die Erkenntnis, mit der Schiller 
dann fortfahrt: „die Sprache ist der Spiegel einer Nation". 
Er wendet diesen Satz, der Anschauungen Herders wei- 
terbildet und in eine scharfe Formel bringt, dann auf 
unsere Sprache an: „Wenn wir in diesen Spiegel schauen, 
so kommt uns ein großes, treffliches Bild von uns selbst 
daraus entgegen.* Fast jeder dieser Sätze leuchtet wie 
ein Leitstern, der uns im Entwicklungsgange unserer 
Sprachgeschichte Ziele und Wege weisen kann. Aber der 
Dichter wollte diese hohen Ideen veranschaulichen, durch 
Beispiele erläutern und erklären, denn er sagt weiter: „Wir 
können das jugendlich Griechische und das modern Ideelle 
ausdrücken." 

So weit das wunderbare Fragment über unser Deutsch. 
Aber die hohe Meinung von unserer Muttersprache, die 
der Dichter auszuführen beabsichtigt hat, ist erst heran- 
gereift, indem er selbst immer höheren Zielen zustrebte. 
Dieser hohe Standpunkt ist die Errungenschaft seiner Dichter- 
laufbahn. Auf arbeitsamem Wege hat der Dichter, wie die 
Besten seiner Zeitgenossen, mit unserer Sprache gerungen. 
Niemand spürt die Schwierigkeit der Sprachhandhabung 
empfindlicher als der Übersetzer. Wie Luther über die 
Ungefugigkeit und Ungelenkigkeit der Muttersprache wäh- 
rend der Arbeit an seiner Bibelübersetzung wiederholt klagt, 
so klagt Schiller 1792 im Vorbericht zu seinen Überset- 
zungen aus dem Virgil über unsere „schwankende, unbieg- 
same, breite, gotische, rauhklingende" Sprache. 

Bereits 1784 hatte Wieland im e Teutschen Merkur' 
eine ähnliche Klage erhoben, wenn er in seinem zweiten 
Briefe an einen jungen Dichter (Sämtl. Werke, Supplement 
Bd. 6, 1798, S. 242) schrieb: „Es ist mehr als zu wahr, 
daß die Deutsche Sprache an Wohlklang und Sanftheit bey- 
nahe allen andern Europäischen nachsteht: und daß sie in- 



Iq8 Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers. 

Sonderheit von der Englischen (die von allen andern gute 
Beute gemacht hat) an Reichthum an Worten und an der- 
jenigen Stärke, die aus Kürze und Gedrungenheit entsteht, 
von der Französischen an Tauglichkeit, Witz und Empfin- 
dung (zwey so ungleichartige und doch so nahe verwandte 
Dinge) bis auf den äußersten Grad der Feinheit auszu- 
spinnen und zu verweben, und von der Italiänischen an Ge- 
schmeidigkeit und Überfluß an poetischen Worten zum 
lebendigsten Ausdruck, zur feinsten und glänzendsten Far- 
bengebung, zur anmuthigsten Modulazion des Verses über- 
troffen werde.* 4 So heftig auch der Angriff war, den sich 
Wieland durch dieses Urteil aus dem Lager 1 Klopstocks 
zuzog, die Klage selbst wird damit nicht unterdrückt. 
Bekannter und zugleich noch herber und bitterer ist die 
Klage Goethes in den 'Venetianischen Epigrammen 9 1790 
(Werke I 314), deren antikes Versmaß eine leichte Sprach- 
handhabung allerdings wohl ausschloß: 

Vieles hab ich versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen, 
öl gemalt, in Thon hab ich auch manches gedrückt, 
Unbeständig jedoch, und nichts gelernt noch geleistet; 
Nur ein einzig Talent bracht* ich der Meisterschaft nah: 
Deutsch zu schreiben. Und so verderb ich unglücklicher Dichter 
In dem schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst. 

Noch 10 Jahre früher, und wir vernehmen „von dem 
größten deutschen Sohne, von des großen Friedrichs Throne 14 
dieselbe Klage. In dem Büchlein c De la litterature allemande' 
versteigt sich der preußische König zu der Behauptung, 
unsere Sprache sei „brüte, ä demi-barbare"; er möchte, um 
den Ubelklang der deutschen Sprache zu beseitigen, die 
Konsonantenhärte des deutschen Wortauslautes vielfach 
durch Anfügung eines Endungs-a mildern. 

Wie kommen nun unsere edelsten Geister zu einer so 
harten Einschätzung der Muttersprache? Hatte nicht Luthers 
Bibel den Deutschen schon durch zwei und ein halbes Jahr- 

1 Braun, Schiller und Goethe im Urteile ihrer Zeitgenossen I 331. 



Die sprachgeschichüiche Stellung Schillers. 199 

hundert hindurch als ein Meisterwerk und ein Muster deutscher 
Sprachkunst gewirkt? Hatten nicht die Sprachgesellschaften 
des 17. Jahrhunderts und Sprachforscher wie Schottel und 
Gottsched den Ausbau der deutschen Schriftsprache gepflegt 
und gefördert? Und hatte nicht vor allem Klopstock bereits 
die deutsche Welt fortgerissen „in erhabener Odenbeflüg- 
lung und die Sprache beseelt und befreit von der gallischen 
Knechtschaft" ? Und hatten nicht Schiller und Goethe selbst 
in ihren jugendfrischen Meisterwerken unserer Sprache neues 
Leben und neuen Glanz verliehen? 

Das dritte Viertel des 18. Jahrhunderts ist eine Zeit 
der bewegtesten Sprachkämpfe. In allen Landschaften 
platzen die Geister aufeinander im Kampf um die immer 
noch neue Schriftsprache. Sie hatte noch immer keine 
festen Normen, in deren Anerkennung die süddeutschen 
Landschaften mit Nord- und Mitteldeutschland überein- 
stimmten. Der katholische Süden macht in diesen Jahr- 
zehnten einen letzten, aber vergeblichen Versuch, sich der 
Anerkennung eines Ideals zu entziehen, das mit Luthers 
Namen in einem innigen Zusammenhange steht. So wird 
in Bayern ein Grammatiker, der sich in den Dienst der 
neuen Schriftsprache stellt, vor den Bamberger Bischof 
zitiert, um sich wegen der Empfehlung lutherischer Sprach- 
formen zu rechtfertigen. Hören Sie eine Stimme aus un- 
serem Freiburg, die im Jahre 1782 einen sprachlichen Rück- 
blick auf die jüngst verflossene Zeit wirft. Hier in Freiburg 
wirkte von Neujahr 1782 eine aus Professorenkreisen hervor- 
gehende Monatsschrift 'Der Freimüthige* praktisch und theo- 
retisch für die neue Sprache. Nicht ohne Bitterkeit ruft ein 
Mitarbeiter die Zeit zurück, wo die Jesuitenschulen der Mutter- 
sprache die Pflege vorenthielten: „ Wenigstens waren die 
Schriften eines Geliert, eines Rabener und noch vielmehr 
eines Geßner selbst Schullehrern verbotene Bücher. Ja sogar 
Gottscheds Sprachlehre — wie uns ein Exjesuite versicherte — 
mußte man vor den Oberen verborgen halten. Freilich haben 



200 Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers. 

die Katholiken aus diesen Werken viel Gift gesogen. Wenn's 
nichts wäre, als das lutherische e, das sie sich durch Lesung 
derselben allmählich angewöhnten — immer schade genug! 
Es klang doch ehemals so genuinkatholisch: die Seel, die 
Cron, die Sonn, die Blum usw. — und nun schreiben die 
unsrigen fast durchgängig: die Seele, die Krone, die Sonne, 
die Blume — wie die leibhaften Ketzer auch schreiben 14 
(Alemannia IX 265). 

Wer solche Zeugnisse kennt, wird sich nicht wundern, 
daß noch im 18. Jahrhundert Schriftsteller die Sprache der 
vornehmen Kreise Wiens oder des Reichskammergerichts 
in Speier als Sprachnorm auffassen konnten. Noch immer 
waren die Literaturdialekte des 15. und 16. Jahrhunderts nicht 
abgestorben, sie lagen noch in den letzten Zügen. 

In Schillers Heimat hielt sich der Sprachenkampf fast 
frei von den konfessionellen Gegensätzen, aber gekämpft 
wurde auch hier gegen die Vorherrschaft des Obersäch- 
sischen. Mit Stolz erinnerte sich der Schwabe an die 
Blütezeit der deutschen Dichtung in der Stauferzeit oder, 
wie man sich damals ausdrückte, an die Dichter aus dem 
schwäbischen Zeitpunkte, die nun aus dem Dunkel der Bib- 
liotheken an das Licht traten. Er fühlte die Spuren der 
klassischen Dichtersprache des Mittelhochdeutschen noch in 
seiner Volksmundart lebendig. Am liebsten hätte er die 
aufblühende Literatursprache nach seinem schwäbischen 
Literaturdialekt in einzelnen Zügen für sich umgeformt. 
Wir kennen die schwäbischen Sprachzustände zu Schillers 
Zeit durch die beiden Grammatiker Fulda und Nast, aus 
deren 'Teutschem Sprachforscher 9 1777/78. 

Während man im übrigen Deutschland vielfach deutsche 
Sprache und deutsche Dichtung in den Unterricht der höheren 
und hohen Schulen eingeführt hatte, fehlte dieser Unterricht 
im Lehrplan der Karlsschule, als Schiller sie besuchte 1 . 



1 Pfleiderer, Beiträge XXVIII 277. 



Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers. 201 

Aber von einem seiner Lehrer wissen wir, daß er in den 
jugendlich bewegten Herzen seiner Schüler Liebe und Freude 
zur Muttersprache wecken konnte. Man höre die folgenden 
Sätze des Professor Haug von der Karlsschule aus der Ein- 
ladungsschrift „über Teutsche Sprache, Schreibart und Ge- 
schmack zu der in höchster Gegenwart Seiner herzogl. 
Durchlaucht den 4. Dezember darinnen vorzunehmenden öffent- 
lichen Prüfung seiner Zuhörer" (Stuttgart 1779). Hier lautet 
die These 42: „Teutsche Gesellschaften, schöne Wissen- 
schaften, wie . auch Nationaltheater sind eine Beförderung 
der Muttersprache". 44: „Die Teutsche Sprache hat alle Er- 
fordernisse zu einer vollkommenen Sprache und unter den 
Lebendigen die ältesten Urkunden u . 49 : „ Die Anhänglichkeit 
an die Muttersprache ist eine Unterhaltung des Patriotismus, 
der einheimischen Religion, der Gesetze und Sitten." Im 
Verzeichnis der Respondenten steht auch der Name Schiller 1 . 

Wenige Jahre später treffen wir Schiller in Mannheim 
als Mitglied der kurfürstlich deutschen Gesellschaft, in der 
die Pflege der Muttersprache mit Eifer und Erfolg betrieben 
wurde. Als diese Gesellschaft eine deutsche Sprachgeschichte 
als Preisarbeit ausgeschrieben hatte, treffen wir Schiller als 
Preisrichter. So hat der Dichter der Räuber 'sprachlich unter 
bedeutsamen Anregungen gestanden. Die große Sprachbe- 
wegung, die in den 70 er und 80 er Jahren des Jahrhunderts 
durch ganz Deutschland ging, konnte an ihm nicht spurlos 
vorübergehen. Er dachte, wie die besten seiner Zeitgenossen, 
über die Muttersprache nach. 

In seiner schwäbischen Heimat konnte der jugendliche 
Schiller nur inmitten der Mundart und Halbmundart leben 
und aufwachsen, und durch sein ganzes Leben hindurch 
lassen sich Spuren seines Heimatdialektes scharf erfassen. 
Die Veröffentlichung der e Räuber 9 gab den literarischen Re- 
zensenten aus dem mitteldeutschen Bannkreise gleich eine 

1 Kauffmann, Geschichte der schwäbischen Mundart S. 314. 



202 Die sprach^c.schi(Li!:i-!:.- ° '1k!«- S<] : ;lVr<. 

Gelegenheit, den jugendlichen Dichter auf die vermeintlichen 
Forderungen der obersächsischen Literatursprache hinzu- 
weisen. Die Erfurtische 'Gelehrte Zeitung* (Erfurt 1781, 
24. Julius) tadelt in den 'Räubern' den Gebrauch von ander- 
wärts unverständlichen Provinzialwörtern wie 'Weidenstoz*, 
'Aufstreich', 'jolen', 'zettern', 'brettein 9 *. In der Tat ist das 
erste Jugenddrama unseres Dichters voll von Spuren schwä- 
bischer Mundart: 'exponieren' (I 2) gehört in die württem- 
bergische Schulsprache, in der es noch jetzt bedeutet e aus 
einer fremden Sprache ins Deutsche übersetzen' 2 . Ebenda 
(I 2. II 3) schreibt er 'Jauner' nach südwestdeutscher Aus- 
sprache für 'Gauner', das nach einem obersächsisch-thürin- 
gischen Lautgesetz sein anlautendes g hat. Wir treffen 
'wirklich' (I 3) für 'jetzt', 'heben' für 'halten'. 

So sind Schillers 'Räuber' voll schwäbischer Mundart. 
Einzelne Worte begegnen nur in der ersten Auflage des 
Trauerspiels, in der zweiten Auflage sind bereits manche 
getilgt. Zugeständnisse an die Literatursprache, die in der 
Vertauschung der schwäbischen Heimat mit dem mittel- 
deutschen Sprachboden in einem inneren Zusammenhange 
stehen, waren natürlich auf die Dauer unvermeidlich 8 . 

Aber aus dem schwäbischen Grundton seiner Sprache 
müssen wir noch einen Gesichtspunkt betonen, ohne den man 
der Dichtersprache Schillers Unrecht tun würde. Die Un- 
reinheit seiner Reime widerstrebt den neueren Geschlechtern 
des 19. Jahrhunderts, scheint auch dem Ideal zu wider- 
sprechen, dem unsere klassischen Dichter im höfischen Zeit- 



1 Braun, Schiller und Goethe im Urteile ihrer Zeitgenossen I 5. 

* Fischer, Viertel jahrshefte für Literaturgeschichte VI 304. 

* Über den Einfluß der Mundart auf die Sprache unseres Dichters 
besitzen wir zwei eingehende Arbeiten: Kasch e Mundartliches in der 
Sprache des jungen Schiller' (Diss. Greifswald 1900) und Pfleiderer 
'Die Sprache des jungen Schiller in ihrem Verhältnis zur nhd. Schrift- 
sprache' in den Beiträgen zur Geschichte der deutschen Sprache und 
Literatur XXVIII 272—423. 



Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers. 203 

alter huldigten. Gödeke hat in der großen kritischen Aus- 
gabe von Schillers Werken (I 384 ff.) ein langes Sünden- 
register von Reimungenauigkeiten zusammengestellt. Jn 
Wirklichkeit dürfen wir Schillers Reime gar nicht mit dem 
Maßstabe des 19. Jahrhunderts messen. Schillers Reime 
sind im wesentlichen reine Reime — allerdings nicht nach 
unserer heutigen Aussprache, sondern nach der gebildeten 
schwäbischen Aussprache der 70er Jahre des 1 S.Jahrhunderts 1 . 
Eigentlich dürften nach dieser Seite nur geborene Schwaben 
über Schillers Reimtechnik urteilen. Der Norddeutsche von 
heute hüte sich, über Schillers Reime abzuurteilen. Schiller 
ist hier nur als Kind seiner Zeit und als Sohn seiner Heimat 
verständlich. 

Die schwäbische Halbmundart, wie sie noch heute in 
weiten Kreisen herrscht, natürlich nicht die volle Mundart, 
spiegelt sich in den Reimen schwäbischer Dichter wider. 
Gedichte des 'Schwäbischen Magazins' und aus Stäudlins 
'Schwäbischem Musenalmanach* 1782, vor allem aber Schu- 
bart stehen auf dem Boden derselben Technik wie Schiller. 
Ihre Reimungenauigkeiten erstrecken sich im wesentlichen 
auf die Aussprache der Vokale, besonders in der Stellung 
vor m und n. Reime wie 'unterthänig': 'König 5 , 'vereint 9 : 
'Freund' erklären sich aus einem schwäbischen Lautge- 
setz, das zugleich die Bindungen 'Träne': 'schöne', 'Söhne': 
'Szene', 'Miene': 'Bühne' gestattet. Solche Reime, die Schiller 
mit Schubart teilt, beruhen auf der Entrundung der Vokale 
ü und ö und äu (eu), auf der geschlosseneren Aussprache 
von ä und e und auf der offeneren Aussprache von i. So 



1 Über Schillers schwäbische Aussprache haben wir das ausdrückliche 
Zeugnis seines Jugendfreundes Streicher, der in seiner Schrift 'Schillers 
Flucht von Stuttgart' (1836) S. 95 erzählt, welch häßlichen Eindruck die 
mundartliche Färbung von Schillers Organ beim Vorlesen des Fiesco auf 
den Mannheimer Theaterkreis machte. Dazu stimmt das spätere Zeugnis 
des Weimarer Schauspielers Genast (Aus dem Tagebuch eines alten Schau- 
spielers, Leipzig 1862 — 186$) in der Zeitschr. f. d. deutsch. Unterr. VIII 548. 



204 ^' e sprachgeschichtliche Stellung Schillers. 

macht der schwäbische Grammatiker Nast (1778 Sprach- 
forscher II 47) ausdrücklich folgende Angabe: „Meine 
Landsleute sprechen i vor dem m und n zu nachläsig aus, 
so das es mehr einem e als i gleicht: schwimmen, sinnen, 
singen wie schwemmen, sennen, sengen." Insbesondere über 
die Aussprache des Wortes 'Räuber' vergleiche man ebenda 
II 55 folgende ausdrückliche Angabe: „ai und ei haben 
einerlei Aussprache und sind nicht zu unterscheiden, äu 
wird mit Mühe davon unterschieden, dann es gehören wenig- 
stens bei einem Schwaben Uebung und feine Organe dazu, 
das ü deutlich herauszubringen, ohne daß es in ein i übergeht. 
Man versuche es mit den Wörtern 'Kaiser 9 , 'Eier 9 , 'Räuber 9 . 
Wenige Schwaben werden das letzte Wort von den beiden 
erstem unterscheiden, und doch sollte es sein." 

Wir sind überhaupt über die gebildete Umgangssprache 
keiner hochdeutschen Landschaft für das 18. Jahrhundert so 
genau unterrichtet wie gerade für Schwaben. Die zahlreichen 
Abhandlungen von Fulda und von Nast geben uns für 
Schillers schwäbische Lehrjahre den vollen Beweis, daß 
schon damals die gebildete Umgangssprache gleichsam der 
gesprochene Literaturdialekt Schwabens war. Man darf sie 
nicht der Volksmundart gleichstellen. Es war auch keine 
Halbmundart, sondern vielmehr ein Mittelding zwischen 
einer erst ideal vorhandenen gemeindeutschen Schriftsprache 
und dem altherkömmlichen Literaturdialekt Schwabens. Diese 
beiden Spracharten wirkten zusammen, und das ergab das 
schwäbische Ideal, für das Fulda und Nast einerseits, Schu- 
bart und Schiller anderseits die klassischen Zeugen sind. 
Ihre Sprache erhob sich über die Mundart und über die 
Halbmundart, indem man Worte wie c Fuß 9 , 'Buße 9 , 'Blut' 
jetzt schon mit reinem u und nicht mehr mit dem ue der 
schwäbischen Mundart aussprach (Sprachforscher II 5°)» 
Und doch sprach man noch mit dem alten echten Diphthong, 
den die Mundart festgehalten hatte, auch in gebildeten 
Kreisen Worte wie 'Dieb 9 , 'sieden 9 , 'fließen 9 , 'biegen 9 (II 57). 



Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers. 205 

Anderseits lehrt uns der 'Sprachforscher 9 (1777 — 1778) 
manche einzelne Unterschiede der damaligen gebildeten 
Umgangssprache Schwabens von dem Ideal der obersäch- 
sisch-märkischen Grammatiker. Man sprach mit abweichen- 
der Zeitdauer die Vokale in 'böten' (II 101), 'Brosäm' 
(II 51), 'kann' (II 101), 'Kinn' (II 162), 'Kleinod' (II 51), 
'Mond' (I 142), 'muß' (II 101), 'Mütter' (II 101), 'nöhmen' 
(II 101), 'Schwört' (I 142), 'tröten' (II 101), 'Väter' (II 101), 
'Warze' (I 142), 'Wermut' (II 51), 'widmen' (II 162), 'Wuchs' 
(I 173), 'Zinn' (II 162), 'zusammen' (II 10 1). 

So sicher es nunmehr ist, daß Schiller im Schwäbischen 
sprachlich wurzelt, so sicher ist anderseits seine Abneigung 
gegen die Mundart überhaupt. Sind die schwäbischen Klänge 
seiner Sprache nicht mit der Mundart identisch, wie sie heute 
den Gegenstand der Dialektforschung bildet, so hat er auch 
fiir die Dialektdichtung keinen Sinn: er versucht sich nie 
im Dialekt. Hebels alemannische Gedichte kann er nicht 
genießen; er schreibt an Goethe (27. Februar 1805): „Sonn- 
tagsfrühe möchte ich wohl in einer reinen und hochdeutschen 
Dichtersprache lesen, weil die Mundart, wenigstens beim 
Lesen, immer etwas Störendes hat. 4 * 1 Auch im Drama 
hütet sich Schiller vor dem Dialekt. Gleich Shakespeare 
verschmäht er das bequeme Mittel, Lokalfarbe durch mund- 
artliche Rede zu schaffen. Es hätte in den 'Räubern' und in 
'Kabale und Liebe' gewiß nahe gelegen, den Dialog durch 
mundartliche Rede zu schattieren. Unser Dichter vermeidet 
die Alltagssprache, er will sie nirgends kopieren. Für den 
hohen Flug seines Geistes, für die Macht seiner Ideen kann 
nur eine Schriftsprache dienen. Wenn die Bretter die Welt 
bedeuten, so kann die Mundart nur eine Hinderung für jede 
Fernwirkung sein. In diesen Jahrzehnten, wo unsere besten 
Köpfe den Sieg und die Herrschaft der Schriftsprache erst 
befestigten, mußte ein oberdeutscher Dramatiker unser 

1 Michel, Euphorion XII 31. 



20Ö Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers. 

ganzes Sprachgebiet mit der Schriftsprache erobern und 
nicht mit der Mundart. So hat unser Dichter auch im 'Teil 9 
die Mundart grundsätzlich ausgeschlossen. Er wollte kein 
schweizerisches Nationalstück schreiben, seine Ideen erhalten 
das Feierkleid der Schriftsprache, aber hineingewoben sind 
zarte Fäden von alemannischem Sprachstoff 1 . Ganz abge- 
sehen von der Lokalfarbe, die durch Orts- und Bergnamen, 
sowie durch die Familiennamen der teilweise aus den Quellen 
übernommenen Personen sich selbst ergibt, wendet unser 
Dichter sparsam und vorsichtig kleine sprachliche Züge an, 
die landschaftlichen Eindrücke herauszuarbeiten. Die Dimi- 
nutivendung der Eigennamen Kuoni, Werni, Ruodi, Jenni, 
Seppi, die schlichten Personen aus dem Volke zukommen, 
hat ein durchaus alemannisches Gepräge. Mit dieser Ein- 
flechtung von schweizerischen Wortformen sichert sich der 
Dichter ein Hilfsmittel, den Ton seines Dialogs innerlicher 
zu gestalten, wenn er 'Uli' (II i) im Munde des Großvaters 
als Koseform für Ulrich von Rudenz und ' Wälti 9 (III I. IV 2) 
als mütterliche Anrede für den kleinen Walter Teil ge- 
braucht. Im Gespräch Teils mit seinem Söhnlein Walter 
(III 1) fließt ungesucht das alemannische 'Ehni 9 für 'Groß- 
vater 9 ein. — Neben der absichtsvollen Kunst solcher Sprach- 
handhabung sehen wir den Dichter bestrebt, mundartliche 
Worte von ausgesprochenem Erdgeruch nicht zu umgehen. 
Was ihm seine Schweizer Quellen an bodenständigem Wort- 
material liefern, verflicht er in den Ernst und die Hoheit 
seiner klassischen Dichtersprache : neben bekannteren Worten 
wie 'Lawine 5 und 'Gletscher 9 , 'Alp 9 und 'Föhn 9 , 'Gemse 9 , 
'Kuhrein 9 , treffen wir intimere Idiotismen wie 'Kulm 9 (IV i), 
'Firn 9 (I 1), 'Fluh 9 (IV 1), 'Ruffi 9 (IV 3), 'Runsen 9 (II 2), 'Sen- 
ten 9 (IV 3), 'Grattier 9 (IV 3). Er wagt sogar die Einmischung 
von 'Naue 9 (1 1) und 'Gransen 9 (IV 1), von 'gähstotzig 9 (IV 1) 
und 'kommlich 9 (IV 1) — lauter Dialektworte der Schweiz, 



1 Vgl. Adolf Socin in Herrigs Archiv 83, 321 ff. 



Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers. 207 

die ihm seine Quellen lieferten. Dazu verwebt er in seinen 
Dialog noch einige Worte, die von schweizerischen Schrift- 
stellern damals in die Schriftsprache eingeführt wurden. So 
ist eines der unscheinbarsten Worte der heutigen Sprache in 
dem Gewebe des Dramas noch ganz neu: 

Das ist ein schlechtes Volk, 

Zu nichts anstellig als das Vieh zu melken 

Und faul herum zu schlendern auf den Bergen. 

Diese Verse (I 3) enthalten das Schweizerwort 'anstellig', 
das Lavater * wiederholt seinen lieben Deutschen anempfohlen 
hatte. Indem Schiller es in seinen c TelP aufnimmt, fügt er 
es dauernd in unser Sprachgut ein. 

Wenn wir heute in der Rütliszene II 2 das Zeitwort 
'tagen 9 hören, so fiel gewiß den Zeitgenossen Schillers 
der Gebrauch desselben als eine Neuerung auf. Es war 
eben erst durch Johannes von Müller in die Literatur 
eingeführt worden. Wir sehen: die Sprachfarben schweize- 
rischen Charakters merkte der Hörer im Beginn des 
19. Jahrhunderts kräftiger durch als wir heute. Den späte- 
ren Geschlechtern sind manche Worte und Wendungen 
dieser Art eben durch Schillers Schauspiel so vertraut 
geworden, daß sie jetzt Gemeingut in unserer Schrift- 

1 Vgl. Heynatz 1796 Versuch eines deutschen Antibarbarus I 134: 
„Anstellig, ein Schweizerisches Wort (oder vielmehr ein Schweizerischer 
Ausdruck), welches Nicolai in seiner Keisebeschreibung Lavatern fleißig 
(für agil) nachgebraucht hat, und welches seitdem auch von andern ange- 
nommen worden; Lavater halte nemlich in den physiognomischen Frag- 
menten Bd. 2 S. 283 gesagt: die Menschen haben die Behendigkeit, Listig- 
keit, Anstelligkeit der Affen; und dazu die Anmerkung hinzugefügt: 'Ein 
Schweizerwort, die Geschicklichkeit mancherley Dinge gut einzurichten 
und anzuordnen, und sich in alles leicht zu finden. Wer diese Geschick- 
lichkeit hat, heißt ein anstelliger Mensch.' Und irgendwo im dritten 
Bande: 'Eine brave, wackere Thatfraue, entschlossen und fruchtbar, aller 
ihrer Schwerleibigkeit ungeachtet, wie wir zu Zürch sagen würden, eine 
Hauptfrau, anstellig und angriffig. Im Vorbeygehen zu sagen: dürft ich 
nicht diese drey gut schweizerischen Wörter zur Naturalisierung empfehlen, 
liebe, mannhafte Deutsche* l" 



2o8 Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers. 

spräche sind. Noch ein auffälliges Beispiel dieser Art sei 
hier namhaft gemacht: 

Wer durchs Leben 
Sich frisch will schlagen, muß zu Schutz und Trutz 
Gerüstet sein. 

Diese Worte Teils (III i) enthalten eine alte Reimformel 
der schweizerischen Rechtssprache, der jetzt die landschaft- 
liche Grundfarbe verblichen ist. Wir kennen den Ursprung 
der Formel aus einem Zeugnis des großen Leibniz in 
den e Unvorgreiflichen Gedanken' 1 . — Was geographische 
und chronistische Quellen dem Dichter an bezeichnendem 
Wortmaterial lieferten, konnte ihm Goethe aus eigener 
Kenntnis von Land und Leuten erweitern. So scheint das 
Wort * Wildheuer 9 (Teil IV 3) aus Goethes Kenntnis der 
Schweiz zu stammen, wenigstens erläutert dieser das Wort 
in den e Wanderjahren 9 (II 7) in so umständlicher Weise, daß 
man ihn für den Entdecker des Wortes, wenn man so sagen 
darf, halten muß 2 . 



1 Un vorgreif! iche Gedanken betreffend die Ausübung und Verbesserung 
der deutschen Sprache 67 : „Ich frage zum Exempel, wie man 'foedus de- 
fensivum et offensivum' kurz und gut in teutsch geben solle; zweifle nicht, 
daß unsere heutige wackere Verfasser guter teutscher Werke keinen Mangel 
an richtiger und netter Übersetzung dieser zum Völkerrecht gehörigen 
Worte spüren lassen würden; ich zweifle aber, ob einige der neuen Über- 
setzungen angenehmer und nachdrücklicher fallen werde, als die schweize- 
rische: Schutz- und Trotz -Verbtindnis." 

* Man vergleiche den Wortlaut Schillers: 

Ein armer Wildheuer, guter Herr, vom Rigiberg, 
Der überm Abgrund weg das freie Gras 
Abmähet von den schroffen Felsenwänden, 
Wohin das Vieh sich nicht getraut zu steigen 

mit Goethes Worterklärung: „Man bezeichnet damit ärmere Bewohner der 
Hochgebirge, welche sich unterfangen, auf Grasplätzen, die für das Vieh 
schlechterdings unzugänglich sind, Heu zu machen. Sie ersteigen deswegen, 
mit Steigehacken an den Füßen, die steilsten, gefahrlichsten Klippen, oder 
lassen sich, wo es nöthig ist, von hohen Felswänden an Stricken auf die 
besagten Grasplätze herab. Ist nun das Gras von ihnen geschlagen und zu 



Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers. 209 

Schillers sprachliche Schöpferkraft ist immer gerühmt 
worden. Sie sucht an Gewalt ihresgleichen. Aber der 
Stand der modernen Sprachwissenschaft befähigt uns nicht, 
den Helden des heutigen Tages für Wortschöpfungen verant- 
wortlich zu machen, die in unsern allgemeinen Wortvorrat 
übergegangen wären. Einige Wortgebilde jedoch, die das 
19. Jahrhundert sanktioniert hat, scheinen vielleicht Spuren 
Schillerischen Geistes zu verraten. Wie das Wort e Feuereifer' 
als Schöpfung Luthers zugleich einen Hauch echt Luthe- 
rischen Geistes verrät, können wir vielleicht das Wort 
e Sprachgewalt 9 als eine charakteristische Schöpfung Schillers 
in Anspruch nehmen; er verwendet das Wort 1781 und 
1789 in seinen Rezensionen (Werke XVI 159. 242). Und 
wer möchte in der Wortschöpfung Gedankenfreiheit' den 
eigentlichen Urheber verkennen? Die heiligen Ideen, für 
die Schiller kämpfte, den Idealismus seiner hohen Welt- 
anschauung verrät keine Wortschöpfung so deutlich. Form 
und Inhalt, Geist und Wort stimmen harmonisch in diesem 
Wortgebilde zusammen. 

Freilich solche Wortzusammensetzungen, so vereinzelte 
Zeugnisse sprachlicher Art wollen gegenüber dem Ideen- 
reichtum, gegenüber der Fülle von Gestalten nicht viel be- 
sagen. Leider ist die Sprachforschung noch nicht fähig, 
den Einfluß von Schillers Sprache auf das 19. Jahrhundert zu 
ermessen; wir müssen uns heute eben mit einigen Symptomen 
begnügen. Den Zeitgenossen fiel ein Lieblingswort Schillers 
auf, das in den 'Xenien' eine Rolle spielt, es ist das alte 
Jenaer Burschenwort * Philister'. In den 70 er Jahren des 
18. Jahrhunderts bekommt das Wort in der Literatursprache, 
z. B. auch in Goethes e Werther' einen sozialen Inhalt, der 



Heu getrocknet, so werfen sie solches von den Höhen in tiefere Thal- 
gründe herab, wo dasselbe, wieder gesammelt, an Viehbesitzer verkauft 
wird, die es der vorzüglichen Beschaffenheit wegen gern erhandeln." Übri- 
gens darf nicht geleugnet werden, daß Schiller das Wort r Wildheuer ' auch 
aus ocheuchzer II 66 übernehmen konnte. 

Kluge, Bunte Blätter. j. 



210 Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers. 

etwas geistigen Beigeschmack hat. Aber mit dem Xenien- 
jahre siegt der intellektuelle Beigeschmack über den sozialen 
Grundgehalt. Es ist jetzt ein Kampfwort gegen geistige Be- 
schränktheit, der das wahre Verständnis der Kunst ver- 
schlossen bleibt. In den Rezensionen über die'Xenien' er- 
hebt sich manches böse Wort gegen die Dichter, die das 
niedrige Burschenwort auf die Höhe der Literatur geführt 
haben, aber Schiller ist es gewesen, der ihm zum Durch- 
bruch verhalf. Wir haben dafür das ausdrückliche Zeugnis 
von Heinrich Voß, der im November 1821 in einem Briefe 
an Christian von Truchseß sagt, daß Schiller das Wort in 
Umlauf gebracht habe 1 . 

An Umfang des Wortschatzes steht Schiller selbstver- 
ständlich hinter Goethe zurück. Jacob Grimm hat in seiner 
Festrede auf Schiller dies über Gebühr hervorgehoben. Aber 
während Goethes schriftstellerische Lautbahn sechs Jahr- 
zehnte umspannt, füllt Schiller nur zweieinhalb Jahrzehnte mit 
seiner schriftstellerischen Arbeit aus. Während Goethes reiche 
Lebenskunst alle Gebiete menschlichen Wissens in sein Arbeits- 
feld einschließt und zu dem allgemein menschlichen Wort- 
schatz die wissenschaftliche Terminologie vieler Wissens- 
zweige fügt, hält sich Schillers Geist in engeren Schranken. 
Wenn wir auch den ganzen Umfang seines Wortschatzes 
heute noch nicht berechnen können, dürfen wir das eine wohl 



1 Vgl. Heinr. Voß an Christian v. Truchseß, Heidelberg, November 
1821: „Über Philister laß mich zur Ehre Schillers, der das Wort in Umlauf 
gesetzt, eine Bemerkung machen. Keinen Stand versteht man darunter, 
sondern den Linkischen, den Geistlosen in jedem Stande und Geschäft, der 
sich durch thörichte Anmaßung über seine Sphäre erhebt. Wer einen 
Handwerker Philister schelten wollte, weil ihm Wissen und Gelehrsamkeit 
abgeht, würde dadurch selber zum Philister . . . Einen prächtigen Phi- 
lister zeichnet Goethe in Wilhelm Meister mit wenigen Worten, einen 
Jüngling, der mit dem Buch in der Hand die Natur bewundert, der die 
Schauspielergesellschaft auf das Rieseln der Quellen, das Säuseln des 
Windes aufmerksam macht, und dem Philine einen Kukuk zuruft" (Briefe 
von H. Voß, hersg. von A. Voß 1834, II 101 ff.). 



Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers. 211 

unserem Altmeister Grimm glauben, daß Schiller nur über 
ein ausgewähltes Heer von Worten herrsche, mit dem er 
allerdings Taten ausrichte und Siege davontrage. Die Schöpfer- 
kraft des Genies äußert sich nicht in Wortgebilden, wie sie 
der Purist in seinen besten Stunden wohl erzielt. Man darf 
Schiller und Goethe nicht mit Zesen oder Campe vergleichen, 
denen unsere Sprache manches glückliche Wortgebilde ver- 
dankt. Während diese Worte beschaffen, die zwar schon 
geprägt waren, aber noch kein deutsches Gepräge besaßen, 
verdanken wir unsern Klassikern die Schöpfung von Gedanken- 
formeln. 

Wenn es dereinst in größerem Umfang gelingt, Schiller 
einen schöpferischen Anteil an unserem gemeindeutschen 
Sprachgut zuzuschreiben, so wissen wir schon jetzt, daß 
unsere tägliche Rede zahlreiche Sprachformeln aus Schiller 
entlehnt. Unser Dichter ist nicht sowohl ein Wortschöpfer, 
er formt seine eigensten Gedanken in so scharf ausgeprägter 
Weise, wie es eigentlich nur das Sprichwort kann. Wir be- 
treten das Gebiet der Klassikerzitate, der geflügelten Worte. 
Unsere tägliche Rede ist durchsetzt von Schillerischen Zi- 
taten, ohne daß wir in jedem einzelnen Falle das Zitat 
noch als solches empfinden. Wenn wir vom „Dritten im 
Bunde' 4 reden, denken wir nicht mehr an den Tyrannen 
Dionys, an die Bürgschaft und an Schiller. „Das wilde 
eiserne Würfelspiel" ist eine Formel geworden, deren Ur- 
sprung in Schillers Gedicht e Die Schlacht* nicht jedem 
gegenwärtig ist, der sie gebraucht. Von den „Brettern, 
die die Welt bedeuten" redet mancher, der den Geist 
Schillers in der Sprachformel gar nicht fühlt. „Die Tage 
charakterloser Minderjährigkeit" und „die kaiserlose, die 
schreckliche Zeit" sind Prägungen von zwingender Kraft 
geworden, als das neue Kaiserreich entstanden war. „Donner 
und Doria" hat sich nicht jeder von uns aus Schillers 
Fiesco aneignen müssen, denn der Fluch ist schon lang 
herrenloses Sprachgut. „Der langen Rede kurzer Sinn", „in 



212 Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers. 

des Wortes verwegenster Bedeutung", „sonderbarer Schwär- 
mer" — das alles sind Formelprägungen Schillerischen Geistes, 
von denen wir alle so geblendet sind, daß wir keine Um- 
formung derartiger Gedanken im Gespräche wagen können. 
Wenn Schiller des Glaubens ist, daß die Sprache für uns 
denke, so lehrt die neueste Sprachgeschichte vielmehr, daß 
die Sprache der Klassiker, die uns geflügelte Worte liefert, 
unser ganzes Denken beherrscht und unserer täglichen Rede 
das geläufigste Rüstzeug bietet. 

Aber von so scharfer Prägung wie diese geflügelten 
Worte aus Schiller besitzen wir nicht zu viel. Ein Wort 
wie „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht" vereinigt die 
Knappheit des Sprichwortes mit der Geisteshoheit unseres 
Dichters. 

Die klare, scharfe Prägung, die wuchtige Kürze und 
epigrammatische Geschlossenheit solcher Gedankenformeln 
hat niemand besser charakterisiert als Schiller selbst. Aus 
seinem eigenen Schaffen heraus hat er in der Abhandlung 
c Uber naive und sentimentale Dichtung' die Sprache des Ge- 
nies mit so wunderbarer Klarheit und Anschaulichkeit ge- 
schildert, wie noch niemals ein Sprachforscher die Sprache 
Schillers charakterisiert hat. Denn auf niemanden als ihn 
selbst passen die Worte: „Wenn der Schulverstand, immer 
vor Irrtum bange, seine Worte wie seine Begriffe an das 
Kreuz der Grammatik und Logik schlägt, hart und steif ist, 
um ja nicht unbestimmt zu sein, viele Worte macht, um ja 
nicht zu viel zu sagen, und dem Gedanken, damit er ja 
den Unvorsichtigen nicht schneide, lieber die Kraft und die 
Schärfe nimmt, so gibt das Genie dem seinigen mit einem 
einzigen glücklichen Pinselstrich einen ewig bestimmten, 
festen und dennoch ganz freien Umriß. Wenn dort das 
Zeichen dem Bezeichneten ewig heterogen und fremd bleibt, 
so springt hier wie durch innere Notwendigkeit die Sprache 
aus dem Gedanken hervor und ist so sehr eins mit dem- 
selben, daß selbst unter der körperlichen Hülle der Geist 



Die sprachgeschichtliche Stellung Schillers. 



213 



wie entblößet erscheint. Eine solche Art des Ausdrucks, 
wo das Zeichen ganz in dem Bezeichneten verschwindet, 
und wo die Sprache den Gedanken, den sie ausdrückt, 
noch gleichsam nackend läßt, da ihn die andere nie dar- 
stellen kann, ohne ihn zugleich zu verhüllen, ist es, was 
man in der Schreibart vorzugsweise genialisch und geistreich 
nennt." 

Noch nie hat ein Sprachforscher den Helden des 
heutigen Tages sprachlich so sicher und scharf charakteri- 
siert, wie diese berühmten Sätze aus der Abhandlung c Uber 
naive und sentimentale Dichtung 9 . Der Dichter, der so über 
Wesen und Wert der Sprache zu reden vermag, stellt in 
diesen Sätzen unserer geschichtlichen Sprachbetrachtung 
hohe Ziele und Aufgaben. Aber beugt sich vor unseres 
Dichters großer Sprachgewalt nicht auch der größte Ton- 
künstler, den Deutschland hervorgebracht hat, wenn Beethoven 
in der 9. Symphonie den hohen Gedankenflug seiner mäch- 
tigen Akkorde allein nicht zu Ende fuhren kann und das, 
was ihn bewegt, schließlich in Schillersche Jubeltöne aus- 
klingen läßt, die seinen Tönen erst die volle Weihe ver- 
leihen? 

So steht am heutigen Tage das hoheitsvolle Bild des 
Dichters vor unserer Seele, wo wir uns anschicken, den 
Entwicklungsgang unserer Sprache von ihren Anfangen bis 
auf die Gegenwart durchzuführen. Aber den großen Deut- 
schen, denen wir bald begegnen werden, danken wir die 
Gewißheit, deren Wahrheit wir heute stärker fühlen als 
sonst und an deren Erfüllung niemand einen größeren Anteil 
haben wird als Schiller: „Unsere Sprache wird die Welt be- 
herrschen". 



Schriften desselben Verfassers : 



Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 6. Aufl. 
Straßburg i. £. 1905. 

Von Luther bis Lessing. Sprachgeschichtliche Aufsätze. 
4. Aufl. Straßburg i. £. 1904. 

Nominale Stammbildungslehre der altgermanischen Dialekte. 
2. Aufl. Halle 1899. 

Deutsche Studentensprache. Straßburg i. E. 1895 (vergriffen). 

Rotwelsch. Quellen und Wortschatz der Gaunersprache und der 
verwandten Geheimsprachen. I. Rotwelsches Quellen- 
buch. Straßburg i. E. 1901. 

Seemannssprache. Wortgcschichtlichcs Handbuch deutscher 
Schifferausdrtickc älterer und neuerer Zeit. Halle 1908. 

Vorgeschichte der altgermanischen Dialekte. 2. Aufl. Straß- 
burg i. E. 1906. 

Geschichte der englischen Sprache. 2. Aufl. Straßburg i. E. 
1904. 

Unser Deutsch. Einführung in die Muttersprache. Leipzig 1907. 



J. Bielefelds Verlag in Freiburg (Baden) 



Die Schwaben 
in der Geschichte des Volkshumors. 

Von ALBRECHT KELLER. 

B rosch. 8 Mark, in künstlerischem Lwdbd. 10 Mark. 
Deckelzeichnung von Hellmut Eichrodt. 

I. Der Schwabe in der altdeutschen Zeit. II. Die Zeit der Hohen- 
staufen. III. Der Schwabe am Ausgang des Mittelalters. IV. Schwaben- 
streiche im 16. und 17. Jahrhundert. V. t Schwäbisch Ehr Rettung.» 
VI. Die Geschichte von den sieben Schwaben. VII. Vom Schwaben, 
der das Leberlein gefressen. 

Geh.-Rat Prof. Kluge: Das Thema ist das denkbar glücklichste. 
Noch gibt es kein ähnliches Buch für einen deutschen Volksstamm. 
Der Scherz, Humor und die Schalkhaftigkeit, die sich in den vielen 
Geschichten über die Schwaben äußern, haben ein Anrecht darauf, 
zusammengefaßt zu werden. Dr. Keller hat ein paar Jahre auf die 
Sammlung des Stoffes verwandt. Die gesamte deutsche Literatur und 
Geschichte von ihren Anfangen bis zur Gegenwart hat ihm das Ma- 
terial zu einem ebenso anregenden wie unterhaltenden Buch geliefert. 

Volkskunde im Breisgau. 

Herausgegeben vom Badischen Verein für Volkskunde 

durch 

Professor Dr. FRIDRICH PFAFF 

INHALT: Professor Dr. Pfaff, Universitätsbibliothekar, Freiburg i.B.: 
Sage vom Ursprung der Herzoge von Zähringen. — Professor 
Dr. Fridrich Pfaff: Katzenstriegel, ein altes Volksspiel. — Professor 
Dr. F. Lamcy, Freiburg i. B.: Fastnachtsbräuche aus Bernau. — 
Dr. phil. Oskar Haffner, Freiburg i.B.: Volksrätsel aus Baden. — 
K. Pechner, Leutn.im 5. Bad. Inf.-Reg.Nr. 1 1 3, Freiburg i. B. : Marsch- 
lieder. — Professor Dr. O. Meisinger, Lörrach: Volkslieder aus 
dem Wiesentale. — Geh. Hofrat Professor Dr. Friedrich Kluge, 
Freiburg LB.: Anheimeln, eine alemannische Wortgeschichte. — 
Dr. Eduard Eckhardt, Universitätsbibliothekar und Privatdozent, Frei- 
burg i.B.: Alte Schauspiele aus dem Breisgau. 

Brosch. 3 Mark, Lwdbd. 4 Mark. Sonderausgabe der Marschlieder 30 Pf. 



J. Bielefelds Verlag in Freiburg (Baden) 



Volkswörter und Volkslieder 

aus dem Wiesentale. 

Gesammelt von 

OTHMAR MEISINGER. 

Brosch. 2.50 Mark, Lwdbd. 3 Mark. 

Frankf.Ztg.,24.XI. 1907: Das Schriftchen bietet nicht nur dem Sprach- 
forscher, sondern auch dem Folkloristen manches wertvolle Material. 

Das Fürstentum Fürstenberg 

von seinen Anfängen bis zur Mediatisierung im Jahre 1806. 

Von 

DR. GEORG TUMBÜLT 

Fürst!. Fürstenberg. Archivrat, Vorstand des Fürstl. Archivs, 
der Bibliothek und des Münzkabinetts. 

Mit einer genealogischen Tafel. 
Brosch. 5 Mark, Lwdbd. 6 Mark. 

Donaubote, 14. 5. 08: Ein sehr wertvoller Beitrag zur Heimatsge- 
schichte, eine aufs zuverlässigste verfasste Arbeit. Das Werk orientiert 
kurz und bündig über die wechselvolle Geschichte des fürstlichen Hauses. 

Die sprachliche Anschauung 
und Ausdrucksweise der Franzosen. 

Von 

Dr. KARL BERGMANN. 

Brosch. 3 Mark, Lwdbd. 3.50 Mark. 

Inhalt: I.Lautmalerei. 2. Der Euphemismus. 3. Schimpf und Spott 
in der französischen Sprache. 4. Wie der Franzose seine Rede an- 
schaulich gestaltet. 5. Die Methapher. 6. Die Tier- und Pflanzen- 
welt im sprachlichen Ausdruck. 7. Wie die Völker-, Länder- und 
Städtenamen in der Sprache zur Verwendung kommen. 8. Wie die 
Personennamen in der Sprache zur Verwendung kommen. 9. Die 
Bequemlichkeit der Sprache usw. 




SPOLETO 



Acquasanta 



ASCOLI 
PICENO 




C1VITELLA DELTR0KTO 



MONTI SIBILLINI 

(VENUSBERG) 

Eisenbahn, Zandstrafh ■■■ uftC iii i ^ri i ' y i| ' fi i ^ — — 

Die im Text genannten. Gemeinden, Äieti Mrieet ) und Orte f Morde J 
P# luaen, eüva lohn, südlich, bezn sudnest&cA. van. Jpoleta, Ibssalo 
eoauoraeii xärdlicA, oan, Foligno. sdmiäch an der Eisenbahnlinie. 



Beilage zu Kluge, 1 



J. Bielefelds Verlag in Freiburg (Baden).